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Auch Sursee bekam sein Fett weg
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  • Rezension
Als Requisite begnügt sich Mike Müller mit zwei Stühlen, einem Tischchen, einer Schachtel Zigaretten, einer Espressotasse und einem Assugrin-Dispenser. (Bild: zvg)

Mike Müller gastierte im ausverkauften Stadttheater Auch Sursee bekam sein Fett weg

6 min Lesezeit 04.12.2019, 18:43 Uhr

Nach seinem Abstecher in die Manege widmet sich Kabarettist und Schauspieler Mike Müller mit «Heute Gemeindeversammlung» wieder dem Politzirkus, diesmal auf kommunaler Ebene. Müllers überaus unterhaltsames Stück ist zwar rein fiktiv, liess diesen Dienstag in Sursee aber durchaus Spuren von Realsatire erkennen.

Bürgernah, wie es sich für einen Lokalpolitiker gehört, betritt Mike Müller den Theatersaal via Publikumsränge. Er trägt Hemd, ein braunes, langweiliges Jacket und eine noch langweiligere braune Manchesterhose. «Bisch ide Ferie gsi», fragt er einen Zuschauer. «Du Soucheib gsesch guet us, du gfallschmer», lacht er. Er gibt sich kumpelhaft, der Charme, den er versprüht, steht dem seiner Hose in nichts nach. Vor der Bühne angelangt, fordert er schliesslich eine Theaterbesucherin auf, sich endlich zu überlegen, das Amt der Friedensrichterin zu übernehmen.

Müllers skurriler Auftritt ist Teil seines dritten abendfüllenden Soloprogramms «Heute Gemeindeversammlung». Das Stück versetzt den Zuschauer von Anfang an mitten in die Welt der Gemeindepolitik. Es handelt vom allzu menschlichen, von absurden, keineswegs aber irrealen Vorstössen, von Menschen, die sich für wichtiger halten als sie möglicherweise sind, von Bevorteilung und vom Willen, aber auch vom Unwillen, parteipolitische Grenzen zu überwinden.

Erfundene Figuren mit hohem Identifikationspotential

Müller hat das fiktive Stück mit realsatirischen Zügen perfekt auf seine Fähigkeiten zugeschnitten geschrieben. Damit macht er mit «Heute Gemeindeversammlung» da weiter, wo er bei Giaccobo/ Müller Ende 2016 aufgehört hat. Blitzschnell versetzt er sich in die unterschiedlichsten Charaktere, parodiert und karikiert sie und verleiht ihnen durch irrwitzige Dialektimitationen sowie überzogene Körpersprache ihre eigene Persönlichkeit mit hohem Identifikationspotential.

Zwar sind seine politischen Akteure frei erfunden. Und doch dürfte am letzten Dienstag jeder und jede im restlos ausverkauften Stadttheater Sursee die eine oder andere Facette von sich selbst oder zumindest eines Bekannten entdeckt haben.

Hauptfigur des Stücks ist der abgewählte Gemeindepräsident Raoul Furrler. Indem Mike Müller nicht nur gekonnt zwischen unterschiedlichen Figuren, sondern auch zwischen Erzähl- und Erlebnisperspektive hin und her wechselt, lässt er die Zuschauer an der Gemeindeversammlung teilhaben, die seinen Protagonisten die politische Karriere gekostet hat.

Eine Karriere de facto, die als unredlicher Stimmenzähler begonnen hat, und – so Furrler selbst – grossartig hätte enden können. «Als UNO-Funktionär im weissen Jeep in der Wüste herumfahrend, Pfefferminztee schürfend und ein bisschen zwischen den Arabern vermittelnd.»

Furrler regelt aktuelle Geschäfte gerne mit dem Verweis auf die glorreiche Geschichte der Schweiz zur Zeit des römischen Reichs. Stets ist er auf den eigenen Vorteil bedacht und er grinst unverhohlen hämisch, wenn die Traktanden nach seinem Wunsch über die Bühne gebracht worden sind. Raoul Furrler kritisiert andere, wenn sie von «Asylantenheimen» statt von «Asylbewerberzentren» sprechen, um den politisch inkorrekten Begriff zehn Sekunden später seinerseits zu bemühen.

Gänzlich unsympathisch aber dürfte Furrler trotz verbaler und sogar juristischer Entgleisungen weder dem Publikum noch seinen erbittertsten politischen Gegnern sein. Zu menschlich und kumpelhaft kommt der Gemeindepolitiker rüber, der diesen Vorteil gegenüber seinen Pendants auf nationaler Ebene zu nutzen weiss.

Alle bekommen ihr Fett weg

Natürlich ist es vor allem die SVP, die in der Person von Raoul Furrler am meisten auf die Schippe genommen wird. Aber es bekommen alle Parteien in der Gemeindeversammlung direkt oder indirekt ihr Fett weg.

Furrlers politischer Erzfeind ist Herr Habegger. Der Neuzuzüger aus dem Kanton Zürich steht dem Gemeindepräsidenten politisch wahrscheinlich näher, als es ihm lieb ist. Habegger ist ein Querulant erster Güte; einer, für den Demokratie und Meinungsfreiheit mit «anything goes» gleichzusetzen ist. Mit Vorliebe schwimmt er gegen den Strom und nutzt die Gemeindeversammlung als Bühne für seinen Hang zur Selbstdarstellung. Seine absurden Anträge stellt er selbst dann, wenn sie die Gemeindekosten zu sprengen drohen. Einfach, weil er es eben darf.

Mike Müller spielt jede seiner Figuren absolut überzeugend. Als Requisite dienen dem Solothurner zwei Stühle, ein Tischchen, eine Schachtel Zigaretten, eine Espressotasse und ein Assugrin-Dispenser. Wenn er nicht auf dem Stuhl sitzt und als Raoul Furrler von seiner letzten Gemeindeversammlung erzählt, bewegt er sich von einer Ecke der Bühne in die andere und spielt die Geschehnisse nach.

Auch Akrobatik ist Gemeindepräsident Raoul Furrler nicht ganz fremd. (Bild: zvg)

Selbst die Herausforderung «Walliserdialekt» bewältigt Mike Müller meisterhaft. In der Figur von Furrlers fiktivem Amtskollegen aus Fiesch bewirbt er vor versammelter Gemeindeversammlung ein Ferienhaus zur Langzeitmiete und versucht sich gegen seinen griesgrämigen Konkurrenten aus dem Muotathal durchzusetzen.

In Bezug auf die Imitation seines Dialektes weitaus weniger Schwierigkeiten dürfte dem Multitalent Müller die Figur des Einbürgerungskandidaten Velibor Stojadinovic bereitet haben. Der Serbe aus dem Lorraine-Quartier spricht breitestes Berndeutsch und tut dies vorzugsweise langsam. Furrlers absurde Einbürgerungsfrage nach der Skimarke, mit der Bernhard Russi 1972 in Sapporo Weltmeister geworden sei, beantwortet er mit Bravour.

Damit entspricht Stojadinovic so gar nicht dem Bild des Haudegens aus dem Balkan, den Müller in seiner Paraderolle als Merzim Muzafer im Fernsehen lange zum Besten gegeben hat – sehr zum Unmut des SP-Gemeindeschreibers Giannini. Der Heimweh-Basler und fanatische FCB-Anhänger mit italienischen Wurzeln hätte der Gemeindeversammlung gerne einen Kandidaten präsentiert, der «etwas albanischer» und damit «authentischer» klingt.  

Furrlers Fall

Ob es um einen Antrag zur Subventionierung von Kindergeburtstagen für Kinder geht, die es sich nicht leisten können, mit ihren «Gschpänli» mit dem Superpuma in den Europapark zu fliegen. Oder ob Habeggers Antrag zur Einführung der Burkapflicht im Sinne der Terrorismusprävention verhandelt wird – Gemeindepräsident Furrler schafft es mit Hilfe seiner Powerpoint-affinen, pedantischen Finanzchefin Karin Roth, sämtliche Anträge in seinem Sinne und vor allem im Sinne des Finanzhaushalts durchzuwinken.

Selbst die Einbürgerung des späteren Gemeindepräsidenten Stojadinovic verläuft durchaus nach Furrlers Geschmack – vorausgesetzt natürlich, es werde im Gegenzug einer ausgewiesen.

Erst als es um die Fusion mit der Nachbargemeinde und die damit verbundene Umzonung einer Parzelle geht, die fortan dem Landsitz eines berühmten Formel-1-Rennfahrers dienen soll, gerät der Gemeindepräsident ins Wanken. Der selbst nicht ganz integere Gemeindeschreiber Giannini ist es schliesslich, der vor versammelter Runde ausplaudert, dass Furrler als Besitzer des zur Diskussion stehenden Baulandes in erster Linie finanzielle Interessen verfolgt. Indem Letzterer darauf die Vertrauensfrage stellt, schiesst er sich selbst ins Bein und wird seines Amtes enthoben.

Ein überzeichneter Spiegel der Gesellschaft

Nachdem Mike Müller alias Raoul Furrler besagte Gemeindeversammlung zusammen mit dem Publikum nochmals durchlebt hat, richtet er sich direkt an die Surseer und Surseerinnen. Gut vorbereitet und pointiert beginnt der abgesetzte Gemeindepräsident, sich das Maul über die Gemeindepolitik im knapp 9’000 Seelen zählenden Städtchen zu zerreissen.

Spätestens jetzt wird deutlich, dass das Prädikat «fiktiv» dem Stück nicht vollständig gerecht wird. «Heute Gemeindeversammlung» könnte in jeder beliebigen (Deutsch-)Schweizer Gemeinde stattfinden und hält jedem und jeder in irgendeiner Weise den Spiegel vor. Das Surseer Publikum ertrug die humorvolle Kritik staatsmännisch und bedankte sich bei Autor und Darsteller Mike Müller mit Begeisterungsstürmen, von denen Raoul Furrler zu seiner Amtszeit nur hätte träumen können.

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