«Aktive Sterbehilfe für die Zuger Altstadt?»
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Der Zuger Postplatz aus der Vogelperspektive Richtung See: Die insgesamt 60 Parkplätze fallen weg und werden in die neue Tiefgarage hinter dem Postgebäude verlagert. Der hellblaue Fleck links ist der Kiosk. (Bild: woz)

Leserbrief von Andres Bruetsch zur Stadtplanung «Aktive Sterbehilfe für die Zuger Altstadt?»

3 min Lesezeit 07.06.2018, 14:00 Uhr

Weniger Parkplätze tragen zu einer «Ballenbergisierung» des Zuger Stadtkerns bei, argumentiert der Zuger Regisseur Andres Bruetsch in seinem Leserbrief. Doch es müsse viel mehr gemacht werden, damit die Altstadt südlich des Postplatzes aus dem Dornröschenschlaf erwache.

In den USA hat man sie längst für tot erklärt. Mittlerweile verunstalten einige von ihnen als sinnlose Konsumruinen die Landschaft vor den Metropolen. Man baut sie jetzt anders – die Shopping-Malls. Psychologen glauben, die Konsumenten möchten statt unter einem Dach lieber unter mehreren Dächern einkaufen, anders gesagt: in kleineren Geschäften, die man schlendernd zu Fuss erreicht.

Ganz so, wie wenn man in Bern, in einer der schönsten Altstädte, unter den Lauben einkauft. Oder in der Basler Altstadt, wo sich tout Bâle trifft, wo man für den besten «Grättimaa» ansteht, die modischsten Brillen findet und Gutes zu essen. Andere Beispiele sind Lugano, Schaffhausen, St. Gallen etc. Ganz zu schweigen von den Altstädten im Ausland: Rom, München, Hamburg, Wien, Paris usw. Allerorten findet das städtische Leben in den alten Zentren statt.

Die städtebauliche Entwicklung der Stadt Zug hat im Verlauf der letzten fünfzig Jahre zu einer Verschiebung des urbanen Lebens von Süd nach Nord geführt. An der einst bevorzugten Lage um den Kolinplatz findet sich kaum mehr ein Laden des täglichen Bedarfs. Migros-sei-Dank kann man den Liter Milch und das Waschpulver noch immer in dieser Gegend finden, aber von einer belebten Einkaufszone ist man einen guten Kilometer entfernt.

Angst vor dem Niederdorf

Schon vor mehr als fünfzig Jahren haben Städteplaner Ideen für eine Wiederbelebung der Altstadt vorgeschlagen. Doch bereits zu dieser Zeit machten Altstadtbewohner gegen ein solches Ansinnen mobil. Diese Interessengruppe versteht es seit Jahren, die Altstadt als ihr Hoheitsgebiet zu verteidigen, sozusagen als ihren privaten, denkmalgeschützten Wohnraum.

Restaurants wurde der Garaus gemacht, etwelche Initiativen zur Belebung des Kerns der Stadt Zug wurden pauschal abgeschmettert. Keine Niederdorfisierung – heisst es. Wer allerdings heute das Zürcher Niederdorf kennt, weiss, dass es eine zwar belebte, vor allem jedoch beliebte und keinesfalls verkommene, gar anrüchige Ecke der Stadt ist. Dass hier abendlich Horden von Besoffenen oder gar verzweifelte Freier herumstolpern, entbehrt jeglicher Sachlichkeit.

Weil die grossen Shopping-Center Mühe haben, tendiert man – in den USA seit Jahrzehnten – weg vom «Einkaufen unter einem Dach», hin zu offenen Einkaufsorten, in denen man zu Fuss von einem Laden zum andern geht. Ganz so, als wäre man… ja, als wäre man in einer Altstadt, wo sich Läden an Läden reihen.

Belebt heisst nicht lärmig

Muss es soweit kommen, dass die Stadt Zug – wohl zwischen Steinhausen, Baar und der Stadt – eine künstliche Ladenstadt aufbaut? Und gleichzeitig die echte, sehr schöne Altstadt im Dornröschenschlaf belässt? Eine Tragödie – und dies aus dem einzigen Grund, weil in diesen Gassen ein paar Privilegierte wohnen, die in ihrem beschaulichen Alltag durch andere Menschen nicht gestört werden wollen.

Redet man von einer Belebung der Altstadt, meint damit kein vernünftiger Mensch: Verkehrslärm, auch will niemand Discos, die bis um zwei Uhr wummern, oder laute Beizen, wo’s bis in die Morgenstunden rund läuft. Wer sich eine belebte Zuger Altstadt wünscht, träumt von einer lebhaften, kleinstädtischen Betriebsamkeit anstelle von leeren, ausgestorbenen Gassen.

Auch wenn Parkplätze kein Garant für ein städtisches Leben sind, mit deren Abschaffung trägt man zusätzlich zu einer «Ballenbergisierung» des Stadtkerns bei. Es muss aber viel eher Gescheites getan werden, damit das tägliche, städtische Leben – und damit auch das «Geschäften» – im alten Zug, südlich des Postplatzes, wieder eine Chance hat.

Andres Bruetsch, in Zug aufgewachsen, Autor und Regisseur

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