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Angst und Schrecken im KKL
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Die Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunstmuseum Luzern – hier mit Werken von Rahel Scheurer und Rochus Lussi. (Bild: zvg/Marc Latzel)

Rezension: Jahresausstellung im Luzerner Kunstmuseum Angst und Schrecken im KKL

6 min Lesezeit 2 Kommentare 07.12.2019, 12:48 Uhr

Ein Laie, eine Ausstellung, eine Rezension. Die Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im KKL ist unglaublich unrezensierbar. Gehen Sie hin, versuchen Sie es selber!

Der Tag beginnt mit einem Schock. Man stelle sich vor, es ist Pressekonferenz und niemand geht hin. Da zittern die Hände des Kulturjournalisten, der sich sonst hinter seinem Notizblock oder in der hintersten Reihe der Pressebestuhlung verstecken kann. Nicht heute.

Wir treffen uns im Café des Kunstmuseums im vierten Stock. Anwesend: Fanni Fetzer, Direktorin Kunstmuseum Luzern; Laura Breitschmid, wissenschaftliche Mitarbeiterin; Eveline Suter, Medienarbeit; Alexandra Blättler, neue Sammlungskonservatorin; Fabian Peake, Künstler der gleichzeitig zur Jahresausstellung laufenden «A Swift at the corner»; Niklaus Oberholzer, Kunstexperte.

Müsste eine Pressekonferenz der Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens nicht alle Medienmenschen der ZS interessieren? Oder interessiert nur noch die Medienmitteilung?

Ein Anflug von Grössenwahn

Ebenfalls anwesend: Ein Laie, ein Naivling, ein Kunstbanause, der gerade vom viermonatigen Chicago-Aufenthalt zurück ist und sich in einem Anflug von Grössenwahn Folgendes eingebrockt hat: Die Jahresausstellung des Zentralschweizer Kunstschaffens zu rezensieren. Er hatte es nicht einmal geschafft, das Art Institute Chicago zu besuchen. Die riesige Tourismusschlange vor dem Eingang hatte ihn abgeschreckt. Art Business.

Die Ausstellung ist also ein Querschnitt. Und ein Querschnitt ist nicht weit entfernt vom Durchschnitt.

Wir huschen in die noch geschlossene Ausstellung und sehen uns die diesjährigen Arbeiten an. Alexandra Blättler hat zusammen mit einer fünfköpfigen Jury – auf Wunsch der Kantone wurde die Jury vergrössert, ein Mitglied wird jeweils kantonal bestimmt – 28 Arbeiten ausgewählt.

Die Hände des Kulturjournalisten zittern stärker, er hat jetzt auch Schweissausbrüche, weil er die Kunst hier drin nicht versteht. Das hat aber nichts mit der Kunst zu tun, sondern mit dem KJ. Deshalb fragt er Frau Blättler nach den Kriterien der Jury. Laut ihr müsse eine Arbeit sofort ins Auge springen und eine hohe Qualität aufweisen. Kantonsbeteiligung, Gender sowie Alter spielten in einer zweiten Runde eine Rolle.

Blick in die diesjährige Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen im Kunstmuseum Luzern.

Querschnitt und Durchschnitt

Das Auswahlverfahren bedeutet aber, dass hier drin nicht unbedingt die beste Kunst des Jahres hängt, sondern einem Werk möglicherweise der Vorzug gegeben wurde, weil dessen Erzeugerin oder Erzeuger zufälligerweise kein alter, weisser Mann ist. Die Ausstellung ist also ein Querschnitt. Und ein Querschnitt ist nicht weit entfernt vom Durchschnitt. Und, sofort ins Auge springen? Entfaltet ein wirklich gutes Kunstwerk seine Kraft nicht in der Zeit?

Welchen Sinn macht es überhaupt, Kunst zu rezensieren? Ein Kunstwerk wird erlebt und wenn ein KJ einem ein Kunstwerk erklären oder beschreiben muss, dann wird das Kunsterlebnis ganz klein und das Ego des KJ ganz gross.

Der KJ verlässt mit spiegeleigrossen Schweissflecken unter den Armen und einem blutroten Kopf das KKL und entschliesst sich dazu, am Abend nochmals hinzugehen. Dann ist Vernissage.

Kritische Performance vor dem KKL

Andreas Weber hat von der Jury eine Absage erhalten. Sie hat sich dazu entschieden, dass er vor dem KKL trotzdem eine Performance machen darf. Zusammen mit dem Herausgeber des Kunstmagazins «_957», Stephan Wittmer, kritisiert er die liberale Darstellung der Gründung der Kunstgesellschaft durch das Kunstmuseum anlässlich des 200-Jahre-Jubiläums.

Oberst Pfyffer sei jedoch ein Reaktionär gewesen. Sie tragen Transparente und wirken demonstrierend-performierend. Es gibt Konflikte, die sind derart surreal, dass davon niemand ausserhalb des Kunstbusiness weiss. Vor allem der KJ nicht. Vor der Eingangstüre des KKLs diskutieren innert zehn Sekunden vier Menschen über Liberalismus und politische Korrektheit. Läuft.

Über Kunst stolpern

Oben, im vierten Stock, sind die Menschen jetzt da. Und wie. Anzugträger, sportlich gekleidete Jugendliche, elegant gekleidete Menschen, weniger elegant gekleidete Menschen, ein paar Globis, die überhaupt nicht hierher passen und deshalb doch wieder.

Die Luft besteht aus etwas Missmut, viel Interesse, einer Prise Sehen-und-Gesehenwerden.

Zudem in jedem Raum eine Aufpasserin, die alle zehn Sekunden vorbeiträumenden Gästen mittels einer Stopp-Handbewegung zu verstehen gibt, dass sie fast über ein Kunstwerk gestolpert wären. Aber es nützt nichts. Boing, Klirr, Tätsch, Bäng. Sicher fünfmal.

Es handelt sich hierbei vielfach um die Arbeit von Fabienne Immoos, Es liegen Schatten in der Luft. Glas-Nägel-Schaumstoffkonstruktionen, die teilweise am Boden liegen und von den Gästen übersehen und mit Füssen getreten werden. An der Wand steht «Bitte nicht berühren! Please don’t touch!».

Eine Prise Sehen-und-Gesehenwerden

Die anwesende Menschenmasse besteht aus Kunstschaffenden, die ausgewählt wurden inklusive Angehörige, solchen, die eine Absage erhalten haben exklusive Angehörige, und solchen, die es sich überlegt haben, einzugeben, «aber wie muss man das überhaupt machen»? Die Luft besteht aus etwas Missmut, viel Interesse, einer Prise Sehen-und-Gesehenwerden und dem Angstschweiss des KJ. Boing, Klirr, Tätsch, Bäng.

Und nun, meine sehr geehrten Damen und Herren, da der Platz langsam ausgeht, der KJ bisher bloss über Nebensächliches gefaselt und den Sinn einer Rezension um Kunstwelten verpasst hat, geht’s ans Aufgehängte: die Kunst.

Weil der KJ mit einer nicht unwesentlichen Anzahl an anwesenden Kunstschaffenden (ausgezeichneten und abgesagten) über diese diskutiert hat, ist die Wertung vielleicht gar nicht so gekürzt, unfundiert und ganz einfach doof, wie die obigen Ausführungen des KJ vermuten liessen.

Es ist ein diskursiver Querschnitt, die Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen, rezensiert von den Zentralschweizer Kunstschaffenden, aufgezeichnet vom KJ. Versteht sich von selbst, dass es nicht alle in diese Rezension schaffen.

Was zum David Lynch ist hier passiert?

Aufgefallen: Pascale Birchler, fremde Stunde. Eine lebensgrosse Knabenfigur mit blauen Handschuhen, daneben eine schwarze Katze und einige Utensilien der Künstlerin. Das ist ausdrucksstark, macht ein bisschen Angst (super, noch mehr Angst für den KJ) und regt die Gedanken über das Kunstwerk hinaus an.

Samuli Blatter: «Strange Attractor 10» ist Teil der Jahresausstellung.

Was zum David Lynch ist hier passiert? Samuli Blatter, Strange Attractor 10.6. Was, Bleistiftzeichnungen? Bei näherer Betrachtung entzückt der kräftige und stilsichere Grafitstrich Blatters. Camillo Paravicini meldete an, eine riesige Wand zu benötigen und hängte ein Miniaturbild mit einem blau-geschwungenen Einzelstrich auf. Dieser beschwört im Minimum eine maximal melancholische Meer- und Gebirgslandschaft. Gross. Jemand meint «süss». Sara Masüger, schwarze H.R.-Giger-Giacometti-Figur. Unheimlich. Rochus Lussi, immer gut.

Camillo Paravicini: «Mare e Monti».

Das Hirn wird ausgetrickst

Und: Die Videoinstallationen von Moritz Hossli sowie Dominik Zietlow werden von durchweg allen gelobt. Tatsächlich sind beide gelungen und wenig verkopft. Hossli zeigt mittels Wärmekamera, dass wir Menschen die Erde erwärmen, ob wir wollen oder nicht. Die filmische Umsetzung ist äusserst ambitioniert. Zietlows improvisierende Schlagzeuger sieht man nur, wenn sie nicht spielen. Das Hirn wird ausgetrickst und man sitzt angeregt im abgedunkelten Raum.

Videoinstallation «Periglazial» von Moritz Hossli.

Abgefallen: Anne Guttormsen Fraser hat eine Schlangenphobie und verarbeitet diese mittels gemalten Schlangenhaut-Bücherrücken. «Kitsch aus dem Brocki.» Christian Herter hat Abfälle seines Ateliers in Kegel gegossen. «Ja, gell, diese Beton-Joints sind [gewünschtes Fluchwort einsetzen].» Lorenz Olivier Schmid, DIY. Ziel: Selbstgebastelte Sexspielzeuge. Endprodukt: Selbstgebastelte Sexspielzeuge. Sereina Steinemann malt einen Regenschirm, eine halbe Mauer und eine Erbsenschote auf eine Leinwand. Die Einfachheit täuscht über die tatsächliche Einfachheit hinweg.

Was unbedingt noch in diese Rezension muss: Die nächste Kabinettsausstellung macht Maude Léonard-Contant, den kantonalen Preis von 12’000 Franken (plus Ankauf von 3’000 Franken) hat Sara Gassmann gewonnen und es war die letzte Jahresausstellung unter diesem Namen. Ab dem nächsten Jahr heisst sie «Zentral!» – zentralplus, übernehmen Sie.

Jahresausstellung Zentralschweizer Kunstschaffen: bis 9. Februar 2020, Kunstmuseum Luzern.

Christian Herter: «Remix»

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2 Kommentare
  1. Anastasia Katsidis, 10.12.2019, 21:56 Uhr

    Lieber Heinrich
    Ich habe deinen Bericht sehr gerne gelesen und musste 2-3 mal laut auflachen. Was uns wirklich fehlt, dachte ich, ist der Humor. Wie erfrischend, wenn jemand wie du durch die Ausstellung geht und seine Eindrücke beschreibt. Vielen Dank! Ich werde ihn meinen Schülern vorlesen. Und ich denke, er wird sie neugierig machen auf diese Ausstellung, die ich übernächste Woche mit ihnen ansehen gehe (mit Führung). Was will man denn mehr?

    Herzlichen Gruss
    Anastasia Katsidis

  2. Andreas Weber, 08.12.2019, 00:04 Uhr

    Lieber KJ

    ein rasches Gedankenexperiment: Stellen wir uns ein 200-jähriges Gemälde aus den Beständen der Kunstgesellschaft vor. Weil der Inhalt nicht gefällt, verschwindet es, oder noch besser, es wird übertüncht. Wäre Kritik an diesem Vorgehen auch «surreal»? Nein? Und wo genau liegt der Unterschied zur Manipulation des Geschichtsbildes?  Das Kunstmuseum ist eine der wichtigsten kulturellen Institutionen unserer Region und sein aktueller Umgang mit Geschichte und öffentlicher Meinung verdient Kritik: fundiert und sachlich. 
    Übrigens: Das Event auf dem Trottoir vor dem Kunstmuseum wurde natürlich nicht durch die Jury «bewilligt», sondern wir Initianten der Protest- und Informationskundgebung haben die Bewilligung beim zuständigen städtischen Amt eingeholt.

    Mit Blick auf den Rest des Texts drängt sich die Frage auf: wie über Kunst schreiben? Auch wir Kunstschaffenden verspüren manchmal ein Unbehagen über blosse Reviews, die beschreiben, ohne zu werten. Wie der vorliegende Text zeigt: Das Gegenteil ist definitiv nicht die Lösung. Werten ohne genau hinzusehen oder gar zu beschreiben, urteilen ohne die eigenen Erwartungen und Kriterien zu reflektieren. Was bleibt, ist eine Schnelljustiz mit ein paar Laufengelassenen und ein paar willkürlich Exekutierten – der Text löst ein, was der Titel verspricht: Angst und Schrecken.

    Die Besprechung einer Jahresausstellung ist sicher anspruchsvoll – aber gleich „unglaublich unrezensierbar“?  In der Kürze der Zeit  ist eine Kritik (die diesen Namen verdient) von einzelnen Positionen a priori zum Scheitern verurteilt. Warum also nicht das Ganze in den Blick nehmen: Sind unter der neuen Kuratorin und Jurypräsidentin Akzentverschiebungen festzustellen? Gibt es Trends bei den vertretenen Themen und Medien? Hätte der Saaltext vielleicht eine Erwähnung verdient? Nicht mehr nackte Namensliste, sondern jede Position mit einer kurzen Beschreibung – ein vielversprechender Anfang! Wie ist die Hängung? Wo steht die Zentralschweizer Jahresausstellung im Vergleich zu anderen Regionen?

    Mit hoffnungsvollem Gruss
    Andreas Weber

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