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Affäre Vincenz: So reagiert die Raiffeisen-Basis
  • Wirtschaft
Matthias Brunner unterrichtete die Genossenschafter über die Geschäftstätigkeit 2017 der Zuger Raiffeisen. (Bild: sib)

Spurensuche an der Mitgliederversammlung in Baar Affäre Vincenz: So reagiert die Raiffeisen-Basis

4 min Lesezeit 20.03.2018, 15:55 Uhr

Mitgliederversammlung der Raiffeisenbank Zug: Gespannt warteten die Anwesenden darauf, ob sich Redner zum Fall Pierin Vincenz äussern werden. Die Affäre wurde zwar angesprochen, doch den Mitgliedern scheinen andere Dinge ein Dorn im Auge zu sein.

Es ist Montagabend und die Raiffeisen-Mitglieder strömen in die Baarer Waldmannhalle. Eine Horde, wie man sie sonst eher von einem Konzert kennt. Erst einmal drinnen, ist es vielerorts das grosse Wiedersehen.

Hier und da ist tatsächlich auch der in Ungnade gefallene ehemalige Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz Thema der Gesprächsrunde. «Wie kann man bloss immer mehr haben wollen, wenn man doch schon so viel hat», echauffiert sich eine Dame. Doch schon im nächsten Satz bekundet sie auch Mitleid mit Vincenz’ Familie. Das Wort «Turbulenzen» fällt. Es zeigt auch die Unsicherheit, wie man mit diesem Thema umgehen soll. Zumal als Raiffeisen-Mitglied.

Zwei Seiten der Medaille

Derweil begrüsst der Verwaltungsratspräsident Max Uebelhart fleissig Gäste. Die Halle füllt sich immer weiter, bis sie zum Beginn der Mitgliederversammlung (MV) um 19 Uhr mit über 1’000 Gästen rappelvoll ist. Uebelhart ergreift das Wort. Wahlen oder Verabschiedungen stünden heute keine auf der Traktandenliste. Er präsentiert das «sehr gute Gesamtergebnis» der gesamten Raiffeisengruppe für das Jahr 2017.

«Ich will und muss mich an Fakten halten. Das Spekulieren haben längst andere übernommen.»

Max Uebelhart, Verwaltungsratspräsident Raiffeisenbank Zug

«Dies alles ist die eine Seite der Medaille», fährt er fort. «Auf der anderen Seite sieht es eher betrüblich aus.» Das Bild ihrer letztjährigen MV sei vor zehn Tagen nochmals in der Zeitung aufgetaucht, um einen Bericht mit dem Titel «Präsidenten haben Erklärungsbedarf» zu illustrieren. «Den Erklärungsbedarf will ich nicht kleinreden. Ich will und muss mich aber an Fakten halten. Das Spekulieren haben längst andere übernommen.»

Rüegg-Stürm bleibt unerwähnt

Uebelhart hat bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht konkret erwähnt, wovon er spricht. Doch natürlich ist es jedem hier drin klar. Er sei für eine offene und ehrliche Information.

Er kommt auf die Fakten zu sprechen und rollt den Fall nochmals kurz auf. Zur Erinnerung: Die Staatsanwaltschaft Zürich hat ein Strafverfahren gegen Pierin Vincenz, den ehemaligen Vorsitzenden der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz, eröffnet. Ihm wird ungetreue Geschäftsbesorgung im Aduno- und Investmet-Umfeld vorgeworfen.

Im selben Atemzug erwähnt er, dass weder gegen Raiffeisen noch gegen Patrik Gisel, Vorsitzender der Geschäftsleitung von Raiffeisen Schweiz, oder ein Mitglied der Geschäftsleitung respektive ein Verwaltungsratsmitglied von Raiffeisen Schweiz ermittelt werde. Der Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm im Zusammenhang der Affäre bleibt unerwähnt.

«Gratis ist halt nicht immer gratis.»

Matthias Brunner, Vorsitzender der Bankleitung Raiffeisenbank Zug

«Zurzeit sind diese Abklärungen am Laufen. Solange keine Untersuchungsergebnisse bekannt sind, gilt bei allen Vorwürfen die Unschuldsvermutung», hält Uebelhart weiter fest. Er hoffe, dass diese möglichst bald und sauber geklärt würden, damit man gesicherte Erkenntnisse präsentieren könne. Uebelhart sagt, was er sagen muss.

Wiederaufbau des verlorenen Vertrauens

Er schliesst seinen Vincenz-Exkurs mit der Bemerkung, dass durch das angebliche Wirken von Pierin Vincenz weder für die Raiffeisenbanken noch für die Kunden ein finanzieller Schaden entstanden sei. «Dass der Name Raiffeisen Schaden erlitten hat und noch erleidet, ist uns bewusst. Gleichzeitig gilt es auch, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen.»

Verwaltungsratspräsident Max Uebelhart handelte das Thema Pierin Vincenz sehr diplomatisch ab.

Verwaltungsratspräsident Max Uebelhart handelte das Thema Pierin Vincenz sehr diplomatisch ab.

(Bild: sib)

Den Rest der Rede handelt Uebelhart routinemässig ab. Es folgen Angebote für Raiffeisen-Mitglieder und ein Rückblick auf die Gründergeschichte und die Idee von Raiffeisen.

Sehr ambivalentes Geschäftsergebnis

Anschliessend setzt sich Uebelhart hin und Matthias Brunner, Vorsitzender der Bankleitung, stellt sich ans Rednerpult. Er berichtet über das Geschäftsjahr 2017 und wie sich das Ergebnis sehr ambivalent zeige.

«Solche irreführenden Werbungen machen andere, aber nicht die Raiffeisen. Nicht meine Bank.»

Hr. Bolliger, Raiffeisen-Genossenschafter

«Gibt es Fragen oder Wortmeldungen aus dem Plenum?», übernimmt Uebelhart wieder das Wort. Ein Herr meldet sich und schreitet mit vorbereitetem Zettel auf die Bühne. Er stellt sich als Herr Bolliger aus Zug vor.

Der grosse Ärger – über Plakate

«Ich habe mich zuletzt aufgeregt», beginnt er. Die Spannung steigt. Holt er nun zum grossen Rundumschlag aus? «Auf Plakaten steht gross geschrieben, man könne mit einer Primus-Hypothek der Raiffeisenbank Zug ein Jahr lang umsonst wohnen.» Nur ganz klein stehe geschrieben, dass dies nicht für alle gelte und auch nicht für die Nebenleistungen. «Solche irreführenden Werbungen machen andere, aber nicht die Raiffeisen, habe ich gedacht. Nicht meine Bank.»

Aus dem Publikum brandet zustimmender Applaus. «Das habe ich auch gedacht», raunt eine Dame. Matthias Brunner antwortet, dass es ihnen bei der Kampagne um Aufmerksamkeit gegangen sei. «Gratis ist halt nicht immer gratis», sagt er lakonisch.

Kaum outet sich Claudio Zuccolini als Wahlzürcher, geht ein Raunen durchs Publikum:

Nach handgestoppten 43 Minuten erklärt Max Uebelhart den offiziellen Teil der 66. Mitgliederversammlung für geschlossen. Es übernimmt Comedian Claudio Zuccolini. Einen Bankenbezug gibt es in seinem Programm nicht. Doch er schliesst den ersten Teil seines Programms mit den Worten, mit welchen sich wohl die allermeisten Anwesenden identifizieren können. «Eigentlich sind wir heute Abend ja vor allem wegen dem Wein und dem Essen gekommen.»

Dieses wird denn auch bald serviert, bis Zuccolini noch einmal einen Auftritt hat. Die Affäre Vincenz scheint bei geselligem Zusammensein und kollektivem Lachen von der Waldmannhalle weit weg zu sein.

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