Als man «Hexen» beim «Schutzengel» lebendig verbrannte und im Cheibenturm zu Tode folterte
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Zug galt im 17. Jahrhundert als Zentralschweizer Hochburg der Hexenprozesse. (Bild: Adobe Stock)

Zug spielte bei den Hexenverfolgungen eine grosse Rolle Als man «Hexen» beim «Schutzengel» lebendig verbrannte und im Cheibenturm zu Tode folterte

6 min Lesezeit 1 Kommentar 29.12.2019, 16:59 Uhr

Etwa 60’000 Menschen wurden in Europa während der Zeit der Hexenverfolgung hingerichtet. Die Zentralschweiz machte bei dieser Jagd eifrig mit. Mittendrin der Stand Zug, wo im 17. Jahrhundert vergleichsweise viele «Hexen» verbrannt wurden. Es ist eine Geschichte von unendlicher Grausamkeit, haarsträubendem Unrecht und unfassbarer Willkür.

Das Vieh stirbt? Der Mann ist krank? Wo man heute gleich an Viren und Seuchen denkt, standen vor wenigen hundert Jahren noch ganz andere Ursachen im Angebot.

Denn viel plausibler als die Idee von Krankheiten, auf die man sich früher keinen Reim machen konnte, war Magie. Ganz klar. Das muss Hexenwerk sein!

In Europa wurden zwischen 1400 und 1780 bis zu 60’000 Menschen, insbesondere Frauen, hingerichtet. Mittendrin: Der Kanton Zug, der bei diesem Treiben eifrig mitmachte.

Nicht die Kirche erhob Anklage, sondern die Regierung

In Zug sowie Luzern wurden bis ins Jahr 1670 so viele Hexen verbrannt wie Diebe und Mörder gehängt oder enthauptet wurden, entnimmt man einem Buch über Zentralschweizer Hexenverbrennungen, an dem auch der Zuger Historiker Philippe Bart mitgewirkt hat. Tatsächlich fanden in Zug «gemessen an der damaligen Bevölkerungszahl und im Vergleich mit den umliegenden Kantonen Luzern und Zürich – relativ viele Verfolgungen» statt, wie Bart zum Thema erklärt.

Interessant: Es war in der Zentralschweiz nicht die Kirche, welche Hexen angeklagt hat, sondern es waren vielmehr weltliche Obrigkeiten. Und die haben es gründlich gemacht.

Im Zugersee ertränkt

Der erste bekannte Fall einer Hinrichtung wegen Hexerei im Kanton Zug stammt aus dem Jahr 1559. Margreth Pamperli wurde im Zugersee ertränkt. Insbesondere im 17. Jahrhundert blieb die Zahl der Verfolgungen in Zug hoch. Allein zwischen 1611 und 1616 wurden 35 Menschen getötet. Mit dem Amman Georg Sidler, der ab 1650 dem Stadtrat vorsass, wurden besonders viele Tötungen in Verbindung gebracht. Miriam de Sepibus belegte in ihrer Masterarbeit 2012, dass die Zuger Hexenprozesse im 17. Jahrhundert dem sozialen Aufstieg amtierender Ammänner durchaus dienlich waren. Fand unter dem vormaligen Ammann durchschnittlich eine Hexenverurteilung im Jahr statt, waren es unter Sidler durchschnittlich fast 11.

Diese Zuger haben sich mit Hexenverfolgung befasst

Im vorliegenden Text hat sich zentralplus insbesondere auf wissenschaftliche Arbeiten verschiedener Zuger Historikerinnen und Historiker gestützt. Zum einen auf das Buch «Hexenverfolgungen in der Innerschweiz 1670-1754», in dem Philippe Bart insbesondere über die damaligen Begebenheiten in Zug schrieb. Zum anderen orientierten wir uns an der Masterarbeit «Hexenprozesse als Mittel des sozialen Aufstiegs im eidgenössischen Stand Zug in der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts» von Miriam Wismer-de Sepibus. Last, but not least half auch der Zeitungsartikel aus der «Region».

Zwischen 1611 und 1670 wurde die Hexenverfolgung über 150 Frauen und elf Männern in Zug zum Verhängnis. «… Vil lüth und veech erlämpt vnd getödet, insbesonders denen von Zug grossen schaden vnder dem veech gethan», liest man etwa in einer Dokumentation zur Verbrennung von Margreth Wuriner. Sie wurde zwar in Schwyz hingerichtet, wurde aber vorwiegend wegen «Verbrechen» in Zug verurteilt.

Es kann davon ausgegangen werden, dass die Zuger Gefangenen im «Cheibenturm» ausharren mussten und dort der «Wahrheitsfindung» zuliebe auch grausam gefoltert wurden. Überliefert sind etwa der Einsatz der Streckfolter und die Auspeitschung, aber auch das Einsetzen von glühenden Eisen auf der Haut.

Unter Folter wurde die Lüge zur Wahrheit

Da die Schmerzen oft derart unerträglich gewesen sein dürften, gestanden die meisten Gefolterten ihre Schuld und erfanden in ihrer Not passende Geschichten. Grundsätzlich stand am Anfang stets die Verführung durch den Teufel, wie die Zeitung «Region» 1984 in einem ausführlichen Artikel über Zuger Hexenverfolgungen schrieb, in der sie auf eine Dissertation von Fritz Dommann verweist. Eine klassische Assoziation, welche die Bevölkerung mit der Hexerei verband, war der Geschlechtsverkehr mit dem Teufel sowie auch die Teilnahme am Hexensabbat, welche viele Frauen unter der Folter gestanden.

Miriam Wismer-de Sepibus hat in ihrer Masterarbeit 2012 unter anderem ergründet, weshalb Menschen angeklagt wurden:

Viele verurteilte Personen starben durch den Scheiterhaufen – dieser befand sich gemäss «Region» gleich hinter der Schutzengelkapelle in der Stadt Zug. «Nach gut gelungener Verbrennung fand eine ‹Schmauserei auf dem Rathause› statt.» Auch wurden Verurteilte gehängt oder mit dem Schwert geköpft.

Selbst 9-Jährige wurden der Hexerei bezichtigt

Selbst Kinder blieben nicht verschont vom magischen Wahnsinn. Insgesamt wurden sechs Kinder in Zug nach 1600 wegen Hexerei hingerichtet. Auch sie wurden offenbar nicht von Folter verschont. In Obwalden wurde Ende des 17. Jahrhunderts der 9-jährige Hans Baschi Jöri verhört, der in seinem Geständnis wilde Fantasien ausbreitete, etwa von erotischen Erlebnissen an Hexentänzen und einem Männchen mit Ziegenfuss erzählte.

In Zug wurden auffallend viele Hexen nach 1670 hingerichtet. «Der Vergleich mit den anderen Ständen zeigt, dass Zug in dieser Spätphase Luzern als Brennpunkt der innerschweizerischen Hexenverfolgung ablöst», so schreibt der Historiker Philippe Bart im Buch.

Oft folgte eine Kettenreaktion

Katharina Muos etwa wurde 1672 verhaftet. Unter der Folter bekannte sie die Anschuldigungen betreffend «Schadenszauber», die ihr mehrfach zur Last gelegt worden waren. Sie verriet in ihrer Misere auch die Namen all jener, die sie am Hexentanz getroffen haben soll. Diese wurden daraufhin ebenfalls verurteilt.

Wo heute die S-Bahn-Haltestelle Schutzengel steht, wurden einst Menschen hingerichtet.

Das eigentliche Zeitalter der Hexenverfolgung fand vor 1700 ein Ende. Jedenfalls vorläufig. Denn 1737 kam es in Zug noch einmal zu einer Kette von Verurteilungen, die sich heute wie ein grausiger, blutrünstiger Krimi lesen. Das fulminante Ende davon: Der Tod der Zugerin Katharina Kalbacher.

Es war eine Zeit der politischen Unruhe im Stand Zug. Ausserdem zerstörte ein Hagelschauer einen grossen Teil der lebensnotwendigen Ernte. Die 16-jährige Kalbacher bezichtigte sich vor den Zuger Behörden selbst als Hexe. Weshalb tat sie das? Darüber kann man heute nur mutmassen. Historiker Philippe Bart vermutet keine psychische Störung, sondern eher «pubertärer Geltungsdrang und einen starken Hang zur Selbstinszenierung» sowie mögliche Rachegedanken dahinter.

Eine 16-Jährige sorgt für viele Tode

Im Zuge dieses Verhörs denunzierte die 16-Jährige ungefähr 20 weitere Personen. Solche, die in der Gesellschaft eine gewisse Machtposition besassen. Viele von ihnen wurden daraufhin verhört, gefoltert und bei lebendigem Leibe verbrannt. Auch eine Frau aus Beromünster wurde von der «Calbacherin» denunziert. Elisabeth Kopp wurde auf dem Karren nach Luzern gebracht, beteuerte jedoch beim Verhör standhaft ihre Unschuld.

Absurderweise forderte die Luzerner Obrigkeit, dass man mit der Hinrichtung Katharina Kalbachers noch abwarte, da diese für die Befragung Elisabeth Kopps in Luzern nützlich sein könnte. Kalbacher jedoch verstrickte sich offenbar währenddessen in Widersprüche, was das Misstrauen des Richters erweckte. Daraufhin wurde die selbsternannte Hexe wieder nach Zug geschickt, wo sie nicht verbrannt wurde, sondern mit dem Schwert enthauptet. Dies als Dank für die gute Kooperation.

Gefoltert bis zur Arbeitsunfähigkeit

Kalbacher war die letzte Person, die in der Innerschweiz als Hexe öffentlich hingerichtet wurde. – Eine weitere Frau verendete kurz darauf nach monatelanger Haft und Folter im Zuger Verlies im Chaiben- oder Zytturm. Wenig später wurden deren Mann und Tochter freigelassen. – Sie alle waren von Kalbacher denunziert worden. Vater und Tochter waren körperlich dermassen grob misshandelt worden, dass sie nie mehr arbeiten konnten. Der Stadtrat forderte deshalb den Vater Kalbachers auf, die beiden finanziell zu unterstützen. Dies, da sie «gar vil ausgestanden hätten». Ob das Geld je ausbezahlt wurde, ist unklar.

Zurück nach Luzern: Elisabeth Kopp, welche bis zum Schluss «gäntzlich unschuldig zu seÿn beharret», wurde als Invalide aus der Haft entlassen. Nicht, weil man ihr ihre Unschuld glaubte. Vielmehr deshalb, weil man trotz konsequenter Anwendung der Folter nicht mehr aus ihr herausbekam als die Beteuerung ihrer Unschuld. – Eine Leistung, die sonst kaum jemandem gelang.

Die verlorene Ehre der Elisabeth Kopp

Dennoch wurde ihr die Ehre nicht wiederhergestellt. Der Luzerner Rat forderte die Landvögte in Willisau, Sursee und Sempach vielmehr auf, weiterhin ein wachsames Auge auf verdächtige Personen zu werfen.

Die Zeitung «Region» hatte 1984 die Zahl der Opfer in Zusammenhang mit der Hexenverfolgung «mit Hilfe von Jassstrichen» gemacht und ist dabei auf «weit mehr als 200 Opfer» gekommen. Wie viele es tatsächlich waren, darüber lässt sich nur spekulieren. Ein mulmiges Gefühl hinterlassen die Geschehnisse von vor knapp 300 Jahren allemal.

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1 Kommentare
  1. mebinger, 29.12.2019, 19:20 Uhr

    Heute wird nicht mehr verbrannt und gefoltert, aber wer andere Meinungen vertritt lebt gefährlicher den je.

Die zentralplus Redaktion wünscht Dir einen schönen Tag!

Wir möchten einfach kurz Danke sagen. Danke, dass du zentralplus liest.