«Als hätte mir jemand den Boden unter den Füssen weggezogen»
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Am Montag jährt sich das Zuger Attentat zum 20. Mal. Die Erinnerungen daran sind jedoch noch lange nicht verblasst. (Bild: wia)

Betroffene und Retter erinnern sich ans Zuger Attentat «Als hätte mir jemand den Boden unter den Füssen weggezogen»

8 min Lesezeit 26.09.2021, 05:00 Uhr

Am Montag jährt sich die verheerende Bluttat im Zuger Kantonsparlament zum 20. Mal. Überlebende, Retter und Angehörige erinnern sich. Und sie erzählen, was ihnen half, das traumatische Erlebnis zu verarbeiten.

Was der Zuger Massenmörder Friedrich Leibacher 2001 im Zuger Regierungsgebäude angerichtet hat, ist selbst nach 20 Jahren schwer zu begreifen. 14 Menschen starben damals bei einem der schlimmsten Attentate, das die Schweiz je gesehen hat. Darunter drei Regierungsräte. 18 Menschen wurden teils schwer verletzt. Der Täter erschoss sich.

Am Montag jährt sich die Bluttat zum 20. Mal. Eine Überlebende, ein Angehöriger, ein Polizei- und ein Feuerwehrkommandant erinnern sich an das Unfassbare.

Anna Lustenberger, ehemalige Kantonsrätin

«Ein Kantonsratskollege kam in den Kantonsratssaal gerannt und rief ‹Abe!›, worauf wir uns unter den Pulten versteckten. Bald darauf hörte ich Schüsse. Interessanterweise empfand ich in diesem Moment keine Todesangst, obwohl ich wusste, dass jemand in der Wut mit einem Gewehr herumballert», erinnert sich die damalige Kantonsrätin Anna Lustenberger. «Sehr schnell wusste ich auch, wer diese Person ist. Er war uns bereits bekannt, kurz zuvor hat er Briefe an alle Kantonsratsmitglieder verschickt. Auch hatten wir in der Fraktion bereits von ihm gesprochen. Damals äusserte ich die Einschätzung, dass das eine sehr verbitterte Person sein müsse, die sich in etwas hineinsteigere. Ich sagte, dass ich den am liebsten schütteln würde, damit er merkt, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als diesen Streit mit den Behörden.»

Mehrere Minuten lang blieben Lustenberger und ihre Kolleginnen und Kollegen unter den Tischen versteckt. Erst als die letzten Schüsse schon längst verstummt und die ersten Sirenen zu hören waren, beschlossen sie, den Saal zu verlassen.

«Zwar sahen wir auf dem Weg nach draussen bereits Verletzte und Getötete. Der Schock kam jedoch erst später. Nämlich als ich hörte, wie viele Menschen gestorben und wie viele verletzt worden waren. Lange Zeit hatte ich danach nur noch das Attentat im Kopf», erzählt die Alternativ-Grüne. «Was mir in der ersten Zeit sehr geholfen hat, waren die Trauerfeiern, das Zusammensein und der Austausch mit meinen Mitbetroffenen sowie die gute Betreuung, die wir erhielten. In dieser Zeit habe ich das erste Mal gemerkt, was es bedeutet, den Rückhalt einer Familie zu haben.»

«Der 27. September selber hat in den vergangenen Jahren nicht mehr diese Bedeutung gehabt wie in den ersten Jahren nach dem Attentat. Irgendwann geht das Leben weiter.» Dennoch überlege sich Lustenberger, die Gedenkveranstaltung am kommenden Montag zu besuchen. «Gerne würde ich mit einer Person teilnehmen, die damals ebenfalls betroffen war.»

Anna Lustenberger befand sich während des Attentats im Kantonsratssaal.

Andreas Lustenberger, Kantonsrat und Sohn von Anna Lustenberger

«Ich war damals erst 15 Jahre alt und noch in der Sekundarschule. Mitten im Unterricht holte mich der Rektor aus dem Schulzimmer und wir setzten uns in einen leeren Raum, wo er mir und einer anderen angehörigen Person vom Amoklauf erzählte», erinnert sich der heutige ALG-Kantonsrat Andreas Lustenberger. «Zu diesem Zeitpunkt wusste er bereits, dass meine Mutter nicht verletzt war, womit die für mich drängendste Frage zum Glück bereits beantwortet war.»

Realisiert, was wirklich passiert sei, habe er erst später. «Ich erinnere mich, dass wir bei einem Kollegen zu Mittag gegessen haben und das Attentat kaum Thema war. Am Abend warteten wir Kinder, bis meine Eltern gemeinsam nach Hause kamen, worüber wir natürlich sehr froh waren.»

«Als Jugendlicher, der selbst noch sehr auf der Suche war, gelang es mir nicht recht, selber Trost zu spenden.»

Andreas Lustenberger, Angehöriger und heutiger Kantonsrat

Die darauffolgende Zeit sei für ihn als Teenager seltsam gewesen. «Es herrschte zu Hause unentwegt Trauer, meine Mutter besuchte eine Beerdigung nach der anderen. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich kam für ein paar Tage bei einem Kollegen im Kanton Aargau unter», erzählt Andreas Lustenberger. Er überlegt kurz und ergänzt: «Es war für mich schwierig, dass die Rollen plötzlich umgekehrt waren. Bis dahin war meine Mutter die Starke, die Tröstende gewesen. Als Jugendlicher, der selbst noch sehr auf der Suche war, gelang es mir nicht recht, selber Trost zu spenden.»

Zwölf Jahre nach dem Attentat trat Andreas Lustenberger die Nachfolge seiner Mutter im Zuger Kantonsrat an. Ein mulmiges Gefühl habe er in diesen Räumen nie gehabt. «Doch bin ich sehr froh, dass die Polizei nach wie vor am Eingang steht und Kontrollen macht. Für mich ist klar, dass sie da sein muss.» Und weiter: «Das Attentat hat die Selbstverständlichkeit von Sicherheit durcheinandergebracht.»

Andreas Lustenberger ist seit rund zwei Legislaturen ALG-Kantonsrat in Zug.

Daniel Jauch, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Zug

«Ich erinnere mich daran, dass wir an diesem Tag ein Aufgebot erhielten mit der Information, dass sich im Regierungsgebäude eine Explosion ereignet habe und dass es dort brenne», erzählt Daniel Jauch, der damals frisch zum Offizier aufgestiegen war.

«Wir rückten aus und ich erhielt vom Einsatzleiter vor Ort den Auftrag, das Gebäude zu evakuieren. Doch bereits im Treppenhaus hat sich gezeigt, dass dies ein atypischer Einsatz werden sollte. Auf der Treppe war viel Blut, ebenfalls lag im Treppenhaus eine Waffe.» Auf die Idee, dass hier ein Amoklauf geschehen war, sei man dennoch nicht gekommen. «Obwohl wir kurz darauf die erste Tote fanden. Wir gingen nach wie vor von einer Explosion aus.»

«Man kann ein noch so starker Feuerwehrmann sein, letztlich hat jeder ein Herz.»

Daniel Jauch, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Zug

Erst als die Polizei-Spezialeinheit Luchs eintraf, habe man realisiert, dass man sich in einer womöglich bedrohlichen Lage befand, bei der es einen Täter gibt. «Ziemlich bald erhielten wir die Meldung, dass dieser tot sei. Wir fuhren fort, die Unverletzten zu evakuieren und brachten die Verletzten mittels Bahren oder Stühlen nach draussen, wo triagiert wurde. Wir funktionierten in dem Moment einfach.»

Gerade für die Feuerwehrleute, die im Milizsystem organisiert sind und die es seltener mit Todesopfern zu tun haben, sei die Verarbeitung dieses Einsatzes sehr wichtig gewesen, betont Jauch. «Man kann ein noch so starker Feuerwehrmann sein, letztlich hat jeder ein Herz.» Am selben Tag sei eine Betreuungsgruppe aus Luzern eingetroffen, es handelte sich um Fachleute der Polizei und der Feuerwehr. «Dass sie aus eigener Erfahrung nachvollziehen konnten, dass das für uns ein sehr ungewöhnlicher Einsatz war, hat mir sehr geholfen. Wir konnten auf Augenhöhe miteinander reden und ich habe mich bei diesen Menschen sehr geborgen gefühlt.»

«Unser Rucksack an Erlebtem füllt sich, ob wir das wollen oder nicht. Wichtig ist, dass man darüber sprechen kann.»

Daniel Jauch

Das Gefühl in Worte zu fassen, das Jauch nach dem Einsatz verspürt habe, sei für ihn schwierig. «Es war, als hätte mir jemand den Boden unter den Füssen weggezogen. Es ist ein Gefühl, das man hin und wieder nach schwierigen Einsätzen verspürt. Etwa, wenn Kinder sterben.»

Heute, als Hauptkommandant der Feuerwehr, lege er bei seinen Leuten grosses Augenmerk auf das Thema Verarbeitung. Nicht jeder sei gleich empfänglich dafür, doch soll stets die Möglichkeit bestehen, über Erlebtes zu sprechen. «Unser Rucksack an Erlebtem füllt sich, ob wir das wollen oder nicht. Wichtig ist, dass man darüber sprechen kann, damit er nicht irgendwann zu schwer wird.»

Daniel Jauch, Hauptkommandant der Freiwilligen Feuerwehr Zug.

Hugo Halter, damaliger Kommandant der Zuger Stadtpolizei

«Wenige Minuten nach dem Attentat wurde ich informiert und rannte vom Kolinplatz bereits über den Landsgemeindeplatz hinunter zum Regierungsgebäude. Dies mit dem Auftrag, mir einen ersten Überblick zu verschaffen, Rückmeldung zu geben und die Einsatzführung zu übernehmen», erzählt Hugo Halter.

«Das war eine sehr emotionale Situation. Sehr viele verletzte, aber auch getötete Personen, die ich alle persönlich kannte.»

Hugo Halter, ehemaliger Kommandant der Zuger Stadtpolizei

«Was ich dann auf dem Weg und anschliessend im Regierungsgebäude sah, war eine sehr emotionale Situation. Sehr viele verletzte, aber auch getötete Personen, die ich alle persönlich kannte», berichtet der damalige Kommandant der Zuger Stadtpolizei. Trotzdem habe er schnell umstellen können, die Emotionen in den Hintergrund gestellt und angefangen zu funktionieren. «Hier hat mir die polizeiliche, aber auch militärische Führungsausbildung und die bisherige Berufserfahrung bei grösseren Ereignissen sehr geholfen. Die eingeprägten Mechanismen und Standardabläufe zur Ereignisbewältigung fingen an zu greifen», sagt Halter, der seit Kurzem pensioniert ist.

«Es ging zunächst darum, die Führung zu übernehmen und die Chaosphase, die es bei jedem Ereignis gibt, möglichst schnell zu überwinden. Wie lange das in diesem Fall ging, weiss ich nicht mehr.» Es sei ein Vorteil im kleinen Kanton Zug, dass man sich gerade bei den Blaulichtformationen gegenseitig kenne. «Wir mussten nicht gross diskutieren und arbeiteten rasch und effizient als Team. So konnten wir die Lage sicher schneller in den Griff bekommen.»

Es war der erste berufliche Einsatz, der Halter im Nachhinein Mühe bereitete. «Für mich war das sehr emotional, ich habe ja jeden Betroffenen persönlich gekannt.» Er ergänzt: «Nach dem Amoklauf wurden in Zug erstmals professionelle Instrumente der Nachbetreuung, auch für alle Einsatzformationen, angeboten, was sehr hilfreich und auch notwendig war. Psychologische Betreuung und Careteams, aber auch interne Stellen bei der Polizei, der Feuerwehr und im Rettungsdienst, an die man sich wenden konnte, standen zur Verfügung», erzählt Halter. «Das war extrem wichtig. Auch wenn natürlich jedem selber überlassen war, ob er sie nutzen wollte.»

«Wenn um 12 Uhr die Kirchenglocken läuten, erinnere ich mich, was ich damals um diese Zeit erlebt habe und was die Angehörigen Schlimmes durchgemacht haben.»

Hugo Halter

«Persönlich konnte ich die sehr tragische und mir nahe gehende Situation durch unkomplizierte Gespräche mit nahen Kollegen aus der Polizei, aber auch mit meiner heutigen Frau verarbeiten.» Er erzählt weiter: «Was ich sehr geschätzt habe und niemals mehr vergesse: In der Nacht nach dem Attentat fuhr ich nach Hause. Es dürfte etwa 2 Uhr in der Frühe gewesen sein. Die ganze Strasse war dunkel, nur bei unserer Wohnung brannte Licht – und ich war irgendwie erleichtert. Meine Frau war wach geblieben und erwartete mich. Wir setzten uns auf den Balkon und schwiegen lange, während ich eine Zigarre rauchte. Diesen Moment der Stille habe ich sehr geschätzt, er hat mir gutgetan.»

Zum Schluss sagt Hugo Halter: «Jedes Jahr am 27. September denke ich unweigerlich an dieses schreckliche Ereignis und wenn um 12 Uhr die Kirchenglocken läuten, erinnere ich mich, was ich damals um diese Zeit erlebt habe und was die Angehörigen Schlimmes durchgemacht haben.»

Hugo Halter, ehemaliger Kommandant der Stadtzuger Polizei.

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