Andrea Dahinden: «Ich dachte, nach dem Outing werde es einfacher»
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Seit zweieinhalb Jahren lebt Andrea Dahinden offen als Frau. (Bild: wia)

71-jährige Baarerin lebt seit zwei Jahren als Frau Andrea Dahinden: «Ich dachte, nach dem Outing werde es einfacher»

5 min Lesezeit 3 Kommentare 19.07.2020, 05:00 Uhr

Andrea Dahinden outete mit 69 Jahren, dass sie sich als Frau fühlt. Eine Bekundung, die ihr Leben nicht einfacher gemacht hat. Gelohnt hat es sich trotzdem, ist die Baarerin überzeugt.

Andrea Dahinden sitzt im Café Nussbaumer in Baar, vor ihr eine halbvolle Tasse Kaffee. Ihre Hände liegen vor ihr auf dem Tisch, die Fingernägel sind in sanftem Beigeton lackiert. Dass sie diese in der Öffentlichkeit zeigen kann, war bis vor zweieinhalb Jahren nicht möglich.

Bis zu diesem Zeitpunkt lebte Andrea Dahinden sowohl in der Öffentlichkeit als auch zu Hause als Mann. Und das, obwohl «Turi» bereits früh wusste, dass er im falschen Körper geboren wurde.

Vor rund zwei Jahren machte sie Tabula Rasa

Jahrzehntelang führte die Baarerin ein Doppelleben. Sowohl von ihrer Identität als Frau als auch von ihren Alkoholproblemen wusste niemand. Ein Versteckspiel, das 2014 in einem gescheiterten Suizidversuch endete. Nach dem Alkoholentzug und einem Aufenthalt in der Psychiatrie dauerte es dennoch einige Zeit, bis sich Andrea 2019 vor ihrer Familie und ihrem Umfeld outen konnte (zentralplus berichtete).

Nun wissen alle Bescheid. Ihre Ehepartnerin, die beiden Söhne, die Verwandtschaft. Auch im Veloverein und bei der Wandergruppe weiss man mittlerweile, dass es Turi nicht mehr gibt. «Die meisten nehmen das gut auf und nennen mich Andrea», sagt Dahinden. Nur wenige kämen mit der Veränderung nicht klar. «Ein Mitglied des Velovereins hat mir verboten, mich an seinen Tisch zu setzen.» Sie schmunzelt, als sie davon erzählt. «Seither schaue ich, dass ich jeweils vor ihm im Lokal bin. Dann kann ich mich dorthin setzen und er muss sich einen anderen Tisch suchen.»

Auch in der Familie fällt es nicht allen gleich leicht, Andreas neues Leben zu akzeptieren. «Mein Bruder nennt mich nach wie vor Turi. Er lässt mich zwar leben, doch schafft er es nicht, mich als Frau zu bezeichnen», sagt die heute 71-Jährige.

Eine Perücke als Geburtstagsgeschenk

Vor einiger Zeit habe ihr ihre Familie jedoch einen Kosmetikgutschein und eine Perücke zum Geburtstag geschenkt, erzählt sie begeistert und zeigt gleich ein paar Fotos. «Nun jedoch habe ich lange Haare und fühle mich ohne Perücke wohler.»

Die Perücke hat Dahinden von ihren Verwandten geschenkt bekommen.

Nach wie vor schwierig sei für Dahinden die Lage zu Hause. Noch immer lebt sie mit ihrer langjährigen Ehepartnerin im gemeinsamen Haushalt.

Dahinden gesteht: «Ich dachte, nach dem Outing werde es einfacher. Trotzdem habe ich dadurch sehr viel Freiheit gewonnen, die ich nie mehr hergeben würde.»

So trägt Andrea Dahinden bei unserem Treffen Rock, Bluse und Absatzstiefel. Sie tut es mit sichtlichem Stolz, freut sich über das passende Outfit, für das sie einen guten Preis bezahlt hat.

Stolz trägt Andrea Dahinden heute Rock und Bluse. (Bild: wia)

Das Chamer Langhuus als Oase

Seit eineinhalb Jahren leistet die Baarerin nun beim Verein Langhuus in Cham Freiwilligenarbeit als Velomechanikerin. «Dort flicke ich zwei- bis dreimal wöchentlich Velos, die wir geschenkt bekommen, um sie später an Flüchtlinge weiterzugeben. Insbesondere jene, die keinen Buspass erhalten, sind darauf angewiesen», erklärt sie.

«In der Werkstatt bin ich als Frau tätig. Nicht selten trage ich bei der Arbeit einen Rock.» Überhaupt fühle sie sich im Langhuus sehr geborgen. «Es ist eine richtige Oase. Meine Arbeit wird sehr geschätzt und ich kann mein Wissen weitergeben. Eine Win-Win-Situation. Ich habe dort sogar ein eigenes Kräuterbeet angepflanzt», sagt sie nicht ohne Stolz.

«Eine Frau fragte mich letzthin, ob ich Mann oder Frau sei. Ich sagte, ich sei beides.»

Andrea Dahinden

«Letzthin kam eine muslimische Frau vorbei, um ein Velo zu holen. Sie fragte mich direkt, ob ich Mann oder Frau sei. Ich sagte, ich sei beides. Sie war verwundert und erzählte mir, dass man in ihrem Herkunftsland dafür sehr hart bestraft werde und viele mit dem Leben bezahlen müssten», so Dahinden.

Dass ihr mitunter solche Fragen gestellt würden mache ihr nichts aus. «Auch bin ich froh, wenn man mir direkt sagt, wenn ich etwas Dummes gemacht habe.» Etwa, als Dahinden letzthin mit dem Velo auf der Ibergeregg war. «Zuoberst auf dem Pass war ich völlig verschwitzt und zog mein Trikot aus. Erst als mich ein Kollege darauf hinwies, realisierte ich, dass ich ja im BH dastand», sagt sie und lacht.

«Ich habe das Trikot sofort wieder angezogen. Als Frau kann man nicht einfach im BH herumlaufen. Genauso wenig, wie man als Mann sein T-Shirt in der Beiz auszieht. Sowas gehört sich nicht.»

Der Alkohol ist immer nah

Seit einigen Jahren besucht Andrea Dahinden regelmässig die Treffen der Anonymen Alkoholiker. «Diese Treffen helfen mir sehr. Auch die regelmässigen Sitzungen bei der Psychologin brauche ich noch. Ich bin zwar schon seit sechs Jahren trocken, doch der Alkohol ist immer nah», sagt Dahinden über die Krankheit.

Selbst nach all der Zeit fällt es ihr schwer, ein Glas mit einem alkoholischen Getränk loszulassen, wenn sie es einmal in der Hand hält. Geschafft hat sie es in den letzten Jahren jedoch noch immer. «Dem Alkohol zu widerstehen braucht einen eisernen Willen. Den selben eisernen Willen, den es gebraucht hat, meine weibliche Identität jahrelang zu verstecken.»

Andrea Dahindens Ziel: Alt werden. «Ich möchte 80 werden. Damals, als ich noch trank, sagten mir alle, dass ich nicht einmal 65 Jahre alt würde.» Das körperliche Altern macht ihr nichts aus. «Im Gegenteil, ich wünsche mir mehr Runzeln. Das lässt die Gesichtszüge weiblicher werden.»

Auf dem Velo fühlte sich Andrea Dahinden schon immer wohl. (Bild: wia)

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3 Kommentare
  1. Lou, 21.07.2020, 09:57 Uhr

    Ich wünsche Andrea von Herzen alles Gute. Schön, hat sie diesen riesigen Schritt gemacht und sich selbst erkannt und geoutet. Das binäre Geschlechtssystem wurde von kirchlichen Institutionen eingeführt und ist mittlerweile mehr als obsolet. Hauptsache, jede*r fühlt sich wohl in der eigenen Haut.

  2. mebinger, 20.07.2020, 11:30 Uhr

    Irgendwie bin ich altmodisch, aber ich verstehe da alles nicht

  3. Jean, 20.07.2020, 06:47 Uhr

    Es ist immer schön, wenn sich Menschen selbst finden! Lieber spät als nie.

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Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.