Anonyme Bewerbungen? Das ist der Luzerner Regierung zu kompliziert
  • Politik
  • Gesellschaft
Ob jemand zum Bewerbungsgespräch eingeladen wird oder nicht, kann auch vom Nachnamen der bewerbenden Person abhängen. (Symbolbild: Tim Gouw/Unsplash)

Gleiche Chancen für Ausländer und Secondas Anonyme Bewerbungen? Das ist der Luzerner Regierung zu kompliziert

4 min Lesezeit 13 Kommentare 16.02.2021, 11:59 Uhr

Menschen mit ausländisch klingenden Namen werden bei Bewerbungen diskriminiert – das belegen Studien. Deswegen fordert der Luzerner GLP-Kantonsrat Mario Cozzio künftig anonymisierte Bewerbungen für Kantonsangestellte. Die Regierung findet: Das ist zu viel Aufwand. Und kontraproduktiv.

Ob eine Bewerbung mit Peter Müller oder mit Elyas Yilmaz unterzeichnet wird, spielt eine entscheidende Rolle.

Dass effektive Chancengerechtigkeit bei Bewerbungsverfahren noch nicht erreicht ist, untermauern mehrere Studien. Eine wurde vor gut einem Jahr von der Universität Neuenburg veröffentlicht. Sie zeigt auf, dass Secondos, deren Nachnamen auf ausländische Wurzeln schliessen könnten, bis zu einem Drittel mehr Bewerbungen schreiben müssen, bis sie zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen werden.

Deswegen forderte der Luzerner GLP-Kantonsrat Mario Cozzio den Regierungsrat auf, zu prüfen, ob für (zukünftige) Kantonsangestellte ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren möglich ist. «Aus wirtschaftlichen und gesellschaftlich-sozialen Aspekten stellt ein solches Bewerbungsverfahren eine klassische Win-win-Situation dar, indem bestqualifiziertes Personal rekrutiert und unterbewusste Diskriminierung abgebremst wird», so Cozzio.

Für die Regierung wäre das zu viel Aufwand

Ganz so simpel ist es für die Regierung dann aber doch nicht. Beziehungsweise überwiegen für sie die Nachteile. Ihre Antwort ist klar: Bewerbungsprozesse zu anonymisieren, sei nicht verhältnismässig. In der Stellungnahme auf Cozzios Vorstoss rechnet sie vor: Rund 10’000 Bewerbungen treffen jährlich beim Kanton ein. «Wollte man diese Unterlagen nachträglich durch HR-Mitarbeitende sorgfältig anonymisieren, wäre mit rund 10 bis 15 Minuten pro Bewerbung zu rechnen, was somit rund 1,5 Stellen binden würde.»

Auch gibt der Regierung zu denken, dass spätestens nach der Einladung zum Vorstellungsgespräch persönliche Daten nachgefordert und bekannt gegeben werden müssten. Das bedeute für beide Seiten einen zusätzlichen Schritt.

«Es wäre zu befürchten, dass viele mögliche Interessentinnen und Interessenten auf eine Bewerbung in anonymisierter Form verzichten würden.»

Luzerner Regierung in ihrer Stellungnahme

Zudem sieht die Regierung nicht wirklich Handlungsbedarf, was Chancengleichheit beim Bewerbungsprozess anbelangt. Der Kanton setze sich in seiner Rolle als Arbeitgeber für Chancengleichheit und Gleichbehandlung ein, lobt die Regierung. Diskriminierung zu vermeiden, sei eine «zentrale und nicht verhandelbare Werthaltung».

Führungskräfte der Dienststellen des Kantons wie auch Personal-Mitarbeitende seien «auf unbewusst mitschwingende (Vor-)Urteile» bei der Auswahl von Bewerbern sensibilisiert und geschult. Die Regierung geht in der Antwort nicht darauf ein, was diese sogenannten Sensibilisierungs-Workshops konkret beinhalten.

Diskriminiert wird unbewusst, gibt Kantonsrat zu bemängeln

GLP-Kantonsrat Mario Cozzio bedauert, dass die Regierung direkt eine ablehnende Haltung zeigt.

«Die Aussage, dass man geschult sei, reicht einfach nicht», sagt er gegenüber zentralplus. Die Studie, welche die Regierung sogar selbst nochmals nennt, belege ganz klar, dass Diskriminierungen unbewusst beziehungsweise unterbewusst stattfinden, so Cozzio weiter.

«Einfach zu behaupten, dass Diskriminierungen nicht vorkommen, ist vermessen und in einem gewissen Masse arrogant.»

Mario Cozzio, GLP-Kantonsrat

«Entsprechend müsste man, wenn man selbst meint, nicht zu diskriminieren, dies irgendwie belegen können. Einfach zu behaupten, dass das nicht vorkommt, ist vermessen und in einem gewissen Masse arrogant – speziell, wenn die Studie eben genau die Beweise für das Gegenteil liefert.»

Für die Bewerber sei es zu kompliziert, so die Regierung

Der GLP-Kantonsrat ist der Ansicht, dass es «ganz sicher» Wege gebe. Er schlägt vor, dass man wenigstens darauf hinweisen könnte, dass anonymisierte Bewerbungen gewünscht seien, auch wenn dann die Bewerber den Aufwand hätten.

zentralplus fragt
Aktuelle Meinungsumfrage
Sollten Bewerbungen anonymisiert werden?
Danke für Deine Stimme. Du hast bereits teilgenommen.

Für die Regierung käme es theoretisch in Frage, dass die Bewerberinnen ihre Unterlagen gleich selbst anonymisieren. Doch das erachtet sie als zu kompliziert. Die Bewerberinnen würden «einfache, transparente und schnelle Abläufe» erwarten, schreibt sie. Die Anforderung, dass lediglich anonymisierte Bewerbungen geprüft werden, sei gar kontraproduktiv. «Es wäre zu befürchten, dass viele mögliche Interessentinnen und Interessenten auf eine Bewerbung in anonymisierter Form verzichten würden, weil sie einerseits zu aufwändig ist und andererseits auf diese Weise ihre Fachkenntnisse und ihre Persönlichkeit zu wenig zum Ausdruck kommen würde.»

Die Regierung beantragt dem Luzerner Kantonsrat, das Postulat abzulehnen. Bereits vor zehn Jahren wurde ein ähnlicher Vorstoss im Luzerner Stadtparlament eingereicht – und ebenfalls abgelehnt. Mario Cozzio lässt so schnell nicht locker und wird sich für die volle Erheblichkeit einsetzen. Zumal sein Vorstoss von Vertreterinnen aller Fraktionen unterzeichnet wurde.

GLP-Kantonsrat Mario Cozzio.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

Dieser Artikel hat uns über 300 Franken gekostet. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

13 Kommentare
  1. CScherrer, 17.02.2021, 07:44 Uhr

    Kann durchaus sein, dass diese wissenschaftliche Studie einen Teil der Bewerbenden betrachtet und zum Schluss kommt, dass eine Diskriminierung stattfindet. Dennoch gebe ich zu bedenken, dass im Bewerbungsprozess praktisch nur diskriminiert wird. In Stelleninseraten wird zum Beispiel ein Idealalter angegeben, eine Ablehnung erfolgt auf Grund der „Teamkonstallation“ (nur eine Frau passt in das Team) etc. Zudem arbeiten die Unternehmen mit verschiedenen Software, welche den Prozess unterstützen. Hier erfolgt dann die so genannte „Altersselektion“ und über 50jährige erhalten nach Eingabe sofort eine Standartabsage. Unternehmen suchen sich ihre Arbeitnehmer aus und „diskriminieren“ so ganz offensichtlich, ohne dass jemand etwas dagegen unternimmt. Den Hebel beim Kanton ansetzen zu wollen ist reinste Symbolpolitik und bringt überhaupt nichts. Eigenartig, dass man die Diskriminierung einer Gruppe anprangert, aber alles andere soll dann vollkommen legitim sein. Die GLP fischt da wohl im anderen Becken um Wählerstimmen.

    1. Mario Cozzio, 17.02.2021, 08:08 Uhr

      Ich bitte Sie, das Postulat auf der Homepage des Kantonsrates zu lesen. Ich erwähne darin explizit auch Alter und Geschlecht. Wieso man immer auf Symbol- oder Parteipolitik reduziert wird, ist mir unschlüssig.

    2. CScherrer, 17.02.2021, 11:42 Uhr

      Ganz einfach, weil es Symbolpolitik ist. Als wirtschaftsfreundliche Partei wird sich auch die GLP mit der Wirtschaft nicht anlegen. Sie wissen ganz genau, dass solche Regelungen wohl kaum eine Chance haben. Nicht einmal beim Kanton. In Anbetracht der Tatsache, dass wir grösste Probleme mit der Altersvorsorge haben und gezwungenermassen Rentenalter anpassen müssen, betreibt man hier Augenwischerei ohne die effektiven Probleme zu lösen. Wir brauchen effektive Lösungen und dazu gehört auch, dass sich die Wirtschaft daran beteiligt. Erhöhter Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende, Reduktion Beiträge PK für ältere Arbeitnehmende (auch dies eine klare Diskriminierung, wenn wir schon davon sprechen), Durchsetzung der Fürsorgepflicht Arbeitnehmer etc. Es gäbe noch viel zu tun.

    3. Mario Cozzio, 17.02.2021, 21:31 Uhr

      Ja, es gibt noch viel zu tun, und es gibt an allen Ecken etwas zu tun – step by step, und im jeweiligen Kompetenzrahmen. Nur weil das Problem für Sie „klein“ erscheint, gar „symbolisch“, heisst es noch lange nicht, dass es keines ist. Es ist ja belegt, dass es existiert. Und wo man einfach Korrekturen machen kann (es ist weissgott nicht schwierig, ein Onlineformular zu erstellen), soll man das meiner Meinung nach tun, damit man sich auf die ganz grossen Probleme fokussieren kann. Den „Ultimativen Gesamt-Problemlöservorstoss der Eidgenossenschaft“ wird es leider NIE geben: Zu umfassend, zu viele Themen betreffend, zu viele verschiedene Meinungen. All die von Ihnen – zurecht und sehr wichtig – genannten Problematiken betreffen zudem das Bundesgesetz. Als Kantonsrat kann da leider nur sehr begrenzt eingegriffen werden. Falls Sie aber konkrete Ideen haben, stehe ich sehr gerne für einen Austausch zur Verfügung – meine Kontaktdaten finden Sie auf der Kantonsrats- oder den jeweiligen glp Homepages.

  2. Samuel Kneubühler, 16.02.2021, 13:05 Uhr

    Da ist mitten im Artikel ein Link ohne Verlinkung, der da nicht hingehört. Zu Beginn des zweitletzten Absatzesq.

    1. Redaktion Redaktion zentralplus, 16.02.2021, 13:15 Uhr

      Danke für den Hinweis. Wir können jedoch nur eine Verlinkung finden, jene im zweiten Abschnitt auf den Download der Studie.

  3. Rosa Luxemburg, 16.02.2021, 12:59 Uhr

    Schade. Der Staat sollte vorbildlich handeln. Wäre problemlos mit einer schlanken IT-Lösung umgesetzt. Aber man muss es wollen … da scheitert es leider.

    Auch zweifle ich leider an der Kompetenz staatsnaher Organisationen und Unternehmen. Diese sind oft strukturell überdimensioniert und zu hierarchisch. Eingesessene Rollen in Kombination mit „Unkündbarkeit“ bremsen und führen dazu, dass kaum schlanke und kundenfreundliche Lösungen umgesetzt werden. Ambitionierte Leute gehen, Sesselkleber bleiben.

  4. Andy Bürkler, 16.02.2021, 12:30 Uhr

    Warum fusionieren GLP und Grüne eigentlich nicht?
    Ich sehe da keinen hinreichenden Unterschied.

    1. Gery Werber, 16.02.2021, 12:52 Uhr

      Weil die GLP in sozialen und wirtschaftlichen Fragen mit der FDP stimmt, zumindest auf nationaler Ebene.

    2. Mario Cozzio, 16.02.2021, 13:26 Uhr

      Dieses Anliegen wird von Mitgliedern aller Fraktionen getragen. Diskriminierung ist generell ein No-Go. Zudem sollen die besten Arbeitskräfte rekrutiert werden, was wiederum der Wirtschaft stets zugute kommt. Und schlussendlich profitiert auch die Integration

    3. Andy Bürkler, 16.02.2021, 17:19 Uhr

      @Mario Cozzio: Sie müssen selber wissen, wo Sie ihre Partei positionieren wollen.
      Identitätspolitik ist traurigerweise derzeit das Paradethema der Linken.
      Für mich ist so der Unterschied zu Linksgrün nicht erkennbar.
      Ich hatte mich anfänglich sogar für ihre Partei interessiert, da ich durchaus an ökologischen Fragen interessiert bin, aber ich habe dann schnell gemerkt, dass mir bei Ihnen die Abgrenzung zu Rotgrün zu wenig erkennbar ist.

    4. Mario Cozzio, 16.02.2021, 20:28 Uhr

      Es geht hier nicht um Parteipolitik. Es geht darum, einen offensichtlichen, wissenschaftlich belegten Missstand mit gutem Vorbild zu korrigieren.

    5. CScherrer, 17.02.2021, 07:46 Uhr

      @Andy Bürkler: Ich sag’s mal so: Die GLP ist wie FDP, einfach mit Tesla.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.