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Andrea Gmür: «Wir können keine Leute brauchen, die zu allem nur Nein sagen»
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Andrea Gmür zieht mir ihrem Wahlmobil durch den Kanton – und im Herbst womöglich in den Ständerat. (Bild: jal)

Die Chancen der Luzerner CVP-Ständeratskandidatin Andrea Gmür: «Wir können keine Leute brauchen, die zu allem nur Nein sagen»

9 min Lesezeit 3 Kommentare 20.09.2019, 05:02 Uhr

Die Fussstapfen sind gross, die Konkurrenz genauso: Andrea Gmür-Schönenberger soll für die CVP den Ständeratssitz von Konrad Graber verteidigen. Die 55-Jährige glaubt, dass die Menschen den Wert eines guten Kompromisses wieder schätzen. Auch wenn das – wie etwa beim Vaterschaftsurlaub – viele unzufrieden zurücklässt.

Wird Andrea Gmür-Schönenberger in den Ständerat gewählt, wird sie genau 40 Jahre nach ihrem Vater ins Stöckli einziehen. Jakob Schönenberger wird das zwar nicht mehr miterleben können, er ist letzten Sommer gestorben. Die Luzerner CVP-Nationalrätin sagt gleichwohl: «Das wäre für mich schon etwas Spezielles.»

Die 55-Jährige erinnert sich gut an die zwölf Jahre, in denen ihr Vater für den Kanton St. Gallen in der kleinen Kammer politisierte. Sie erlebte die Wahlkämpfe und den politischen Alltag hautnah mit. «Das war nicht immer lustig», erzählt sie rückblickend. Von ihrem Geschichtslehrer an der Kantonsschule, «er war eher links», habe sie sich stets anhören müssen, was ihr Vater alles falsch mache.

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Gegen interne Konkurrenz durchgesetzt

«Das war wohl der Grund dafür, dass ich einige Jahre brauchte, um mich als CVP-Mitglied zu outen», sagt sie und schmunzelt. Schon früh sei ihr der Gerechtigkeitssinn, für Gmür einer der zentralen Werte der Partei, wichtig gewesen. Als Kantischülerin habe sie in den Sommerferien jeweils in einem Fleischbetrieb gearbeitet – und erlebt, dass ein junger Mann im gleichen Job mehr verdiente als sie. «Ich setzte mich zur Wehr und bekam anschliessend gleich viel Lohn.» 

Missstände beseitigen möchte sie zukünftig im Stöckli: Im Herbst will Andrea Gmür für die CVP in den Ständerat einziehen und damit den Sitz des einflussreichen Konrad Graber verteidigen. Dafür hat sich die Stadtluzernerin an einer der grössten Delegiertenversammlungen in der Geschichte der Luzerner CVP gegen zwei Konkurrenten durchgesetzt (zentralplus berichtete).

Noch vor nicht all zu langer Zeit hätte kaum jemand am Erfolg der CVP-Kandidatur gezweifelt. Denn schon seit Jahrzehnten teilen sich CVP und FDP die zwei Luzerner Sitze im Stöckli.

Doch seither haben beide Parteien einen Sinkflug hinter sich. Und das neueste Wahlbarometer prognostiziert der CVP einen trüben Herbst. Sie droht am 20. Oktober unter die magische 10-Prozent-Marke zu fallen, überflügelt sogar von den Grünen.

Optimistisch – trotz allem

Im katholisch geprägten Luzern ist die CVP bei den kantonalen Wahlen jedoch nach wie vor die mit Abstand wählerstärkste Partei. Umso stärker dürfte der Druck auf Andrea Gmür lasten, den CVP-Sitz zu halten. Trotz allem blickt sie dem Oktober zuversichtlich entgegen: «Die Menschen lernen den Wert eines guten Kompromisses langsam wieder schätzen», sagt sie. Als Beispiel nennt sie das Steuer-AHV-Reform-Paket, das die CVP massgeblich mitprägte und das vom Volk abgesegnet wurde. Nachdem die zwei Vorgänger-Reformen – zur AHV und zu den Unternehmenssteuern – gescheitert waren.

«Wir können nicht einfach die Abgaben derart erhöhen, dass sich nur noch die Reichsten das Autofahren leisten können.»

«Die Leute merken, dass nicht Polarisierung, sondern Lösungen unser Land weiterbringen», sagt Gmür. Und Lösungen brauche es gerade auch in der nächsten Legislatur. Die Sicherung der Sozialwerke, der Klimawandel, die Gesundheitskosten und das Verhältnis zu Europa: Es stehen schwere Brocken an. «Bei diesen zentralen Problemen können wir nicht Leute brauchen, die ständig nur Nein sagen.»

Dies dürfte ein Seitenhieb gegen die SVP sein. Deren Kandidat Franz Grüter werden die grössten Chancen zugebilligt, der CVP den Ständeratssitz streitig zu machen. Der Millionär aus Eich politisiert zwar stramm auf Parteilinie, hat sich aber als «Datenpionier» einen Namen gemacht und wird als Unternehmer auch von der FDP und vom Wirtschaftsverband unterstützt.

Sollte Andrea Gmür deswegen nervös werden, sie liesse es sich jedenfalls nicht anmerken. «Ich mache mein Ding und lasse mich nicht beirren», sagt sie. Auch in ihrem über 600-köpfigen Komitee finden sich Unternehmer wie zum Beispiel Peter Galliker. Zudem präsentiert sie sich im Wahlkampf als ideale Ergänzung zu Ständerat Damian Müller: Er, der FDP-Mann vom Land, sie, die CVP-Frau aus der Stadt. In erster Linie hat Gmür nebst der eigenen Basis wohl auch die liberalen Wähler im Visier.

Die Anfang Woche lancierte Google-Kampagne der CVP Schweiz, die auch Damian Müller ins Visier nahm und beim FDP-Ständerat gar nicht gut ankam, dürfte diesem Ziel kaum geholfen haben (zentralplus berichtete). «Ich bin unglücklich darüber, wie es gelaufen ist», sagt Andrea Gmür dazu. Sie habe sofort bei der Parteispitze interveniert und gegenüber Damian Müller im Bundeshaus ihr Bedauern darüber geäussert. Gmür stört sich weniger an der nationalen Kampagne selber, sondern vielmehr daran, dass Müller als FDP-interner Vorreiter der Klimapolitik und als Bündnispartner der Luzerner CVP im Zusammenhang mit dem CO2-Gesetz kritisiert wurde. Sie stimme zudem in praktisch allen wesentlichen Fragen, die das nationale Parlament endlich lösen müsse, mit Damian Müller überein. Dass ihr die Kampagne schaden könnte, glaubt Andrea Gmür nicht.

Auf die Gerüchte, wonach sogar in der CVP manche damit liebäugeln, sie bei einem schlechten Abschneiden nach dem 1. Wahlgang durch einen anderen Kandidaten – etwa Regierungsrat Guido Graf – zu ersetzen, mag sie nicht näher eingehen. «Ich fühle mich sehr getragen von der Partei und bin zuversichtlich, dass es am 20. Oktober gut kommt», sagt sie im Foyer des Hotels Schweizerhof, wo sie am frühen Morgen beim «Gipfeltreffen» des städtischen Wirtschaftsverbands gastierte.

Eine Wirtschaft mit sozialem Einschlag

Lieber als über wahltaktisches Geplänkel spricht sie über Inhalte. Auch ihr seien die Rahmenbedingungen für die KMU wichtig. Sie tritt ein für eine soziale Marktwirtschaft. Was das heisst: «Wir dürfen die Wirtschaft nicht permanent stärker belasten. Eine starke Wirtschaft hilft uns, einen Teil der Mittel für diejenigen einzusetzen, die sozial benachteiligt sind.» Auch beim Klimawandel lautet ihr Rezept: eine Mischung aus Verboten und Anreizen. «Wir können nicht einfach die Abgaben derart erhöhen, dass sich nur noch die Reichsten das Autofahren leisten können.»

Andrea Gmür an einer Wahlkampfaktion in Aktion:

Gmür ist sich bewusst, dass sich diese Positionen nicht so einfach verkaufen lassen wie jene der Polparteien. Dazu kommt, dass sie nicht als Meinungsmacherin in den derzeit besonders beachteten Themen gilt.

Sie hat sich einen Ruf als Bildungspolitikerin gemacht. In den letzten vier Jahren im Nationalrat setzte sie sich zudem stark für den Durchgangsbahnhof und gute SBB-Verbindungen rund um Luzern ein. Andrea Gmür forderte aber auch, dass englischsprachige Filme im Schweizer Fernsehen nur noch im Original mit deutschen Untertiteln zu sehen sein sollen. Oder sie verlangte, dass der Bund klärt, wem archäologische Funde gehören. Ihre Vorstösse sind ein Sammelsurium verschiedenster Anliegen. «Das sind nicht immer die weltbewegendsten Themen», sagt sie selber dazu. «Aber wenn ich irgendwo Handlungsbedarf sehe – und sei es ein Veloständerproblem – gehe ich das an.» 

Mehr Frauen im Bundeshaus

Das hat auch damit zu tun, dass sie die Anliegen der Menschen ernst nehme und in die Politik tragen wolle. Andrea Gmür berichtet von einer Begegnung mit einer Frau auf der Strasse: «Sie erzählte mir, dass sie eine frühe Fehlgeburt erlitten hatte und die Kosten selber zahlen musste, weil die Krankenkasse erst ab der 11. oder 12. Schwangerschaftswoche dafür aufkommt.» Ein Missstand, den Gmür beheben will. Ein entsprechender Vorstoss ist aber bereits hängig, andernfalls wäre die Luzernerin aktiv geworden.

«Selbst jetzt, wo alle vier erwachsen sind, muss ich mir die Frage anhören, ob ich meine Kinder noch sehe.»

Diese Begegnung ist für sie auch ein Indiz, dass es das Engagement von «Helvetia ruft» braucht, einer Initiative für mehr Frauen im Bundeshaus. «Wir ticken teilweise anders, wir bringen andere Probleme und andere Perspektiven ein. Ich bezweifle, dass die erwähnte Frau einem Mann von ihrer Fehlgeburt erzählt hätte.» Der Frauenbonus dürfte bei den Wahlen – auch wenn Gmür keinesfalls darauf reduziert werden will – gerade nach dem landesweiten Streik diesen Juni eine wichtige Rolle spielen.

Wieso sie gegen die Vaterschafts-Initiative ist

Als vierfache Mutter kennt Andrea Gmür die Schwierigkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. «Selbst jetzt, wo alle vier erwachsen sind, muss ich mir die Frage anhören, ob meine Kinder mich noch sehen», enerviert sie sich. Bei ihrem Mann hingegen, der beruflich immer stark eingespannt war und ist, sei das nie ein Thema gewesen.

Dass nicht mit gleichen Ellen gemessen wird, stört die langjährige Präsidentin der städtischen CVP: «Eine Frau wird kritisiert, wenn sie keine Kinder hat, wenn sie mit Kindern zu viel arbeitet, wenn sie ohne Kinder nur Teilzeit arbeitet. Dabei sollte jede Familie das Modell leben, das für sie stimmt.»

Familie Gmür-Schönenberger schaffte die Vereinbarkeit dank Andrea Gmürs Schwiegereltern und einer Tante. Sie hüteten die Kinder, während deren Mutter Teilzeit unterrichtete. «Ich war in einer privilegierten Situation», sagt sie.

Dazu beitragen, die gesellschaftlichen Rollenbilder zu ändern und die Vereinbarkeit zu fördern, könnte ein Vaterschaftsurlaub von mehr als einem Tag. Eine Initiative verlangt vier Wochen, doch das lehnt Andrea Gmür ab. Sie unterstützte letzte Woche im Parlament wie die Mehrheit im Nationalrat den indirekten Gegenvorschlag mit zwei Wochen.

Doch inzwischen gilt der Vaterschaftsurlaub bereits als überholt, die Forderung einer Elternzeit – 15 Wochen für die Mutter und 2 Wochen für den Vater – steht zur Diskussion. Reichen also die zehn Tage in den Augen einer Familienpolitikerin? Gmür sagt selber, dass die Schweiz in Sachen Familienfreundlichkeit weit hinten steht: «Die Elternzeit wird kommen, aber die Zeit ist noch nicht reif.» Die zehn Tage Vaterschaftsurlaub hingegen seien mehrheitsfähig. Für KMU tragbar und für Eltern ein erster Schritt in die richtige Richtung – auch wenn das viele unzufrieden zurücklasse. «Die Schweiz zeichnet sich durch eine Politik der kleinen Schritte aus.»

Der Dialekt, er bleibt

Ein Satz, der die Politik der CVP wohl recht gut trifft. Eine Volkspartei, die den Mittelweg sucht statt radikale Sprünge. Wohl nur schon deshalb, weil sie sich dank ihres breiten Spektrums auch parteiintern Kompromisse gewohnt ist.

Andrea Gmür verortet sich innerhalb der Partei in der Mitte, wie sie sagt. Und das C im Namen, wie wichtig ist das? Und wie hält sie es mit dem Kirchgang?

Das C ist wichtig, Kirchgang ja: Dennoch ist es einer der seltenen Momente, in denen sich Andrea Gmür ärgert. Dass ihre Partei und die Kirche gleichgesetzt werden, stört sie: «Uns geht es um eine christlich geprägte Kultur, um Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Freiheit. Die CVP hält die Schweiz zusammen – und zwar völlig unabhängig von der Frage, wer in die Kirche geht.»

Andrea Gmür, übrigens auch Geschäftsführerin der Josi-J.-Meier-Stiftung, spricht ein ausgeprägtes Ostschweizerdeutsch, obwohl sie schon seit 30 Jahren in Luzern lebt. «Mein Dialekt wird mir noch als 90-Jährige – wenn ich so alt werde – bleiben. Die Weltoffenheit der Luzernerinnen und Luzerner zeigt sich darin, dass sie mich trotzdem als ihre Vertreterin nach Bern gewählt haben», sagt sie lachend. Und hofft, dass es ihr im Herbst erneut gelingt – diesmal in den Ständerat.

Hinweis: Die Porträts aller Luzerner Ständeratskandidaten finden Sie im Dossier.

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3 Kommentare
  1. Roland Grüter, 20.09.2019, 17:05 Uhr

    “Sie hat sich einen Namen als Bildungspolitikerin gemacht”. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Tatsache, dass sie damals als “Chefin” der Nein-Sager gegen die Bibliotheks-Erneuerung fungierte! Damit hat sie sich wahrlich als Bildungspolitikerin präsentiert.

  2. Roland Grüter, 20.09.2019, 17:01 Uhr

    “Sie hat sich einen Namen als Bildungspolitikerin gemacht”. Erinnert sich man noch an die Tatsache, dass sie als “Chefin” der Nein-Sager gegen eine Bibliotheks-Erneuerung fungierte! Was hatte das mit Bildung zu tun?

  3. Urs Eggler, 20.09.2019, 13:20 Uhr

    Schade, dass die CVP und Frau Gmür bei den RR-Wahlen nicht Korintha Bärtsch unterstützt haben, das käme ihnen jetzt zugute. Aber so wie ich das in Erinnerung haben, hab ich keine Lust, ihr die Stimme zu geben, wohlwissend dass es im Leben immer auch noch schlimmer kommen kan.