An Nazi-Verbindungen gescheitert
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Luzerns Streben nach ultimativem Theatergebäude An Nazi-Verbindungen gescheitert

4 min Lesezeit 04.08.2015, 16:25 Uhr

Luzern wartet auf sein neues Musik- und Theatergebäude mit internationaler Ausstrahlung. Eine Idee, die bereits zu Hitlers Zeiten in Planung war. Auch damals wollte man gewohnte Strukturen durchbrechen. Doch die Nähe zum Dritten Reich war zu gross.

Kulturstadt Luzern – heute ein vielbenutzter Ausdruck. Vor allem durch das KKL und das Lucerne Festival gestärkt, soll Luzern als Musik- und Theaterstandort in den nächsten Jahren einen weiteren Schub erleben.

Etwas völlig Neues, Nie-Dagewesenes soll mit der Neuen Theater Infrastruktur (NTI) in Luzern entstehen. Eine Salle Modulable. Doch bereits in den 30er Jahren existierten Pläne für ein «Theater der Völker». Eine Theaterinfrastruktur sollte es werden, die Luzern in den Fokus internationaler Theaterschaffenden rückt. Aber die Pläne hingen schliesslich zu sehr mit dem Dritten Reich zusammen. Ein interessierter Luzerner Altstadtbewohner, der unter dem Pseudonym Garthster_Lucerne seit Jahren Geschichten über Luzern sammelt, hat zentral+ so einige Informationen darüber zugehalten.

Nationalismus und Geistige Landesverteidigung

Hinter der Idee in den 30er Jahren in Luzern stand vor allem Oskar Eberle, der 1932 die Festspielgemeinde Luzern gründete und sich in Luzern stark fürs Theater engagierte.

Überall Nationalismus, nur die Schweiz schaute zu? Nein. Auch in der Schweiz gedieh dieses Gedankengut. Wilhelm Tell wurde zur obligatorischen Schullektüre, Geistige Landesverteidigung stand im Fokus von Bildung und Kultur.

Gerade Eberle fühlte sich der Geistigen Landesverteidigung und damit einem sehr traditionellen, brauchtümlich-religiösen und zunehmend rechtsnationalen Theaterverständnis verpflichtet. Er engagierte sich daher vor allem für geistliche Spiele und das Volkstheater – das vermeintlich typisch schweizerische Festspiel.

Sein Engagement zeigt sich auch in der Gründung der Luzerner Spielleute. Und ebenfalls in diesem Sinn forderte er damals die Errichtung eines Festspielhauses in Luzern. Architekt Roland Rohn plante in diesem Zusammenhang ein Amphitheater mit rund 10’000 Plätzen auf dem Werftareal und einen überdachten Spielbau für 2’500 Personen.

Das neue Theater wollte Grenzen sprengen, wollte ein grosses Gemeinschaftserlebnis. Die Idee brach mit der traditionelle Bühne und mit der Trennung von Kunst und Alltag. Dies auch im Zusammenhang mit den, für die Zeit typischen, Massenspektakeln.

Liehburg und seine Ideen

Doch mit einem weiteren Unterstützer dieser Idee kam auch ihr Untergang. Und zwar mit dem Auftauchen des Schriftstellers und Dramaturgen Eduard Liehburg alias Max Eduard Meyer. Ein Mann mit eindeutigen Nazi-Sympathien. Dieser übernahm sehr viele Ideen und Vorschläge Eberles und drückte ihnen seinen Stempel auf. Er plante Massenaufmärsche und Grossdramen von «sakralpolitischer» Bedeutung. Die Geistige Landesverteidigung stand noch mehr im Vordergrund und wurde zu dieser Zeit auch noch nicht kritisiert.

Im April 1937 wurde Eberles Festspielgemeinde in die Stiftung Luzerner Spiele umgewandelt. Liehburgs Stück «Hüter der Mitte» zeigt beispielhaft die Richtung auf, welche die Stiftung unter seinem Einfluss einschlug.

Ein vollkommen übersteigerter Tell agiert darin als Hüter des Schweizer Volkes und wartet auf die Ankunft des mythischen Kaisers, der das kleine Reich der Schweiz in ein Grosses einführen wird. Dieser Führerkult und die Reichsmythik wurden dann doch unheimlich, als Österreich unter dem Ausruf «Heim ins Reich!» eingenommen wurde.

Beziehungen zum Dritten Reich

Und es tauchten weitere Punkte auf. Max Leo Keller, ein guter Bekannter Liehburgs, war beispielsweise Vorsitzender der Nationalen Bewegung. Auch das «Logo» der Luzerner Spiele, ein langgezogene Kreuz, glich stark dem der schweizerischen Frontenbewegung.

Die Presse beendete den Traum Liehburgs im September 1937 schliesslich vollends. In der Neuen Zürcher Zeitung wurden die Verbindungen zum Gedankengut des Dritten Reiches offengelegt und schon bald zog auch das Luzerner Tagblatt nach.

Im Frühling 1938 reagierte die Politik und am 31. Mai wurden schliesslich die Geldforderungen für den Bau vom Bundesrat abgelehnt. Obwohl zuvor noch prominente Vertreter aus Politik und Wirtschaft, wie Korpskommandant Henri Guisan und Gottlieb Duttweiler die Idee unterstützt hatten.

Ein letztes Aufbäumen der Idee

Liehburg zog sich zurück und Eberle versuchte noch einmal sein Projekt in die Tat umzusetzen. 1938 präsentierte der Zuger Architekt Gebhard Utinger noch einen Plan eines gewaltigen Theaterbaus, der vom Inseli bis zur Warteggrippe reichen sollte.


War das vorher unter Liehburg geplante Theatergebäude noch relativ nüchtern, so übertrieb es die neue Idee von Utinger mit seinem antiken Ausmass vollkommen (siehe Bilder unten). Der vorgeschlagene Spielplan zeigte sich im Gegensatz zu Eberles und Liehburgs Idee auffällig international. Im neuen Theatergebäude sollte ausserdem künftig jährlich eine Kulturolympiade stattfinden. 

Unter anderem verhinderte der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Realisation dieses gewaltigen Theaterbau-Projekts. Und Luzern spielte daher nie in der Liga der Festspielstädte Bayreuth und Salzburg mit.

Weitere Informationen finden sich im Luzerner Stadtarchiv, der Publikation «Wir stehen da, gefesselte Betrachter» von der Sommerakademie Centre Dürrenmatt Neuchâtel, einem Vortrag von Dr. Roberto Bernhard zum Alpenmythos der Schweiz, dem Geschichtsblog von Garthster_Lucerne und in einer Serie des 041-Kulturmagazins von 2009.

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