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Als in Menznau Zeit und Produktion stehen blieben
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Die naturnah gestaltete Gedenkstätte befindet sich in Sichtweite der Firma Kronospan. (Bild: mag)

Amoklauf jährt sich Als in Menznau Zeit und Produktion stehen blieben

7 min Lesezeit 22.02.2014, 12:00 Uhr

Der Amoklauf in der Kronospan erschütterte nicht nur das Luzerner Hinterland. Fünf Menschen verloren ihr Leben. Unbegreiflich, dass so etwas im beschaulichen Menznau passieren konnte. Ein Jahr danach soll die Trauer mit der Einweihung der Gedenkstätte ein Ende finden. Die Fassungslosigkeit ist geblieben.

Reihenweise donnern die Lastwagen von Wolhusen aus durch das Tal Richtung Willisau. Ihr Ziel ist der Holzverarbeitungskonzern Kronospan in Menznau. Einige Lastwagen liefern Holzstämme, andere holen Holzplatten für Fussböden, Küchen und Möbel ab. Zwei Mal jährlich steht die Produktion von Kronospan im Normalfall für Revisionszwecke still. Im letzten Jahr jedoch während drei zusätzlichen Tagen.

Der Amoklauf in der Kronospan vom 27. Februar 2013 erschütterte das Luzerner Hinterland. Besonders betroffen waren die Gemeinden rund um Menznau, die vom grossen Kreuz auf dem Strick, einem Hügelzug oberhalb von Menznau, überblickt werden können. Praktisch alle 400 Mitarbeiter leben in der Region. Das Ereignis überraschte sie und die Bevölkerung, riss beide aus ihrem Alltag und schockierte.

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Die abgerissene Kantine, in welcher die Tat begangen wurde, und die neue Gedenkstätte sind die einzigen Hinweise, die an das tragische Ereignis erinnern. Im Bewusstsein der Einwohner ist der Amoklauf hingegen nach wie vor präsent – sie denken dieser Tage speziell daran zurück.

«Es brennt nach wie vor»

Im Unternehmen selber wirkt die unfassbare Tat bis heute nach. «Es gibt noch immer Mitarbeiter, die fremde Hilfe in Anspruch nehmen», sagt Jürg Meier. Der Kaufmännische Direktor der Kronospan Schweiz AG spricht den Mitarbeitern Mut zu: «Wir sind stolz auf die Art und Weise, wie sie mit dem Ereignis umgegangen sind.» Mit dem Jahrestag stünden ihnen jetzt wieder schwierige Tage bevor. «Die verstorbenen Mitarbeiter haben grosse Lücken hinterlassen. Diese werden wir nie schliessen können», so Meier.

«Die verstorbenen Mitarbeiter haben grosse Lücken hinterlassen. Diese werden wir nie schliessen können.»

Jürg Meier, Käufmännischer Direktor Kronospan Schweiz AG

Die Gedenkstätte liegt versteckt hinter dem Produktionsbetrieb, eingebettet in die Natur. Wasser plätschert. Auch der Lärm der Produktion ist zu hören, die Anlage hinter Büschen versteckt. Zwei Spaziergängerinnen sitzen ruhig auf einer Bank. Die Gedenkstätte gefällt ihnen. Eine der beiden Frauen erzählt: «Ich kenne die Betroffenen. Man wusste von den Verletzten im Spital, wie es ihnen geht, ob eine Operation gelungen ist oder eben nicht.» Sie atmet tief ein, spricht die grosse Solidarität im Dorf an. Man kenne sich. «Bei der Verarbeitung des Ereignisses haben wir uns gegenseitig geholfen.»

Der Holzverarbeiter ist in der Region der wichtigste Arbeitgeber und für die Gemeinde Menznau ein bedeutender Steuerzahler. (mag)

Der Holzverarbeiter ist in der Region der wichtigste Arbeitgeber und für die Gemeinde Menznau ein bedeutender Steuerzahler. (mag)

(Bild: mag)

«Solche Ereignisse übersteigen unser Fassungsvermögen», sagt Hans-Peter Vonarburg. Der Leiter der Pfarrei Bruder Klaus in Emmen war für den Einsatz der Notfallseelsorge / CareTeam Luzern in Menznau zuständig. Die Betroffenheit sei sehr gross gewesen, sagt Vonarburg weiter und ergänzt: «Es brennt nach wie vor. Es befinden sich noch immer Personen in Betreuung.»

Die Organisation kümmert sich in Notsituationen wie einem Amoklauf um Angehörige, unverletzte Beteiligte und Zeugen und leistet Beistand. Aufgeboten werden die Notfallseelsorgenden und Caregiver von den Rettungsdiensten.

«Das Leben wird nie mehr gleich. Es gibt ein Vorher und ein Nachher.»

Hans-Peter Vonarburg

«Ein Ereignis wie der Amoklauf von Menznau verändert ein Leben unwiederbringlich stark», erklärt Hans-Peter Vonarburg. «Das Leben wird nie mehr gleich, die Ereignisse sind immer präsent. Es gibt ein Vorher und ein Nachher.»

Es stelle sich dann die Frage, wie eine betroffene Person wieder an ihr normales Leben anknüpfen und es in die Hand nehmen könne. «Diese Menschen fallen aus all ihren Netzen. Unsere Aufgabe ist es, mit ihnen die ersten Schritte zurück zu machen», sagt Vonarburg. Das beginne unmittelbar im Anschluss an den Vorfall. 

Kleine Gemeinde, grosse Verbundenheit

In der Nähe der Dorfkreuzung, gegenüber dem Gasthof Lamm, liegt das Gemeindehaus. Der Amoklauf war hier während dem letzten Jahr immer präsent. Der Gemeinderat zum Beispiel hielt Rückschau und dokumentierte die Arbeit. «Für unser Vorgehen haben wir nachträglich viele positive Reaktionen erhalten, auch vom Regierungsrat», sagt Gemeindepräsident Adrian Duss. «Allerdings funktioniert man in solchen Situationen einfach, man ist machtlos», meint er fast entschuldigend. Auch die Verantwortlichen der Gemeinde haben sich um die Betroffenen gekümmert.

«Es war eine Schrecksekunde.»

Adrian Duss, Gemeindepräsident Menznau

«Im ersten Moment konnte ich das Geschehen gar nicht greifen. Es war eine Schrecksekunde. Ich hatte viele Gedanken. Als Erstes wollte ich wissen, wen es betraf», so Adrian Duss. Er lebte immer in Menznau. Das Ereignis sei zwar tief gegangen, habe die Menschen aber nicht «aus der Bahn geworfen». Der Grund: Die Bodenhaftung der Menznauer sowie ihre Verankerung in der Region.

Dies sowie die engen Beziehungen untereinander, haben auch den Mitarbeitern der Kronospan geholfen, das Ereignis zu verarbeiten. «Überwältigend für uns war die Solidarität unter der Belegschaft, aber auch bei der Bevölkerung und unseren Partnern», sagt Jürg Meier.

Betroffene in guten Händen

Markus Kuhn leitet die katholische Pfarrei in Menznau. Er betreut die Familie eines Opfers, organisierte die Beerdigung. «Die Zeit war intensiv, das Ereignis lange präsent. Der Alltag ist aber wieder eingekehrt», sagt Kuhn. Mit den Betroffenen blieb er bis heute in Kontakt. Der Familie gehe es soweit gut. Alles sei organisiert, die Kinder gut betreut. Der Pfarreileiter sagt aber auch, «die Schmerzen haben sie noch lange nicht verarbeitet. Auch andere haben das nicht.»

3’000 Personen leben in Menznau. Man läuft sich im Dorf über den Weg. Das Gemeindehaus, die Kirche, Bahnhof, Schule und Läden befinden sich in unmittelbarer Umgebung. «Ich habe nicht den Eindruck, dass sich die Menschen im Dorf heute anders begegnen als vor dem Amoklauf», sagt Markus Kuhn. «Ich habe keine spürbaren Veränderungen wahrgenommen.» Dies bestätigt auch Gemeindepräsident Adrian Duss.

Ergriffen war Pfarreileiter Kuhn von der grossen Anteilnahme in der Bevölkerung. «Der Zusammenhalt war vor und nach dem Ereignis gross. Die Kirche steht noch im Dorf und wird in der Regel gut besucht.» Das sei nicht mehr überall so.

Die Materialien der Gedenkstätte nehmen Bezug zur Kronospan und den Mitarbeitern. Die Holzhand soll die Trauernden beschützen und tragen. Die Steinkugel symbolisiert die Ungewissheit. (mag)

Die Materialien der Gedenkstätte nehmen Bezug zur Kronospan und den Mitarbeitern. Die Holzhand soll die Trauernden beschützen und tragen. Die Steinkugel symbolisiert die Ungewissheit. (mag)

(Bild: mag)

Was hat der Amoklauf ausgelöst?

Der Täter von Menznau war vorbestraft. Zudem hatte er gemäss Medienberichten am Arbeitsplatz Drohungen ausgesprochen. Die Alarmzeichen sind niemandem aufgefallen. Die Konferenz der kantonalen Polizei- und Justizdirektoren startet jetzt ein nationales Projekt, um in Zukunft mögliche Täter beobachten zu können. Das Grobkonzept liegt gemäss der «SonntagsZeitung» bereits vor.

Schon heute gibt es Kantone, die Informationen über gefährliche Personen sammeln. Der Kanton Luzern gehört nicht dazu. Erst Ende November des letzten Jahres lehnte der Kantonsrat 500’000 Franken für den Aufbau eines Bedrohungsmanagements ab.

Im Bereich der polizeilichen Einsatzleitzentralen der Zentralschweiz wurde das Alarmsystem überarbeitet. Damit sollen bei ausserordentlichen Ereignissen keine Notrufeingänge mehr mit einer Verzögerung entgegengenommen beziehungsweise in einer Warteschlaufe platziert werden müssen.

Markus Kuhn, Pfarreileiter in Menznau, hat seinerseits die Zusammenarbeit mit den umliegenden Pfarreien verstärkt. Bereits Anfang März findet eine Veranstaltung zum Thema Verlustsituation statt. Bei ihm persönlich löste der Amoklauf Achtsamkeit aus. «Ich versuche, noch sensibler auf meine Mitmenschen zu reagieren und Anzeichen ernst zu nehmen.» Bei Gemeindepräsident Adrian Duss hat der Vorfall klar gemacht, dass solche einschneidenden Ereignisse überall passieren können. Die Kronospan hat ihrerseits ihm Nachgang des Amoklaufs «viel in die interne Kommunikation und in zusätzliche Mitarbeiterschulungen investiert», so der Kaufmännische Direktor Jürg Meier.

Nicht Wut, sondern Trauer und Mitleid

Wut hat Pfarreileiter Markus Kuhn damals keine empfunden. Dafür Trauer für jene, die den Amoklauf miterlebt haben. Er litt mit ihnen mit. «Im Dorf hat die Trauer inzwischen ein Ende gefunden. Bei den Betroffenen nicht», sagt Kuhn und fügt an: «Durch den Jahrestag wird sie bei allen jetzt wieder aufbrechen.» Um entsprechenden Gedanken in Ruhe nachgehen zu können, schuf die Kronospan mit der Gedenkstätte einen für alle zugänglichen Ort. «Sie soll ein Platz der Trauer, aber auch der Hoffnung sein», sagt Jürg Meier.

Der Amoklauf von Menznau

Am 27. Februar 2013 kurz nach 9 Uhr schoss ein Angestellter der Firma Kronospan im Bereich der Kantine auf anwesende Personen. Vier kamen dabei ums Leben, darunter der Täter. Fünf Personen wurden schwer, eine Person leicht verletzt. Am 5. April, gut einen Monat nach dem Amoklauf, verstarb ein 61-jähriger Mann. Er befand sich noch immer in Spitalpflege. Eine damals schwer verletzte Person ist aus gesundheitlichen Gründen bis heute nicht einvernahmefähig. 

Beim Schützen handelte es sich um einen 42-jährigen, vorbestraften Schweizer, der im Kosovo geboren und aufgewachsen ist. Er gelangte 1991 als Asylbewerber in die Schweiz und wurde 2001 erleichtert eingebürgert. Der Täter arbeitete während 14 Jahren für Kronospan.

Als Tatwaffe verwendete der Täter eine Pistole der Marke Sphinx – keine Armeewaffe. Damit feuerte er mindestens 18 Schüsse ab. Die Behörden gingen davon aus, dass der Schweizer die Waffe illegal besass. Der 42-jährige Mann hatte zudem einen geladenen Revolver und Munition für beide Waffen dabei.

Der Täter starb an einer schussbedingten Kopfverletzung. Er war verheiratet und hatte drei Kinder. Die Ermittlungsbehörden gingen aufgrund der Spurenauswertung und der Aussagen von direkt Beteiligten nicht von einer Dritteinwirkung aus. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Sursee die Untersuchungen gegen drei Mitarbeiter eingestellt. Die Frage nach dem Tatmotiv ist bis heute nicht geklärt.

(Quelle: Medienmitteilungen Luzerner Polizei und Staatsanwaltschaft)

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