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Alltag im Asylzentrum
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Der Eritreer Musie hat die Überfahrt übers Mittelmeer im Sommer 2014 überlebt.

Luzerns Flüchtlinge im Hirschpark Alltag im Asylzentrum

12 min Lesezeit 1 Kommentar 25.04.2015, 14:00 Uhr

Momentan ist es ruhig im Luzerner Asylwesen, die Zentren sind unterbelegt. Doch die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer lässt erahnen, dass der Zustand sich rasch ändern kann und wird. Ein Besuch im Asylzentrum Hirschpark, mitten in Luzern.

Musie ist einer der Flüchtlinge, die es geschafft haben – nicht wie viele andere, die in Libyen ins überfüllte Boot stiegen und nie in Italien ankamen. Die Flucht des 23-jährigen Eritreers begann 2014, als er beschloss, sein diktatorisch regiertes Heimatland endgültig zu verlassen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Er zahlte Schleppern Geld, durchquerte den Sudan, die Sahara, bis er in Libyen landete – drei Monate sass er im Gefängnis mit anderen Migranten. Im Sommer 2014 dann die Überfahrt von Libyen nach Italien: «Wir waren 24 Stunden in einem Boot mit 346 Menschen. Es war überfüllt und sehr gefährlich.» Dieses Boot kam an. Andere liegen auf dem Meeresgrund. Über Chiasso kam Musie in die Schweiz.

«Wenn eine Person hier faul ist, ist das Leben hart. Wenn sie hart arbeitet, ist das Leben einfacher.»

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Musie, Flüchtling aus Eritrea


Er darf bleiben

Der Eritreer ist glücklich, dass sein Asylgesuch in der Schweiz geprüft wird. Er wird nicht nach Italien zurückgeschickt wie andere, die einen Dublin-Nichteintretensentscheid haben. «Sweet-zerland» habe er die Schweiz immer genannt, weil sie ihm so «sweet» erschienen sei, sagt der Flüchtling. Luzern und das Löwendenkmal gefallen ihm besonders. Musie spricht bereits recht gut Deutsch nach fünf Monaten. Im Deutschunterricht beteiligt sich der junge Eritreer aktiv. «Wenn du etwas willst, erreichst du es auch. Mit der Sprache hat man bessere Chancen im Arbeitsleben in Europa», sagt er und lächelt.

Im Hirschpark leben viele Kinder.

Im Hirschpark leben viele Kinder.

(Bild: mbe.)

Das Leben im Paradies

Der Flüchtling hat eine Tante, die schon länger in St. Gallen lebt. Sie habe ihm schon früh etwas beigebracht über das Leben im «besten Land Europas». «Wenn eine Person hier faul ist, ist das Leben hart. Wenn sie hart arbeitet, ist das Leben einfacher.» Und Musie will arbeiten. Er habe in Eritrea Theologie studiert und spreche neben Englisch (und immer besser Deutsch) drei Sprachen seines Landes. Sein Traum sei ein Beruf, der mit Psychologie zu tun hat. Doch eine Arbeit als Mechaniker erscheint ihm realistisch zum Start. Und er wolle vermehrt mit Schweizern und Europäern Kontakte knüpfen. «Eine Freundin zu finden, wäre auch schön. Aber nicht unbedingt eine Frau aus meinem Land», sagt er.

Im Schnellzugstempo rein und wieder raus

Der junge Eritreer hat wieder eine Zukunft vor sich. Einige Asylsuchende kommen gar nie richtig an in unserem Land. Sie sehen von der Schweiz nur die lagerähnlichen Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ), leben dort, abgeschirmt, einige Wochen bis Monate. Einige werden im so genannten Schnellverfahren wieder in dasjenige europäische Land zurückgeschickt, wo sie ankamen. Oder sie müssen direkt in ihr Heimatland zurück. «Die Schweiz hat das Image, das Dublin-Abkommen konsequent umzusetzen», erklärt Babtiste Aubert, Betreuer und stellvertretender Hirschpark-Zentrumsleiter.

Sie kocht ein Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder.

Sie kocht ein Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder.

(Bild: mbe.)

Durchschnittlich 1’500 Asylsuchende im Kanton Luzern

4,9 Prozent der gesamtschweizerischen Asylsuchenden würden dem Kanton Luzern zugewiesen. Dies sind rund 1’500 Personen jährlich. Doch auch wenn man in einem kantonalen Zentrum lebt, heisst das nicht, dass man definitiv bleiben kann. Aubert bedauert, dass die Bevölkerung, «auch der eigene Bekanntenkreis», so wenig über das Asylwesen wisse.

Es sei denn, es passiere etwas in einem Zentrum. Doch der Alltag in einem Asylzentrum ist oft recht unspektakulär und «normal», wie sich bei unserem Besuch herausstellt. Im März gab es kaum Zuweisungen von den Empfangs- und Verfahrenszentren an den Kanton Luzern. Dies kann sich vom einen zum anderen Monat ändern. Grund dafür sind die Anzahl Asylgesuche und die schwankenden Zahlen der Zuweisungen in die Kantone. Der Kanton Luzern rechnet mit einer hohen Zuweisung für die nächsten Monate.

Ankommen und zur Ruhe kommen

Fakten zum Asylzentrum Hirschpark

Das kantonale Asylzentrum Hirschpark in einem ehemaligen Alters- und Pflegeheim liegt unweit des Luzerner Kantonsspitals. Es wurde im Mai 2014 eröffnet. Seither sind gemäss der Leitung zirka 450 Personen neu ins Zentrum gekommen; es gab auch einige Geburten. Durchschnittlich verzeichnete das Zentrum monatlich 40 Neuzugänge. Die grösste Anzahl kam im Juni und Juli 2014 mit zirka 60 Asylsuchenden monatlich, drei pro Arbeitstag. Am wenigsten Zuweisungen vom Bund erhielt das Zentrum mit bloss acht neuen Personen im März 2015. Momentan leben 70 Asylsuchende dort. Das Zentrum ist aber ausgelegt für 100 Personen. Im April 2015 lebten Personen aus folgenden Ländern im Zentrum: Eritrea, Äthiopien, Syrien, Irak, Sri Lanka, Afghanistan, Libyen, Russland (Tschetschenien), Ukraine, Georgien, Kosovo, Somalia, Djibouti, Algerien und Tunesien.

Wer in Luzern angekommen ist, darf die Prüfung seines Asylgesuchs im Kanton abwarten und sich zumindest sicher fühlen. «Unser Ziel im Hirschpark ist es, die Klienten auf ein Leben im Kanton Luzern vorzubereiten und hier Fuss fassen zu lassen», erklärt Baptiste Aubert. Man garantiert ihre Sicherheit. Die Asylsuchenden lernen Regeln für das Zusammenleben in der Schweiz, zum Beispiel das Trennen des Abfalls, Wäsche waschen oder putzen. Die Asylsuchenden erfahren aber auch beispielsweise, dass es ein Ticket braucht im öffentlichen Verkehr Luzerns, wie man dieses löst und entwertet.

Es ist auch nicht so, dass die Asylsuchenden alle nur herumsitzen und Däumchen drehen. Viele arbeiten tagsüber in Beschäftigungsprogrammen und kommen erst abends wieder nach Hause. Mit einem Badge melden sich die Bewohner beim Eingang elektronisch ab und später wieder an, sodass man weiss, ob sie im Zentrum sind oder nicht.

Der Besuchstag für uns im Hirschpark beginnt um 8.30 Uhr. Wir begleiten zuerst Mohammed el Maghari, Übername Simo. Er ist Betreuer im Hausteam der Caritas und ein erfahrener Asyl-Mitarbeiter. «Ich habe in Alpnach gearbeitet, in Zug, und jetzt hier in Luzern. Hier gefällt es mir am besten», sagt er. Simo gehört zum Hausteam und ist unter anderem verantwortlich für die Reinigungsgruppe, die Einquartierungen und auch Ausquartierungen im Zentrum.

Die Ukrainerin Natalia hat Freude an ihrer Arbeit.

Die Ukrainerin Natalia hat Freude an ihrer Arbeit.

(Bild: mbe.)

Das Zentrum wird täglich gründlich gereinigt

Täglich wird das Zentrum geputzt von Asylsuchenden. Es wird staubgesaugt, der Boden feucht aufgenommen, WCs, Duschen und Küchen werden gereinigt. Aber auch das Treppenhaus, die Terrassen und der Aussenbereich. «Viele unserer Klienten melden sich von sich aus für den Job», sagt Simo. Die Arbeit sei für manche Asylsuchenden, die im Krieg oder Gefängnis waren, sehr wichtig und eine Möglichkeit, wieder Bodenhaftung zu bekommen, erklärt der Betreuer. Geputzt wird mit professionellen Reinigungsmitteln, eine ganze Garnison davon steht in einem Raum zur Verfügung.

Wir treffen Natalia, eine junge Frau aus der Ukraine, auf dem Flur eines Stockwerks. Sie wischt gerade den Boden und gibt gerne Auskunft. «Ich bin froh um diese Arbeit. Ich habe bis jetzt nichts anderes gefunden», sagt sie. In der Küche dieses Stockwerks treffen wir ebenso auf eine Frau, die gerade ihr Frühstück für sich und ihre kleinen Kinder in der Küche zubereitet. Es gibt Bohnen mit Eiern. Im Zentrum kocht jeder für sich. Die Infrastruktur ist einfach, aber zweckmässig.

«Schweizer Tafel» beliebt

Weil sie mit sehr wenig Geld auskommen müssen (8 Franken pro Tag, bei guter Zusammenarbeit gibt es im Kanton Luzern noch 3.50 Franken Taschengeld zusätzlich), sind die Asylsuchenden froh um das Angebot der Hilfsorganisation «Schweizer Tafel». Jeweils mittwochs und freitags bringen Freiwillige frisch abgelaufene oder nicht verkaufte, aber noch essbare Lebensmittel ins Zentrum. Sie stammen oft von den Grossverteilern, aber auch Süssigkeiten von Bäckereien sind darunter.

«Beliebt sind Gemüse, Kräuter oder Schokolade», sagt Micha Amstad. Der 22-Jährige leistet Zivildienst im Hirschpark. Er hat an unserem Besuchstag die Aufgabe, die Verteilung von «Schweizer Tafel» zu organisieren und mit einem jungen Asylsuchenden aus Eritrea zu kontrollieren. Vor der Türe versammeln sich die Interessierten, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Es wurde ein Ablauf entwickelt, welcher eine gerechte Verteilung ermöglicht. Dabei darf jeweils nur eine Person in den Raum.

Heute acht statt fünf Stück

Zumeist Frauen machen Gebrauch vom Angebot. Viele davon mit Kindern. Sie fragen fast alle, wie viel Stück sie nehmen dürfen. Normalerweise sind es vier bis fünf Lebensmittel für Einzelpersonen, für Familien acht. «Heute dürft ihr acht Stück nehmen», sagen die beiden Organisatoren, auf Deutsch oder Arabisch. «Die Leute sind sehr dankbar für das Angebot», sagt Micha Amstad. Bei stärkerer Belegung des Zentrums sei der Andrang manchmal riesig für «Schweizer Tafel». Besonders beliebt sind an diesem Tag die kleinen Schokoladen-Osterhasen eines Grossverteilers.

Zwei Männer im mittleren Alter kommen herein, laufen durch den Raum auf die Terrasse des Zentrums. Zum Rauchen. Sie werfen einen kurzen Blick auf die Lebensmittel und schütteln den Kopf. Nein, kein Interesse an Spargeln, Peperoni oder Küchenkräutern. Ein Schoggihäsli nehmen der Russe und der Armenier aber dann doch, und auf ein Foto möchten sie ebenfalls.

Der Zivi Micha Amstad und sein Kollege organisieren die Essenverteilung von «Schweizer Tafel».

Der Zivi Micha Amstad und sein Kollege organisieren die Essenverteilung von «Schweizer Tafel».

(Bild: mbe.)

Deutschunterricht für die Erwachsenen

Am Nachmittag hat der Autor die Gelegenheit, weitere Aktivitäten zu verfolgen. Dazu gehört auch eine Deutschlektion, erteilt von einem Zivildienstleistenden. Der 19-jährige Nils Egger hat kürzlich die Kanti Alpenquai abgeschlossen. «Wir fanden es wichtig, dass auch die Erwachsenen die Möglichkeit erhalten, Deutsch zu lernen im Zentrum. Deshalb geben wir Zivis den Erwachsenen Unterricht. Dabei erhalten wir auch Unterstützung von Freiwilligen.» Der Unterricht ist freiwillig.

Auch hier zeigt sich die momentane Unterbelegung des Zentrums: Nur vier Schüler aus Eritrea hat der «Zivi» heute. «Letzten Winter, als mein Vorgänger unterrichtete, waren es bis 20 pro Klasse», sagt er. Die Aufgabe bereitet ihm sichtlich Freude und er hat dafür extra ein Unterrichtsmittel kreiert. An einer Tafel vorne erklärt er grammatikalische Regeln wie zum Beispiel die Konjugation deutscher Verben. Die Eritreer konzentrieren sich, schreiben in ihre Hefte, sagen sehr wenig.

In Sri Lanka gefoltert

Ein anderer Bewohner im Hirschpark ist der 31-jährige R.* aus Sri Lanka. Der Mann ist nervös, als er seine Geschichte erzählt. Kurz bevor der Krieg 2009 in seiner Heimat vorbei war, erhielt er Besuch von der Polizei. Mit einem Kollegen zusammen habe er damals ein Computerbusiness betrieben, erinnert er sich.

Der Kollege habe Verbindungen zu den Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) gehabt. «Ich warnte ihn, dass das gefährlich ist, und hatte selber nichts mit den LTTE zu tun», sagt R. Dennoch sei er zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden, von 2008 bis 2014. Auch nach der Freilassung liess man ihn nicht in Ruhe, erzählt er hektisch. Er sei von der Geheimpolizei unangemeldet besucht und ausgefragt, später von der Armee in ein Camp mitgenommen, verhört und gefoltert worden. «Ich konnte nicht mehr leben in Sri Lanka», sagt er. Schliesslich durfte er in die Schweiz ausreisen, wohin er bereits früher wollte.

Im streng bewachten Empfangs- und Durchgangszentrum in Kreuzlingen sei ihm bei der Essensausgabe wieder das Gefängnis in der Heimat in den Sinn gekommen. Im Hirschpark-Zentrum gibt es keine Wachen. An einigen Abenden oder am Wochenende patrouillieren Securitas-Angestellte auf dem Gelände rund ums Zentrum. Das Zentrum hat Öffnungszeiten von 7.00 bis 22 Uhr. In den Bundeszentren müssen die Asylsuchenden ab 17 Uhr im Zentrum bleiben. Zu den Angestellten des Zentrums Hirschpark von der Caritas meint der Sri-Lanker: «Sie sind sehr hilfsbereit und unterstützen uns, wo sie können.»

Dieser 31-Jährige Asylsuchende aus Sri Lanka muss die Schweiz wahrscheinlich wieder verlassen.

Dieser 31-Jährige Asylsuchende aus Sri Lanka muss die Schweiz wahrscheinlich wieder verlassen.

(Bild: mbe.)

Muss wahrscheinlich wieder ausreisen

Ob er bleiben darf, ist aber ungewiss. Vielleicht wird er bald in einen anderen Dublin-Staat ausreisen müssen. Baptiste Aubert begleitet den Sri-Lanker nach dem Gespräch mit zentral+, bei dem er ebenfalls dabei war, aus dem Raum, und er legt ihm den Arm auf die Schultern. Ein emotionaler Moment, wie es sie oft gibt im Asylzentrum. Welche Probleme die Asylsuchenden sonst noch haben, wie die Mitarbeiter damit umgehen und warum diese fordernde Arbeit ihnen trotzdem Freude bereitet, fragte zentral+ Zentrumsleiterin Martina Gerber (siehe Kasten unten).

*Name der Redaktion bekannt

 

Zentrumsleiterin Martina Gerber: «Das Asylwesen ist ein politisch heisses Thema»

zentral+: Martina Gerber, momentan ist das Asylzentrum Hirschpark unterbelegt. Erwarten Sie bald einen Ansturm aufgrund der Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer?

Martina Gerber: Ja, man rechnet damit, dass die Zahlen auf den Sommer wieder ansteigen.

zentral+: Das Zentrum wurde vor einem Jahr eröffnet. Wie hat sich das Verhältnis zur Quartierbevölkerung entwickelt?

Gerber: Wir fühlen uns willkommen und akzeptiert. Die Quartiere St. Karli und Maihof haben bereits viele Bewohner mit Migrationshintergrund. Es gibt Freiwilligeneinsätze und auch Spenden aus der Umgebung. Wir haben die Nachbarn ausserdem aufgefordert, sich bei Problemen bei uns zu melden, das haben sie getan.

zentral+: Was für Reklamationen gibt es denn?

Gerber: Manchmal wurde auf Abfall im Quartier hingewiesen. Sie betonten, dass dieser aber nicht unbedingt von unseren Klienten stammen muss. Im Sommer sind die Asylsuchenden vermehrt in der Stadt anzutreffen. Da erhielten wir einzelne Reklamationen, dass sie laut reden würden auf der Strasse am Handy. Bei Rückmeldungen aus der Nachbarschaft organisieren wir Haussitzungen und besprechen die Themen mit den Bewohnern und weisen sie darauf hin, sich an die Regeln der Nachbarschaft zu halten. Dies sind Themen, die dann auch bei einem Wohnungswechsel wichtig sein können.                                                    

zentral+: Gewisse Medien zeichnen ein negatives Bild des Asylwesens. Zu Unrecht?

Gerber: Das Asylwesen ist ein politisch heisses Thema, es kann einfach instrumentalisiert werden. Es ist wichtig, die Realität aufzuzeigen und transparent zu informieren von Seiten der Verantwortlichen im Sozialwesen. Ich wünsche mir, dass die Öffentlichkeit hinter dem Asylsuchenden den Menschen sieht, die Gründe für die Migration und die globalen Zusammenhänge. Ich bin aber auch der Meinung, dass man die Anliegen der Öffentlichkeit ernst nehmen muss. Probleme im Sozialwesen dürfen nicht aus Angst vor Kritik weggeredet werden und müssen klar angesprochen werden. Aber es soll in den Medien nicht nur vom Missbrauch die Rede sein. Sonst gibt es eine Verzerrung der Realität.

zentral+: Mit welchen Problemen psychischer oder sozialer Natur haben Sie täglich im Asylzentrum Hirschpark zu tun?

Gerber: Die täglichen Probleme der Asylsuchenden in den Zentren sind zahlreich und umfassen viele Fragen des menschlichen Lebens: Von der Geburtsvorbereitung bis zum Umgang mit dem Tod, vom sich Verlieben – eine somalische Muslima verliebt sich zum Beispiel in einen orthodoxen Eritreer – bis hin zur Ehekrise oder zu Erziehungsproblemen. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben verschiedene Fluchtgeschichten, die sie unterschiedlich schwer psychisch belasten. Durch den teils langen Reiseweg oder die schwierige medizinische Versorgung in den Herkunfts- und Transitländern haben sie oft auch vielerlei gesundheitliche Probleme. Einige wurden von ihren Frauen, Männern, Kindern oder Eltern und Freunden getrennt oder wissen nicht, ob diese noch leben. Andere haben den Tod eines nahen Menschen direkt miterlebt. Dann sind die Fragen des Fremdseins, der sprachlichen und kulturellen Integration und der Suche nach einem bestmöglichen Weg zur finanziellen und beruflichen Selbständigkeit wichtig. Manche leben in der Ungewissheit, welcher europäische Staat für ihr Asylverfahren zuständig sein wird, oder warten einen Entscheid ab. Das Warten ist ein grosses Thema. Daher kommt ein grosses Bedürfnis nach Tagesstruktur und Beschäftigung.

zentral+: Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit diesen belastenden Situationen um?

Gerber: Die Arbeit im Zentrum, so meine Erfahrung, kann belastend, aber auch sehr bereichernd sein. Im Zentrum steht die Arbeit mit Menschen. Unser Auftrag besteht darin, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Im Migrationskontext ist interdisziplinäres Denken gefragt. Es ist eine stete Auseinandersetzung mit politischen, gesellschaftlichen, rechtlichen und sozialen Fragen. Ein Ausgleich zum beruflichen Alltag im Privaten ist wie in anderen Berufen sehr wichtig.

zentral+: Was ist für Sie die positive Seite dieser Arbeit?

Gerber: Diese Arbeit gibt uns die Chance, auf ausserordentliche Menschen zu treffen, oft mit einer grossen Überlebenskraft. Diese Kontakte erlauben uns, die eigene Welt stets durch andere Augen zu betrachten und zu hinterfragen oder zu diskutieren.

zentral+: Sie leiten als Frau das Zentrum Hirschpark. Müssen Sie sich manchmal besonders durchsetzen, zum Beispie bei männlichen Asylsuchende mit einem anderem kulturellen Hintergrund und Frauenbild?

Gerber: Es kann manchmal auch ein Vorteil sein, eine Frau zu sein in diesem Kontext. Einige Männer haben von klein auf gelernt, vor Männern keine Schwäche zu zeigen. Frauen gegenüber geht das manchmal besser. Für eine gute Hausatmopsphäre braucht es eine klare Führung mit transparenten Regeln, Ruhe, Achtung vor dem Gegenüber sowie interkulturelle Sensibilität und vor allem eine gute Teamarbeit. Jeder einzelne Mitarbeiter im Hirschpark trägt dazu bei, dass das Haus gut geführt werden kann.

Sollte der Kanton Luzern mehr Flüchtlinge aufnehmen und die gesamtschweizerische Asylsituation entspannen helfen, oder sind es jetzt genug? Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Asylwesen? Benutzen Sie die Kommentarfunktion.

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1 Kommentare
  1. André Bühlmann, 26.04.2015, 03:25 Uhr

    Ich würde mal behaupten dies ist fast überall auf der Welt so, auch in Eritrea. Wenn sie dann einen höheren Stundenloh haben wollen dann kommt man einfach nach Europa (oder noch besser in die Schweiz). Wenn sie dann das Geld überhaupt zusammenbringen. Denn ich habe gehört es kostet einem eine höhere Summe, aber es kann natürlich sein dass dies nicht stimmt. Ich bin halt so gutgläubig und manchmal romantisch dann wieder naiv.

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