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«Andere Engagements sind viel besser bezahlt»
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Die Proben für «Im weissen Rössl» laufen rund, nur der Schirm will nicht. (Bild: jav)

Operettensommer in Zug «Andere Engagements sind viel besser bezahlt»

5 min Lesezeit 20.08.2014, 11:31 Uhr

Operetten sind amüsant aber auch altbacken. Es sind bekannte Geschichten voller schöner, sich wiederholender Melodien, kitschige Liebesgeschichten und tollpatschige Figuren in hübschen Kostümen. Der «Zuger Operettensommer» kann das alles – aber anders: im Taschenformat, mit Musicaldarstellern und in einem alternativen Kulturhaus. Wie passt das zusammen?

Es ist kurz vor Mittag, die Proben sind in vollem Gange. «Fräulein Klärchen reist provisorisch mit Ikea-Tasche an», ruft Regisseur Björn Bugiel lachend und drückt der Darstellerin Dominique Lüthi ihr Proberequisit in die Hand. Der Operettenklassiker «Im weissen Rössl »wird geprobt, Klärchen soll mit grossen Augen und grossem Koffer auf die Bühne kommen.

Es dauert nicht mehr lange bis zur Eröffnung des Zuger Operettensommers in der Gewürzmühle. Ab 20. August wird die «Quickchange-Company», wie sich der Verein hinter dem Operettensommer nennt, zwölf Aufführungen mit vier verschiedene Operetten zeigen.

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Ein unübliches Engagement

Für die meisten der Musicaldarsteller, die dabei sind, ist der Operettensommer eine Ausnahme. «Andere Engagements sind viel besser bezahlt, aber das hier ist ein Herzensprojekt für alle von uns», erklärt Bugiel. Das Projekt sei noch in der Aufbauphase. Es gäbe einen stetigen Anstieg bei den Zuschauern, doch kostendeckend seien sie noch nicht. Das bedeutet konkret, dass die Darsteller wahrscheinlich nicht die Gage erhalten, die für zwölf Aufführungen üblich wäre.

Ein besonderer Aufführungsort

Im Zuger Hertiquartier, wo früher Gewürze verarbeitet und vertrieben wurden, wird heute Kultur gelebt. Seit dem Jahre 2000 besteht die Gewürzmühle als Atelierhaus für Kunst- und Kulturschaffende, als Probeort für Theatervereine und als Veranstaltungsort.

Die Mieter des Atelierhauses sorgen selbstverwaltet für Pflege und Unterhalt von Gebäude und Gelände.

Das Ensemble habe sich jedoch bewusst dafür entschieden. «Wir können über Stiftungen, über Beiträge und voraussichtliche Einnahmen fünf Vorstellungen sicher finanzieren.» Dies war der Truppe zu wenig. «Wir haben zusammen beschlossen, dass wir trotzdem zwölf Vorstellungen spielen werden. Für die weiteren Vorstellungen können wir jedoch die Gage nicht vorher festlegen.» Es werde sich durch die Einnahmen zeigen, wie viel noch dazukomme.

Ein Drittel reicht

Der Operettensommer besteht komplett aus eigenen Fassungen von Operettenklassikern, die heruntergebrochen sind. Knapp eine Stunde dauern die ursprünglich dreistündigen Stücke noch. Trotzdem soll keine Melodie fehlen – da diese jedoch in Operetten oftmals wiederholt werden, sei das kein Problem. Die ganze Geschichte wird ebenfalls erzählt – nur Neben-Handlungsstränge werden gekürzt. Das ist ein Vorteil der Quickchange-Company. Sie hat nicht die Tradition einer Operettengesellschaft oder eines Stadttheaters. Sie läuft auch nicht Gefahr, altbacken und eingerostet daherzukommen. «Wir sind schon eher frischer und jünger.» Die Darsteller sind alle freischaffende Musical- und Operettendarsteller. Zwölf an der Zahl. Dazu kommen drei Musiker mit Klavier, Cello und Violine.

Die Zielgruppe sieht Bugiel ganz klar definiert: «Alle – man muss kein Kulturmensch sein für diese Stücke. Es ist nicht so, dass man sich auf ein dreistündiges Stück einstellen muss.» Die Leute sollen einen schönen Abend verbringen und sich amüsieren können.

Bricht der Operettensommer damit die Kunst herunter für die Massen, die sich nur amüsieren wollen? Darum gehe es ihm gar nicht, sagt Bugiel. «Damit ist man bei mir an der falschen Adresse. Ich inszeniere so, wie ich ein Stück sehe – es muss absolut nicht lustig sein. Nur, Operetten sind halt lustig.» Die Verkürzung sei vor allem eine Frage der Ressourcen gewesen. «Wir hatten kein Orchester und kein Ballett. Wir mussten entscheiden, mit welchen reduzierten Mitteln und Personen man diese Operette spielen kann, und trotzdem die Geschichte komplett erzählen», so Bugiel.

Dass der Operettensommer in der Gewürzmühle stattfindet, hat sich über die Jahre entwickelt. Zuerst war sie lediglich der Probeort der Company. Denn anfänglich wurde jeweils nur ein Stück für externe Auftraggeber aufgeführt. Doch mit der Vergrösserung des Repertoires kam die Idee, die Stücke auch am Probeort einem Publikum zugänglich zu machen. Daraus enstand der Operettensommer.

Bugiel sucht als Leiter des Projekts und als Regisseur die Darsteller aus. «Es sind alles Leute die ich durch andere Projekte kennen- und schätzen gelernt habe. Vor allem sind es Leute, die dieselbe Sprache sprechen.» Das ist metaphorisch gemeint und das spürt man auch in den Proben. Keine langen Diskussionen, kein Stress. Dafür ein ständiger Wechsel zwischen Hochdeutsch und Dialekt. «Ich falle hier manchmal in den Dialekt. Das passiert mir nur, wenn ich Leuten wirklich vertraue», erklärt der gebürtige Deutsche. Bei Menschen, die er weniger gut kenne, bleibe er oftmals im Hochdeutschen, in Sicherheit.

Vertrauen und Loyalität

Die Idee für das Projekt entstand bereits 2002 in Bugiels Kopf. Stefanie Gygax ist seit Anfang mit dabei. «Björn hat mich damals während unserer gemeinsamen Ausbildungszeit zu Musicaldarstellern in Wien gefragt.» Gygax ist mittlerweile in der Operette und im Musical zuhause. Der Operettensommer ist für sie ein fester Bestandteil des Jahres. «Es geht auch um eine Loyalität Björn gegenüber.» Sie bewundere, wie er das alles selbst aufgezogen habe.

Dominique Lüthi ist mit ihren 24 Jahren die Jüngste im Ensemble und erst seit diesem Jahr dabei. Für Lüthi ist es die erste Operette: «Im Juni hat Björn mich angerufen und ich habe sofort zugesagt. Denn ich weiss: was er anfasst, wird gut.» Es habe für sie vorher gar nie zur Debatte gestanden Operetten zu spielen, obwohl sie als kleines Mädchen durch eine Operette, die sie in Bremgarten gesehen hatte, überhaupt erst auf die Bühne wollte. Die Operette behandle zwar auch Alltag und Probleme, aber sie tue das ganze mit einer gewissen Leichtigkeit, findet Lüthi.

Vorbereitungsphase

Gygax hat in diesem Jahr pro Stück nur zwei Tage für die Wiederaufnahme geprobt, sie hat ihren Part bereits unzählige Male gespielt. Für Lüthi hingegen sind beide Rollen Neuland: «Zusammengezählt habe ich eine Woche für die beiden Rollen geprobt. Das ist wirklich sehr wenig.» Dennoch ist bei den Proben nichts von Unsicherheit zu spüren.

Es ist mittlerweile Mittag und die Maskenbildnerin bringt die Perücken vorbei. Sie steckt noch in den Wanderschuhen von einer längeren Bergtour, wollte jedoch zuerst den Darstellern ihre Perücken übergeben. Als Belohnung für den Einsatz gibt es ein Dessert. Die Mutter von Bugiel ist ebenfalls mit von der Partie und sorgt für das leibliche Wohl der Darsteller und Helfer. Auch andere Freunde und Bekannte helfen. Vier junge Frauen, die bereits bei früheren Produktionen mitgeholfen haben, kümmern sich draussen um die Bühnenabdeckung. Denn bei schönem Wetter wird auf dem Kiesplatz vor der Gewürzmühle gespielt. 

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