Am Zugersee könnte es für die SBB knapp werden
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Auf den SBB-Baustellen am Zugersee wird wieder gearbeitet. (Bild: SBB)

Rekordlanger Sperrung droht Verlängerung Am Zugersee könnte es für die SBB knapp werden

5 min Lesezeit 3 Kommentare 05.05.2020, 05:00 Uhr

Die Bauarbeiten am Ostufer des Zugersees mussten wegen Corona unterbrochen werden. Der Zeitplan gerät gehörig unter Druck. Die Sperrung am Zugersee könnte bis zu einem halben Jahr länger dauern.

Die für den öffentlichen Verkehr zuständigen Regierungsräte der Zentralschweiz sind beunruhigt: Im Moment scheint nicht mehr sicher, ob die Bahnstrecke zwischen Zug und Arth-Goldau im Dezember wirklich eröffnet werden kann. Vor Ostern kam es nämlich wegen Corona auf allen Baustellen am Zugersee zu einem Baustopp. Nun zeigt sich: Es könnte knapp werden mit dem vorgesehenen Zeitplan. Die Zentralschweizer Direktorenkonferenz für den öffentlichen Verkehr (ZKÖV) hat sich mit einem Schreiben an die SBB gewandt, um Klarheit zu erhalten.

Der Zuger Baudirektor Florian Weber bestätigt auf Anfrage, dass das Bauprogramm am Zugersee-Ostufer wegen der Corona-Krise zeitlich unter Druck geraten ist. «Die Erfahrungen der kommenden Wochen werden zeigen, wie rasch die Bauarbeiten unter Einhaltung der Covid-19-Sicherheitsmassnahmen eingehalten werden können.»

Zeitplan war schon immer knapp

Auch der Kanton Zug habe sich nach dem erfolgten Baustopp via ZKÖV an die SBB gewandt. Man habe die SBB gebeten, die Bauarbeiten am Zugersee-Ostufer – unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsvorkehrungen – möglichst rasch wieder aufzunehmen.

«Nach anderthalb Jahren sollte die ganze Strecke, inklusive Doppelspur, zur Verfügung stehen», sagt Othmar Reichmuth, Präsident der ZKÖV und Schwyzer Baudirektor. Der Zeitplan am Zugersee sei aber immer sehr knapp bemessen gewesen. «Die Totalsperre von eineinhalb Jahren ist auch aus einem Kompromiss heraus entstanden. Es standen auch längere Sperrzeiten im Raum, um all die Arbeiten erledigen zu können.»

Eine rekordlange Sperrung

Das hat es so in der Geschichte der SBB noch gar nie gegeben: Eine Bahnstrecke wird für anderthalb Jahre komplett gesperrt. Seit dem 9. Juni des letzten Jahres ist die Bahnstrecke am Ostufer des Zugersees wegen Bauarbeiten geschlossen. Die Stilllegung soll noch bis zum Fahrplanwechsel 2020 dauern.

Die Sperrung der Strecke hat überregionale Bedeutung: Die Zugerseelinie ist ein Neat-Zubringer. Aber auch regional hat die Schliessung Auswirkungen: Wegen der Sperrung sind die Gebiete im Süden der Stadt Zug derzeit ohne Bahnanschluss. Das betrifft unter anderem die Ortschaften Oberwil und Walchwil. Zudem führt die Fahrt von Zug Richtung Süden im Moment über Rotkreuz. Das hat längere Fahrzeiten und teilweise auch ein Umsteigen zur Folge. Am Ostufer des Zugersees bauen die SBB im Raum Walchwil eine rund 1,7 Kilometer lange neue Doppelspur. Zudem werden viele Teile des Streckenabschnittes erneuert. Mitte April haben entsprechende Arbeiten auch im Bereich der Stadt Zug begonnen. In der Stadt selber stehen diverse Sanierungsarbeiten an. Davon betroffen sind unter anderem der Stadtviadukt und der Stadttunnel unweit des Bahnhofs Zug. Wenn alles nach Plan verläuft, so sind ab Mitte November Prüfungen und Testfahrten geplant.

Ein wichtiger Grund für die lange Bauzeit ist der Bau der erwähnten Doppelspur. Um diese wurde jahrelang gestritten. Bei Kosten von fast 100 Millionen Franken stellt sich die Frage nach dem Nutzen. Bei einem Verzicht auf den zweiten S-Bahn-Takt zwischen Walchwil und Oberwil hätte es den Bau dieser Doppelspur nicht gebraucht. Für den Fernverkehr allein wäre diese Doppelspur jedenfalls nicht nötig gewesen.

SBB wollen nicht spekulieren

Nach den Plänen der SBB sollten die Bauarbeiten im Bereich Zugersee-Ost auf den Fahrplanwechsel vom Dezember hin beendet sein. Dieser Fahrplan scheint nun aber gefährdet. Wegen der Corona-Krise ruhten die Bauarbeiten vom 20. März bis zum 13. April. «Ob die Coronakrise Auswirkungen auf den Inbetriebnahmetermin des Projektes Zugersee Ost hat, ist noch immer unklar. Spekulationen möchten wir keine anstellen», erklärt SBB-Sprecher Reto Schärli auf Anfrage.

Das Problem: Es ist äusserst fraglich, ob bei einer Verzögerung von ein paar Wochen die Eröffnung einfach entsprechend später, also zum Beispiel im Januar 2021, erfolgen könnte. Fahrplanwechsel innerhalb einer bestimmten Fahrplanperiode sind schwierig zu realisieren. Dies vor allem dann, wenn es sich um eine wichtige Linie handelt. Das ist bei der Strecke Zürich–Zug–Tessin zweifelsohne der Fall.

Eröffnung erst beim nächsten Fahrplanwechsel möglich

Mit anderen Worten: Wenn die Arbeiten nicht rechtzeitig fertig werden, so ist nicht auszuschliessen, dass die Eröffnung erst anlässlich des Fahrplanwechsels im Juni 2021 erfolgen könnte.

Dazu sagt SBB-Sprecher Reto Schärli: «Ich kann mich nicht erinnern, dass in der Vergangenheit Grossprojekte mit entsprechend grossen Auswirkungen auf das Bahnangebot ausserhalb eines regulären Fahrplanwechsels in Betrieb genommen worden wären.» Er könne sich aber auch nicht erinnern, dass ein Grossprojekt nicht rechtzeitig fertig geworden wäre und eine Inbetriebnahme verschoben werden musste, ausser falls es vor Baubeginn schon Verzögerungen wegen Einsprachen gegeben hatte. 

«Bis zum Beginn der Corona-Krise auf Kurs»

Im vorliegenden Fall gab es bekanntlich Einsprachen. Die für das Projekt vorgesehene Bauzeit sei wegen dieses verzögerten Baubeginns jedoch nicht geändert worden, sagt SBB-Sprecher Schärli. Und fügt an: «Bis zum Beginn der Corona-Krise waren die Arbeiten zeitlich auf Kurs.»

Durch die Bauarbeiten bleibt die Bahnstrecke noch länger blockiert.

Fazit: Am Zugersee ist im Moment vieles ziemlich unklar. Nicht auszuschliessen ist jedenfalls, dass aus der anderthalbjährigen Sperre auch eine solche von zwei Jahren werden könnte.  

Sicherheitsmassnahmen werden laut SBB erfüllt

Das Einhalten des Zeitplanes ist ein Aspekt. Der andere ist, ob die Gesundheit der am Bau Beteiligten gewährleistet werden kann. Seit dem 14. April werde entlang dem Zugersee wieder gearbeitet, sagt SBB-Sprecherin Sabine Baumgartner: «Wie auf allen SBB-Baustellen gilt auch hier: Die Sicherheits- und Hygienebestimmungen des Bundesamtes für Gesundheit werden auf der Baustelle erfüllt.» Dafür sei zu jeder Zeit ein sogenannter Covid-19-Verantwortlicher der SBB auf der Baustelle, der über die Umsetzung der Massnahmen wacht. «Die SBB ist zudem laufend in Kontakt mit den kantonalen Behörden.»

Die Schliessung der Baustelle am Zugersee erfolgte gleichzeitig mit ganz vielen anderen. Im März entschieden die SBB nämlich, wegen der Corona-Krise ihre Ressourcen auf die Störungsbehebung und den sicherheitsrelevanten Unterhalt zu fokussieren. Ungefähr 270 Baustellen wurden deshalb temporär geschlossen. Gemäss SBB blieben 14’000 Baustellen für den betriebsrelevanten Unterhalt von diesen Schliessungen weitgehend unbetroffen. In einer Mitteilung schrieben die SBB, dass sie die Zwischenzeit auch dazu genutzt habe, wegen Corona Hygiene- und Verhaltensmassnahmen zu definieren und die Arbeitsorganisation anzupassen.

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3 Kommentare
  1. Paul Stopper, 05.05.2020, 15:00 Uhr

    Wichtig ist die Feststellung im Kästchen, dass die Doppelspur gar nicht nötig gewesen wäre. Mit der Spange Rotkreuz wäre es möglich, die EC-Züge Zürich – Tessin – Milano über Immensee zu führen. Die SBB wussten seit langem über diesen Tatbestand. Aber nein, der Millionen-Meyer liess seine Trabanten das sinnlose Projekt am rechten Zugerseeufer durchstieren. Hoffentlich ist dies Zeit endgültig vorbei.

    1. Martin Grunder, 05.05.2020, 15:16 Uhr

      Allerdings hätte die Spange Immensee auch fast 200 Millionen gekostet und darüber hinaus die Fahrzeit von Zürich ins Tessin deutlich verlängert (wofür baut man denn einen Basistunnel). Ausserdem hätte die Strecke zwischen Zug und Arth sowieso saniert werden müssen. Vergessen Sie nicht die zahlreichen Streckenunterbrüche dort in den letzten Jahren wegen Erdrutschen.

  2. Gery Blum, 05.05.2020, 09:33 Uhr

    Weil die Baustelle drei Wochen ruhte, soll es nun sechs Monate länger gehen. Danke, SBB .

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