Baar: Anwohner ärgern sich über gefährlichen Schulweg
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Anwohner der Mühlegasse beschweren sich über chaotische Zustände entlang der Schulwege. (Bild: zvg)

Gemeinde verweist auf ihre Messungen Baar: Anwohner ärgern sich über gefährlichen Schulweg

5 min Lesezeit 1 Kommentar 03.09.2021, 16:47 Uhr

Die Anwohner der Mühlegasse in Baar und die Gemeinde liegen sich in den Haaren. Streitpunkt ist eine Tempo-30-Zone, die aus Sicht der Anwohner keine Beruhigung des Verkehrs mit sich bringt. Das Thema polarisiert wegen der angrenzenden Schule.

Die Kampagne ist altbekannt: Mit dem Slogan «Rad steht, Kind geht» wird in der Schweiz jeden August auf die Sicherheit der Schulwege aufmerksam gemacht. Denn mit dem Schulstart bewegen sich jedes Jahr zahlreiche neue Kinder auf den Strassen, die kaum über Erfahrung im Strassenverkehr verfügen.

In der Gemeinde Baar wird die Sicherheit der Schulwege derzeit besonders intensiv diskutiert. Hintergrund der Diskussion ist eine Aussage des Kommunikationsfachmanns der Gemeinde Baar, Silvan Meier, in der «Zuger Zeitung». Dort sagt er, die Baarer Schulwege seien sicher.

Auf Facebook folgte umgehend eine Reaktion der Anwohnerin Andrea Hotz, die in der Nähe des Schulhauses Sennweid wohnt. Sie postete einen Beitrag in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Baar, wenn …», in der sie die Einschätzung des Gemeindevertreters als «Hohn» bezeichnet.

Der Facebook-Post von Andrea Hotz provozierte viele Reaktionen.

In der Kommentarspalte pflichten Andrea Hotz diverse Nutzer zu. So schreibt eine andere Frau beispielsweise: «Richtig. Die ganze Strasse mit so viel Durchgangsverkehr ist eine Katastrophe.» Eine weiterer Nutzer schreibt: «Bin auch deiner Meinung. Immer wenn ich diese Kreuzung sehe, kann ich es wirklich nicht glauben, wie eng die Gehwege sind. Das Kind muss dann halb auf die Strasse – sowas nennt man sicher zu Schule …»

Immer mehr Verkehr – und alles andere als Tempo 30

Woher kommt dieser grosse Ärger der Anwohnerinnen? Sind die Schulwege rund um das Schulhaus Sennweid tatsächlich so unsicher? Das wollte zentralplus von Anwohnerin Andrea Hotz wissen. Sie sagt, dass ihr der Verkehr im Quartier und vor allem die Kreuzung der Büelstrasse, Mühlegasse und Deinikonerstrasse schon lange ein Dorn im Auge sind: «Die Tempo-30-Zone bei uns im Quartier gibt es schon seit zehn Jahren. Doch viele Autofahrer halten sich nicht daran. Gewisse fahren sogar mit 50 Stundenkilometern durch.»

Das Schulhaus Sennweid in der oberen Bildhälfte sowie die umliegenden Quartierstrassen mit Tempo 30.

Vor allem habe der Verkehr im Quartier in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Das führe regelmässig zu chaotischen und gefährlichen Situationen entlang der Schulwege, insbesondere im Morgen-, Mittag- und Feierabendverkehr. «Handwerkerautos fahren in hohem Tempo durch die Mühlegasse und ich sehe täglich Nummernschilder aus Zürich, Aargau und Luzern, die die Quartierstrassen als Schleichwege benutzen», berichtet die entrüstete Anwohnerin.

30 Anwohner unterschreiben Beschwerdebrief

Weil die Kinder auf den Schulwegen durch diese Fahrweise nicht sicher seien und weil die Lebensqualität im Quartier aufgrund des zunehmenden Verkehrs abnehme, ergriff Hotz im Mai dieses Jahres die Initiative: Sie konfrontierte die Gemeinde mit ihren Vorwürfen. Mit im Gepäck hatte sie 30 Unterschriften von anderen Anwohnern, die ebenfalls frustriert sind über den Verkehr im Quartier und Andrea Hotz in ihren Anliegen unterstützen.

Hotz und die weiteren Unterzeichnenden sprechen von einem «extremen Handlungsbedarf» und forderten von der Gemeinde, dass diese bis spätestens zum Schulbeginn Massnahmen ergreift, um den Verkehr im Quartier zu beruhigen. Die Gemeinde zeigte sich daraufhin verständnisvoll und lud Andrea Hotz sowie einen weiteren Anwohner am 27. August zu einem Gespräch ein – zwei Wochen nach Schulbeginn also.

Gemeinde erfreut über Engagement

Gemeinderat Zari Dzaferi, der als Vorsteher der Abteilung Sicherheit und Werksdienst für Tempo-30-Zonen verantwortlich ist, war bei jenem Treffen auch anwesend. Er begrüsst das Engagement der Anwohner. «Ich finde es wichtig, dass sich die Bürgerinnen direkt an uns wenden», sagt er gegenüber zentralplus. «So können wir ihr Anliegen persönlich besprechen und aufzeigen, welche Gesetze, Normen und Arbeitsschritte für deren Bearbeitung relevant sind.»

«Eine hundertprozentige Verkehrssicherheit gibt es zwar nicht. Aber aus verkehrstechnischer, objektiver Sicht sind die Schulwege beim Schulhaus Sennweid sicher.»

Zari Dzaferi, Gemeinderat Baar

Mit dieser Aussage unterstreicht Dzaferi, dass er zwar Verständnis für die Anliegen der Nachbarschaft hat, die Gemeinde den Forderungen aber nur geringfügig entgegenkommt. Diese Haltung ergibt sich aus einer rein zahlenbasierten Betrachtungsweise des Verkehrs im Quartier.

Die meisten Autos halten sich an die Vorschrift

Dabei orientiert sich die Gemeinde am sogenannten V85-Wert: Er bezeichnet die Geschwindigkeit, die bei Tempomessungen von 85 Prozent der Fahrzeuge unterschritten oder erreicht wird. Gemäss der Beratungsstelle für Unfallverhütung funktioniert eine Tempo-30-Zone, wenn der V85-Wert bei 38 Stundenkilometern liegt. Falls dieser Wert nicht erreicht wird, ist die Gemeinde dazu verpflichtet, verkehrsberuhigende Massnahmen zu prüfen.

Die Gemeinde Baar führte bereits im Frühling eine Verkehrsmessung in der umstrittenen Tempo-30-Zone durch, bei der rund 14’000 Autos gemessen wurden. Der V85-Wert lag dort bei 30 Stundenkilometern. Sprich: 85 Prozent der gemessenen Autos fuhren 30 Stundenkilometer oder langsamer. Aufgrund der Forderung der Anwohner führte die Gemeinde Baar im August während zwei Wochen eine Nachmessung durch. Dort betrug der V85-Wert 29 Stundenkilometer. Dies zeigt, dass die Tempo-30-Zone objektiv betrachtet funktioniert.

Kein objektiver Handlungsbedarf

Ein Blick auf die Unfallstatistik im Quartier zeigt zudem: Insgesamt gab es zwischen 2012 und 2020 zwölf Verkehrsunfälle im Quartier. Bei zehn der zwölf registrierten Unfälle waren Fahrräder involviert, bei einem Unfall ein Fussgänger. Im Vergleich zu anderen Strassen in Baar ist im Quartier keine spezifische Häufung der Unfälle festzustellen.

Für SP-Gemeinderat Zari Dzaferi ist daher klar: «Es besteht kein dringlicher Handlungsbedarf. Eine hundertprozentige Verkehrssicherheit gibt es zwar nicht. Aber aus verkehrstechnischer, objektiver Sicht sind die Schulwege beim Schulhaus Sennweid sicher.»

«Die ganze Situation macht mich gnadenlos wütend.»

Anwohner Mühlegasse, Baar

Die Gemeinde Baar will einige Anliegen der Anwohner dennoch prüfen. Allerdings wird der normale Verkehrsfluss derzeit noch durch eine Baustelle eingeschränkt. Gemäss Dzaferi kann die Gemeinde mögliche Massnahmen zur Verkehrsberuhigung erst prüfen, wenn die Baustelle weg ist und der Verkehr wieder normal durch das Quartier verläuft. Zudem müsse nach einer Eingewöhnungsphase analysiert werden, wie sich die im Juni eröffnete Tangente Zug-Baar auf den Verkehr in der Gemeinde auswirkt (zentralplus berichtete).

Für Anwohnerin Andrea Hotz genügen diese Ausführungen und Zusagen bei Weitem nicht. Sie sei «tierisch genervt» aufgrund des passiven Verhaltens der Gemeinde, wie sie im Telefongespräch mit zentralplus sagt. Ihr Mann unterbricht dieses Gespräch und ergänzt: «Die ganze Situation macht mich gnadenlos wütend.»

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1 Kommentare
  1. Ute Gerber, 04.09.2021, 10:52 Uhr

    Ich stimme den Schreiberinnen zu. Die Trottoir Situation ist in dem Bereich eine Katastrophe! In der Leihgasse wird vielfach auch über 30km/Stunde gefahren. Helfen tun nur Schwellen oder sonstige Einschränkungen. Davon hält die Gemeinde Baar anscheinend nichts. Die Autofahrer/innen müssen gezwungen werden 30 zu fahren!

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