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Anderen das Kopfweh gönnen
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Niklaus Lenherr wirft sich in Denkerpose. (Bild: jav)

Interview mit Niklaus Lenherr Anderen das Kopfweh gönnen

6 min Lesezeit 07.07.2014, 05:36 Uhr

Niklaus Lenherr ist freischaffender Künstler und Kurator. Bei seinem neusten Projekt arbeitet Lenherr mit 90 Schweizer Autoren zusammen und bringt dabei Bähnlern Poesie näher. Ein Gespräch über die Zentralschweizer Literaturszene, Dialekt im Text und faule Konsumenten.

zentral+: Ihr Literaturprojekt «Mit Poesie auf Berg- und Talfahrt» (siehe Box) startete am 28. Juni mit einer Lesung in Bürglen. Durch das Projekt haben Sie viel Zeit mit Schweizer Autoren und ihren Texten verbracht. Was macht denn die Zentralschweizer Literatur aus?

Niklaus Lenherr: Es gibt ein reiches Schaffen in der Zentralschweiz und dabei findet auch ein reger Austausch statt. Ich glaube, es gibt nicht mehr denselben Kampf wie früher unter den Autoren – als man dem anderen das Kopfweh nicht gönnte. Und eine überraschende Vitalität fällt mir immer wieder auf.

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zentral+: Auf welche Autoren beziehen Sie sich?

Lenherr: Der Luzerner Peter Bichsel zum Beispiel, der auch in seinen «Gebrauchstexten» eine extrem hohe Qualität des Schreibens hat. Daran, wie leicht und schnell sich seine Texte lesen lassen, sieht man neben dem Können auch das Handwerk. Die Jungen wie Julian Wettach und Pablo Haller möchte ich hier auch erwähnen, oder Max Christian Graeff. Ich könnte noch viele aufzählen. Man kann ja nie allen gerecht werden.

Auch die Verlage und Veranstaltungen tragen viel zur Entwicklung der Szene bei. Der gesunde Menschenversand beispielsweise und die Spoken Word-Veranstaltungen in der Loge oder im Südpol. Ohne die wäre der Boden für die literarische Arbeit in der Zentralschweiz lange nicht so gut.

zentral+: Und welche Rolle spielt der Dialekt dabei?

Lenherr: Dialekte machen Texte musikalisch, und auch dramatisch. Das Spiel mit Hochsprache und Dialekt bereichert die Literatur. Ausserdem geht es auch darum, sich nicht zu verstellen – wie Dürrenmatt, welcher sein schwerfälliges Berndeutsch auch beim Sprechen in Hochdeutsch nie verlor.

«Dialekte machen Texte musikalisch.»

zentral+: Was bräuchte die Zentralschweizer Literaturszene?

Lenherr: Förderung im Verlagsumfeld. Mich irritiert an diesem neuen, politisch abgefeierten Kulturleitbild, dass die Literatur dabei völlig aussen vor bleibt. Es gibt zwar die Autorenförderung, was finanzielle Sicherheit während einer Schaffensphase bedeutet. Doch es fehlt die Unterstützung, dass die Produkte der Autoren danach auch verlegt werden. Und diese wird in der Kulturpolitik überhaupt nicht thematisiert.

zentral+: 33 Bahnen und 90 Autoren sind am Projekt «Mit Poesie auf Berg- und Talfahrt» beteiligt. Wie haben Sie diese zusammenbekommen?

Lenherr: Das waren über 1’500 Stunden Arbeit. Gespräche mit unzähligen Autoren, mit allen Seilbahnen im Kanton Uri, mit Tourismus und Kulturförderung waren nur der Anfang.

zentral+: Wie entstanden die Texte?

Lenherr: Viele Autoren schrieben auf meine Anfrage hin zum Thema einen Text. Andere Gedichte oder Ausschnitte fand ich in bereits bestehenden Werken.

zentral+: Der Schaffensprozess ist mit dem Start des Projekts ja noch nicht beendet. Es sollen auch noch weitere Autoren dazukommen?

Lenherr: Das befürchte ich. Die Liste wächst. (lacht)

Niklaus Lenherr

Der 57-Jährige arbeitet seit 1980 als freischaffender Künstler und Kurator. 1993 und 1994 erhielt Lenherr den Eidgenössischen Preis für Freie Kunst. Hauptsächlich in den Bereichen Installationen, Kunst und Bau, Konzepte, Fotografie, Zeichnungen, Texte, Kommunikation und Vermittlung ist er tätig.

zentral+: Woher kam die Idee?

Lenherr: Freunde von mir – Maritz und Gross vom Verlag pudelundpinscher in Erstfeld – hatten vor Jahren eine Idee für mobile Literaturvermittlung. Diese lies sich zu dieser Zeit aber nicht umsetzen. Als ich für meine Masterarbeit in Kulturmanagement ein Thema suchte, stiess ich wieder auf diese Idee und meine Freunde erlaubten mir, diese dafür aufzugreifen. Mit einem grauenvollen wissenschaftlichen Titel kam diese Arbeit dann zustande. Danach gab ich das Projekt bei der Migros Kulturprozent ein und gewann einen der Kulturförderpreise. Damit war klar, dass das Projekt entstehen sollte. Die richtige Arbeit begann erst dann: Autoren finden, Seilbahnbetriebe kontaktieren und natürlich dem guten Geld hinterherrennen.

«Ich will jetzt nicht pathetisch klingen, aber ich wollte immer Künstler werden.»

zentral+:  Wie sieht es denn mit dem Geld so aus?

Lenherr: Ich habe wohl alles, was uns bei der Ausbildung im Kulturmanagement wirtschaftlich und ökonomisch eingetrichtert wurde, unterlaufen. Sonst wäre das Projekt gar nicht entstanden, da die Finanzierung am Anfang nicht stand.

zentral+: Wie fielen bisher die Reaktionen auf das Projekt aus?

Lenherr: Bisher sind die Reaktionen durchs Band sehr positiv. Viele der Autoren, bei welchen ich teilweise sogar gezweifelt hatte, ob sie sich dafür interessieren würden, waren begeistert. Dabei handelt es sich auch um ältere Herrschaften, die mich mit ihren Reaktionen wirklich überrascht haben. Auch die Veranstaltung, als die Texte vorgelesen wurden, bevor man sie gedruckt in die Finger bekommen konnte, kam gut an.

zentral+: Und was sagen die Bähnler?

Lenherr: Bei den Seilbähnlern sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Vom gleichgültigen Grummeln, über «Scheeni Spriich», bis hin zum echten Interesse ist alles dabei. Einige sehen im Projekt auch einen Anlass, Verwandte und Bekannte mal wieder in die Region einzuladen.

Leider haben mir fünf Bahnen für das Projekt abgesagt, aber ich bleibe dran. Da wackeln zwei noch, das spüre ich.

zentral+: Mobile Literatur, initiiert von einem Künstler. Ist das Projekt denn auch ein Kunstprojekt?

Lenherr: Der Kunstansatz ist für mich klar da, weil es ein konzeptuelles Projekt ist. Aber zur Erklärung ist ein Literatur- und Tourismusprojekt schlichtweg einfacher.

zentral+: Wie kamen Sie denn zur Kunst?

Lenherr: Ich will jetzt nicht pathetisch klingen, aber ich wollte immer Künstler werden, Fotograf und Künstler. Aber nicht Zeichnungslehrer.
Mittlerweile kann ich mich als freischaffender Künstler und Kurator durchs Leben bugsieren. Die Handelsschule hab ich zwar auch gemacht. Aber das einzige, was davon hängengeblieben ist, ist das Zehn-Finger-System.

Daneben begeistere ich mich seit meiner Jugend, oder schon immer auch für die Literatur. Und wenn ich einen Autor neu oder wieder entdecke, lese ich von diesem gerne auch mal das Gesamtwerk.

«Poesie ist nie selbsterklärend.»

zentral+: Was ist denn Poesie überhaupt?

Lenherr: Ein Handwerk. Die Arbeit ist vergleichbar mit der eines Bildhauers, welcher aus einem Block eine Skulptur macht. Egal ob realistisch oder abstrakt. Es geht um das Komprimieren und Reduzieren.
Man kann es auch mit Kochen und Kondensieren vergleichen. Wenn aus viel immer weniger wird, es aber noch immer alle Teile enthält.
Poesie kann mit drei oder vier Worten eine ganze Welt öffnen.

zentral+: Was ist sie nicht?

Lenherr: Selbsterklärend. Die dümmste Frage an einen Künstler ist trotzdem: «Was wollen Sie damit aussagen?» Diese Frage zeigt die Faulheit des Betrachters oder des Lesers. Man soll sich damit auseinandersetzen und eigene Gedanken und Bilder entwickeln können.

zentral+: Und wo fängt Poesie an?

Lenherr: (lacht) Das ist sie jetzt, die Wolfsfalle. Das ist eine schwierige Frage. Eine gut geschriebene Menükarte kann bereits Poesie sein.

Poesie ist Sprache, aber auch Lesen – das Visuelle. Intelligente Texte müssen auch gut gesetzt werden. (überlegt) Das sind ja hilflose Versuche der Definition. Ich muss mir dazu wohl noch so einige Gedanken machen.

Das Projekt «Mit Poesie auf Berg- und Talfahrt»

Das Literatur mobil-Projekt startete Ende Juni und wurde von Niklaus Lenherr in Kooperation mit dem Verband der Urner Seilbahnen und der Uri Tourismus AG lanciert.

In jeder Seilbahn-Kabine finden die Fahrgäste nun ein Gedicht oder einen lyrischen Kurztext. Verfasst wurden diese von zeitgenössischen Schweizer Autorinnen und Autoren aus allen vier Sprachregionen. Die poetischen Kurztexte werden bis im Herbst 2015 in den Seilbahnen der beteiligten 33 Bahnbetrieben zu lesen sein.

Das Projekt will: Das Seilbahnfahren als Erlebnis und vertiefte Einblicke in die lokale Berg- und Kulturlandschaft des Kantons Uri bieten, sowie der Literatur eine selbstverständliche Präsenz ermöglichen.

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