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Appenzellerische Kalbereien in Hochdorf
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(Bild: Marlis Huber)

Reise in Simon Enzlers «Primatsphäre» Appenzellerische Kalbereien in Hochdorf

3 min Lesezeit 30.01.2017, 16:19 Uhr

Der Kabarettist Simon Enzler spielte sein Programm «Primatsphäre» in Hochdorf. Sein kabarettistisches Talent stellte er dort vor allem als Appenzeller Archetyp unter Beweis. Mit viel bodenständiger Würze waren ihm die Lacher gewiss. 

 

 

Solo unterwegs wagt sich Simon Enzler aus der vermeintlichen Sicherheit der guten Appenzeller Stube und riskiert einen Blick nach draussen. An diesem Abend fand er sich im gut besuchten Kulturzentrum Braui in Hochdorf wieder. 

Die hohe Kunst der Satire gelingt nicht immer

Satire ist eine grosse Kunst, aber auch ein heikles Geschäft. Der Grat, dass feiner Humor und beissende Gesellschaftskritik nicht in belanglose Blödelei abgleitet, ist schmal. Eine Frage, mit der sich wohl jeder Komiker auseinanderzusetzen hat, ist: Soll er sich an den grossen gesellschaftlichen und politischen Fragen der Zeit abarbeiten und damit Gefahr laufen, sich in die Nesseln zu setzen?

Simon Enzler macht es; jedoch ohne sich dabei zu verbrennen. Das schafft er, indem er sich politisch weder allzu links noch rechts positioniert. Von diesen nicht klar lokalisierbaren Gemeinplätzen aus spricht er dann über Ausländer, den Islam, «die z’Bärn obe» und die Energiepolitik. Dabei liefert er für jeden Geschmack etwas. Seine Satire tut niemandem weh.

Doch mag sich die etwas ernstere Zeitgenossin vielleicht gerade dann, wenn Enzler von seiner Putzfrau aus Eritrea spricht, an den grossen österreichischen Satiriker Georg Kreisler erinnern, der im Lied «Ich rede nix» feststellte: «Es gibt keine harmlose Konversation.»

Ist das zum Lachen?

Klar steckt ironische Kritik drin, wenn Enzler gesteht, dass er seine Putzfrau so schlecht bezahle, dass sie am Ende des Monats aus dem letzten Loch pfeife. Klar liefert er eine doppelbödige Botschaft, wenn er feststellt, dass ein Afrikaner, der es zustande bringt, seinen Kontinent zu verlassen, zwar vieles ist, aber sicher kein verlässlicher Mieter für seine Wohnung, die er in Hochdorf auch noch zu vermieten versucht.

Trotzdem sei die Frage gestellt: Ist das zum Lachen? Weil Enzler aber doch ein Profi ist, ist in solch zwiespältigen Passagen immer auch Witz drin. Dem Publikum jedenfalls gefällt’s. Vielleicht auch deswegen, weil manches eben ein bisschen harmlos daherkommt.

Ein Weltmeister im Fluchen

Wenn Enzler solch medial zur Genüge bewirtschaftete Allgemeinplätze verlässt, zeigt er uns, dass sich die grossen Themen eben auch im Kleinen, im Alltäglichen abhandeln lassen. Und dann brilliert er.

Beispielsweise, wenn er in seinem Appenzeller Dialekt über den gottverdammten Klettverschluss herabzetert, so würden die «heutigen Goofen» nicht mal mehr einen Doppelknopf an ihrem Schuh lösen können, schimpft er und sieht darin einen durch und durch philosophischen Zusammenhang: «In einem Doppelknopf steckt doch wahres Entwicklungspotenzial», regt sich der Choleriker auf.

In der Rolle des bäurisch bodenständigen, sturen Appenzellers nimmt seine Satire wirkliches Format an. 

In der Rolle des bäurisch bodenständigen, sturen Appenzellers nimmt seine Satire wirkliches Format an. Und wenn er in seinem innerrhödlerischen Dialekt beginnt zu fluchen oder von irgendwelchen sonstigen Kalbereien berichtet, tönt das einfach ulkig. So etwa, wenn er mit einer Fliege spricht, die er im nächsten Augenblick nicht mit dem mitgebrachten Gerät «Eurokill», sondern mit dem althergebrachten Fliegentätscher totschlägt.

In solchen clownesken Szenen bezaubert er mit einer kindlichen Unschuld, in der jedoch auch die bodenständige Würze nicht fehlt. Da gelingt ihm die hohe Kunst, die Menschen zum Lachen zu bringen, am besten.

Kein eitler Pfau

Die kabarettistisch höchsten Flüge gelingen Enzler also, wenn er sich in seiner Appenzeller Stube nicht zu weit aus dem Fenster lehnt und von dem spricht, was er wirklich kennt: Klettverschlüsse, die appenzellerische Fluchkunst oder: dem Zürcher. In der Pause nämlich habe er seine Wohnung an einen Zürcher vermieten können, der zwar lediglich am Briefkasten interessiert sei, sagt er am Schluss der Vorstellung.

Nach zwei Stunden verabschiedet sich Enzler «nicht wie andere stolze Pfaue mit Verbeugungen und unzähligen Zugaben» von einem begeisterten Publikum. Simon Enzler putzt in seiner Stube ganz bescheiden die Holzspäne zusammen.

Weitere Vorstellungen von «Primatsphäre» mit Simon Enzler: 11. und 12. Mai im Kleintheater Luzern. 

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