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Als Luzerner Katholiken wegen eines Bildes auf die Barrikaden gingen
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Alfred Schmidiger in seinem Atelier im Jahr 1968. (Bild: Ernst Scagnet, «Luzerner Tagblatt»)

Bitterböser Streit um Fronleichnamsprozession 1938 Als Luzerner Katholiken wegen eines Bildes auf die Barrikaden gingen

5 min Lesezeit 31.05.2018, 05:13 Uhr

«Geschmacklosigkeit», «Ärgernis», «Entweihung»: Die sakrale Strassendekoration des Luzerner Malers und Restaurators Alfred Schmidiger liess die hiesigen Katholiken wütend aufschreien. Das Werk hat er für die traditionelle Fronleichnamsprozession 1938 geschaffen. Die öffentliche Schmähung hat er seinen Mitbürgern äusserst übel genommen.

Für Luzern war die Fronleichnamsprozession einst ein religiöses und gesellschaftliches Grossereignis – heute erinnern lediglich noch die Herrgottskanoniere mit ihren Böllerschüssen lautstark an den offiziellen Festakt, an dem nur mehr eine Minderzahl von Einwohnern teilnimmt.

Ein Donnergewitter ganz anderer Art entlud sich jedoch an Fronleichnam vor 80 Jahren über dem Luzerner Maler und Restaurator Alfred Schmidiger (1892–1977). 1938, ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde Schmidiger von der katholischen Kirchgemeinde beauftragt, für die Prozession grossflächige sakrale Strassendekorationen zu schaffen.

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Traditionell feuert die Bruderschaft der Herrgottskanoniere an Fronleichnam insgesamt 50 Schüsse ab, um die Bevölkerung an den Feiertag zu erinnern.

Traditionell feuert die Bruderschaft der Herrgottskanoniere an Fronleichnam insgesamt 50 Schüsse ab, um die Bevölkerung an den Feiertag zu erinnern.

(Bild: Ramona Steiger)

Ein mediales Ereignis

Darauf malte dieser zwei sieben Meter hohe und zwei Meter breite Bildtafeln, die von einem Gremium gutgeheissen und in der Luzerner Tageszeitung «Vaterland» als «Überraschung» für die Prozessionsteilnehmer angekündigt wurden. Schmidigers Arbeit komme in einer mächtig wirkenden Farbsymphonie zum Ausdruck, steht am Vortag in der Zeitung. Die Bildtafeln versinnbildlichten in figuraler und symbolischer Darstellung die Anbetung des Allerheiligsten, so die Kritik der Publikation.

«Die Empörung von damals ist heute kaum verständlich.»

Urs-Beat Frei, Spezialist für christliche Sakralkultur

Am damaligen Fronleichnamstag wurden sie dann der Öffentlichkeit präsentiert. Doch einmal angebracht an den eigens dafür aufgerichteten neun Meter hohen hölzernen Türmen eingangs der Seebrücke, stiess das Werk im katholischen Luzern auf vollständige Ablehnung. Die Rede war von einem «öffentlichen Ärgernis», von einer «Geschmacklosigkeit», einer «fastnächtlich anmutenden Entweihung des Tages». Darüber berichten Inge Sprenger Viol und Anton E. Müller in einem Buch zu Leben und Werk des Luzerner Malers, das 1987 erschienen ist.

Im Namen «Zehntausender von Katholiken in Luzern und Umgebung» wurde an den Bischof in Solothurn ein Protesttelegramm gesandt. Das katholisch-konservative «Vaterland» verzichtete «im Interesse einer ruhigen Diskussion» auf eine Veröffentlichung von Kritiken. Das «Luzerner Tagblatt» hingegen druckte empörte Leserbriefe ab, weil «ein solch lebhafter Meinungsstreit» aus Gründen der Information nicht übergangen werden dürfe.

Kaum jemand setzte sich für Schmidiger ein

Zu lesen war da etwa, Schmidigers «Gemälde könnten eher als Reklame für eine japanische Teemischung oder für brasilianische Tabake gelten denn als religiöse Sinnbilder». Oder: Es gehöre wohl zum Wesen der modernen Kunst, dass man erst nach langem Rätselraten herausfinde, was «das Gemale» darstellen soll. Es sei unverzeihlich, dass man solch «abwegige Produkte» gerade dort aufstelle, wo jeder Fremde sie sehen müsse. Es gehe um den Eindruck, der vom «derzeitigen Stand der Schweizerkunst» vermittelt werde.

Die Arbeit von Schmidiger für die Fronleichnamprozession 1938 in Luzern.

Die Arbeit von Schmidiger für die Fronleichnamsprozession 1938 in Luzern.

(Bild: zvg)

Bemerkenswert ist eine andere Meinungsäusserung, dass nämlich solch «geradezu marktschreierische Propaganda gewisser religiös sein wollender Kunstbruderschaften» grundsätzlich nicht angehe. Käme sie von anderer Seite – würde sie wegen «Störung des religiösen Friedens» gewiss bestraft.

Kirche als Modernisierer

«Schaut man heute auf die Bilder von Schmidiger, so ist die Empörung von damals kaum verständlich», sagt Urs-Beat Frei, Spezialist für christliche Sakralkultur und Dozent an der Hochschule Luzern. Elemente des Art Déco sowie moderne, kubische Formen und eine expressionistische Farbigkeit seien in das Werk eingeflossen.

Das scheine der breiten Masse wohl einfach zu ungewohnt gewesen zu sein, erklärt Frei. Als man das Werk 1958 noch einmal aufstellte für eine Fronleichnamsprozession, habe es keine Proteste mehr gegeben. «Leider sind die sicher interessanten Bildtafeln später wohl entsorgt worden», sagt Frei.

«Oft kommt mir zum Bewusstsein, in welcher künstlerisch stupiden Umgebung in Luzern ich mein Dasein friste.»

Alfred Schmidiger, Maler und Restaurator

Für Frei ist es nicht überraschend, dass die katholische Kirchgemeinde respektive die verantwortliche «Dekorationskommission» Schmidigers Arbeit abgesegnet hat: «Die Kirche wollte bewusst neue Wege gehen.»

Farbholzschnitt von Alfred Schmidiger aus dem Jahr 1933 mit einer Darstellung der Kreuzigung.

Farbholzschnitt von Alfred Schmidiger aus dem Jahr 1933 mit einer Darstellung der Kreuzigung.

(Bild: zvg)

Abriss und Neubau von alten Kirchen

Das habe sich auch wenige Jahre zuvor beim Bau der Luzerner St.-Karls-Kirche 1934 und deren künstlerischer Ausstattung gezeigt. Während Jahrhunderten sei die katholische Kirche für Fortschritt und Modernität bei Bauwerken und Symbolen gestanden.

In der Zentralschweiz wurden laut Frei in der Vergangenheit verschiedene Kirchen sogar abgerissen, um sie zeitgemäss wieder aufzubauen. Unter anderem etwa an die Michaelskirche in Zug oder die Kirche in Walchwil, die gleich zwei Mal abgetragen und neu erbaut wurde, sagt Frei. Dass sich die Kirche in Sachen Kunst gegen die Moderne richtet und auf Bewahrung setzt, sei eine neuere Erscheinung. 

Künstler schadet Kritik

Den Künstler Alfred Schmidiger jedenfalls traf die persönliche Kritik der religiösen Eiferer und der breiten Öffentlichkeit hart und er machte sich in einem privaten Schreiben Luft: «Oft, wenn ich so intensiv schufte, kommt mir zum Bewusstsein, in welcher künstlerisch stupiden Umgebung in Luzern ich mein Dasein friste; eine Welt voll Arroganz, Eigendünkel und Vorurteile.»

In der Folge zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück und hatte fortan ein angespanntes Verhältnis zur Leuchtenstadt. Schmidigers Schaffen litt unter dem Skandal. Als der Zweite Weltkrieg im September 1939 ausbrach, gerieten er und seine Malereien für die Fronleichnamsprozession schnell in Vergessenheit.

Ein andauernder Konflikt

Religiöse Darstellungen waren auch später noch Streitpunkt in der Zentralschweiz. Den heiligen Zorn traf noch 20 Jahre später Ferdinand Gehr in Zug: Seine Fresken in der Bruderklausenkirche von Oberwil von 1957 mussten wegen heftiger Proteste für mehrere Jahre mit Vorhängen zugedeckt werden, erinnert Experte Frei.

Obwohl das Geschehene weitab der aktuellen politischen Debatte in Luzern zu liegen scheint – Diskussionen um den Geschmack, um die Deutung und Verwendung religiöser Symbole bleiben aktueller denn je. Ein Beispiel ist die Debatte um die christlichen Symbole in der Abdankungshalle im Friedental vor zwei Jahren. Ein christliches Wandgemälde sollte nach dem Willen der Stadtregierung dauerhaft abgedeckt werden – auf Druck der Parteien CVP und SVP wurde jedoch auf den Schritt verzichtet.

Aber auch im nahen Ausland sorgte die jüngste Auseinandersetzung um Kreuze in bayrischen Schulzimmern und Behörden für Schlagzeilen. Die Kreuze sollen dort nach dem Willen der Regierung von Markus Söder überall angebracht werden. Dies, um die «geschichtliche und kulturelle Prägung» des Freistaats zum Ausdruck zu bringen. Wobei dieses Ansinnen von Reinhard Marx, dem Kardinal von München, öffentlich kritisiert wurde.

 

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