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Luzerner Kantonsrat kritisiert Missstände

Billig-Coiffeure: Mit mehr Kontrollen gegen schwarze Schafe

Muss der Kanton Luzern Coiffeursalons und Barbershops stärker kontrollieren? (Symbolbild: Unsplash/John Arano) (Bild: )

Trotz Corona-Lockdown sind die Meldungen wegen vermuteter Schwarzarbeit in Luzerner Coiffeursalons deutlich angestiegen. Der Kanton soll aktiver werden und gezielte Razzien ins Auge fassen, fordern Politiker.

Ein Haarschnitt für weniger als 25 Franken? Mit solchen Preisen werben einige Salons Kunden an. Nicht immer erfüllen die Billiganbieter aber die Auflagen. Bereits vor rund einem Jahr sorgte das für Schlagzeilen (zentralplus berichtete).

Doch verbessert hat sich offenbar wenig. Das findet jedenfalls CVP-Kantonsrat Daniel Piazza: «Mir fällt auf, dass in der Stadt und der Agglomeration Luzern sowie mehr und mehr auch auf dem Land teilweise explosionsartig neue Coiffeurbetriebe eröffnet werden, häufig Barbershops.» Das wäre an sich noch kein Problem. Aber: «In den Betrieben werden vor allem Einheitshaarschnitte mit der Maschine zu Dumpingpreisen angeboten», so der Politiker aus Malters.  

Die Rechtschaffenen sind die Geprellten

Er wolle die Barbershops keinesfalls unter Generalverdacht stellen, versichert Piazza. «Aber es hat mit Sicherheit auch unter den neu eröffneten Barbershops einige schwarze Schafe.»

Er verlangt darum in einem Postulat, dass die Behörden die Missstände in der Branche aktiv bekämpfen. Gemeint sind insbesondere Schwarzarbeit, fehlende Sozialversicherungsbeiträge oder die Anstellung von Ausländern, die gar nicht hier arbeiten dürften. Unterzeichnet haben den Vorstoss auch Vertreter der SVP und der FDP.

«Der Kanton muss etwas unternehmen», verlangt Piazza. «Ansonsten sind die rechtschaffenen Coiffeure die Geprellten.» Das habe er im Austausch mit Branchenvertretern oft bestätigt bekommen.

Zwei von drei kontrollierten Salons fallen auf

Mehr Kontrollen – und zwar auch Überraschungskontrollen – kündigte bereits vor einem Jahr die Paritätische Kommission für das schweizerische Coiffeurgewerbe (PK Coiffure) an. Hat das nichts gebracht? Diese Frage lässt sich noch nicht beantworten; denn ein aussagekräftiges Fazit lasse sich erst Ende Jahr ziehen, sagt Claudia Hablützel, Leiterin der Geschäftsstelle.

Die 2019 durchgeführten und abgeschlossenen Verfahren legen allerdings nahe, dass weiterhin Handlungsbedarf besteht. Bei rund zwei Dritteln der 168 Betriebe und rund der Hälfte der gut 700 kontrollierten Mitarbeitenden wurden laut Hablützel Abweichungen festgestellt. «Diese reichten von Bagatellen bis zu groben Abweichungen.» 

«Solange man faire Löhne, Sozialleistungen und Mehrwertsteuer zahlt, mag ich es jedem gönnen, der mit diesen Preisen existieren kann.» 

Mirjam Blättler-Ambauen, Zentralschweizer Coiffeurverband

Der Region am Vierwaldstättersee stellt Hablützel ein vergleichsweise gutes Zeugnis aus: «Die Zentralschweiz hatte eine geringere Verfehlungsquote als der Durchschnitt.» Konkret lagen bei rund der Hälfte der 20 Überraschungskontrollen Abweichungen vor oder mussten Unterlagen nachgefordert werden.

Noch schnell einen Vertrag abschliessen

Nach oben zeigt die Tendenz bei der Schwarzarbeit. «Im Vergleich zum 2018 sowie 2019 ist im 2020 – trotz temporärem Berufsverbot der Coiffeurbranche – bereits jetzt eine erhöhte Melde- sowie Kontrolltätigkeit zu verzeichnen», sagt Lea Marberger, Teamleiterin bei WAS Wira Luzern. Wurden 2018 lediglich 3 Verdachtsmeldungen registriert, waren es letztes Jahr 20 – und im laufenden Jahr bereits Mitte Juli deren 17.

Wer kontrolliert was?

Die Paritätische Kommission für das schweizerische Coiffeurgewerbe (PK Coiffure) kontrolliert, ob die Bestimmungen des Gesamtarbeitsvertrags eingehalten werden – also beispielswiese, ob Lohndumping vorkommt.

Das Kantonale Kontrollorgan Luzern geht Verdachtsmeldungen wegen Schwarzarbeit nach und prüft, ob die Vorgaben aus dem Sozialversicherungs-, dem Ausländer- und dem Quellensteuerrecht eingehalten werden.

Claudia Hablützel von der PK Coiffeure erwartet vorerst ebenfalls einen weiteren Anstieg der Verfehlungen. Denn auch 2020 wird – trotz Covid 19 – die Kontrolldichte möglichst hoch gehalten. Und: «Viele Betriebe können sich nicht mehr auf die Kontrolle vorbereiten, indem sie zum Beispiel in Windeseile noch eine Versicherung abschliessen.» Zudem könnten gerade schwierige wirtschaftliche Situationen – wie die aktuelle Coronakrise – erfahrungsgemäss auch zu Lohndumping führen.

Bis die unangenehmen Überraschungsbesuche präventiv wirken, dauere es zwei bis drei Jahre, so Hablützel. «Den Coiffeuren muss bewusst sein, dass jederzeit eine unangekündigte Kontrolle erfolgen – und Konsequenzen haben kann.» 

Was getan werden muss, darüber ist man sich einig

Für die Branche sei es ein Problem, wenn sich Billiganbieter nicht an die Vorschriften hielten und dadurch den Markt verzerrten, sagt Mirjam Blättler-Ambauen, Präsidentin des Zentralschweizer Coiffeurverbandes. Mit der Coronakrise sei es zwar etwas in den Hintergrund getreten, aber keinesfalls verschwunden. «Zurzeit müssen alle Coiffeure schauen, dass sie nach dem Lockdown wieder auf eigenen Beinen stehen können. Da bleibt wenig Zeit für andere Sorgen.»

Blättler betont, dass sie nicht grundsätzlich gegen tiefe Preise sei. «Solange man faire Löhne, Sozialleistungen und Mehrwertsteuer zahlt, mag ich es jedem gönnen, der mit diesen Preisen existieren kann.» Die Kontrollen zeigten jedoch oft ein anderes Bild. Für Blättler ist darum klar: «Es braucht mehr Kontrollen – auch von den Kantonen.»

«Es hätte einen viel stärkeren Effekt, wenn wir koordinierte Aktionen durchführen könnten.»

Claudia Hablützel, Coiffeure Suisse

Darin scheinen sich alle einig zu sein. Auch Claudia Hablützel von der PK Coiffure ist überzeugt, dass die Branche durch einen Ausbau der kantonalen Kontrollen im Bereich Schwarzarbeit gestärkt würde. «Es hätte einen viel stärkeren Effekt, wenn wir koordinierte Aktionen durchführen könnten.»

Ins selbe Horn stösst CVP-Kantonsrat Daniel Piazza: «In anderen Kantonen hat man gute Erfahrungen mit Razzien gemacht, die über mehrere Behörden koordiniert und an mehreren Standorten gleichzeitig durchgeführt wurden.» In seinem Vorstoss lässt er allerdings bewusst offen, mit welchen Massnahmen der Kanton die Missstände angehen soll – Hauptsache, er tut etwas.

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