András Özvegyi: «In der Stadt macht man leider keine Weltgeschichte»
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Seine Welt ist grün und gesund: András Özvegyi im Pausenraum des Ingenieurbüros. (Bild: hae)

Der höchste Stadtluzerner ist drei Monate im Amt András Özvegyi: «In der Stadt macht man leider keine Weltgeschichte»

8 min Lesezeit 1 Kommentar 03.01.2018, 05:01 Uhr

Seit drei Monaten ist András Özvegyi Präsident des Grossen Stadtrates. Der Grünliberale, der lange Jahre in Diensten der SBB stand, baut Brücken – aus Beton, für Menschen und für die Politik. Doch was treibt den Wahlluzerner mit ungarischen Wurzeln um?

Ein winterlicher Sonntagvormittag, Foyer des Luzerner Theaters: Da stehen wir bei Wein und Häppchen mit vielen Menschen aus dem Kulturkuchen, soeben wurden die Preise für die beste Kunst vergeben – und worüber diskutiert unsere Runde hitzig? Parkplätze, Dichtestress, nervende Asiaten! Was die Luzerner eben so umtreibt.

Mittendrin an diesem öffentlichen Anlass András Özvegyi (55), der als scheinbar für die Misere verantwortlicher Politkopf jeden Angriff mit einem Lächeln kontert. Und seine grünliberalen Ansichten dazu unentwegt wiederholt. Er, der Fussgänger, öVler und Naturfan. Der Mann mit dem grauen Haar legt sich stets mächtig ins Zeug, vertritt die in seinen Augen grüne und gleichzeitig wirtschaftsliberale Meinung, selbst an diesem herrlich poetisch gestalteten Sonntagmorgen. 

Wenig reden und viel sagen

Liest man dann auf der Website der Grünliberalen nach, schreibt András Özvegyi: «Ich will auch fördern und nicht verhindern, wenig reden und viel sagen, einfach bleiben, das Leben entschleunigen, auch mal nichts tun.» Nichts tun – gibt es dafür derzeit genügend Platz neben all den Verpflichtungen?

Herr der Brücken und Pläne: Bauingenieur András Özvegyi im Büro in der Tribschenstadt.

Herr der Brücken und Pläne: Bauingenieur András Özvegyi im Büro in der Tribschenstadt.

(Bild: hae)

Wohl kaum. Dann halt weiterdiskutieren, das ist seine Stärke. Schliesslich hat er als Bauingenieur ETH ein Nachdiplom in Verhandeln und Mediation gemacht. Und die Politik treibt ihn am meisten um: 24/7, 24 Stunden, sieben Tage die Woche ist er schon seit acht Jahren Politiker im Grossstadtrat. Und jetzt – seit 100 Tagen ist er gar der höchste Stadtluzerner – als Präsident des Grossen Stadtrates.

«Ich bin jetzt für alle da, meine Partei ist derzeit egal.»

András Özvegyi, diplomatischer Sitzungsleiter

«Ich bin jetzt für alle da, meine Partei ist derzeit egal», schickt er sich in sein Los. Aber er ist um treffende Sprüche nicht verlegen. So beginnt der Wortmächtige im Grossstadtrat jede Donnerstagssitzung mit einem Bonmot aus der Welt der Zitate. Beispielsweise dem weisen Satz von Nelson Mandela: «Man kann den politischen Gegner auch mit einer Umarmung bewegungsunfähig machen.»

«Wundertüte» András Özvegyi

András Özvegyi ist bei seinen Politikerkollegen als Person sehr geschätzt, seine Partei und ihre lokalen Mitglieder kann man aber nicht so richtig einordnen. Dies der Tenor einer Umfrage von zentralplus bei Mitgliedern diverser Parteien, wie sie den Präsidenten des Grossen Stadtrates sehen. Dabei ist herauszulesen, dass die Grünliberalen (GLP) wenig fassbar sind.

Einig sind sich alle, dass «András Özvegyi seine Aufgabe mit sichtlicher Freude erfüllt und den Kontakt mit der Bevölkerung liebt», wie Mirjam Fries erklärt. Und die CVP-Fraktionschefin ergänzt: «Als Ratspräsident kommt er in Kreise und Gesellschaften, die den Grünliberalen als kleine Fraktion sonst nicht zugänglich wären.» Er gilt als äusserst charmant und witzig.

Immer wieder ist zu hören, dass die Grünliberalen keine verlässlichen Partner seien. Mal schlagen sie sich auf die linke, dann wieder auf die bürgerliche Seite. Zudem hört man immer wieder, dass man Özvegyi und seine Mitstreiter als «Wundertüte» erlebe. «András ist politisch wenig fassbar», sagt Sonja Döbeli Stirnemann, FDP-Fraktionschefin. Dennoch habe er den Grünliberalen in dieser Stadt ein Gesicht gegeben, sagt seine Vorgängerin Katharina Hubacher. Doch auch hier gibt die Grüne zu bedenken: «Der Spagat zwischen grün und liberal ist manchmal halt doch sehr weit ...»

Keck fragt SVP-Fraktionschef Marcel Lingg abschliessend: «Wie wichtig ist die GLP für András Özvegyi ...?»

Das kommt bei den anderen 47 Grossstadträtinnen und Grossstadträten sehr an, denn damit schlägt András Özvegyi Brücken und bringt Menschen zusammen – so wie seine Konstruktionen für diverse Regionalbahnen. Das waren die Highlights seines Berufslebens: 2006 bis 2008 durfte er für 45 Millionen Franken die SBB-Doppelspur von Cham nach Rotkreuz bauen lassen. «Das war dringend nötig, denn seither kommt es kaum mehr zu Verzögerungen für die Pendler», freut er sich. Bauingenieur Özvegyi war als Projektleiter auch für die neue Doppelspur in Sarnen verantwortlich, und für das hübsch nostalgische Gütschbähnli war er ausserdem Präsident des Pro-Komitees.

«Ingenieure sind stille Schaffer, keine grossen Kommunikatoren», sagt er, doch András Özvegyi ist beides: Jetzt kann er weibeln, repräsentieren und die Sitzungen leiten – und sich ansonsten für einmal (politisch) zurücklehnen. So wie an diesem Dienstagabend an seinem Stubentisch in der Tribschenstadt, als zentralplus ihn privat besucht. Da sitzt er, blättert mit einem Schmunzeln in den Fotoalben aus alten Tagen und trinkt seinen Kräutertee: «Wunderbar anregend, von den Klosterfrauen in Niederrickenbach mit viel Liebe geerntet.» Dort, am Fuss des Haldigrats, geht der Politiker gerne wandern oder in der Landbeiz auf luftiger Höhe, dem Pilgerhaus Maria-Rickenbach, etwas schmausen.

Familienmensch: András Özvegyi mit Sohn Thomas.

Familienmensch: András Özvegyi mit Sohn Thomas.

(Bild: zvg)

Bewegung und Natur sind ihm wichtig: die Berge, der Fussball, das Velofahren. Erinnerungen an seine Zeit beim SC Obergeissenstein werden wach. Und er erzählt Anekdoten von ehemaligen Kollegen, die heute beruflich die Stadt aufmischen. Von Aufstiegsträumen, Halbprofis und Torprämien in der dritten Regionalliga, die statt des Erfolges nur Zwietracht ins Team brachten. «Ach, was für eine wilde Zeit!», sagt er. Wild war damals auch Özvegyis Mähne, ähnlich dem Haarbusch des besten Kolumbianers aller Zeiten, Carlos Valderrama …

Mit rauschender Mähne: Stürmerstar beim SC Obergeissenstein András Özvegyi (Mitte, Zweiter von links).

Mit rauschender Mähne: Stürmerstar beim SC Obergeissenstein András Özvegyi (Mitte, Zweiter von links).

(Bild: zvg)

Stolz ist Familienmensch Özvegyi auf seine drei Kinder, und er sagt: «Es sind gute Kinder geworden, mit interessanten Berufen: Aila ist bald Völkerkundlerin, Jana Pharmazeutin, Thomas startete soeben ein Studium zum Geograph und Klimatologen.» Hingegen nagt er noch heute daran, dass er eine Scheidung hinter sich zu bringen hatte, als seine Kinder erst drei, sieben und acht Jahre alt waren. «Mir ging es damals nicht gut, der Druck war enorm …»

Doch das war eine gute Lebensschule, denn heute weiss er: «In meinem Job sind täglich Problemlösungen angesagt.» Das gelte auch für die Politik. Deshalb ist András Özvegyi auch so geduldig. 

Old school und hip: Er hört Schallplatten

Fragt man im Ingenieurbüro Basler & Hofmann an der Landenbergstrasse, wo Özvegyi in einem 80-Prozent-Pensum am Pult mit Blick auf seinen geliebten Pilatus angestellt ist, nach, hört man über den höchsten Luzerner nur Positives: Sein Bürogspändli Felix Leu attestiert Özvegyi «hohe Fachkompetenz, gepaart mit grosser Sozialkompetenz. Bei uns im Büro ist András sehr unpolitisch, das trennt er sehr gut. Sein politischer Einblick hilft uns oft zur Einordnung …», und Özvegyi unterbricht und ergänzt: «Ich bringe unser Team dann wieder in die Realität.»

«In der Stadt redet man über Randsteine und Gebüsche.»

Doch wieder zurück in seine nur rund 200 Schritte vom Büro entfernte Wohnung. «In der Stadt redet man über Randsteine und Gebüsche, man macht leider nicht Weltgeschichte», sagt er und nimmt einen weiteren Schluck Tee. Dann stellt er Musik an, gerne noch von Schallplatten: Blues oder Jazz, am liebsten von den Rolling Stones, Eric Clapton oder Pat Metheny.

Der Bluesfan: András Özvegyi in seiner Musikecke vor Montreux-Plakaten.

Der Bluesfan: András Özvegyi in seiner Musikecke vor Montreux-Plakaten.

(Bild: hae)

Zufrieden sieht er aus in seiner Musikecke, an der Wand hängen Plakate vom Montreux Jazz Festival. Und wir bringen wieder Politik und Macht ins Gespräch. «Ja, was würde mich denn reizen?» Der Politmann studiert lange, dann sagt er, die Macht ziehe ihn schon auch an. «Aber viele verstehen Macht nur als noch mehr Besitz – doch der bringt doch nur mehr Bürde, Verantwortung und Verpflichtungen.»

Das klingt realitätsnah und nicht verblendet. Welche politischen Machthaber machen ihm Eindruck? Etwa der jugendliche Franzose Emmanuel Macron? «Der hat doch noch gar keinen Leistungsausweis», weiss der Grünliberale. Wie hat er es mit der deutschen Landesmutter Angela Merkel? András Özvegyi: «Ein Grundproblem von vielen Politikern: Die Leute können selten im richtigen Moment abtreten, nach 12 Jahren solider Arbeit sollte man den Abgang doch mal anvisieren und dann gut erwischen …» 

«Das Pendel wird bei Trump bald zurückschlagen.»

Schweifen wir weiter weg: Der Kremlboss Wladimir Putin ist laut dem Luzerner besessen von der Macht, US-Präsident Donald Trump schlichtweg eine «Katastrophe – aber vielleicht muss das so sein: Denn das Pendel wird bald zurückschlagen». Spannend zu beobachten sei, wie Amerika das machen werde, «Trump mit seinem vielen Geld und damit auch enormem Einfluss wieder abzuwählen».

Es scheint, dass man bei András Özvegyi weit suchen muss, wenn man politische Vorbilder sucht. Doch, er weiss einen: Es gibt einen afrikanischen Präsidenten, Roch Marc Kaboré, der nicht protzt, der sein will wie sein Volk in Burkina Faso – das will Özvegyi auch. «Und wenn ich dann Diktator wäre …», fängt András Özvegyi an, und lacht. 

Provokative Ideen 

Der Grünliberale ist bekannt für seine provokativen Ideen, er flirtet gerne, auch auf Politebene. Etwa, als er 2010 für sich selber als Grossstadtrat Werbung machte und auf öffentlichem Grund sein Visitenkärtchen im Postkartenformat verteilte, sagte er charmant zu den Damen: «Etwas für Ihren Nachttisch …» Und zu den Herren der Schöpfung? «Voilà: ein seltenes Paninibild!» Nicht nur Fussballfans schmunzelten über den sportlich-flapsigen Humor.

«Paninibild» oder «Was für den Nachttisch»: Wahlpropaganda von 2010.

«Paninibild» oder «Was für den Nachttisch»: Wahlpropaganda von 2010.

(Bild: hae)

András Özvegyi ist ein witziger Mensch, obwohl er doch als Kind auch Leid erfahren musste. Staatenlos als Kind einer Schweizer Mutter und eines ungarischen Flüchtlings in den 60er-Jahren geboren, wuchs er in der Schweiz auf, als 13-Jähriger gelangte er von Zürich nach Luzern. Und auch in der Stadt «zigeunerte» er herum; er wechselte sechsmal die Wohnung, bis er 2004 in der modernen Tribschenstadt Ruhe fand. Hier lebt er nach dem Auszug der Kinder momentan alleine auf rund 120 Quadratmetern, zugegebenermassen ist das viel Platz für einen ökologisch gepolten Grünliberalen.

Fan von Frauenfussball

Seit acht Jahren ist er mit seiner neuen Partnerin Esther zusammen, die beim KKL arbeitet, sehr kulturaffin und gestalterisch ist. Mit ihr lebt er zwar in zwei Single-Wohnungen, aber sonst doch sehr bewusst: Man fliegt möglichst wenig, fährt mit dem Zug auch nach Holland, fährt dort Velo, und unterstützt Nischenevents wie Frauenfussball. Als Ramona Bachmann aus Malters an der EM mit den Schweizerinnen gegen Island gewann und skorte, waren András Özvegyi und Partnerin Esther offensichtlich die grössten helvetischen Fans: Man sah die beiden bei der TV-Liveübertragung immer wieder beim euphorisierten Fahnenschwingen.

Reise nach Budapest: András Özvegyi (rechts) mit Sohn und Vater; auf dem Foto sein Grossvater.

Reise nach Budapest: András Özvegyi (rechts) mit Sohn und Vater; auf dem Foto sein Grossvater.

(Bild: zvg)

Der Mann liebt öffentliche Auftritte. Und fühlt sich heute als Schweizer. Auch wenn er manchmal mit seiner Familie nach Budapest fährt, um da nach seinen Wurzeln zu forschen: Beim letzten Trip stiess er in einem Museum auf Fotos seines Grossvaters, der war Rangierchef des Güterbahnhofs Budapest. Ein «Bähnler» wie der Enkel.

Menschsein ist leider tabu

Mittlerweile ist es Nacht, wir trinken einen süssen ungarischen Tokayerwein und András Özvegyi kommt ins Philosophieren: «Ich glaube an das Gute in der Welt, obwohl ich so viel Schlechtes sehe», sagt er. Und erinnert sich daran, wie er bei seiner Vereidigung zum Präsidenten des Grossstadtrates in seiner Rede bedauerte, dass das Menschsein leider tabu sei.

Wie meint er das? «Wir sollten doch viel freier zeigen, wenn es uns schlecht geht, finde ich. Als Kind heult man doch jeden Tag – als Erwachsener schämt man sich dafür.» Er macht eine Pause, dann wälzen wir mögliche Lebensmotti und Werte. Da gibt er sich stark, ihm gefällt auch der Machospruch «Ein Mann, ein Wort».

«Mir sind die Bescheidenen sympathisch.»

Das Bonmot kann man sehr gut positiv auslegen: András Özvegyi steht für Verlässlichkeit, er will keinen Egoismus auf Kosten von anderen, und «mir sind die Bescheidenen sympathisch». Dazu passen sein Motto und sein Vorsatz: Man kann auch Zufriedenheit erlangen beim Geben. 

Schwelgen in Erinnerungen beim Tee: András Özvegyi zu Hause am Stubentisch.

Schwelgen in Erinnerungen beim Tee: András Özvegyi zu Hause am Stubentisch.

(Bild: hae)

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1 Kommentare
  1. Bernadette Hölzl, 03.01.2018, 12:53 Uhr

    Ein guter Einblick in das Leben eines spannenden Menschen!

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