Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
Ansprüche steigen: Wie Friedhöfe zu Erholungsgebieten werden
  • Gesellschaft
  • Kirche
Pascal Vincent auf dem Friedhof Reussbühl, wo unter seiner Leitung die Gräber rund um das Thema «Elemente» umgestaltet worden sind. (Bild: bic)

Neues Bestattungsangebot in Reussbühl Ansprüche steigen: Wie Friedhöfe zu Erholungsgebieten werden

5 min Lesezeit 20.09.2019, 15:25 Uhr

Neue Bestattungsformen liegen im Trend. Das hat man auch bei der Stadt Luzern gemerkt. In Reussbühl soll der Friedhof mit Themengräbern für die Öffentlichkeit attraktiver werden.

Seit einigen Jahren ist der Friedhof bei der Kirche Philipp Neri in Reussbühl fast leer. Ausser ein paar alten Gräbern gab es bis vor kurzem fast nur grüne Flächen zu sehen. Seit der Fusion von Luzern und Littau werden die Verstorbenen im Friedental oder seit kurzem auf dem Waldfriedhof im Gebiet Staffeln in Littau beigesetzt.

Doch nun erstrahlt die Grabstätte hoch über der Reuss in neuem Glanz. Mit so genannten «Themengräbern» wurde für 70’000 Franken ein neues Bestattungsangebot geschaffen. So will die Stadt Luzern der steigenden Nachfrage nach alternativen Beisetzungsformen entsprechen. Am Samstag findet die Einweihung der neu gestalteten Anlage statt.

Unterstütze Zentralplus

Eine kleine Oase im Quartier – aber kein Park

Verantwortlich für die Neugestaltung des Reussbühler Friedhofs ist Pascal Vincent, Chef der städtischen Friedhöfe. «Die Pfarrei hatte die Stadt gebeten, den Friedhof wieder in Betrieb zu nehmen und entsprechend aufzuwerten. Das äusserst schön gelegene Areal bliebe sonst ungenutzt», erzählt er bei einem Augenschein vor Ort. «Die Idee ist, dass hier künftig nicht nur die Asche der Verstorbenen begraben wird, sondern dass der Friedhof – im übertragenen Sinne – wiederbelebt wird.»

«Friedhöfe sind nicht nur für Verstorbene da, sondern auch für deren Angehörige.»

Pascal Vincent, Chef der städtischen Friedhöfe Luzern

Quartierbewohner sollen künftig zum Verweilen und Ausspannen auf den Friedhof kommen. Von einem Park möchte Vincent allerdings nicht reden. «Es soll aber eine kleine Oase mit entsprechender Aufenthaltsqualität entstehen», sagt Vincent. Dazu werden neue Bänke und mobile Stühle zur Verfügung gestellt, «mit denen man sich zum Beispiel in den Schatten setzen kann». Aber auch Angehörige, die von weiter her ans Grab kommen, können so etwas länger bei den Verstorbenen verweilen. Vincent: «Friedhöfe sind nicht nur für Verstorbene da, sondern auch für deren Angehörige. Es können so gute Gespräche entstehen.»

Nachfrage ändert sich mit der Gesellschaft

Dass die Stadt den Reussbühler Friedhof wieder in Betrieb nimmt, hat aber auch andere Gründe. «Die Nachfrage nach alternativen Grabformen nimmt seit Jahren zu.» Dies zeige auch das Themengrab «Wald» auf dem Waldfriedhof Staffeln. «Dieses kommt bei der Bevölkerung sehr gut an.» Darauf weise auch die Anzahl der Bestattungen im vergangenen Jahr hin, erklärt der 37-Jährige, der seit knapp dreieinhalb Jahren als Herr der Luzerner Friedhöfe amtet.

Gräber zum Thema Luft in Reussbühl. (Bild: bic)

Für die neuen Gräber in Reussbühl wurde das Thema «Elemente» gewählt. Dadurch werde das Angebot neben dem Thema «Wald» um ein weiteres ergänzt. Vincent: «Wir haben das Gefühl, damit den Nerv der Zeit zu treffen. Denn die Natur und deren Kreisläufe werden für viele Menschen heute wieder wichtiger – anscheinend auch nach dem Tod.»

Kombinationen von Gemeinschafts- und Urnengräbern

Hinzu komme eine neu angebotene Kombination aus Gemeinschafts- und Urnengrab, die heutzutage recht beliebt sei. Auch dies habe mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, «bei denen der Einzelne zwar immer mehr im Zentrum steht, das Gemeinsame aber trotzdem als wichtig empfunden wird», so Vincent.

«Gerade Leute, die zum Beispiel in einem Verein sind, weil sie das Gesellige mögen, wollen einst in einem Gemeinschaftsgrab bestattet werden.»

Pascal Vincent

Ein Vorteil solcher Gräber ist, dass man persönliche Gegenstände fix auf der Grabplatte platzieren kann. Sie werden nicht von den Gärtnern wie bei normalen Gemeinschaftsgräbern nach drei Wochen weggeräumt.

Individualismus wird wichtiger

«Gerade Leute die zum Beispiel in einem Verein sind, weil sie das Gesellige mögen, wollen einst in einem Gemeinschaftsgrab bestattet werden», so Vincent. Wählen kann man in Reussbühl jenes Element, das einen am meisten anspricht.

Dass auch der Tod eine immer individueller werdende Angelegenheit ist, zeige sich auch daran, dass die Angehörigen immer öfter spezielle Gegenstände mit ins Grab geben möchten oder einen besonders ausgefallenen Grabstein herstellen lassen. Zum Beispiel einen Lastwagen für einen langjährigen und leidenschaftlichen Chauffeur, erinnert sich Vincent an ein besonderes Exemplar. «Im Friedental wurden sogar einmal mehrere Autos im Friedhof aufgereiht, weil der Verstorbene in einem Autoclub war.» Man dürfe heute viel, aber nicht alles. Meistens müsse man im Einzelfall entscheiden.

2’500 Franken für 15 Jahre

«Entscheidend ist auch, dass die Grabfelder konfessionsneutral sind. Auch etwas, das immer wichtiger wird», sagt Vincent. So könne man zum Beispiel wählen, ob das Grab Richtung Kirche ausgerichtet ist oder nicht.

In einem Grab haben zwei Urnen Platz. Darauf liegt eine kleine Steintafel, auf welcher der Name angebracht wird. Für 15 Jahre kann die Ruhestätte gemietet werden. Dafür werden jedoch 2’500 Franken fällig. Die Mietdauer kann nach Ablauf verlängert werden. Zum Beispiel wenn die Urne eines weiteren Familienmitglieds begraben werden soll. Es wurden bewusst nur Urnengräber geschaffen, denn rund 90 Prozent der Verstorbenen werden heutzutage kremiert.

Ein Beitrag zum Artenschutz

Im Preis inbegriffen ist auch die komplette Pflege des Grabes wie zum Beispiel die Bepflanzung. «Die Leute haben heute immer weniger Zeit und darum werden solche Angebote zunehmend nachgefragt», erzählt Vincent. Das hätten Umfragen auch in anderen Städten sowie Gespräche mit betroffenen Angehörigen gezeigt.

Mit verschiedenfarbigen Blumen werden die vier Elemente dargestellt. Dabei werde auch ein Augenmerk auf die Artenvielfalt gelegt. «Mit der Neugestaltung des Friedhofs wollen wir etwas zur Biodiversität beitragen. Kleine Tiere, die in der Erde leben, sollen genauso auf fruchtbaren Boden stossen wie Bienen und andere Insekten», so Vincent. Ganz nach dem Motto «wo Altes vergeht, soll Neues entstehen».

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare
Mehr Gesellschaft