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An Weihnachten ohne Job: «Da war ich wirklich am Boden»
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Ursula K. (links) und Monika Staubli vom SAH Zentralschweiz im Restaurant Libelle im Gespräch. (Bild: jal)

Plötzlich arbeitslos – eine Luzernerin erzählt An Weihnachten ohne Job: «Da war ich wirklich am Boden»

6 min Lesezeit 24.12.2017, 20:24 Uhr

Weihnachten – Fest der Liebe. Zeit, die man mit der Familie verbringt und in der man vom Arbeitsalltag abschaltet. Doch nicht alle haben dieses Privileg. Langzeitarbeitslose müssen schauen, dass ihnen die Decke nicht auf den Kopf fällt. Ein Problem, das die Luzernerin Ursula K. nur zu gut kennt. Sie hat im Frühling viel mehr als nur ihren Job verloren.

Ursula K.* ist froh, wenn das Jahr 2017 ein Ende nimmt. Die 59-Jährige verlor im März ihren Job – und ist zum ersten Mal in ihrem Leben arbeitslos. «Es war schlimm. Von heute auf morgen keine Arbeit mehr zu haben», sagt Ursula K.

Seit sie als 18-Jährige ihre Ausbildung im Hauswirtschaftsbereich abschloss, hat sie immer gearbeitet. Zuerst für ein älteres Ehepaar, für das sie den ganzen Haushalt machte. Später in einem Wohnhaus mit über 100 Patienten. 1991 kam sie mit ihrem Mann in die Schweiz und fand schnell eine Stelle als Pflegerin in einem Altersheim. Als sie 1994 schwanger wurde, legte sie erstmals eine Pause ein. «Mein damaliger Mann wollte, dass ich bei unserer Tochter bin.»

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Nach 14 Jahren kehrte sie 2008 ins Berufsleben zurück, war in der Reinigung tätig. Bis eben letzten März, als die Firma, bei der sie angestellt war, einen Auftrag verloren hat – und Ursula K., die immer gerne gearbeitet hat, die Kündigung ins Haus flatterte. 45 Bewerbungen hat sie seither geschrieben. Zu einem Bewerbungsgespräch kam es nie, manchmal erhielt sie nicht mal eine Absage.

Die Luzernerin gehört zu jenen 4’000 Menschen im Kanton, die im November arbeitslos gemeldet waren. Mit 28 Prozent machen die über 50-Jährigen einen grossen Teil aus. «Das Alter ist sicher ein Risikofaktor, den man nicht wegdiskutieren muss», sagt Monika Staubli, Leiterin der Infozentren des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks SAH (siehe Box am Textende). Den typischen Fall gebe es allerdings nicht. «Es kann heute alle treffen.»

Plötzlich arbeitslos

Doch vielen ist es unangenehm, davon zu sprechen. Monika Staubli erlebt das immer wieder. Die Folge ist oftmals auch ein Rückzug in die eigenen vier Wände. «Nach dem anfänglichen Gefühl von Ferien fällt es vielen oft schwer, eine Tagesstruktur aufrechtzuerhalten. Sie zu verlieren, geht viel schneller, als sie wieder aufzubauen.»

Auch Ursula K. kennt das. Ins Kino, auf ein Mittagessen oder einen Kaffee rausgehen – all die sozialen, gesellschaftlichen Aktivitäten können zu teuer werden. «Man zieht sich automatisch zurück», sagt Ursula K. Dazu kommt, dass Gespräche häufig mit denselben Fragen beginnen: «Wie geht es dir? Was machst du so?»

«Ich habe effektiv zwei Nächte am Bahnhof geschlafen.»

Ursula K.

Ursula K. steht dennoch oder gerade deswegen noch immer täglich um 6 Uhr auf, macht nach dem Frühstück den Haushalt und ging im Sommer jeden Tag in die Badi, um andere Menschen zu treffen. «Mir ist nie langweilig geworden, aber es fällt einem schon die Decke auf den Kopf.»

Dass sie arbeitslos ist, das kann sie ohne Scham sagen. «Aber dass ich von der Sozialhilfe lebte, erzähle ich nur sehr vertrauten Personen.» Sie hätte sich auch nie gewagt, bei Freunden Geld zu verlangen – mitunter aus Angst, dass sich die Beziehung verändern könnte. Negative Reaktionen hat sie jedoch nur selten erlebt. Einmal auf der Gemeinde, als eine junge Frau sie «von oben herab» behandelt habe. «Als fast 60-jährige Frau, die ein Leben lang gearbeitet hat, hätte ich doch etwas Respekt verdient.» Sie habe dann auch immer gezittert, als sie auf die Gemeinde musste. Keine Arbeit zu haben, kann auf das Selbstbewusstsein schlagen.

Partner und Wohnung verloren

Der Verlust des Jobs hat für Ursula K.* eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt. Sie hat zur gleichen Zeit eine Trennung von ihrem damaligen Partner durchlebt und so auch ihre Wohnung verloren. «Ich habe effektiv zwei Nächte am Bahnhof geschlafen, da war ich wirklich am Boden.» Bis jemand sie angesprochen und nach einem längeren Gespräch eine Lösung angeboten habe. Seither lebt Ursula K. in einer Gemeinde am Sempachersee.

 

 

 

Auch finanziell war die erste Zeit nach dem Jobverlust hart. Doch man lerne sich einzuschränken. Sie schaut beim Einkaufen auf Aktionen, verzichtet auf vieles – ausser auf eines. «Das Rauchen zu reduzieren, ist mir schon schwergefallen, denn ich rauche, seit ich 16-jährig bin», sagt sie und lacht. «Ich habe gemerkt: Mit 60 bis 80 Franken in der Woche komme ich aus.»

In anderen Dingen war sie sehr radikal. «Anfänglich hatte ich noch richtig schön Haare auf dem Kopf – aber wenn man kein Geld hat, kann man sich auch keinen Coiffeur leisten.» Ursula K. schnitt sich die Haare kurzerhand ganz kurz. Als ob sie schon geahnt hätte, was das zutage fördern würde. Eine wunde Stelle, die sich immer wieder entzündete. Der Befund: weisser Hautkrebs. Den hat sie inzwischen entfernen lassen und gesundheitlich geht es ihr wieder gut.

Inzwischen ist es für sie Luxus, im Januar ein paar Tage zu ihrer Tochter nach Deutschland zu fahren. «Der Blickwinkel ändert sich. Ich würde zum Beispiel nie eine Woche nach Mallorca fahren, dafür wäre mir das Geld zu schade.» Sie sei ohnehin nicht im Luxus gross geworden, und sie brauche den Luxus auch nicht.

Ein Türspalt Hoffnung

Mittlerweile geht es Ursula K. wieder deutlich besser. Inzwischen hat sie rund 2’600 Franken pro Monat zur Verfügung. Vom Arbeitslosentaggeld und einer Hinterbliebenenrente. So hat sie es geschafft, aus der Sozialhilfe rauszukommen.

«Ein Praktikum kann ein Türöffner sein.»

Monika Staubli, Leiterin Infozentren Sursee und Luzern

Im Herbst hat sie ein Haushaltspraktikum begonnen, das bis im März läuft. Ursula hofft, dass sich daraus eine fixe Stelle ergibt. «Ein solches Praktikum kann ein Türöffner sein. Das ist zwar kein Versprechen, aber eine Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen», sagt Monika Staubli. Es sei aber auch noch aus einem zweiten Grund wertvoll: Gerade Menschen, die über Monate hinweg bereits auf Stellensuche sind, erhalten so wieder ein aktuelles Arbeitszeugnis.

Und so hofft sie, dass sie etwas finden wird. «Ich sehe, es tut sich was, in ganz kleinen Schritten, und das freut mich. Ich lasse mich nicht entmutigen.» Diese Zuversicht lobt auch Monika Staubli. «Wenn jemand nicht an sich glaubt, wie soll dann der Arbeitgeber an einen glauben?», fragt sie rhetorisch. Doch das sei gerade bei Langzeiterwerbslosen oft schwierig. Je länger das andauert, umso weniger glaubt man auch an sich und umso schwieriger wird es.

Wenn jemand fragt, kann Ursula K. heute sagen: «Es geht mir gut, es geht aufwärts. Aber so ein Jahr möchte ich nicht mehr erleben.»

«Das ist einfach auch eine Kostenfrage»

Ursula K. zählt zu den jährlich rund 20’000 Besucherinnen und Besuchern des Infozentrums des Schweizerischen Arbeitshilfswerks (SAH) Zentralschweiz in Sursee und Luzern. Dort lässt sie sich beim Verfassen der Bewerbungen helfen. «Ich habe mich nie gross bewerben müssen und bin auch deshalb nie mit dem Computer in Berührung gekommen», sagt Ursula K. Nun, mit 59 Jahren, ist sie nicht mehr gewillt, es zu lernen.

Ein- bis zweimal pro Monat besucht Ursula K. das Infozentrum. Für die Sitzungen sucht sie sich jeweils im Vorfeld interessante Stellen raus. Im Infozentrum wird ihr dann geholfen, die Bewerbungen dafür zu schreiben. «Leider erhält man von den wenigsten Firmen, bei denen man sich bewirbt, die Unterlagen zurück. Das ist einfach auch eine Kostenfrage», sagt Ursula K.

Das Angebot der Bewerbungsunterstützung richtet sich an Menschen mit sprachlichen Schwierigkeiten, mit physischen oder sozialen Problemen oder Menschen wie Ursula K., die mit dem Computer nichts anfangen können oder keinen besitzen. Wer ins Infozentrum will, muss beim RAV, bei der IV oder beim Sozialdienst gemeldet sein und eine entsprechende Zulassung der Beratungsstelle besitzen. Die Beratungen dauern jeweils nur eine Viertelstunde, in der bis zu fünf Motivationsschreiben verfasst werden.

*Name der Redaktion bekannt.

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