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Analysten tappen im Dunkeln: Unfallstelle wird erneut durchleuchtet
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Der Zug ist direkt unterhalb der Langensand-Brücke entgleist. (Bild: gwa )

Zugentgleisung in Luzern bleibt ein Rätsel Analysten tappen im Dunkeln: Unfallstelle wird erneut durchleuchtet

4 Min 22.11.2017, 11:44 Uhr

Nach der Zugentgleisung vom März stellt sich die grosse Frage nach dem Warum. Die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle versucht, per Computer-Simulation dem Rätsel auf die Schliche zu kommen. Sie hat einen Schaden am italienischen Zug festgestellt – doch das war nicht die Ursache der Entgleisung. Die Ermittlungen dauern weiter an.

Es war einer der prägendsten Momente des Jahres für die Stadt Luzern: Im März sprang ein Zug der Trenitalia bei der Ausfahrt aus dem Luzerner Bahnhof aus den Schienen, beschädigte die Schienen, die Fahrleitung und den Zug. Sieben Personen wurden verletzt, während vier Tagen stand der wichtigste Bahnhof der Innerschweiz still (zentralplus berichtete).

Seither arbeitet die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST) an der Analyse des Unfalls. Die ersten Ergebnisse wollte man diesen Herbst vorlegen, doch Markus Lüthi, Untersuchungsleiter bei der SUST, bestätigt auf Anfrage, noch keine Antwort auf die grosse Frage nach dem Warum gefunden zu haben. Die aufwendigen Computer-Simulationen hätten nicht zum gewünschten Ergebnis geführt, jetzt werde die Fahrbahn erneut unter die Lupe genommen, so Lüthi.

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Weiche spielte entscheidende Rolle

Die SUST hatte kurz nach der Entgleisung eine detaillierte Spurenaufnahme vor Ort getätigt. «Meistens gibt es klare Anzeichen, etwas ist gebrochen, oder Teile wie Federn oder Dämpfer waren beschädigt.» Im Fall Luzern habe sich nichts dergleichen gezeigt. Deshalb habe man den Unfall per Computer-Simulationen nachgestellt.

Das SBB-Personal diskutiert, wie man am besten vorgeht.

Das SBB-Personal diskutiert, wie man am besten vorgeht.

(Bild: gwa)

Klar ist: Die Entgleisung geschah bei einer Weiche. Das Rad des Zuges ist aufgelaufen und aus der Schiene gesprungen. «Wir wissen, das Rad ist auf spezielle Art an die Weiche herangefahren», erklärt Lüthi. Wäre an der Stelle keine Weiche gewesen, wäre der Zug wahrscheinlich nicht entgleist, sagt Lüthi. Und er ergänzt: «Es wurde auch über den Zustand der Weiche spekuliert. Und es stimmt, die Weiche war vom Verschleiss her auffällig – aber nicht über dem Limit.»

Schäden am Fahrzeug entdeckt

Die Ursachenfindung gestaltet sich aber im Fall Luzern schwieriger als an anderen Orten. «Eine Computer-Simulation ist immer zeitintensiv. Man muss alle Teile digital nachmodellieren», erklärt Lüthi. Die Basis dafür seien eigene Messungen von Testfahrten, Expertenberechnungen und Messungen des Herstellers selber.

«Das Fahrzeug hatte eine Beschädigung, die bereits vor dem Unfall bestand.»

Markus Lüthi, Untersuchungsleiter bei der SUST

Dabei hätten alle am Unfall beteiligten Teile an Schienen und Fahrzeug einen Belastungs-Toleranzwert, den sie aushalten müssen. «Bei den jetzigen Simulationen werden die Toleranzen nirgends überschritten», sagt Lüthi. Sowohl bei der Weiche wie beim Fahrzeug seien die Belastungen hoch – aber nicht über dem maximalen Belastungswert. «Die Toleranzen sind so festgelegt, dass eine Entgleisung nicht möglich ist», sagt Lüthi. Diese Werte hätten sich aus langjährigen Erfahrungen ergeben. Lüthi fasst die Diskrepanz zwischen Messungen und Realität zusammen: «In der Theorie führen die Werte nicht zur Entgleisung – in der Praxis hat es hingegen offensichtlich gereicht.

Der entgleiste Zug unter der Langensandbrücke mitten in Luzern.

Der entgleiste Zug unter der Langensandbrücke mitten in Luzern.

(Bild: Archiv)

Doch eben: Warum? Die SUST untersuchte auch den Zug der Trenitalia – und dort wurde man tatsächlich fündig: «Das Fahrzeug hatte eine Beschädigung, die bereits vor dem Unfall bestand», sagt Lüthi. Er spricht von «Verschleiss». Doch laut den Simulationen habe diese Beschädigung nicht zur Entgleisung geführt, sagt Lüthi. «Wir sind nahe an einer Lösung», ist sich der Untersuchungsleiter dennoch sicher. «Wir müssen die Simulation nur noch genauer justieren und noch präziser gestalten.»

Keine Sofortmassnahmen getroffen

Sollte die SUST nicht eruieren können, aus welchem Grund es zur Entgleisung kam, stellt sich die Frage: Könnte sich ein solcher Vorfall jederzeit wiederholen? «Das ist nicht auszuschliessen», gibt Lüthi zu, «doch wir gehen in Luzern von einem ganz speziellen Einzelfall aus.» Dass die SUST die Ursache so lange nicht finde, spreche dafür, dass kein erhöhtes Risiko bestehe.

«Wir hätten die Möglichkeit gehabt, Sofortmassnahmen zu empfehlen, um gewisse Risikofaktoren zu minimieren», erklärt der Untersuchungsleiter. Das habe man im Fall Luzern aber nicht für nötig befunden.

Definitiver Bericht Ende 2018

Bei der Untersuchung der SUST geht es am Ende auch darum, wer für den Schaden aufkommen muss. Dieser beläuft sich im Fall Luzern auf rund elf Millionen Franken. Bisher sind die SBB – beziehungsweise deren Versicherung – für die Kosten aufgekommen.

Der definitive Bericht wird voraussichtlich Ende 2018 publiziert. Die Priorität des Unfalls in Luzern sei zwar «so hoch wie möglich», doch es wollen auch andere Vorfälle untersucht werden.

«Die erneute Computeranalyse dauert sicher ein halbes Jahr, danach brauchen Daten-Auswertung und Finalisierung des Berichts ebenfalls mehrere Monate», erklärt Lüthi. Danach folgen Stellungnahmen der Parteien und interne Prüfungen des Berichts. 

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