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Als Luzern das Erdöl suchte
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Heute ein «Industriedenkmal», neun Jahre lang förderte dieses «Monster» Erdgas aus dem Boden bei Finsterwald. (Bild: tob)

Ein Stück lokale Wirtschaftsgeschichte Als Luzern das Erdöl suchte

4 min Lesezeit 28.07.2014, 05:00 Uhr

Vor 50 Jahren brach im Kanton Luzern das Erdölfieber aus. Gefunden wurde dann aber kein Öl, sondern Erdgas. Wirtschaftlich nutzbar war dieses nur im Entlebuch. Dennoch erinnern sich die Bauern der Region bis heute an die Flammen und den Lärm der Bohrungen. 

Heute steht ein Kinderspielplatz in der grünen Wiese oberhalb von Finsterwald im Entlebuch. Gleich daneben ragt ein wie von H.R. Giger geschaffenes Metallmonster aus dem Asphalt. Es ist der letzte Zeitzeuge eines schweizweit einmaligen Fundes. 1980 stiess man dort in 4300 Metern Tiefe auf ein Erdgasfeld mit geschätzten 70 bis 150 Millionen Kubikmetern an Erdgasreserven. Zum Vergleich, Russlands ertragreichste Erdgasfelder weisen heute Reserven von bis zu 1,2 Billionen Kubikmetern auf.

Erdölland Schweiz?

Solche Förderungsmengen konnte man damals in der Schweiz zwar nicht erwarten, trotzdem kamen bereits 1930 erste Bodenuntersuchungen zum Schluss, dass besonders im Schweizer Mittelland und entlang den Jura-Alpen Erdölvorkommen zu finden sein müssten. Als nach dem zweiten Weltkrieg «das schwarze Gold» zum weltweit wichtigsten Energieträger aufstieg und in der Schweiz der Energiebedarf anwuchs, wollte man sich auch hierzulande nicht mehr als nötig in die wirtschaftliche Abhängigkeit erdölreicher Staaten begeben. 

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Rund 540 Millionen Franken investierte die 1959 gegründete Swisspetrol Holding AG bis 1982 in die Suche nach Erdöl. Erfolglos, das vermutete Erdöl wurde trotz landesweiten Erdölexplorationen nicht gefunden. Einen Teilerfolg verbuchte bloss eine Tochtergesellschaft von Swisspetrol, die 1960 gegründete Luzernische Erdöl AG (LEAG AG). Sie stiess im Entlebuch zwar nicht auf Erdöl, immerhin konnten bei Finsterwald zwischen 1985 und 1994 aber rund 74,3 Millionen Kubikmeter Erdgas kommerziell gefördert werden.

Erdgas im Entlebuch

Der Bohrturm von Finsterwald.
Der Bohrturm von Finsterwald. (Bild: tob)

Die kommerzielle Erdgasföderung im Entlebuch bleibt bis heute die einzige in der Schweiz. Diez wischen 1985 und 1994 geförderten 74,3 Millionen Kubikmeter Erdgas wurden mit einer Gasleitung in die von Holland nach Italien verlaufende «Trans-European Natural-Gaspipeline (TENP)» eingespeist.    

Mehr Informationen zur Erdgasföderung in Finsterwald gibt es hier.

«Meine Scheune brennt»

Jahre zuvor begab man sich auch im Gebiet Altishofen und später in der Gemeinde Pfaffnau auf die Suche nach Öl. In der Nähe von Pfaffnau wurde 1963 an fünf unterschiedlichen Stellen gleichzeitig gebohrt. «Uns haben sie dafür die Apfelbäume gefällt, kurz vor der Ernte», erinnert sich Josef Gut. Sein Hof stand rund 100 Meter von der Borstelle «Pfaffnau 1» entfernt. Im Herbst 1964 wurde auch dort kein Erdöl, dafür aber Erdgas gefunden. «Als sie das geförderte Gas anzündeten, gab es eine gut 20 Meter hohe Flamme. Es war mitten in der Nacht und ich dachte zuerst meine Scheune brennt», erzählt Josef Gut.

Angezündet wurde das zu Tage gebrachte Erdgas um den Förderdruck zu testen. Brannte die Flamme lange genug, war der Druck entsprechend konstant und eine wirtschaftliche Förderung möglich. Unzählige Schaulustige hätten die Zufahrtsstrassen zu seinem Hof verstopft, sagt Josef Gut. Das ganze Dorf habe sich beim Bohrturm versammelt. Einige witterten bereits das grosse Geld. «Im Umkreis von 100 Metern um den Bohrturm schmolz der Schnee, so heiss war das Feuer.»

Ein Bohrkopf als Souvenir

Während sechs Monaten bemühten sich Bauarbeiter am Bohrturm «Pfaffnau 1» um die Förderung von Erdgas. «Es kamen rund 30 Personen, alle aus Hannover. Der Chef ass und wohnte während dieser Zeit bei uns.», erzählt der heute 83-jährige Vinzenz Erni. Die Elwerath Erdgas und Erdöl GmbH aus Hannover war die Forschungspartnerin der LEAG. 

Von seinem Hof am Fusse eines Hügels konnte Vinzenz Erni die Bohraktivitäten genaustens mitverfolgen.

«Immer wurde dort gearbeitet, auch nachts. Und wenn sie den Bohrkopf auswechseln mussten oder das Bohrrohr hochzogen, erwachten wir, so laut war es.» Nur über Weihnachten habe es eine Pause gegeben. Trotzdem verstand man sich gut mit den «Deutschen». «Wir waren neugierig und natürlich gespannt, ob die Bohrung erfolgreich verlaufen würde», sagt Erni.  

Aber in «Pfaffnau 1» loderte das Feuer bloss zwei Monate. Dann fiel der Druck zusammen und mit der Flamme erloschen auch die Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Förderung der Bodenschätze. «Ich war nicht unglücklich darüber, eine kommerzielle Förderung mit der dafür nötigen Infrastruktur und dem Mehrverkehr wäre für uns Bauern eine zu grosse Belastung gewesen», sagt Vinzenz Erni. Als Andenken erhielt er immerhin einen Bohrkopf geschenkt, den er bis heute in seiner Garage aufbewahrt (Bild unten).   

Früher Erdgas, heute Langlauf

In Finsterwald war der Erfolg der Erdgasförderung nach neun Jahren ebenfalls wieder vorbei. Der Druck sank auch hier ab, die Gasfördermenge verringerte sich stetig und verunmöglichte damit die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Gasproduktion. Auch finanziell ging die Rechnung nicht auf. 30 Millionen Franken wurden für die Bohrung von der LEAG investiert. 

«Die Kosten der Bohrung, der Förderleitung nach Entlebuch und die anderen Aufwendungen konnten durch die Erdgas-Einnahmen nicht gedeckt werden», sagt Richard Portmann, Exkursionenverantwortlicher für das Projekt «Erlebnis Energie Entlebuch».

Profitiert habe Finsterwald höchstens von der medialen Aufmerksamkeit und davon, dass die Bohrplattform bis heute erhalten geblieben ist und als «Industriedenkmal» besichtigt werden kann. Zudem sei der daneben entstandene Parkplatz ein beliebter Ausgangspunkt für Langläufer. Immerhin brachte die Erdgasförderung im Entlebuch so einen gesellschaftlichen Nutzen.

Der Bohrkopf von Vinzenz Erni. (Bild: tob)

Der Bohrkopf von Vinzenz Erni. (Bild: tob)

  

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