Angehörige von Erkrankten: «Ich fühlte mich vom Kanton im Stich gelassen»
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Ein Zuger erkrankt an Covid-19. Vom Contact Tracing hört er bis am 9. Krankheitstag nichts. Eine medizinische Auskunft zu bekommen erwies sich als knifflig. (Bild: zvg Adobe Stock)

Kommunikationspannen bei Zuger Coronafall Angehörige von Erkrankten: «Ich fühlte mich vom Kanton im Stich gelassen»

6 min Lesezeit 13.11.2020, 05:00 Uhr

Als die Zahl der Coronaerkrankten im Kanton Zug im Oktober drastisch anstieg, wurden auch die Contact Tracer herausgefordert. Bei einem spezifischen Fall versagten gleich mehrere Kommunikationskanäle. Wie kommt das?

Eigentlich ist der Ablauf in Falle einer Covid-Infektion im Kanton Zug klar. Sobald eine Infektion mittels Test festgestellt wurde, begibt sich die erkrankte Person in Isolation. Es folgt eine Kontaktaufnahme des kantonalen Contact Tracings. Dies passiert neuerdings via SMS, spätestens 24 Stunden später sollte sich eine medizinische Fachperson via Telefon melden.

Nur: Immer klappt das nicht, wie ein Beispiel aus Zug zeigt, bei dem gleich mehrere unglückliche Begebenheiten zusammenkamen.

Am 31. Oktober macht Leo Hunziker* aufgrund verschiedener Grippesymptome einen Covid-Test. Dieser fällt positiv aus. Hunziker, Jahrgang 1972 ohne bekannte Vorerkrankungen, begibt sich in Isolation, gleichzeitig begibt sich seine Frau Marlis Hunziker* als Kontaktperson ebenfalls in Quarantäne. Ihr Testresultat ist negativ.

Niemand vom Contact Tracing meldete sich

«Es hiess, jemand vom ärztlichen Dienst melde sich telefonisch bei meinem Mann», sagt die Oberägererin. Es geschieht jedoch nichts. Niemand kontaktiert Hunziker, und auch der 17-jährige Sohn, der drei Tage später einen positiven Covid-Befund erhält, bekommt keinen Anruf. Entsprechend wird auch kein Code vergeben, den die Betroffenen bei aktiver Covid-Tracing-App eingeben könnten.

Während die Krankheit des Sohnes mild verläuft, werden die Symptome bei Leo Hunziker immer stärker. Vier Tage nach dem Test ist der Husten so stark, dass der Auswurf leicht blutig ist, zudem kann der Mann kaum aufstehen. «Ich war sehr verunsichert», erklärt seine Partnerin. «Mitunter, da ich ja die Verantwortung für ihn trug. Wir kommunizierten zwar häufig via Telefon und durch die geschlossene Türe, doch ist es schwieriger, abzuschätzen, wie es jemandem geht, als wenn man die andere Person nicht live sieht.»

Was also tun? Abwarten? Den Mann ins Spital fahren? Den Notruf kommen lassen, da sich die Ehefrau selber ja ebenfalls in Quarantäne befindet?

Eine Telefonodyssee

Aufgrund ihrer Verunsicherung meldet sich Marlis Hunziker zunächst beim kantonsärztlichen Dienst. Dort erklärt man ihr, dass man ihr betreffend medizinischer Anliegen keine Auskunft erteilen könne und verweist sie weiter an ihren Hausarzt. Dieser jedoch befindet sich zur selben Zeit ebenfalls in Quarantäne und kann auch keine Auskunft geben. «Einen Stellvertreter hatte er nicht ernannt, wie mir die Praxisassistentin erklärte.» Sie solle sich auf der Hauptnummer des Kantonsspitals melden, sagt diese weiter.

«Auf der Hauptnummer konnte man mir jedoch nicht helfen und verband mich mit dem Notfall.» Doch auch dort hat Hunziker kein Glück. «Vielmehr erklärte man mir dort, dass man nicht so recht wisse, warum ich mit ihnen verbunden worden sei. Man verband mich intern mit dem Covid Center. Dort hebt ebenfalls eine verdutzte Person den Hörer ab, die erklärt, dass sie selber keine medizinische Fachperson sei und nicht weiterhelfen könne. Immerhin versprach sie, mich zurückzurufen», sagt Marlis Hunziker. Dies wurde auch gemacht, nachdem besagte Person den zuständigen Oberarzt konsultiert hatte.

«Wenn so etwas passiert, verliert man auch ein Stück weit das Vertrauen ins ganze System.»

Marlis Hunziker, Angehörige mehrerer Coronaerkrankter

Dieser entscheidet, dass Hunziker mit ihrem Mann in den Notfall kommen solle. Nur wenn dieser nicht transportfähig sei, soll der Notruf gewählt werden. «Bevor ich im Notfall eintreffe, solle ich mich jedoch noch einmal melden, damit das Personal wisse, dass ein Covid-Patient kommt», erinnert sich Marlis Hunziker. «Für mich war diese Information irritierend. Ich glaube von mehreren offiziellen Stellen gehört zu haben, dass man sich im Falle einer Coviderkrankung auf keinen Fall selber in die Notaufnahme begeben solle.»

Unschöne Situation für Alleinstehende

«Nach dieser Odyssee fühlte ich mich sehr im Stich gelassen vom Kanton und dachte mir: Offenbar muss die Situation erst so schlimm sein, dass man auf die Ambulanz angewiesen ist, bevor man Hilfe erhält. Wenn so etwas passiert, verliert man auch ein Stück weit das Vertrauen ins ganze System», sagt Hunziker. Und sie ergänzt: «Insbesondere, da die Behörden gegenüber den Medien immer wieder betonten, dass der Kanton die Lage im Griff habe.»

Es gehe ihr ganz und gar nicht darum, den Kanton anzuschwärzen, erklärt Hunziker. «Doch wenn man diese Pandemie in den Griff bekommen will, müssen solche Abläufe anders gehandhabt werden.» Auch denke sie insbesondere an Personen, die alleine leben würden. «Was, wenn es denen schlecht geht und sie dann niemanden erreichen können?»

Am Dienstagmorgen, also erst eine Woche nach seinem Test, wird Hunzikers Sohn erstmals telefonisch kontaktiert. «Ich selber erhielt am Mittwoch, also eineinhalb Wochen nach Anfang meiner Quarantäne, einen ersten Anruf. Mein Mann jedoch wurde bisher nie kontaktiert.»

Warum hat das System versagt?

Wie konnte es zu all diesen Kommunikationspannen kommen? Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri erklärt: «Tatsächlich waren für uns die letzten Wochen sehr hektisch. Dies nicht nur, weil die Zahl der Ansteckungen signifikant gestiegen ist.»

Der Kanton habe nämlich genau während dieser Zeit das Contact Tracing von der Lungenliga übernommen, welche bis dahin dafür zuständig war. Hauri weiter: «Wir haben also während voller Fahrt quasi das Schiff gewechselt. Es ist gut möglich, dass wir in dieser Zeit Ladungen verloren haben.» Mit der Änderung einher ging auch ein Wechsel auf ein neues Informationssystem. Dieses komme nun jedoch ins Rollen, so Hauri.

«Es gibt es in besonders turbulenten Zeiten wohl Situationen, in denen wir so stark hinterherhinken, dass einzelne Tracings schlicht untergehen.»

Rudolf Hauri, Kantonsarzt

Erkrankte werden bei Erstgespräche mit den Contact Tracern nach ihrem Gesundheitszustand gefragt, ausserdem wird festgelegt, wie sich die Infizierten in ihrer spezifischen Situation zu verhalten haben. Entsprechend sind diese Telefonate von grosser Wichtigkeit. Wie kann es passieren, dass dieser Schritt nicht stattfindet?

Informationen bleiben stecken, Telefonnummern sind falsch

«Ich kenne besagten Fall nicht. Doch gibt es mehrere Möglichkeiten, weshalb ein Tracing scheitert. Etwa kommt es vor, dass die Informationen der Labore nicht bis zu uns kommen, sondern irgendwo steckenbleiben.»

Weiter könne das mit der Ortsangabe zusammenhängen, so Hauri. «Ist jemand im Kanton Graubünden angemeldet, jedoch Wochenaufenthalter in Zug, erscheint er im Zuger System nicht. Häufig kommt es überdies vor, dass Telefonnummern nicht richtig angegeben werden oder die Leute telefonisch schlichtweg nicht erreichbar sind.» Weil alle Infizierten in Zug mittlerweile vor dem Erstkontakt eine SMS erhalten, werde wärmstens empfohlen, beim Test die Handynummer anzugeben.

Hauri gesteht ein: «Und dann gibt es in besonders turbulenten Zeiten wohl Situationen, in denen wir so stark hinterherhinken, dass einzelne Tracings schlicht untergehen. Für diese Fälle können wir nur um Entschuldigung bitten. Wir hoffen, dass uns nach der Neuorganisation keine Kontakte mehr entgehen.»

Doch, so relativiert der Zuger Kantonsarzt, seien diese Probleme nicht nur in Zug bekannt. Auch in anderen Kantonen komme das Contact Tracing durch die rasch steigenden Fallzahlen an seine Grenzen, etwa in Kantonen der Romandie.

Kantonsspital verweist auf ärztlichen Notfalldienst

Auf den Fall angesprochen, nimmt das Zuger Kantonsspital wie folgt Stellung: «Bei einem nicht lebensbedrohlichen Notfall oder Unfall ist der Hausarzt zu kontaktieren. Ist dieser nicht erreichbar, kann man sich an den ärztlichen Notfalldienst des Kantons Zug, unter 0900 008 008, wenden.» Dort erfolge eine Triage mit einer Empfehlung zum weiteren Vorgehen.

Weiter erklärt man beim Kantonsspital: «Die Ärztinnen und Ärzte des Zuger Kantonsspitals nehmen telefonisch keine medizinischen Beurteilungen vor. Patientinnen und Patienten können jedoch jederzeit direkt das Notfallzentrum des Kantonsspitals aufsuchen und sich vor Ort ärztlich beurteilen lassen.» Dies rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr. Handle es sich um einen akuten lebensbedrohlichen Notfall, sei die Nummer 144 zu wählen.

Auf Nachfrage von zentralplus überprüfen die Verantwortlichen des Contact Tracings noch einmal, was in den spezifischen Fällen passiert war. Dort konstatiert man, dass man sehr wohl probiert habe, Leo Hunziker für ein Erstgespräch auf dem Handy zu erreichen. Er habe jedoch den Anruf nicht entgegengenommen. Eine Aussage, der Hunziker klar widerspricht.

Neun Tage nach Feststellen der Krankheit konnte Marlis Hunziker aufatmen. Der Gesundheitszustand ihres Mannes begann sich endlich zu bessern. «Bis dahin wussten wir wirklich nicht, in welche Richtung das Ganze kippt.»

*Name der Redaktion bekannt

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