Arbeiten im hundertstel Millimeterbereich
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Der Lernende David Stadelmann beim «Abzählen» der Spiralfeder (Längenbestimmung). (Bild: Ivo Müller)

Im «Lernatelier» der Uhrmacher Arbeiten im hundertstel Millimeterbereich

5 min Lesezeit 15.05.2015, 12:06 Uhr

Die Firma Bucherer bildet in Luzern neue Uhrmacher aus. Sie lernen, Zeitmesser jeglicher Art zu reparieren – von der teuren Rolex bis zur antiken Kaminuhr. Wieso bei dieser Arbeit sehr vieles im Kopf entschieden wird.

Das Verkaufsgeschäft von Bucherer am Schwanenplatz, in dem sich die asiatischen Touristen die Klinke in die Hand geben, ist in der ganzen Welt bekannt. Am Hauptsitz im Tribschen-Quartier arbeiten jedoch noch viel mehr Leute für den internationalen Uhrenhändler. «Unser Hauptsitz ist weniger bekannt als das Geschäft», sagt Marketingdirektor Jörg Baumann. Total beschäftigt die Bucherer Gruppe 660 Personen in Luzern, rund die Hälfte arbeitet am Hauptsitz an der Langensandstrasse, die andere Hälfte im Verkauf.

Wenig bekannt ist auch, dass Bucherer Ausbildungsplätze für Lernende anbietet. Es ist einer der wenigen Orte in der Deutschschweiz, wo man eine Uhrmacher-Lehre machen kann. Die meisten anderen Uhrenhäuser haben ihren Sitz ja im Westen der Schweiz. «Wir bilden durchschnittlich immer sieben bis acht Lehrlinge aus, zwei pro Lehrjahr und Jahrgang», erklärt Baumann. Die Uhrmacherlehre sei nicht nur eine klassische Grundausbildung nach der obligatorischen Schulzeit, fügt er hinzu. «Es gibt auch immer wieder Quereinsteiger.» Als Uhrmacher sitzt man die meiste Zeit. «Es ist ein Beruf, der körperlich nicht sehr anstrengend ist, aber höchste Konzentration verlangt, vieles geht im Kopf ab», weiss Baumann.

Geld bezahlen für die Ausbildung

Baumann fügt hinzu: «Bei uns müssen die Lernenden für die Ausbildung nicht zahlen.» An anderen Orten ist das offenbar so. Viele kommen in die Schweiz, um das Handwerk zu erlernen. Denn das Know-how der Schweizer Fachleute ist gefragt, vor allem für Länder wie China, die sich erst seit Kurzem in der Uhrenherstellung zu profilieren versuchen.

Bereits in der Grundausbildung gibt es eine Spezialisierung: Die einen Uhrmacher stellen die Zeitmesser her. Sie arbeiten später in der Herstellung und Entwicklung in der Industrie. Die anderen – das sind die Lernenden bei Bucherer in Luzern – konzentrieren sich auf Reparaturarbeiten bei Armband- oder Pendeluhren, wozu auch die Herstellung der Einzelteile gehört (das nennt man Rhabillage). Der Grund, dass die Reparaturabteilung in Luzern ist: Die luxuriösen Bucherer-Uhren werden nicht in der Zentralschweiz, sondern in St. Croix hergestellt.

«Ich finde, die Uhrmacherei etwas sehr Ästhetisches.»

Lilian Wegmüller, Lernende im dritten Lehrjahr

Am Hauptsitz von Bucherer in Luzern gibt es eine eigene Abteilung für die Lernenden, das so genannte Lernatelier, in das nur wenige auswärtige Besucher Zutritt haben. zentral+ durfte exklusiv einen Blick hinter die Kulissen werfen. Wir betreten als erstes das Kleinuhren-Atelier, einen Raum mit viel Tageslicht. Im Hintergrund läuft leise Musik, die Atmosphäre ist friedlich. Die Lernenden und einige ausgebildete Profis sitzen an weissen Pulten, konzentrieren sich auf ihre Arbeit.

Erstausbildung, Gymi und Quereinsteiger

Der 19-jährige David Stadelmann aus Escholzmatt überprüft gerade die Unruhe-Spiralfeder einer Armbanduhr. Stadelmann ist bereits im vierten Lehrjahr, er schliesst also dieses Jahr ab. Ihm gefällt die Vielseitigkeit des Uhrmacherberufs: «Man lernt, sehr konzentriert und lange an einer Uhr zu arbeiten, kann aber auch fräsen und drehen.» Der Entlebucher schnupperte zuerst als Polymechaniker, bevor er aufgrund eines Tipps seines Vaters bei Bucherer anklopfte – und die Lehrstelle erhielt. Wie reagiert sein Umfeld auf seinen speziellen Beruf? «Die Kollegen wollen mir alle ihre Uhren zur Reparatur andrehen», sagt er und lacht.

Die «Unruh» der Uhrmacher

Die Sprache der Uhrmacher wimmelt von Fachausdrücken. Viele davon kommen aus dem Französischen wie zum Beispiel Pivotage (Feindrehen) oder Réglage (das Feinstellen der Spiralfeder). Aus dem Kreuzworträtsel bekannt ist die «Unruh»: Sie ist ein kleines Schwungrad aus Metall und das wichtigste Bauteil jeder Uhr; zusammen mit einer Spirale bildet sie ein schwingungsfähiges System, das die Uhr am Laufen hält. Die Genauigkeit der Unruhschwingung entscheidet über die Präzision einer Uhr.

Andere Lernende erlernen das Handwerk als Zweit- oder Praxisausbildung. Die 23-jährige Lilian Wegmüller aus Konolfingen ist eine von ihnen. Als wir das Lernatelier besuchen, kürzt sie gerade das vergoldete Armband einer Damenuhr. Liliane Wegmüller hat zuerst das Gymnasium besucht. «Studieren kann ich später immer noch», sagt sie zu zentral+. Jetzt lernt sie aber Uhrmacherin, ist im dritten Lehrjahr und möchte auch auf dem Beruf arbeiten. «Mir gefällt die Arbeit mit den Händen, und ich finde, die Uhrmacherei ist etwas sehr Ästhetisches.»

Ein älterer Lernender ist Carlo Primiceri. Für zentral+ dreht er ein kleines Ersatzteil in der Werkstatt, auch hier eine Angelegenheit von Millimetern. Der 37-jährige Coiffeur musste wegen Rückenproblemen aufhören. Zugute kommt ihm, dass Coiffeur ebenfalls ein manueller Beruf ist und die Hand–Auge–Koordination in beiden Berufen eminent wichtig ist. Weil Coiffeure bekanntlich kommunikativ sind, wird Primiceri wohl auch kein Problem haben, sein Stage in einem Bucherer-Verkaufgeschäft erfolgreich absolvieren zu können.

Junger Ausbildungsleiter

Geleitet wird das Lernatelier von einer jüngeren Person: Severin Ernst, 28 Jahre alt, hat sein Handwerk ebenfalls bei Bucherer gelernt. Er hat die Restaurationsabteilung von Bucherer mit aufgebaut. Seit zwei Jahren ist er für die Ausbildung der Lernenden zuständig. «Mein geringer Altersunterschied hat Vorteile im Umgang mit jüngeren Lernenden», sagt Ernst. Marketingleiter Baumann spricht von einem «coolen Groove» im Lernatelier.

«Unsere Lernenden sind keine stillen Eigenbrötler.»

Jürg Baumann, Bucherer-Marketingdirektor

Die Arbeit eines Uhrmachers bedingt Konzentration und Geschick zugleich. Man arbeitet oft im hundertstel Millimeterbereich unter dem Mikroskop (siehe Bildergalerie). Gute Augen sind deshalb von Vorteil. «Am Schnuppertag muss der Interessent ein Uhrwerk genau anschauen und beschreiben, was er gesehen hat», so der Lehrlingschef. Bedingung für eine Uhrmacher-Lehre bei Bucherer ist ebenfalls manuelles Geschick.

Sehr wichtig sei aber auch die Mathematik, um die Grösse der oft winzigen Teile korrekt berechnen zu können. Und nicht zuletzt zähle die Sozialkompetenz: Denn die Lernenden absolvieren im dritten Lehrjahr auch ein Stage in einem Bucherer-Verkaufsgeschäft und haben Kundenkontakt. «Unsere Lernenden sind keine stillen Eigenbrötler. Sie müssen auch Freude daran haben, Kunden zu empfangen und zu beraten», sagt Jörg Baumann. Es braucht aber natürlich auch die Leidenschaft für Uhren. Ein normaler «Brotberuf» sei das nicht, sondern ein Beruf mit einer langen Tradition.

Vielseitige Ausbildung

Spannend an der Lehre bei Bucherer ist, dass die Lernenden schon im ersten Lehrjahr real eingesetzt werden. «Sie können relativ schnell an echten Kundenuhren arbeiten», sagt Baumann, «natürlich unter Aufsicht der Lehrmeister». Also vielleicht den «Service» einer Rolex, Chopard, Audemars Piguet, Bucherer oder einer der vielen anderen Luxusuhrenmarken übernehmen. Im dritten Lehrjahr arbeiten die Lernenden dann an Grossuhren. Damit sind alle Uhren gemeint, die man nicht am Handgelenk trägt. Das Spektrum reicht von der antiken Kaminuhr bis zu einer Turmuhr oder einem «Astrolabium» (siehe Fotos). «Wir stellen zum Beispiel fehlende Teile von Grossuhren massgeschneidert wieder her», sagt Lehrlingschef Ernst. Spannend sei die Ausbildung bei Bucherer aber auch, weil die angehenden Uhrmacher später eine Aussicht haben, in einer der 15 Bucherer-Filialen in der Schweiz oder in anderen Ländern, Berufserfahrungen sammeln zu können.

Vierjährige Lehre

Die Uhrmacher-Lehre dauert vier Jahre. Die Berufsschule besuchen die Lernenden in Grenchen. Der Grund: Die meisten Uhrenhäuser haben ihren Sitz in den Kantonen Bern, Solothurn, im Jura und in der Romandie. Bucherer sucht übrigens noch zwei Lernende fürs Jahr 2016. Die Ausschreibung ist momentan online.

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