Acht Gründe, weshalb wir im Verkehr so schnell ausrasten
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Alles Idioten: Im Strassenverkehr gehen die guten Sitten schnell mal flöten. (Bild: Adobe Stock)

Zuger Verkehrspsychologe erklärt die Strassenwut Acht Gründe, weshalb wir im Verkehr so schnell ausrasten

6 min Lesezeit 4 Kommentare 12.09.2020, 08:00 Uhr

Autoposer, Velorowdys, Töff-Idioten: Im Strassenverkehr ist die Stimmung regelmässig gereizt. Es wird gedrängelt, geflucht und mit Stinkefingern gefuchtelt. Der Zuger Verkehrspsychologe Gianclaudio Casutt erklärt, wo die Wut im Strassenverkehr wurzelt und weshalb gewisse Faktoren uns Schweizer besonders triggern.

Weshalb kocht der pure Hass in uns hoch, sobald vor uns jemand bei Grün nicht sofort aufs Gas drückt? Warum belegen wir Velofahrer auf dem Trottoir umgehend mit dem «bösen Blick»? Und was macht jetzt der andere da schon wieder!?

Beim Thema Verkehr fauchen und keifen wir einander mit einer Giftigkeit an, die wir uns sonst kaum erlauben würden. Im Folgenden acht Gründe, weshalb uns im Verkehr so schnell die Contenance abhandenkommt.

1. Ansprüche: Meine Strasse, mein Trottoir, mein Block

Auf Biegen und Brechen sein Recht durchzusetzen, kann schnell gefährlich werden. (Bild: Adobe Stock)

Ein Hauptgrund für unsere Aggressionen im Strassenverkehr geht gemäss dem Zuger Verkehrspsychologen Gianclaudio Casutt auf ein Phänomen namens «Anspruch des Subjekts» zurück. «Das individuelle Mobilitätsverhalten ist stark vom eigenen Anspruch geprägt», so Casutt.

Das heisst: Sobald der Fussgänger aus dem Haus tritt, geht er mit dem Selbstverständnis durch die Welt, dass er alleine Anspruch auf das Trottoir hat. Es ist «seine» Fläche. Wird diese Fläche nun etwa durch einen Velofahrer beschnitten, sieht der Fussgänger darin eine Verletzung seines Anspruches. Und auf Verletzungen reagieren wir schnell mit Aggressionen.

Eine andere Facette dieses Phänomens sei, dass sich kaum ein Verkehrsteilnehmer bewusst im Unrecht sieht. Um den Anspruch auf sein «gutes Recht» durchzusetzen, ist man schnell bereit, ein höheres Risiko in Kauf zu nehmen. Dies ist etwa zu beobachten, wenn ein Velofahrer seinen Vortritt dadurch durchsetzt, indem er einem Autofahrer den Weg abschneidet.

2. Das Gehirn: Bravo Drängler, gut gemacht. Weiter so!

Leider geil: Das Gehirn belohnt offensives Fahrverhalten. (Bild: Adobe Stock)

«Um aggressives Fahrverhalten zu verstehen, muss man verstehen, was es mit uns macht», erklärt Verkehrspsychologe Casutt. Registriert das Hirn, dass man mit offensivem Fahrverhalten einen persönlichen Vorteil erreicht – beispielsweise schneller ans Ziel kommt und seinen Lieblingsparkplatz oder Veloständer belegen kann – wird das Verhalten vom Gehirn als positiv abgespeichert.

«Dafür spielt es beim Betroffenen bei Wiederholung dieses Verhaltens immer weniger eine Rolle, ob er dafür die Höchstgeschwindigkeit missachtet», erklärt Casutt. «Der subjektive Vorteil wird immer stärker gewichtet und die offiziellen Verkehrsregeln verlieren zunehmend ihre Bedeutung.»

«Man tritt mit der ‹Vorhersehung› in den Strassenverkehr, dass nichts passieren wird.»

Dem eigenen Empfinden nach hat man ja etwas Gutes für sich getan, was das Gehirn belohnen will, erklärt Casutt. «Stimuliert wird der Nucleus accumbens, eine alte Kernstruktur in unserem Vorderhirn, der durch seine Aktivität bei uns Glücksgefühle auslöst. So wirkt er als positiver Verstärker, wodurch bestimmte Verhaltensmuster – in diesem Fall ein aggressives Verhalten im Strassenverkehr – gefördert werden.»

3. Selbstüberschätzung: Hochmut kommt vor dem (Un-)Fall

Alles «Lamaschies»! Die eigene Reaktionszeit wird oft gewaltig überschätzt. (Bild: Adobe Stock)

Beruflich hat es Gianclaudio Casutt nicht selten mit schweren Verkehrssündern zu tun. Bei seinen verkehrspsychologischen Abklärungen von Rasern etwa stösst er immer wieder auf das Phänomen der Selbstüberschätzung. «Überschätzt wird in erster Linie die eigene Reaktionsfähigkeit – man beherrscht ja sein Fahrzeug.» Entsprechend ist man gewillter, ein riskantes Manöver einzugehen.

Dasselbe trifft aber auch bei vielen nicht straffälligen Verkehrsteilnehmern zu. «Zudem kommt noch eine hellseherische Komponente ins Spiel», erklärt Casutt. «Man tritt mit der ‹Vorhersehung› in den Strassenverkehr, dass nichts passieren wird.»

4. Wenig Abschreckung: Aus den Augen, aus dem Sinn

Heikle Situationen gibt es viele, schwere Unfälle aber immer weniger. (Bild: Adobe Stock)

Letzteres wird dadurch verstärkt, dass die Zahl der Verkehrstoten in den letzten 40 Jahren tatsächlich massiv zurückgegangen ist. 1980 waren es über 1200 Personen, die im Strassenverkehr ihr Leben verloren, 2019 noch 187.

Das ist selbstredend eine äusserst erfreuliche Entwicklung. Was sie aber auch bedeutet, ist, dass immer weniger Menschen je einen echten Verkehrsunfall hautnah erlebt haben und die potenziellen Konsequenzen ihres Handelns nicht vor Augen geführt bekommen. Für Fahrverhalten, welches wir als übervorsichtig wahrnehmen, haben wir entsprechend immer weniger Empathie.

5. Hohe Mobilität: Opfer des eigenen Erfolges

Horror in Zeitlupe: Im Pendlerverkehr feststecken geht an die Substanz. (Bild: Adobe Stock)

Es gibt noch weitere solcher Beispiele, in denen wir «Opfer» unseres eigenen Erfolges geworden sind. Dazu gehört etwa die Tatsache, dass die Schweiz über eine sehr gut ausgebaute Mobilitätsinfrastruktur verfügt. Ein grösseres Mobilitätsangebot führt konsequenterweise zu mehr Verkehrsteilnehmern die aufeinandertreffen und somit auch zu mehr potenziellen Konfliktsituationen.

Unsere Arbeitswege sind länger geworden, wir verbringen mehr Zeit im Pendlerverkehr. «Diese Zeit empfinden wir als ‹tote Zeit›. Haben wir das Gefühl, jemand verlängert durch sein Fahrverhalten diese Zeit, reagieren wir gereizt – uns wird schliesslich Lebenszeit ‹gestohlen›», sagt Casutt.

6. Knappe Verhältnisse: Verdichtet = dicht an dicht

Die Städte sind in die Höhe gewachsen, die Strassen aber nicht in die Breite. (Bild: Adobe Stock)

Im Jahr 2013 sagte die Schweizer Stimmbevölkerung Ja zur Revision des Raumplanungsgesetzes. Seither wird vermehrt eine Siedlungsentwicklung gegen innen angestrebt. Mit anderen Worten: Es soll eher in die Höhe statt in die Breite gebaut werden. Dies vor allem auch, um den Verschleiss von Kulturland einzudämmen.

«Eine Verkehrsplanung am Reissbrett war bei uns nicht möglich.»

Die sprichwörtliche Schattenseite dieser Entscheidung: Die Wohnhäuser sind in die Höhe gewachsen – die Strassen jedoch sind deshalb nicht doppelstöckig geworden. «Die Tatsache, dass in der Schweiz nur begrenzter Raum für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zur Verfügung steht, verstärkt diesen gefühlten ‹Dichtestress› in den Zentrumsgebieten», so Casutt.

Mit den zunehmenden Stauzeiten nimmt auch der Stress zu und dieser kann sich plötzlich entladen, sagt Casutt. Vielleicht ist eine heikle Verkehrssituation der Auslöser, vielleicht die erfolglose Suche nach einem Parkplatz.

7. Komplexes Strassennetz: Woher kommt die Einbahn?

Was zum … Das Schweizer Strassennetz kann ein Irrgarten sein. (Bild: Adobe Stock)

Ein weiterer Schweiz-spezifischer Faktor liegt in der Geschichte unseres Strassennetzes. Im Gegensatz zu den meisten anderen Ländern Europas stand die Schweiz am Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mit einem komplett zerbombten Strassennetz da.

«Was uns abhandengekommen ist, sind die Blickkontakte. Die nonverbale Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern.»

«Dieser Umstand führte dazu, dass unser Verkehrsnetz anders wuchs», so Casutt. «Eine Verkehrsplanung am Reissbrett war bei uns nicht möglich.» Niemand wünscht sich, dass es anders gekommen wäre. Das natürlich gewachsene – und teils auch gewucherte – Schweizer Verkehrsnetz ist deshalb aber einiges komplexer als die Strassennetze anderer Länder. Diese Komplexität wiederum birgt ein gewisses Frustpotenzial.

8. Vergessene Pflichten: «Der schaut dann schon»

Früher hiess es «warte, luege, lose, laufe». Daran müsste man sich wieder erinnern. (Bild: Adobe Stock)

Ein weiterer Schlüsselfaktor bei Verkehrsaggressionen macht Verkehrspsychologe Casutt bei der Kommunikation aus – beziehungsweise beim Ausbleiben einer solchen. Und nein: Dem Falschparkierer die Pest wünschen, ist keine Kommunikation.

«Wir neigen dazu, der Technik, etwa einem Bremssystem oder einer Ampel, blind zu vertrauen», so Casutt. «Was uns abhandengekommen ist, sind die Blickkontakte. Die nonverbale Kommunikation zwischen den Verkehrsteilnehmern.» Die schützende Karosserie des eigenen Fahrzeugs, dürfe nicht als «my home is my castle» missverstanden werden. «Der öffentliche Strassenverkehr funktioniert im Kollektiv besser und ist dadurch auch sicherer.»

Für Casutt ist klar: Jeder Verkehrsteilnehmer hat bestimmte Rechte, diese sind aber auch mit Pflichten verbunden. Der eingangs erwähnte Velofahrer beispielsweise ist verpflichtet zu überprüfen, ob er von seinem Vortrittsrecht auch Gebrauch machen darf.

Auf unser Recht pochen wir – Velofahrer, Autofahrer, Töfffahrer oder Fussgänger – jeweils lautstark. Unsere Pflichten sind uns aber oftmals zu lästig, um uns ihrer bewusst zu machen.

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4 Kommentare
  1. Autofahrer, 13.09.2020, 14:05 Uhr

    Soweit so gut – Verständnis für ein miteinander kann und soll jeder aufbringen –
    ABER – was ist mit dern Menschen, welche VORSÄTZLICH die anderen behindern?
    Velofahrer, die das Hirn gegen einen Helm eintauschen – den Veloweg ignorieren, Vorfahrten sind uninteressant, zu dritt nebeneinander fahren etc. pp. ?
    Autofahrer, welche die ‚eingbaute Sprengfalle haben‘ – sprich wer schneller als 52 km/h fährt dem explodiert das Auto (obwhl 60 oder sogar 80 km/h erlaubt sind)?
    Fussgänger, denen das ‚TicToc‘ Video oder Natelgespräch das Hirn wegbläst – warum MUSS ich auf den Verkehr achten? 10m sind ja genug zum halten (müssen!! und das Innerorts 50 km/h Geschwindigkeit) …
    Diese Liste lässt sich (fast) endlos weiterführen – alles Beobachtungen und Erlebnisse rund um Zug & Schwyz – irgendwann ist auch der längste Geduldsfaden sehr sehr dünn …..

  2. Martin Grunder, 13.09.2020, 08:57 Uhr

    Am nervigsten sind diese permanten Links-Schleicher. Die Autobahn kann vier Spuren aufweisen, aber sie nutzen konsequent die dritte oder vierte und fahren weniger als erlaubt. Gibt wohl niemand, der sich auf den Schweizer darüber nicht aufregt, nur die Polizei macht nichts.

  3. kemsig, 12.09.2020, 22:42 Uhr

    Nun, ich nerve mich tatsächlich im Strassenverkehr ob den anderen Teilnehmern. Dies, weil einfach die simpelsten Regeln nicht eingehalten werden. Es wird nicht geblinkt beim Spurwechsel oder Verlassen des Kreisels, das Rechtsfahrgebot zwischen Rotkreuz und Blegi wird konstant ignoriert und täglich sieht man geführte Telefonate.

  4. Andreas Peter, 12.09.2020, 11:47 Uhr

    Die Eingangsfrage bleibt ungeklärt.
    „Weshalb kocht der pure Hass in uns hoch, sobald vor uns jemand bei Grün nicht sofort aufs Gas drückt?“ Erstens wird das Wort „Hass“ von dem Medien heute sehr inflationär benutzt. Warum? Soll das die Spaltung der Gesellschaft beschleunigen?
    Zweitens könnte man die Frage auch umdrehen: Warum fahren die nicht los? Warum soll man Verständnis aufbringen, für motorisierte Verkehrsteilnehmer, welche offensichtlich nicht bei der Sache sind? Warum blockiert jemand mit 110 km/h die Überholspur auf der Autobahn?
    Warum haben die kein Verständnis für die anderen Verkehrsteilnehmer?
    Es soll mir niemand mit „alte Leute“ kommen. Wer nicht mehr fit ist, sollte den Scheck abgeben.

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