Als Luzern nicht mehr den Luzernern gehörte
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Fluch und Segen: Ohne den Tourismus wäre die Stadt Luzern nicht das, was sie heute ist. (Bild: Emanuel Ammon/Aura)

Entwicklungsmotor Tourismus Als Luzern nicht mehr den Luzernern gehörte

5 min Lesezeit 4 Kommentare 20.09.2020, 16:00 Uhr

Das Geschäft mit den gutbetuchten Ausländern war und ist eine Triebfeder der Modernisierung in Luzern. Ein Interview mit der Historikerin und Städteforscherin Laura Fasol über nicht ganz so hinterwäldlerische Luzerner, Indianer und Dämonen

zentralplus: Laura Fasol, wer heute Luzern hört, denkt unweigerlich auch Tourismus. War das immer schon so?

Laura Fasol: Tourismus hat in Luzern tatsächlich eine lange Tradition. In meinem Buch habe ich vor allem die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts untersucht. Das ist just jene Periode, in der sich der Tourismus rasant entwickelt. 1850 zählte Luzern 250 Fremdenbetten. Vierzig Jahre später waren es schon 3500, 1914 gar deren 9400. Spätestens um die Jahrhundertwende ist Luzern der Schweizer Touristen-Hotspot schlechthin.

zentralplus: Was waren die Gründe für diesen enormen Boom?

Fasol: Das hat entscheidend mit der Entdeckung der Natur und besonders der Bergwelt zu tun. Lange Zeit galten Berge eher als mühselige Hindernisse, die es zu überqueren galt, als Zuhause von Dämonen und Drachen. Erst die Aufklärung räumt auf mit diesen Vorstellungen: Berge werden erst zu Forschungsobjekten, die es zu vermessen und kartographieren galt, dann zum Ziel poetischer Schwärmereien.

zentralplus: Der See, die Bergen. Die raue, ungekünstelte, die scheinbar ursprüngliche Landschaft.

Fasol: Genau: Das ist es, was gutbetuchte europäische Ausländer Mitte des 19. Jahrhunderts immer zahlreicher nach Luzern lockt. Den Faktor Natur kann man für die touristische Entwicklung Luzerns gar nicht genug betonen. Erst später, als der Tourismus die Stadt bereits umgestaltet hatte, entwickelte sich diese zu einem eigenständigen Reiseziel.

«In Luzern offenbart sich früh ein grundlegendes Problem: Der Tourist zerstört, was er sucht.»

zentralplus: Mit Verlaub: Orte, mit Seeanstoss sowie Blick in die Alpen gibt es in der Schweiz einige.Warum aber wurde ausgerechnet Luzern zum place to be?

Fasol: Das stimmt, diese Kombination ist gerade in der Schweiz nicht einzigartig. Dass letztlich Luzern zur unangefochtenen Hauptdestination wurde, liegt auch daran, dass die Luzerner die Zeichen der Zeit verstanden und zu ihren Gunsten zu nutzen wussten. Man bemühte sich aktiv um einen Eisenbahnanschluss – im Wissen darum, wie wichtig dieser für die touristische Erschliessung ist. In Bern war man diesbezüglich viel kritischer. Was dazu führte, dass die Bundeshauptstadt erst 1860 ans Eisenbahnnetz angeschlossen wird, während Luzern bereits 1856 seinen Bahnhof eröffnet hatte.

Laura Fasol von der Universität Luzern.

zentralplus: Die Innerschweiz und allen voran Luzern, waren also gar nicht so konservativ und hinterwäldlerisch, wie gemeinhin angenommen?

Fasol: Ja. Auch wenn es in Luzern Fortschrittsskeptiker gab, so waren doch viele Akteure alles andere als modernisierungsfeindlich. Anders als auf dem Land dominierten in der Stadt nicht die Katholisch Konservativen, sondern Freisinnige – die oft genug selber im Tourismus mitmischten. Das sowie die Wünsche und Vorstellungen der reichen Gäste führte dazu, dass Luzern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts radikal umgestaltet wurde. Anstelle der hölzernen Hofbrücke wurde ein Quai aufgeschüttet, Luzern erhielt erst einen Bahnhof, dann die moderne Seebrücke. Das Zentrum rückte von der Reuss weg, an den See, wo moderne Hotelbauten in die Höhe schossen – natürlich mit ausgezeichneter Aussicht auf See und Berge.

zentralplus: Ein veritabler Modernisierungsrausch, dem fast auch die Kapellbrücke zum Opfer gefallen wäre.

Fasol: Der Abriss der Kapellbrücke war zwar durchaus ein realistisches Szenario. Konkrete Pläne aber gab es nie. Was im Jahr 1898 durch die europäische Presse geisterte, war bloss ein Gerücht – das allerdings hohe Wellen warf, selbst im fernen Manchester. Dort verurteilte die lokale Presse die angeblichen Pläne als Vandalen-Akt, besorgte Bürger lancierten gar eine Petition. Die Brücke, so ihre Argumentation, sei etwas Ursprüngliches, eine Verbindung in vergangene Zeiten. Eine Zeitreisemaschine für modernisierungsgeplagte Engländer, quasi.

zentralplus: Just jene Engländer, die mitverantwortlich waren für den Abbruch der längeren Hofbrücke ein paar Jahre zuvor. Ihretwegen wurde ein Quai errichtet, wo sie sich stilvoll die Füsse vertreten und gleichzeitig am Alpenpanorama laben konnten.

Fasol: Das stimmt – und entbehrt nicht einer gewissen Ironie. In Luzern offenbart sich früh ein grundlegendes Problem: Der Tourist zerstört, was er sucht.

zentralplus: Und spätestens seit den Diskussionen um Overtourism wissen wir auch: Der Tourist polarisiert mächtig, sorgt mitunter für viel Unmut.

Fasol: Wie geht man mit dem Tourismus um? Diese Frage taucht schon früh auf. Genauso, wie jene nach den Grenzen der Verträglichkeit. Schon vor über hundert Jahren etwa monierte die Arbeiterzeitung «Demokrat»: «Wem gehört Luzern? Den Luzernern? Nein.» In einem anderen Artikel zieht sie eine Parallele zwischen Luzernern und Indianern. Beiden seien der Heimat beraubt worden, lebten nunmehr in Reservaten. Dasselbe Medium beleuchtete zudem immer wieder Aspekte, die im allgemeinen Luzerner Tourismus-Fieber geflissentlich unter den Teppich gekehrt wurden, wie etwa die teils prekären Arbeitsverhältnisse für Einheimische.

zentralplus: Gibt es weitere Parallelen zur aktuellen Diskussion? Und wo stellen sie grundlegende Unterschiede fest?

Fasol: Kritiker von damals wie heute lassen sich in zwei Lager einteilen. Zum einen gibt es jene, die am Tourismus per se nichts auszusetzen haben, wohl aber mehr davon profitieren wollen. Daneben gibt es jene, die den Tourismus und seine Auswirkungen grundsätzlich in Frage stellen. In vielen Punkten unterscheidet sich der Tourismus im 19. Jahrhundert fundamental von der heutigen Situation. Nach Luzern reist nicht die breite Masse, sondern lediglich eine Oberschicht – die erst noch fast ausschliesslich aus Europa stammt. Und selbstverständlich gab es noch keine Wochenend-Städtetrips per Flugzeug.

Zur Person

Laura Fasol hat an der Universität Luzern studiert und promoviert – und arbeitet derzeit als Gymnasiallehrerin in Aarau. Aus ihrer Dissertation ist im Juni dieses Jahr das Buch «Stadtgestalt und Stadtgesellschaft. Identitätskonstruktionen in Winterthur, Luzern und Bern um 1900» hervorgegangen, erhältlich als Einband für 48 Franken oder kostenlos als E-Book.

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4 Kommentare
  1. Rentner jörg, 22.09.2020, 09:40 Uhr

    Bevor jemand Gratis Fährt schon gar nicht Jugendliche sondern Ältere Leute mit minimal Rente und IV, z,b, ich habe knapp 1,700, Fr Mon, was sich Bern Erlaubt ist eine Frechheit, mein Jahresabo VBL, musste ich zusammensparen und Betteln, ich wohne in E,brücke meine Mutter 94 im Pflegeheim, Eichhof auch da wurde ins zuerst 10,300 Fr Abgeknöpft, toll, Was teils in der Schweiz mit Rentner Geschieht ist das letzte, die jungen sollen mal Lernen im ÖV Älteren Leute platz zu machen,

  2. Georg F. Riedler, 21.09.2020, 11:48 Uhr

    Wie kann jemand das Leben in einem indianischen Reservat zwischen dem hoch kulturell und finanziell entwickelten Luzern mit der Armut und der im wahrsten Sinne „unterdrückter indigenen Kulturen“ der Native Americas vergleichen?
    Bitte vor solchen Vergleichen zuerst einmal die zu vergleichenden Gegenden , Kulturen und Lebensumstände beobachten und möglichst auch erleben.

    1. Elias, 21.09.2020, 15:03 Uhr

      Sie ärgern sich da gerade über ein 100-jähriges Zitat aus eine Arbeiterzeitung namens Demokrat.

    2. Dinah, 21.09.2020, 16:58 Uhr

      Herr Riedler

      Regen Sie sich jetzt ernsthaft ab diesem Zitat auf? Sachen gibt’s….
      Bitte vor solchen Aussagen zuerst einmal die Umstände der Zeit und den Lebensumständen dazumal studieren. Erleben geht noch nicht wirklich. Was überhaupt auch im ursprünglichen Amerika nicht geht.

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