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Acht wollen das Erbe des Old Town Store weiterführen
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Erich Rothacher geht in Pension. Die freie Zeit will er nun mit reisen verbringen. (Bild: Sandro Portmann)

Kult-Musikladen auf Nachfolgersuche Acht wollen das Erbe des Old Town Store weiterführen

6 min Lesezeit 22.04.2015, 10:00 Uhr

Es ist der Wunsch von Erich Rothacher, dass nach seiner Pension jemand den Old Town Store weiterführt. Bei Rothacher, der den Kult-Musikladen in den letzten 39 Jahren aufgebaut hat, haben sich bereits mehrere Interessenten gemeldet. Bis im Herbst will er sich für einen Kandidaten entscheiden. Im Interview verrät er, welche weiblichen Megastars sich bei ihm nie verkaufen liessen.

zentral+: Sie suchen nach einem Nachfolger. Haben sich Interessenten gemeldet?

Erich Rothacher: Es gibt Interessenten, ja. Acht Personen haben sich gemeldet, die den Namen «Old Town Store» und die Produkte so übernehmen würden. Je nachdem würde das Sortiment leicht angepasst werden, zum Beispiel würde eine Person den Anteil von Vinyl vergrössern. Weitere Musikenthusiasten und Interessierte sind herzlich willkommen und können sich bei mir melden.

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zentral+: Was sind das für Leute?

Rothacher: Das sind ganz unterschiedliche Interessenten, die den Laden übernehmen würden. Da gibt es beispielsweise den Vinyl-Liebhaber oder die Person um die 50, die nun einfach etwas Neues ausprobieren will. 

zentral+: Bis wann werden Sie sich entscheiden?

Rothacher: Wer das Geschäft übernehmen kann, wird bis Ende Juni 2015 entschieden. Die Übernahme findet dann im Herbst 2015 oder spätestens im Januar 2016 statt.

zentral+: Welchen Ratschlag geben Sie ihrem Nachfolger auf den Weg?

Rothacher: Ich würde ihm raten, weiter auf Nischen zu setzen, auf eine Sparte und bei dieser aber ein breites Angebot zu führen. Das funktioniert nach wie vor. Hände weg aber vom Metier, das man nicht versteht. Ein Klassik-Angebot anzubieten, aber davon keine Ahnung zu haben, ist gefährlich.

zentral+: Ist es denn überhaupt noch möglich, vom Verkauf der Musik zu leben?

Rothacher: Absolut. Aber es kommt auf die Ansprüche an. Ich sage es so: Ein mittleres Einkommen für eine Person ist realistisch. Wer aber mit einem sechsstelligen Managerlohn rechnet, ist hier falsch.

zentral+: Hat denn Vinyl als Nischenprodukt eine Chance auf dem Musikmarkt?

Rothacher: Vinyl boomt wieder. In den Achtzigern war die Platte aus dem Markt verschwunden. Doch nun ist sie wieder da und ich denke, das wird auch ein paar Jahre halten.

zentral+: Der Name wird also übernommen. Wie entstand der Name Old Town Store?

Rothacher: Dazu muss ich etwas ausholen. Die ersten fünf Jahre (1976 bis 1981) war unser Laden an der Hertensteinstrasse 41, gleich gegenüber vom heutigen Vögele. Ich hatte damals neben Musik auch Jeans im Sortiment, «Lewis» und «Wrangler». Diese Kombination hat früher Sinn gemacht, da die Jeans auch ein Teil der Musikszene waren. Ich konnte deshalb keinen Musiknamen für meinen Laden nehmen. Der Laden lag in der Altstadt, also nannte ich ihn Old Town Store. 

zentral+: Nach 39 Jahren im Geschäft: Wie hat sich die Musikwelt verändert?

Rothacher: Einerseits gab es früher viel mehr Musikläden. Das Angebot war grösser. Da gab es zum Beispiel das Grammo Studio, den Laser oder Groovy. Die gibt es heute alle nicht mehr. Andererseits wurde damals das Budget der Kunden anders verwendet. Früher wurde das ganze Sackgeld in Musik investiert. Heute gibt es das Smartphone, Tablets und andere elektronische Geräte, auf die das Sackgeld aufgeteilt wird.

zentral+: Viele Musikläden von früher sind heute geschlossen. Wie konnten Sie sich behaupten?

Rothacher: Ich konnte mich durch ein ausgesuchtes, alternatives Sortiment, das sich vom Durchschnittsladen abhebt und auf meine Kundschaft zugeschnitten ist, behaupten. Auch sind unsere Preise immer etwas günstiger als bei der Konkurrenz.

zentral+: Und wie hat sich die Situation für sie als Ladenbesitzer verändert?

«Es war eine der besten Zeiten meines Lebens.»

Erich Rothacher, über seine Reisen in den Jahren 1995 bis 2005

Rothacher: Früher war ich mehr auf Reisen, um an gute Platten zu kommen. Regelmässig war ich in den USA und habe einen Truck mit Second-Hand-Platten gefüllt. Das war so in der Zeit zwischen 1995 und 2005. Durch die Reisen habe ich viele Städte und Länder kennengelernt. Es war eine der besten Zeiten meines Lebens.

zentral+: Der Old Town Store ist bekannt für sein alternatives Musiksortiment. Wie sieht der typische Kunde aus?

Rothacher: Es gibt eigentlich zwei Arten von Kunden. Der eine ist jung, bis etwa 25 Jahre alt und will sich von der Masse abheben. Dann gibt es eine Pause. Mit 50 kommt der gleiche Kunde dann wieder zu uns in den Laden, zum Teil kauft er sogar die gleiche Musik wie damals.

zentral+: Es gab sicher viele lustige, nachdenkliche und seltsame Situationen, die Sie in all den Jahren hier im Laden erlebt haben. Können Sie eine Anekdote erzählen, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Rothacher: Ich erinnere mich an einen speziellen Kunden. Das ist schon Jahre her, etwa in den Achtzigern. Es war der erste Russe, der in den Laden kam. Er reiste einfach durch die Welt, um Platten zu kaufen. Auf einen Schlag kaufte er bei mir hundert Schallplatten. Alle aus der Sparte Funk und Soul.

zentral+: Was braucht ein Top-Song?

Rothacher: Ein wirklich guter Song ist für mich instrumental und hat eine gute Melodie. Gesang braucht es nicht unbedingt.

zentral+: Gab es Ladenhüter?

Rothacher: Madonna. 

zentral+: Tatsächlich? An der fehlenden Bekanntheit der Sängerin kann es nicht liegen.

Rothacher: Ja. Alben von bekannten Künstlern wie Celine Dion, auch Cher oder Mariah Carey bleiben bei uns liegen. Aus den Top Ten der Hitparade verkaufen wir praktisch nichts. Dafür gibt es die grossen Musikanbieter. Unsere Kunden wollen sich musikalisch von der Masse abheben.

zentral+: Werden Sie das Weiterleben Ihres Old Town Store auch in Zukunft verfolgen?

Rothacher: Natürlich. Ich werde dem neuen Besitzer am Anfang als Support zur Seite stehen, beim Bestellen helfen oder Fragen beantworten.

zentral+: Es war Ihr Baby, das nun erwachsen geworden ist. Wie einfach fällt da das Loslassen?

Rothacher: Ich habe mir gesagt, ich muss das nicht 40 Jahre machen, 39 Jahre reichen. (Er schmunzelt.) Im Ernst: Es fällt schon schwer. Aber auch eine Mutter muss ihr Kind mal loslassen.

zentral+: Haben Sie in all den Jahren mal die Treppenstufen hinauf zum Laden gezählt?

Rothacher: Nein.

zentral+: Es sind 24.

Rothacher: Okay. Das habe ich nicht gewusst.

zentral+: Wenn wir schon beim Zählen sind. Wie viele Platten haben Sie verkauft?

Rothacher: Das ist schwierig zu sagen. (Er beginnt zu rechnen.) In all den Jahren waren es sicher über 100’000 Stück.

zentral+: Und CDs?

Rothacher: Das hat sich in etwa die Waage gehalten. Es waren ebenfalls um die 100’000 Stück.

zentral+: Und was war die teuerste Platte?

Rothacher: Das ist noch gar nicht lange her: Es war eine Platte der Schweizer Band «Toad», die ich für 90 Franken verkauft habe. Die erste Platte von Krokus habe ich kürzlich für 60 Franken verkauft. Schweizer Bands hatten damals eine kleine Auflage, das zeigt sich nun am Preis.

zentral+: Haben Sie auch schon mal hier übernachtet und die Musikanlage aufgedreht?

Rothacher: Nein. Das mache ich zu Hause.

 zentral+: Als Musikliebhaber müssten Sie in einer Band spielen, oder?

Rothacher: Nein, und ich war auch nie in einer Band.

zentral+: Das überrascht mich jetzt.

Rothacher: Ich habe es mal mit einem Saxofon versucht, aber dann gemerkt, dass ich leider kein musikalisches Talent besitze.

zentral+: Jetzt hätten Sie Zeit zum Üben. Wäre jetzt die Zeit reif für eine Band?

Rothacher: Eine Band wird es wohl nie geben. Bei mir stehen Reisen im Vordergrund. Ich bin schon immer gern gereist.

zentral+: Was werden Sie mit der neu gewonnenen Freizeit sonst noch anstellen?

Rothacher: (überlegt kurz) Lesen ist ein Hobby von mir. Und auch Fitness. Dem werde ich wohl nun mehr Zeit widmen.

zentral+: Zurück zur Musik. Wie hören Sie diese am liebsten? Als Platte, CD oder Kassette?

«Kassetten habe ich nie gemocht.»

Erich Rothacher, Besitzer des Old Town Store

Rothacher: Kassetten habe ich nie gemocht, die Qualität ist schlecht. Sonst ist es unterschiedlich. Zu Hause höre ich CD und Vinyl. Vinyl dann, wenn ich mir Zeit nehmen kann, um die Musik zu geniessen. Es klingt halt einfach besser.

zentral+: Wie werden Sie sich vom Laden verabschieden?

Rothacher: Es wird eine Abschiedsfeier geben, ein öffentliches Fest. Mehr kann ich im Moment dazu nicht sagen.

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