Alle pilgern ins Eigenthal zum Langlaufen – so auch wir
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Langlaufen ist derzeit hoch im Kurs. (Bild: wia)

Corona-Trend auch in Luzern gut sichtbar Alle pilgern ins Eigenthal zum Langlaufen – so auch wir

6 min Lesezeit 16.01.2021, 11:55 Uhr

Längst hat es sich herumgesprochen. Langlaufen ist der perfekte Corona-Wintersport. Das spüren auch Skivermieter und Langlauf-Verantwortliche im Eigenthal. Wir wollten den Ansturm mit eigenen Augen sehen und haben uns auf die Loipe gewagt. Wie man mit diesen «Lättli» bremst, ist uns nach wie vor schleierhaft.

Samstagmorgen, 7 Uhr. Viel zu früh zum Aufstehen. Wir tun es trotzdem. Denn die Piste lockt, und die mahnenden Worte des Wintersportvermieters klingen noch nach. Denn eigentlich wollten wir im Eigenthal Langlaufski mieten. Nur: Reservationen nehme man keine mehr auf. Der Run auf die Mietskis sei zu gross, häufig sei um halb elf Uhr bereits alles weg. Da wolle man keine Reservationen tätigen, die dann eventuell doch nicht abgeholt werden.

Urs Herger, der Langlauf-Verantwortliche des Vereins Pro Eigenthal Schwarzenberg verriet uns bei einem vorgängigen Telefonat: «Mehrmals waren in dieser Saison schon alle 800 Parkplätze besetzt. Dreimal musste die Strasse ins Eigenthal bereits gesperrt werden.» Auch mussten schweizweit Langlaufpässe nachgedruckt werden, da zu wenig Saisonkarten gedruckt worden seien. «Dieser Run hat sicher mit Corona zu tun, aber nicht nur. Auch die Schneeverhältnisse waren bis jetzt sehr gut. Die Loipe ist in einem sehr guten Zustand.»

Der perfekte Corona-Wintersport

Tatsächlich erscheint das Langlaufen als idealer, Corona-konformer Schneesport. Keine engen Gondeln, kein Anstehen vor dem Skilift. Ausserdem ist es beim Langlaufen weniger tragisch als beim Skifahren, wenn die Beizen geschlossen sind.

Darum also früh aus den Federn und ins noch schattige Eigenthal, wo wir uns kurz vor neun Uhr bibbernd vor die Mietstation stellen, während wir den Pilatus verwünschen, der die wärmende Sonne verdeckt. Der Wetterdienst des Vertrauens bestätigt: Es herrschen minus sechs Grad.

Eine Viertelstunde später endlich die wohlige Wärme des Skiverleihs. Klassisch oder Skating, fragt die Angestellte. Klassisch! Das sei besser für Anfänger, wie wir es sind. Klingt sinnvoll. Eingebettet in einer vorgegebenen Spur gemütlich dahingleiten, das scheint genau das Richtige zu sein, um nebenbei die Natur zu bewundern. So jedenfalls stellen wir uns das vor, bevor wir eines Besseren belehrt werden.

Ganz ohne Sonne ist’s ganz schön kühl beim Warten vor dem Vermietungshäuschen.

Zu kurz war die wärmende Pause im Verleih-Container. Zu lange müssen wir warten, bis alle Gschpändli die passenden Skier haben. Wer sich draussen nicht gleich bewegt, den holt die Kälte erbarmungslos ein. Das Resultat: Eisig kalte Finger und Füsse.

Aufwärmen? Fehlanzeige

Die Crux an der aktuellen Lage: Wegen Corona gibt es bis auf die kleine Garderobe und das WC-Haus keine geheizten Gebäude, in denen man vor den Minustemperaturen flüchten kann. Auch Stände mit heissem Tee sucht man vergeblich.

Nichtsdestotrotz herrscht reger Betrieb. Eine Autokolonne schlängelt sich zum Parkplatz, der um halb zehn Uhr bereits ordentlich voll ist. Der Parkeinweiser hat alle Hände voll zu tun. Auch die Piste füllt sich. Glatt könnte man vergessen, dass ja pandemische Zustände herrschen.

Der Pilatus klaut der Sonne die Show.

Um einigermassen auf Touren zu kommen, spulen wir die Übungsloipe zweimal ab. Und realisieren auf den ersten Metern, dass es wohl ganz gut gewesen wäre, einen Anfängerkurs zu belegen. Ist man sich Pistenskis gewohnt, fühlt man sich auf Langlaufbrettern wie ein Nilpferd auf dem Hochseil.

Wo ist denn hier die Bremse?

Alles scheint labil und viel zu filigran, Vorlage geben ist unmöglich, Rücklage erst recht, seitlich geben die Lättli ebenfalls nur wenig Halt. Immerhin sind da Stöcke, unsere beiden Strohhalme, an denen wir uns festklammern und dank denen wir uns die erste Steigung hochmanövrieren können. Ha! Aber dann geht’s runter. Die Frage, wie man auf Langlaufskiern bremst, kommt uns erst bei voller Fahrt in den Sinn. Einfach in der Bahn bleiben, dann kommt alles gut. Das tut es. Vorerst.

Die Sonne ist noch nicht über den Berg, da rollt die Blechlawine schon an.

Bereit für die grosse Loipe. Rund sechs Kilometer sind zu bewältigen. Relativ rasch wird erkennbar, dass wir heute nicht die einzigen Dilettanten auf den Brettern sind. Manch einer stellt sich genauso ungeschickt an wie wir. Die ersten Stürze werden bereits vor Loipeneinstieg beobachtet.

Die Skater ziehen links vorbei

Los geht’s. Links der präparierten Spur ziehen die Skater an uns vorbei – deutlich dynamischer als die klassischen Langläufer, die nicht so recht vom Fleck zu kommen scheinen. Die Geübten erkennt man rasch, sie tragen Leggins und Hüfttaschen mit Aufschriften wie «Toko» oder «Holmenkollen», gefüllt mit Bananen und elektrolytischen Getränken, so unsere Mutmassung. Ihren roten Loipenpass tragen sie gut sichtbar ums Bein herum. Es dürfte sich mitunter um ein Statussymbol handeln.

Auf der Loipe verteilt sich die Masse an Leuten gut.

Wir ringen um Atem, um Gleichgewicht, um warme Finger und fühlen uns mindestens genauso behäbig wie der Pilatus. Irgendwann merken wir, dass mittlerweile die Sonne über dessen Gipfel gewandert ist und das Eigenthal mit Licht flutet. Die verschneite Hügellandschaft glitzert, die Bäume sind dank der Kälte wie aus Eis geformt, mehr kann man sich vom Winter gar nicht erhoffen.

Und plötzlich ist die Spur weg

Bei dieser Aussicht ist es nur halb so schlimm, dass wir nicht nur von den Skatern, sondern auch von Klassikfahrern scheinbar mühelos überholt werden. Spannend und aus pandemischer Sicht beruhigend zu sehen, ist es, wie sich die anfangs grosse Menschenmenge gut auf der Strecke verteilt hat. In die Quere kommt man sich kaum. Gottseidank. Somit werden die zwei spektakulär anmutenden Stürze, die wir zum Besten geben, nur von wenigen Augenzeugen bemerkt.

Zur Verteidigung: Das kann ja nicht gut gehen, wenn’s bergab geht, die Skifahrerin ganz wackelig und dafür immer schneller – denn wie wir ja mittlerweile wissen, ist Bremsen kein Thema – fährt. Und plötzlich nehmen die präparierten zwei Rillen ein Ende und mutieren spontan zur flachen Skipiste – womit uns jeder Halt fehlt. Die darauffolgende, lödlige Schlitterpartie, endet im nicht besonders weichen Schnee.

Noch vor Mittag ist der Parkplatz voll

Als wir das Ziel letztlich unversehrt, doch verschwitzt und mit müden Oberschenkeln, erreichen, ist der Parkplatz nahezu voll. Bei der Skivermietung, wo wir die Langlaufskis nach vollendeter Route zurückbringen, hängen nicht mehr allzu viele Stöcke an der Wand. Der Angestellte verrät, dass man an diesem Tag schon einige Leute habe abweisen müssen, insbesondere Menschen mit gängigen Schuhgrössen. «Wenn jemand eine Grösse 48 braucht, ist das hingegen kein Problem.»

Das Eigenthal ist bei diesem Wetter ein beliebtes Ziel.

Die Gefahr, dass das Eigenthal nun aufgrund der erhöhten Attraktivität völlig überlaufen werde, bestehe gemäss dem Langlaufverantwortlichen Urs Herger nicht. «Das Kontingent an Besuchern wird durch die Menge der Parkplätze beeinflusst. Selbst wenn diese alle besetzt sind, gibt es auf den Loipen kein Gedränge.»

Und er ergänzt: «Klar sind wir Corona-Profiteure. Doch sind wir gleichzeitig ein nicht gewinnorientierter Verein. Mir persönlich wäre es lieber, wenn wir weniger Langläufer hätten und es der Wirschaft stattdessen besser gehen würde.»

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