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Am Lottomatch oder der missgünstige Kampf um das Schinkli
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Unsere Beute: In der letzten Runde erringen wir tatsächlich einen Speck. (Bild: wia )

Bünzlitum oder Retro-Trend? Reportage aus Zug Am Lottomatch oder der missgünstige Kampf um das Schinkli

5 min Lesezeit 05.10.2017, 11:51 Uhr

Er ist Inbegriff des Bünzlitums, Ausdruck höchster Heimatgefühle und bietet gerade nur so viel Spannung, dass er auch mit Herzschwäche zu bewältigen ist: der Lottomatch. Manche munkeln, dass die Freizeitbeschäftigung mittlerweile auch bei der hippen Jugend angekommen sei. Ist es wahr? Wir haben es herausgefunden, bei einem Lotto-Selbstversuch in der Zuger Peripherie.

«56», schallt es aus den Lautsprechern, als wir den Raum betreten. Wir befinden uns im unterirdischen Pfarreiheim St. Johannes, am Rande der Stadt Zug. Ein kurzer Blick aufs Handy verrät: Hier herrscht Funkstille. Kein noch so schwaches Signal schafft es, in diesen soliden 70er-Jahre-Bau zu dringen. Unsere vollste Konzentration gebührt an diesem Abend also nur der einen Sache: «Lotto!», erschallt es erleichtert, ja fast juchzend aus der dritten Reihe. Und während ein Stöhnen und Raunen durch die Menge geht, suchen wir uns einen der letzten freien Plätze im Saal.

Lotto statt Bungeejumping

Wir sind hier, weil wir einem Gerücht auf die Spur kommen wollen. Dem Gerücht nämlich, dass längst nicht mehr nur Ü70er dieser merkwürdigen Freizeitbeschäftigung frönen. Nein, dass sich auch immer mehr junge Leute, die sich ihre Zeit geradesogut mit Bungeejumping oder Crossfit vertreiben könnten, den Freuden eines traditionellen Lottomatches hingeben. Und es bedarf nur eines kurzen Blickes durch den Saal, um dieses Gerücht zu erhärten. Zwischen grauen Betonfrisuren und haarlosen Köpfen – zugegeben, sie sind in der Überzahl – blickt man auf eine Menge mittelaltrige Prachtsschnäuze, blonde Vollmähnen und auch ein paar bunte Haargummis, welche die Zöpfe von kleinen Mädchen zieren.

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Die Lotto-Gäste warten auf die neue Runde und damit auf neues Glück.

Die Lotto-Gäste warten auf die neue Runde und damit auf neues Glück.

(Bild: wia)

Gibt es hier nun vegane Würste zu gewinnen?

Hat Lottospielen tatsächlich sein verstaubtes Image abgeworfen, sich in neue Schale geworfen und ist plötzlich aufregend und chic geworden? Gibt es heutzutage vegane Salami, Brooks-Velosättel und Fjällraven-Rucksäcke zu gewinnen? Der kurze Anflug von Euphorie wird jedoch im Keim erstickt, als der Speaker mit ernster Stimme verkündet: «In der nächsten Runde spielen wir um einen Früchtekorb, ein Schinkli und einen Schnaps.» Das Jodler-Doppel-Quartett, das den Anlass organisiert hat, hält also lieber an Altbewährtem fest.

Schnell sind vier Franken aus dem Portemonnaie geklaubt. Dafür gibt’s drei Lottokarten, die wir ordentlich übereinander aufreihen. Übersicht ist Trumpf. Wir sind bereit und auch ein wenig aufgeregt. «3. 45. 86. Ich wiederhole: 3. 45. 86.» Im Saal herrscht Stille. Ein jeder setzt die volle Konzentration auf seine Karten. Wartet, bis die eigenen Zahlen ausgerufen werden. Bis man endlich auch einmal einen Schnaps gewinnt.

«Glück mues mer ha.»

Ein älterer, erfolgloser Lottospieler

Aber nach ungefähr zwanzig Sekunden merken wir, dass dieses Warten eigentlich gar nicht so spannend ist. Der Blick wandert nach rechts. Unser direkter Nachbar ist ein korpulenter, älterer Herr, der gleich nebenan im Quartier wohnt. «Glück mues mer ha», brummelt er vor sich hin, während er bei der Serviertochter ein Alkoholfreies bestellt. An diesem Abend scheint ihm das Schicksal nicht wohlgesinnt zu sein. Denn während andere bereits mehrere Zahlen auf ihrer Karte mit roten, transparenten Plättchen abgedeckt haben, herrscht bei ihm noch gähnende Leere.

Die Profis sind mit eigenem Equipment gekommen

Am Ende des Tischs sitzt ein Ehepaar in den Vierzigern. Er mit Schnauz, sie mit frecher Strähne. Es handelt sich offensichtlich um Profis. Sie haben ihre eigenen, magnetischen Plättchen mitgebracht, und einen Wischer, mit dem sie, sobald das entsprechende Kommando ertönt, ihre Karten innert Sekunden ratzeputz leeren können. Und das passiert denn auch, nachdem unsere linken Nachbarn, untermalt von lautem Johlen, einen Schnaps ergattern. Unsere Karte ist noch erbärmlich leer. Durchaus möglich, dass unsere Gewinnzahlen zwar aufgerufen, aber von uns, vor lauter Staunen über die magnetischen Lottoplättchen, überhört wurden.

Die glücklichen Schnapsgewinner gehören zu einer grösseren Gruppe von Mittdreissigern. Sie kennen sich von der Guugenmusig, erklärt einer von ihnen, der an dem Abend extra für den Anlass aus dem Zürcher Kreis 4 in die Provinz, seine eigentliche Heimat, gereist ist. Der Wahlzürcher ergänzt: «Doch keiner von uns ist mehr aktiv dabei», und wird denn auch gleich von seinem Kollegen gefragt, wie’s denn dem Nachwuchs laufe. Die Interessen scheinen sich also zünftig verlagert zu haben. Von lauter Musik auf schiere Stille. Von durchzechten Nächten auf gesittete Bettzeiten. (Um Mitternacht ist hier Schluss.) Und vom Kampf gegen den Kater zum Kampf ums Schinkli. Immerhin, der Schnaps bleibt ihnen ein treuer Begleiter.

Das Lottospielen stösst bei vielen Menschen auf Sympathie: Der Pfarreisaal St. Johannes ist an diesem Abend jedenfalls gut besetzt.

Das Lottospielen stösst bei vielen Menschen auf Sympathie: Der Pfarreisaal St. Johannes ist an diesem Abend jedenfalls gut besetzt.

(Bild: wia)

Hurra, ein No-Name-Schnaps!

Die nächste Runde beginnt. Acht Franken haben wir bereits hingeblättert. Und wir nehmen uns vor, nun voll bei der Sache zu sein. Es geht um «ein Chischtli». Was dort drin zu finden ist, bleibt offen, wir vermuten jedoch, keine vegane Wurst. Ausserdem gibt’s Wein zu gewinnen, und schon wieder Schnaps. Eifrig beugen sich die Spielfreunde über ihre Karten. Doch warum eigentlich? Wissen sie denn nicht, dass es sich bei den Preisen um günstige No-Name-Produkte handelt? Gerade gut genug als Mischzutat für Glühwein und Kafi Schnaps. Natürlich wissen sie’s. Doch freuen Sie sich etwa nicht, wenn Sie etwas (fast) gratis bekommen?

Nur wenige Zahlen werden verkündet, da schreit bereits eine Frau «Lotto!». Und wieder setzt allseits ein missgünstiges, leicht aggressives Raunen ein. Als sich dann bei der Kontrolle der Zahlen herausstellt, dass die Nummer 14 noch gar nicht dran war, das verkündete Lotto also keines ist und es doch noch Hoffnung gibt, jubeln vereinzelte Hämische leise auf.

«Üüüse Tisch! Üüüse Tisch!»

… schreit eine Gruppe Ex-Fasnächtler im Akkord

Kaum geht’s weiter, erschallt es am Tisch der Ex-Fasnächtler laut, beinah entgeistert: «Lotto!!!» Und der ganze Tisch jubiliert: «Üüüse Tisch! Üüüse Tisch!» Wir lernen: Wenn’s also darauf ankommt, können die Altguuger noch immer feiern. Selbst ungeschminkt und konfettilos.

Der Speck ist unser

Und dann haben wir plötzlich Grund zum Jubilieren. Wir weisen innert kürzester Zeit quasi einen Lottosechser auf und gewinnen einen Speck! Dieser liegt dann zwischen Lottokarten und Plättchen auf unserem Tisch und wirkt etwas trostlos. Wir beschliessen, es für heute gut sein zu lassen und verabschieden uns vom dicken Herrn. Dieser hatte noch immer kein Glück. Er scheint es aber mit Fassung zu tragen, zuckt mit den Schultern und murmelt: «Glück mues mer ha.»

Und wir machen uns aus dem Staub mit zweierlei Erkenntnissen. Einerseits ist es tatsächlich so, dass Lottospielen in gewissen Kreisen offenbar als kultig erachtet wird. Andererseits ist das Ganze noch genauso öde, wie wir uns das vorgestellt haben. Da hilft kein Speck der Welt dagegen.

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