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«Achtung, der färbt ab»
  • Gesellschaft

Natural Bodybuilding «Achtung, der färbt ab»

4 min Lesezeit 25.10.2014, 18:11 Uhr

So viel nackte Haut wie heute in Unterägeri an den Schweizermeisterschaften im Natural Bodybuilding sieht man sonst kaum je. Und doch sind die künstlich braunbemalten Körper mehr irritierend als attraktiv. Schönheit scheint auch nicht das Ziel der Sache: Bodybuilding ist vielmehr eine Ode an Selbstdisziplin und Willenskraft.

Die Luft im Vorbereitungsraum ist stickig und warm. Auf wenigen Quadratmetern tummeln sich Dutzende Menschen, viele davon nur in knapper, schimmernder Unterhose unterwegs, mit ebenso glänzender, braun bemalter Haut. Niemand stört sich daran, wenn Fotos gemacht werden. Im Gegenteil. Einige Athletinnen fragen sogar explizit nach Fotos. Hier, in diesem Raum hinter der Bühne der Ägerihalle werden die Muskeln, die über Monate gestählt worden waren, noch ein letztes Mal aufgepumpt, bevor es auf die Bühne geht.

«Achtung, der färbt ab», warnt jemand, dann drückt sich ein frischgebräunter Adonis durch die Tür. Die ganze Athletenzone, vom Hintereingang der Ägerihalle bis zur letzten Ecke des «Tanning Rooms», in der sich die Teilnehmer mit brauner Creme einreiben, ist alles mit Plastik überdeckt. Die Bräunungsfarbe hinterlässt überall Spuren.

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Für einen Tag Prinzessin

Die Stimmung ist leicht angespannt, und auch die Vorfreude der Athleten ist gross. Doch nicht in jedem Fall geht es hier nur um Muskeln. Die Frauen treten in der Disziplin «Miss Bikini» und «Best Body Swimmsuit» auf. Hier kommt es nicht auf die Grösse der Muskeln, sondern auf deren Definiertheit an. Eine junge Frau im Glimmerbikini und mit Berner Dialekt erklärt: «Hier ist man für einen Tag eine Prinzessin. Es ist wie heiraten, ohne es wirklich tun zu müssen.»

Auf den Augenblick im Rampenlicht haben sich die Athleten und Athletinnen lange vorbereitet. Beim Bodybuilding und Fitness geht es in erster Linie ums Trainieren. Ein Grossteil macht aber auch die optimale Ernährung aus. «Klar ist man in der Ernährung eingeschränkt», sagt die Berner Athletin, «aber das ist etwas, was ich schon von klein auf gelernt habe: Ich kann nicht alles essen, wenn ich gut aussehen will. Jetzt aber, mit dem Training, esse ich so viel wie noch nie. Jetzt brauche ich die Energie.»

Die Krienserin Jessica Gismondi ist ebenfalls am Start. Sie hat sich erst gerade die Bronzemedaille an der Europameisterschaft ergattert. «Ich bin süchtig nach diesen Wettkämpfen. Das gibt mir voll den Kick», erklärt sie. «Ich weiss gar nicht, was ich ohne das Training machen würde, wenn ich abends von der Arbeit nach hause komme», ergänzt sie weiter.

Drei Tage Dörrprozess

Ein junger Mann steht in Trainingskleidern draussen vor der Tür. Er gönnt sich etwas frische Luft, bevor er für die Kategorie «Männer +70 Kilo» auf die Bühne geht. Warum er heute hier ist? «Ich habe eine Wette verloren», so die knappe Antwort. Dennoch hat er die Vorbereitungen für die Schweizermeisterschaften äusserst ernst genommen. «Ich war jetzt vier Monate auf Diät», sagt er, «habe quasi nur von Poulet und Reis gelebt. Die letzten drei Tage habe ich praktisch gar nichts mehr gegessen.» Und auch trinken dürfe man nicht uneingeschränkt. Der Körper soll so trocken wie möglich sein.

Warum tut man sich das an? «Es ist eine Sucht, wie etwa das Tätowieren», bekennt er. Er redet aus Erfahrung. Sein ganzer Körper ist mit Tattoos übersät. Heute Abend, nach dem Final, haben die Strapazen ein Ende. «Dann gibt es Rindsfilet, vielleicht auch eine Pizza Diabolo. Tatsächlich würden sehr viele Athleten gleich nach dem Wettkampf den nächsten McDonalds aufsuchen. «Viele stopfen sich voll, und weil sie damit den Körper überfordern, müssen sie dann erbrechen.» Ja aber geht es denn hier tatsächlich nur um einen extremen Körperkult?

Eine Frau im «Pump Room» fällt auf, denn sie hat von allen die breitesten Schultern, den grössten Bizeps. Sie lehnt entspannt am Türrahmen, lächelt freundlich. Die Frau heisst Skandi Seifert, «ein Profi» sei sie gewesen, habe vor allem in den USA Wettkämpfe gemacht. Dies jedoch nicht in der Kategorie «Natural» sondern beim IFBB – der International Federation of Bodybuilding and Fitness. In der Kategorie also, in der Anabolika, im Gegensatz zum Natural Bodybuilding, erlaubt sind.

Macht durch Muskeln

«Ich versuche mich gerade von der Bodybuilding-Szene zu lösen», sagt sie mit tiefer Stimme. «Darum kann ich das Unverständnis, das man als Laie hat, etwas nachvollziehen.» Sie hat mit Bodybuilding angefangen, da sie als junge Frau an einer Essstörung litt. «Vorher habe ich praktisch nichts mehr gegessen. Das Training war für mich ein Weg, wieder zu essen, da ich wusste, dass ich die Kalorien brauche», sagt sie. Tatsächlich sei das Bodybuilding für viele ein Weg, um das eigene Selbstwertgefühl zu steigern, um Macht über sich selber zu bekommen. «So fällt beispielsweise auf, wie viele kleingewachsene Männer Bodybuilding betreiben.»

Bodybuilding im Kampf gegen die eigenen Dämonen? Basil Grünenfelder, Inhaber des Basler «Gym Grizzly» bestätigt die These: «Bodybuilding hat für mich viel mit Ehrlichkeit zu tun. Ich sehe immer das direkte Resultat meines Trainings, aber auch, wenn ich zu wenig mache. Es ist quasi ein kleiner Teil im Leben, den man selber beeinflussen, und gar kontrollieren kann.»

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