Arbeiten
Landwirtschaft, Gastro und an der PH

So arbeiten ukrainische Flüchtlinge im Kanton Zug

Die 25-jährige Viktoriia (rechts) arbeitete in der Ukraine als Polizistin. Nun arbeitet sie im Kanton Zug auf einem Bauernhof. (Bild: mik)

Ukrainische Flüchtlinge leben bereits mehr als drei Monate in der Schweiz. Nach der Ankunft wollen viele möglichst rasch eine Arbeit finden. Und das haben auch schon einige im Kanton Zug geschafft. zentralplus hat sie besucht. Trotz fröhlichen Gesichtern bleibt ein mulmiges Gefühl.

Den Weg runter an der Burg Hünenberg vorbei, gibt es auf der linken Seite so einige Bauernhöfe. So auch den Familienbetrieb der Familie Boog. Ich bin jedoch nicht etwa auf dem Weg, um frische Beeren ab Hof zu kaufen. Sondern wegen der diesjährigen Helfer.

Polizistin und Unternehmer auf dem Bauernhof

Hinter dem Hofladen in der Verpackerei arbeiten nebst Rumäninnen, Bulgaren und Polinnen nämlich neu auch ukrainische Flüchtlinge. Zwischen den grünen Harassen, in denen sich Schalen mit frischen Beeren türmen, rüstet die 25-jährige Viktoriia Brokkoli. Ursprünglich flüchteten sie und ihre Mutter nach Moldawien, wie sie mir auf Englisch erzählt. Dort gab es jedoch kaum Jobs. Freunde ihrer Mutter berichteten schliesslich, dass man in der Schweiz mit dem Schutzstatus S direkt mit Arbeiten anfangen könne. So landeten sie schliesslich im ehemaligen Hotel Waldheim in Risch, das inzwischen als Asylzentrum dient (zentralplus berichtete).

Und Viktoriia kam über Umwege schliesslich als landwirtschaftliche Mitarbeiterin auf den «Buuregarte Boog». Daheim in der Ukraine war sie Polizistin gewesen, wie sie erzählt. Stattdessen rüstet sie nun Gemüse, sortiert und verpackt Beeren. «Die Arbeit hier ist nicht sehr schwer, aber ich mag es, mit meinen Händen zu arbeiten. Der Kopf bleibt dabei frei», erzählt sie mir. Als sie in Moldawien noch täglich durch Zeitungen blätterte und durch Job-Inserate scrollte, wurde sie immer wieder mit dem Krieg in ihrer Heimat konfrontiert. Denn die Medien waren voll davon. «Hier zu arbeiten ist also sowas wie Ferien für meine Gedanken», fügt sie mit einem Lächeln hinzu.

Neben ihr stapelt der 36-jährige Sascha die Beeren-Schalen in grüne Kisten. Seit drei Monaten lebt er in der Schweiz und seit zwei Monaten kümmere er sich hier um die Logistik, wie er mit Deutsch-Fetzen erklärt. Daheim habe er Wirtschaft studiert und sei an drei kleineren Unternehmen beteiligt gewesen. Der Job hier sei «ganz okay», nur habe er etwas Probleme damit, jeden Tag zwischen vier und fünf Uhr aufzustehen.

Acht ukrainische Mitarbeiterinnen

Wie Inhaber Jonas Boog erzählt, arbeiten neben Sascha und Viktoriia noch sechs weitere ukrainische Flüchtlinge auf seinem Bauernhof. Die meisten von ihnen arbeiten in der Packerei und sortieren und kontrollieren die Beeren und das Gemüse. Eine Frau arbeitet zudem Teilzeit in der Küche. «Jobs als Erntehelfer kamen jedoch nicht infrage. Es ist sehr harte körperliche Arbeit. Für viele ist das zu anstrengend.» Er habe stattdessen versucht, die Arbeit und die Jobs an ihre Bedürfnisse anzupassen. So bietet er beispielsweise Teilzeitarbeit für Mütter mit Kindern an.

Das Ganze habe sich «einfach so ergeben», so Boog. Bereits kurz nach der Ankunft der ersten Ukrainerinnen in der Schweiz hätten erste Flüchtlinge bei ihm nach Arbeit gefragt. Da auf dem Hof der Boogs sowieso viele ausländische saisonale Arbeitskräfte arbeiten, war es für ihn auch selbstverständlich, Ukrainer anzustellen. Zusammen mit der Gemeinnützigen Gesellschaft Zug habe er schliesslich eine Info-Veranstaltung organisiert, an der sich interessierte Ukrainerinnen für die Arbeit melden konnten.

«Wir als Arbeitgeber in Branchen wie der Gastronomie und der Landwirtschaft fungieren quasi als Trittbrett.»

Jonas Boog, Inhaber vom Buuregarte Boog

«Das Administrative war relativ schnell und gut vom Kanton aufgegleist», erzählt Boog weiter. Die grösste Hürde bestand in der Verständigung. Die meisten ukrainischen Flüchtlinge sprechen kein bis kaum Deutsch und auch nur wenig Englisch. «Hier können wir aber davon profitieren, dass wir schon viele ausländische Mitarbeiter haben.» So können einige Bruchstücke von Ukrainisch sprechen – oder verstehen sich, da sie eine ähnliche Sprache sprechen.

Arbeit sorgt nebst Unterhalt für Ablenkung

Zwar haben sie schon viele ausländische Saison-Mitarbeiter, aber bei den ukrainischen Flüchtlingen ist das Arbeitsverhältnis etwas spezieller. «Erntehelfer kommen für einen begrenzten Zeitraum, in welchem sie möglichst viel arbeiten wollen. Mit diesem Geld wollen sie daheim einen Traum verwirklichen.» Bei den ukrainischen Flüchtlingen sei der Hintergrund ganz anders.

«Für sie ist vor allem Ablenkung und ein geregelter Arbeitsablauf wichtig. Sie wollen sich etwas an ihren Lebensunterhalt hinzuverdienen.» Dies bereitzustellen sieht Boog auch als eine Art Verantwortung: «Wir als Arbeitgeber in Branchen wie der Gastronomie und der Landwirtschaft fungieren quasi als Trittbrett.» Flüchtlinge und Ausländer können so erste Schritte in die Schweizer Wirtschaft machen und die Sprache lernen. So können sie allenfalls auch langfristig Fuss fassen.

Im Kanton Zug arbeiten (Stand 8. Juli) 142 ukrainische Flüchtlinge. Die meisten davon arbeiten in der Gastronomie, der Landwirtschaft und in der IT-Branche. (Bild: mik)

Es bleibe jedoch ein mulmiges Gefühl. Denn wie lange sie hier bleiben, könne niemand vorhersagen, auch sie selbst nicht. «Ich werde jedenfalls versuchen, sie so lange wie möglich bei mir zu beschäftigen», so Boog. Aber da die Jobs einer hohen Saisonalität unterliegen, müsse er im Winter erneut schauen, was sich machen lasse.

Innert kürzester Zeit arbeitet Ukrainer als Maler

Anderswo konnten ukrainische Flüchtlinge gar Jobs übernehmen, die sie in der Ukraine schon ausgeübt hatten. So beispielsweise Viktor Kovalchuk. Er arbeitet seit April bei Maler Matter in Baar. Auch hier kam die Anstellung sehr spontan zustande, wie Inhaber Arno Matter erzählt. Ziemlich früh habe er sich bereits überlegt, Flüchtlinge in seinem Malergeschäft zu beschäftigen.

Rund zwei Wochen später stand eine Frau, die Viktor privat aufgenommen habe, mitsamt einer Übersetzerin und ihm im Geschäft. «Viktor war extrem nervös. Ein Stück weit auch verunsichert. Aber der Wille zu arbeiten war klar da», erinnert sich Matter. Schon am nächsten Tag habe Viktor angefangen zu arbeiten.

Bedenken hatte der Malermeister dabei nie. «Ich bin mit diesem Malergeschäft aufgewachsen, wir hatten auch schon Italiener, Spanierinnen, Portugiesen und Jugoslawinnen im Geschäft. Allesamt in der Regel ungelernt, die hat man dann hier gelehrt. Ich sehe hier keine andere Ausgangslage.» Letztlich suchen ja viele Gewerbe gerade Personal. «Dann muss man halt auch etwas vorleisten und ausprobieren.» Probleme gab es vielmehr mit der Kommunikation. Diese laufe sehr viel über Google Translate oder halt direkt mit Zeigen. Abgesehen davon laufe die Arbeit sehr unproblematisch.

So viele ukrainische Flüchtlinge arbeiten in Luzern und Zug

Viktoriia, Sascha und Viktor sind keine Einzelfälle. Gemäss dem Zuger Amt für Wirtschaft und Arbeit haben 142 ukrainische Flüchtlinge eine Arbeit im Kanton Zug gefunden. So hat beispielsweise auch die Pädagogische Hochschule Zug kürzlich eine ukrainische Forscherin angestellt. Oder Roche Rotkreuz hat mit einem ukrainischen Maturanden einen Lehrvertrag als Informatiker unterzeichnet.

In Luzern sind es gemäss dem Amt für Migration 195. Die meisten Ukrainerinnen arbeiten in der Gastronomie/Hotellerie und in der Landwirtschaft. Auf Platz drei liegt in Zug die IT-Branche, in Luzern die Bildung.

Verwendete Quellen
  • Persönliche Gespräche mit Sascha und Viktoriia
  • Telefonat mit Arno Matter von Maler Matter in Baar
  • Persönliches Gespräch mit Jonas Boog vom Buuregarte Boog in Hünenberg
  • Schriftlicher Austausch mit Bernhard Neidhart vom Zuger Amt für Wirtschaft und Arbeit
  • Schriftlicher Austausch mit Alexander Lieb vom Luzerner Amt für Migration
  • Telefonat und Mail-Verkehr mit Karin Kofler, Geschäftsführerin der Zuger Wirtschaftskammer
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