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Am Zuger Seeufer brutal verprügelt: «Ich sah nur noch Schuhe und Blut»
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Party-Meile Alpenquai in Zug. (Bild: lih)

Tätern drohen nun Landesverweise Am Zuger Seeufer brutal verprügelt: «Ich sah nur noch Schuhe und Blut»

6 min Lesezeit 3 Kommentare 12.03.2019, 18:12 Uhr

Vergangenes Jahr hat eine Gruppe Kosovaren zwei Schweizer beim goldenen Kiosk am See zusammengeschlagen. Von bis zu 45 Tritten gegen Kopf und Körper ist die Rede. Der Hauptbeschuldigte soll zudem einen geistig beeinträchtigten Zuwebe-Mitarbeiter erpresst haben. Nun mussten sich die Männer vor dem Zuger Strafgericht verantworten.

Angefangen hat alles mit einer Wohnungsbesichtigung. Denn Reto* hatte in Cham ein Zimmer zu vermieten. Einer der Interessenten war Bajrush*. An der Verhandlung am Zuger Strafgericht sagte Reto über Bajrush: «Er war mir sympathisch, wir tranken anschliessend noch ein Bier zusammen.»

Heute würde Reto dies bestimmt nicht mehr tun. Grund dafür ist die Nacht auf den 15. April 2018. Ein Blick zurück: Reto verlässt zusammen mit Fabian* und einem weiteren Kollegen seine Lieblingsbar: Das «Chicago» in Zug.

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Wegen 100 Franken beginnt der Streit

Sie müssten lange auf den nächsten Zug warten, entschliessen sich, in Richtung Cham zu laufen. Sie gehen zum See, vorbei am goldenen Kiosk. Auf der Höhe des Schachfelds verweilt eine Gruppe von sieben jungen Männern, sie sind betrunken und bekifft. Einer von ihnen ist Bajrush.

«Ich sank zu Boden und wurde mit Fusstritten und Schlägen eingedeckt.»

Fabian*, Kläger

Er schuldet Reto noch 100 Franken. Reto spricht ihn darauf an. Doch Bajrush erwidert bloss, dies sei nicht der richtige Moment dafür, und wirft Reto vor, seine Mutter beleidigt zu haben. Bald kommt es zu einer Rudelbildung. Beteiligt sind Reto und Fabian auf der einen und Bajrush mit rund sechs Kollegen, darunter Shaip* und Djevat*, auf der anderen Seite.

Im Gerichtssaal schilderte Fabian, wie er die Momente nach gegenseitigem Schubsen in Erinnerung hat: «Plötzlich wurde ich mit voller Wucht in den Rücken getreten. Ich sank zu Boden und wurde mit Fusstritten und Schlägen eingedeckt. Total waren es bestimmt 30 bis 45 Kicks. Ich sah nur noch Schuhe und Blut.»

Eine Reihe von Verletzungen

Entsprechend lesen sich Fabians Verletzungen, die er davongetragen hat: Gehirnerschütterung, Kieferschmerzen, mehrere Hämatome, Kopfplatzwunde, Seitenbandabriss am Daumen sowie Prellungen und ein Wackelzahn, um nur einige davon zu nennen.

Reto zieht derweil im Konflikt ein Messer, welches er bei sich trägt. Aus Sicht von Bajrush, Djevat und Shaip war dies der Moment der Eskalation. Reto wurde jedoch zu Boden gebracht, das Messer wird ihm abgenommen. Vermutlich von Shaip, die Aussagen gehen jedoch auseinander. Auch Reto bekam einiges ab: Nasenbeinbruch, Schädel- und Rippenprellungen, kurzzeitige Amnesie und über eine Woche lang anhaltende Kopfschmerzen zog er sich zu.

«Ich habe nichts Falsches getan.»

Shaip*, Beschuldigter

Erst als jemand rief, die Polizei komme, liessen die Angreifer von Reto und Fabian ab und rannten davon. Am Bahnhof liefen sie der Polizei in die Arme. Djevat, Shaip und Bajrush bestritten vor Gericht grossmehrheitlich, getreten und geschlagen zu haben. Da es dunkel war, konnten Fabian und Reto nicht genau erkennen, wer sie getreten hat. Doch Schuh- und DNA-Spuren belasten vor allem Djevat.

Von Reue war beim Trio wenig zu spüren. Auf Nachfrage des Gerichts, ob er den Vorfall oder seine Taten bereue, erwähnte Bajrush bloss ersteres. Und Shaip war an der Verhandlung am Montag der Meinung, er habe «nichts Falsches getan».

«Kick einer tätlichen Auseinandersetzung»

Die Staatsanwaltschaft schätzt die Lage konträr ein. Die Beschuldigten seien äusserst brutal vorgegangen. «Es ging bloss um den Kick einer tätlichen Auseinandersetzung.» Dass Fabian und Reto nicht schwerer verletzt wurden, sei eine «glückliche Fügung».

Für Bajrush, der mit Handschellen an Händen und Füssen von zwei Polizisten in den Gerichtssaal gebracht wurde, fordert der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von vier Jahren plus eine bedingte Geldstrafe sowie einen Landesverweis von zwölf Jahren.

Ein dickes Sündenregister

Bajrush stammt wie Shaip und Djevat aus dem Kosovo. Auch Djevat droht ein zwölfjähriger Landesverweis. Nur Shaip besitzt einen Schweizer Pass. Dem Trio wird mehrfache versuchte schwere Körperverletzung vorgeworfen. Alle fünf müssen sich zudem wegen Raufhandels verantworten.

«Ich habe keinen Kontakt zu meinem Vater – wegen der Dinge, die ich angestellt habe.»

Bajrush*, Hauptbeschuldigter

Bei Bajrush gesellen sich weitere Delikte zum Sündenregister: Der 26-Jährige muss sich auch wegen mehrfacher Hehlerei und fortgesetzter Erpressung verantworten.

Schulden haben sie alle

Bezüglich letzterem Vorwurf soll Bajrush einen ihm körperlich wie geistig unterlegenen Zuwebe-Mitarbeiter unter Drohung dazu gebracht haben, ihm mehrfach Bargeld auszuhändigen. Insgesamt soll es sich um rund 1’500 Franken handeln. Die Zivilklage des Zuwebe-Mitarbeiters beläuft sich auf 1’100 Franken.

Bajrush gab an, momentan auf Schulden von rund 15’000 Franken zu sitzen. Damit ist er in guter Gesellschaft. Denn auch Shaip (rund 10’000 Franken Schulden), Djevat (rund 5’000 bis 10’000 Franken), Reto (12’000 Franken Privatschulden plus Schulden bei Ämtern) und Fabian (rund 90’000 Franken) sind verschuldet. Ausserdem sind alle mit Ausnahme von Reto mehrfach vorbestraft.

Mit einer Schweizerin verlobt

Bajrush kam mit 18 Jahren in die Schweiz. Abgesehen von seinem Vater und seinem Bruder lebt der Rest seiner Familie immer noch im Kosovo. Momentan habe er keinen Kontakt zu seinem Vater, der in Menzingen lebt. «Wegen der Dinge, die ich angestellt habe», wie er erklärte. Bajrush selbst hat seinen Wohnsitz in Cham, befindet sich aktuell jedoch im vorzeitigen Strafvollzug.

«Auch auf mich gab es schon einen Tötungsversuch.»

Djevat*, Beschuldigter

Seit Dezember ist er mit einer Schweizerin verlobt. Seine Lehre in einer bekannten Zuger Confiserie hatte er wegen eines Herz- und Lungentumors abgebrochen. Gerade hat er eine Psychotherapie begonnen, um gegen sein Cannabis-Problem anzugehen. Das erpresste Geld soll er denn zumindest zu einem Teil auch für Drogen ausgegeben haben.

Hehlerei streitet er nicht ab

Die Erpressungsvorwürfe stritt Bajrush vehement ab. Auch dass ein weiterer Zuwebe-Mitarbeiter, den Bajrush als «Geldeintreiber» benutzt hat, ihm SMS geschrieben hat wie «600 erledigt», scheint ihn nicht zu beeindrucken. Obwohl damit offensichtlich der vom Opfer abgehobene Geldbetrag gemeint ist. Dies bestätigt ein entsprechender Kontoauszug. Nach eigener Aussage arbeitete Bajrushs Vater vor langer Zeit gar selbst bei dieser gemeinnützigen Institution.

Der Vorwurf der Hehlerei gegen Bajrush rührt daher, dass er mehrmals ein Smartphone zu einem offensichtlich viel zu niedrigen Preis gekauft hat. Er musste deswegen davon ausgehen, dass die Handys gestohlen waren. Dies bestritt er gar nicht erst.

Am Tropf der Eltern

Shaip hat gar nie eine Lehre absolviert. Der 27-Jährige hatte bislang noch nie eine feste Anstellung und lebt noch bei seinen Eltern. Diese kommen entsprechend auch für seinen Lebensunterhalt auf. Mit schwarzem Cap im Gerichtssaal sitzend, gab er sich einsilbig bei seinen Antworten.

Djevat kam erst 2012 in die Schweiz, sein Deutsch ist gebrochen. Er besitzt eine B-Bewilligung. Sein Vater sei im Kosovo getötet worden, sagt er. Deswegen fürchte er eine Rückkehr in seine Heimat, wo der 24-Jährige eine Ausbildung als Mechaniker gemacht hat. «Auch auf mich gab es schon einen Tötungsversuch», sagte er.

Reto und Fabian kennen sich seit rund zehn Jahren und wohnen aktuell zusammen. Fabian wirkt während der Verhandlung zeitweise fahrig, wird emotional und muss für einen Moment gar von seinem Anwalt beruhigt werden. Der 27-Jährige leidet unter Klaustrophobie und unter Wortfindungsstörungen seit dem Vorfall. Er bezieht Sozialhilfe und ein IV-Verfahren ist hängig.

Am Dienstag folgen die Plädoyers der Verteidigung. Die Urteilsverkündung ist für nächsten Montag angesetzt.

* Alle Namen von der Redaktion geändert

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3 Kommentare
  1. Sonnen Blume, 19.03.2019, 22:13 Uhr

    Die beiden Schweizer arbeiten auch nicht, sind verschuldet und einer davon hat Strafregistereinträge genauso wie der Schweizer mit Migrationshintergrund und die beiden Kosovaren. Wenn also ein “Ausländer” nicht dem System folgt, ist er nicht integriert und wenn Schweizer ihr Leben nicht auf die Reihe kriegen, dann sind sie was? Opfer? Schade, die einseitige Darstellung in den Berichten.

  2. Sonnen Blume, 18.03.2019, 22:34 Uhr

    Obwohl es kein politischer Artikel ist, erwarte ich als Leserin eine einigermassen journalistisch neutrale, den Tatsachen entsprechende Berichterstattung, besonders wenn es um die Herkunft und die Anzahl der Beteiligten geht. Der Einstiegssatz: “Eine GRUPPE KOSOVAREN schlagen ZWEI SCHWEIZER zusammen”, entspricht nicht der Wahrheit und dient nur dazu Fremdenfeindlichkeit zu schüren.
    Zumal Sie später doch darauf hinweisen, dass es DREI Kosovaren waren, von denen einer einen Schweizerpass hat, und dass sich alle FÜNF wegen Raufhandels verantworten müssen. Weiter haben, Ihrem Bericht zufolge, ALLE mehr oder weniger den gleichen Hintergrund (Schulden, arbeitslos, Strafregister…). Was genau soll dieser Bericht nun aussagen? Ja, wer eine Straftat begeht wird bestraft, das ist unser System, einverstanden. Aber was hat die Herkunft der Straftäter damit zu tun? Bin gespannt, wie Sie morgen die heutige Urteilsverkündung bekanntgeben.

    1. Daniel Huber, 19.03.2019, 09:11 Uhr

      Tatsächlich ein sensibler Bereich. Ich frage mich jedoch: ist ein kosovarisch-schweizerischer Doppelbürger, der hier laut Richter nicht integriert ist, nun als Kosovare oder Schweizer zu bezeichnen?