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Andi Weibel: Überleben im Neubad
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Andi Weibel mit dem alten Heizkessel, der das Neubad Ende 2014 ganz schön in Bedrängnis brachte. (Bild: jav)

Der Mann hinter den Kulissen der Zwischennutzung Andi Weibel: Überleben im Neubad

5 min Lesezeit 23.01.2016, 05:00 Uhr

Im Neubad gibt’s immer was zu tun: Wasserschaden, Heizungsausfall, Rohrbruch – Andi Weibel kümmert sich um fast alles, was im ehemaligen Luzerner Hallenbad anfällt. zentral+ zeigt der Haustechniker die Baustellen der maroden Infrastruktur. Ein robuster Magen scheint dabei das Wichtigste zu sein.

Fast 50 Jahre alt ist das Luzerner Hallenbad an der Bireggstrasse mittlerweile. Ein Alter, in welchem zahlreiche Gebrechen sichtbar werden und selten Ruhe einkehrt. Immer wieder hört man von der maroden Infrastruktur im heutigen Neubad, von kaputten Maschinen, Heizungen, Wasserrohren. Wir wollten deshalb einen genauen Blick hinter die Kulissen des «Gemischtwarenladens und Kulturzentrums» werfen und haben uns dem Mann an die Fersen geheftet, der es wissen muss.

Andi Weibel ist seit Beginn der Zwischennutzung als Haustechniker mit dabei und kennt das verwinkelte alte Hallenbad wie seine Westentasche. Und nicht nur die Räume und die Technik. Der sympathische Luzerner mit dem langen, grauen Bart ist zu einem Gesicht der Zwischennutzung geworden.

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Kein Ende in Sicht

Weibel führte früher eine kleine Reinigung in Hochdorf. Nach der Schliessung dieser und einigen Gelegenheitsjobs kam er ans Neubad. Hier ist er zuständig für das, was täglich anfällt. Gemeinsam mit zwei weiteren Haustechnikern hält er die Infrastruktur in Schuss. Oder eigentlich müsste man sagen: Er sorgt für ihr Überleben. «Im Neubad ist es immer ein Überleben», sagt Weibel lachend. Und dafür muss er hart im Nehmen sein. 60 Prozent ist Weibel im Haus angestellt. «Offiziell. Inoffiziell ist es so einiges mehr. Aber die Überstunden spende ich dem Haus», bemerkt er, während wir die Treppen in den Keller runtersteigen.

«Geht nicht gibt’s nicht.»
Andi Weibel, Haustechniker im Neubad Luzern

Ständig seien sie am Reparieren und am «Päschelen». Die Arbeit am Haus höre nie auf. «Ist die eine Ecke wieder in Ordnung, brennt es in einer anderen.» So geht es stetig weiter, ein Ende ist nicht in Sicht – ausser vielleicht 2020 (zentral+ berichtete).

Über 90 Prozent wird selbst gemacht

Doch mittlerweile hat das Team einen guten Umgang mit dem Haus gefunden. «Geht nicht gibt’s nicht», betont Weibel. Irgendwie wird immer eine Lösung gefunden. Improvisation sei alles. «Wir machen in diesem Haus 90 bis 95 Prozent selbst.»

Energiefresser Neubad

Der Ölverbrauch der Heizung liegt bei Minustemperaturen bei bis zu 500 Litern am Tag – wenn der Pool für Veranstaltungen geheizt werden muss.

Die Stromrechnung alleine beträgt im Durchschnitt etwa 9'000 Franken pro Quartal.

Der defekte Heizkessel löste vor etwas mehr als einem Jahr einen ersten Hilferuf des Neubads aus (zentral+ berichtete). «Wir haben aus dem Heizkessel täglich 200 bis 300 Liter Wasser verloren. Das musste ständig aufgesaugt und nachgefüllt werden.» Wasser aufsaugen ist eine Arbeit, die Weibel mittlerweile wohl im Schlaf ausüben könnte.

Zu viel Wasser im Hallenbad

Passend zum alten Hallenbad scheinen Wasserschäden im Neubad ständig aufzutreten. Vor Kurzem leckte eine verstopfte, alte Leitung. Das Wasser floss durch die Böden bis in die Ateliers runter. «Ich habe stundenlang Wasser gesaugt.» Und damit ist noch lange nicht alles vorbei. «Wahrscheinlich muss der Boden ausgewechselt werden.» Der Dreck aus dem verstopften Rohr liegt noch in der Ecke rum. Für die Versicherung.

Bereits im Dezember zerbarst draussen vor dem Neubad ein Rohr der Kanalisation. Das Wasser floss ins Gebäude und weiter ins Untergeschoss. Im Kellerraum beim Starkstrom sammelte sich das Wasser und stieg stetig an, während in den oberen Stockwerken ganz normal der Betrieb weiterlief. «Ich war täglich am Raussaugen von Wasser. Ausser mir liess ich niemanden mehr in den Raum. Das war zu gefährlich», betont Weibel.

Fäkaliendramen

Die Leitungen sind mittlerweile alle veraltet. Aber manchmal ist es nicht nur Wasser, welches aus den Leitungen drückt. Die Fäkalienpumpe hat kürzlich den Geist aufgegeben. Wir wagen uns kurz zu ihr rein. Doch der Duft erinnert an stickige, heisse Tage in einer Stadt mit kochender Kanalisation. Wir schliessen die Tür und lassen den Gestank hinter uns.

Eine Chance, die Andi Weibel nicht hatte. Er musste die Fäkalien aus dem Keller saugen. «Zentimetertief floss alles aus den WCs zusammen. Hier habe ich das erste Mal ins Neubad gekotzt. Aber das war nicht ganz so schlimm. Ich konnte es ja gleich wieder aufsaugen.» Humor braucht man für diesen Job.

Verlängerung bis 2020 löste einiges aus

Weiter hinten im Kellergeschoss soll bald ausgebaut werden. Ein grosser Raum befindet sich hier unten – für Besucher bisher verborgen. «Bis im Sommer wollen wir daraus einen Konzertsaal machen», verrät Weibel. Die Bewilligungsverfahren laufen jedoch noch.

Seit Kurzem ist bekannt, dass die Zwischennutzung bis 2020 verlängert werden kann. Deshalb wird jetzt geplant und investiert. Eine neue Treppe soll, wenn alles wie geplant klappt, vom Bistro hinunter in den Konzertsaal führen. Zusätzlich müssten dann die WCs im Kellergeschoss ausgebaut werden. Das grösste Projekt für die nächsten Monate. Auch das Restaurant würde dann weiter vergrössert.

Was jedoch steht und bleibt, ist die Rutschbahn. Für deren Beleuchtung muss Weibel immer wieder reinklettern, um die Röhren zu wechseln. Ein ziemliches Geturne. Nichts Besonderes für den Haustechniker. Beim Reinkriechen in den Zwischenboden, wo die Lampen der Bullaugen ausgetauscht werden müssen, wird es richtig eng. «Es gibt wohl keinen Ort im Neubad, an welchem ich nicht schon herumgeklettert oder hineingekrochen bin.» Oft auf allen Vieren hinein, und heraus mit Spinnennetzen in Haaren und Bart.

Die Pumpen der Lüftungszentrale mussten ebenfalls kürzlich ersetzt werden, damit die Wohnung im Obergeschoss nicht vollkommen kalt stand. «Wir sind ständig auf der Suche nach Ersatzteilen – für diverse Maschinen.» Die Warmwasserpumpe pfeift und rostet vor sich hin – auch die macht es wohl nicht mehr lange.

Viel technisches Wissen habe er sich selbst beigebracht, erzählt Weibel. «Und ich lerne stetig wieder etwas. Das Haus zwingt mich dazu», lacht er.

Überraschungen überall

Wir kommen an den alten Haarföhnen des Hallenbads vorbei. Sie stehen an denselben Stellen und blasen noch wie zu alten Zeiten. Neu sind hingegen viele der Gemälde an den Neubadwänden: Seit dem Festival «Neusicht» ist das Haus nochmals farbiger geworden (zentral+ berichtete). «Ich finde die Kunst super. So macht die Arbeit im Haus noch mehr Spass», sagt Weibel, während wir die Treppe vom Co-Working ins Bistro nehmen. Aber etwas wünsche er sich noch für das Haus. «Ein Pingpong-Tisch ist vor Kurzem eingezogen. Aber mein Hobby, Darts, wollen sie bisher nicht. Das sei zu viel Geblinke», lacht er.

Am wenigsten Arbeit mach den Haustechnikern der Co-Working-Space. «Nur die Pflanzen müssen gegossen werden. Sonst sind sie hier sehr selbstständig», lobt Weibel. (Bild: jav)

Am wenigsten Arbeit mach den Haustechnikern der Co-Working-Space. «Nur die Pflanzen müssen gegossen werden. Sonst sind sie hier sehr selbstständig», lobt Weibel. (Bild: jav)

Andi Weibel freut sich gerade besonders über die Kabel, die im Pool und an den Fensterfronten verlegt wurden. Jetzt steht Strom für jeden Stand bei den verschiedenen Märkten bereit, die im Haus stattfinden. «Das erspart mir jedes Mal Stunden Arbeit.»

Andi Weibel freut sich gerade besonders über die Kabel, die im Pool und an den Fensterfronten verlegt wurden. Jetzt steht Strom für jeden Stand bei den verschiedenen Märkten bereit, die im Haus stattfinden. «Das erspart mir jedes Mal Stunden Arbeit.»

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