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Ach Du liebe Fasnacht!
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SchmuDo, kurz nach 5 Uhr: Auf die Plätze, rein in die Gassen. (Bild: jwy)

Ein Luzerner fühlt sich falsch – am Urknall Ach Du liebe Fasnacht!

4 min Lesezeit 1 Kommentar 04.02.2016, 11:36 Uhr

Fasnachts-Fundis bitte weiterklicken: Das hier ist ein brutal subjektiver und einseitiger Bericht von der Luzerner Fasnacht. Es hat geknallt, es wird gesoffen, alles ist rüüdig. Ach Fasnacht, warum ist das so schwierig mit uns beiden?

Die Fasnacht und ich – wir konnten es lange recht gut miteinander. Nicht, dass wir uns nähergekommen wären, Gott behüte. Nein, wir konnten es gut miteinander, weil wir uns gut aus dem Weg gegangen sind.

Ok, eigentlich war vor allem ich es, der der fünften Jahreszeit ausgewichen ist. Mach ich gern, wenn ich Ärger vermeiden kann. Doch das Verhältnis ist schwieriger geworden, da sich die Fasnacht in meiner Wahrnehmung immer mehr ausbreitet: Man fängt bereits im Januar an und egal, wo man hintritt: Man kommt nicht drum herum. Die Toleranz derer, die – gelinde gesagt – die Fasnacht nicht «verstehen», wird immer ärger auf die Probe gestellt.

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Leben und leben lassen

Ich verstehe die Fasnacht nicht, obwohl es viele Berührungspunkte gäbe: Ich mag Beizen von innen, und ich mag es, wenn selbige lange geöffnet haben. Ich mag das Archaische und Anarchistische. Ich hab auch absolut nichts dagegen, wenn sich Menschen kostümieren und hinter Masken verstecken – leben und leben lassen. Ich unterstütze das maximal. Und ja, ich mag es, zu trinken, und ich mag Musik.

Aber ich verstehe die Guuggenmusigen nicht, weil sie akustisch alles plattwalzen. Ich mag keinen Holdrio und Kafi Huerenaff und wie sie alle heissen. Ich verstehe den Sinn von Zünften kein bisschen. Und wenn ich die Fasnachts-Postille «Knallfrosch» aka «KNALLhartes Männermagazin» durchblättere, wird mir mulmig zumute ob des plumpen Humors (zentral+ berichtete auch objektiv). «Edit Oral», hahaha!

Absurd früh, absurd laut

So weit die Theorie. Nun ist Schmutziger Donnerstag, 5 Uhr morgens, und ich stehe mitten im Getümmel. Ich fühle mich rüüdig fehl am Platz. Weil es absurd früh und absurd laut ist. Trinken will und kann ich nicht, denn ich bin dienstlich anwesend. Es hat soeben laut geknallt auf dem Seebecken – der Urknall.

Urknall und Fötzeliregen im Video:

Urknall und Fötzeliregen 2016

Die Fasnacht 2016 ist eröffnet!

Posted by Tele 1 on Mittwoch, 3. Februar 2016

 

Ist das heute der Beginn einer neuen Liebe? Warten wir’s ab. Es hat erst gerade begonnen, ich mache mich auf, die Fasnacht zu erkunden. Rein in die engen Gassen der Altstadt. Vom Kapell- zum Schwanen- und Richtung Mühlenplatz. Die Stimmung ist bombastisch – ohne Ironie. Die Musigen mit ihren Followern im Schlepptau wälzen sich durch die Gassen. Ich treffe auf Tiere aller Art, Indianer, Engel mit Pauken, Wettbetrüger, Fischer und schwarze Schafe. Dazu jede Menge nicht näher Definierbare und Unverkleidete mit Fotoapparaten. Aber alle sind gut gelaunt, ausnahmslos.

Im Epizentrum: Menschen drücken

Viel Alkohol und viel Liebe – so kommt es mir vor. Und gleichzeitig muss man sagen: Ohne Alkohol und ohne ein bisschen Liebe wird man nie wirklich Teil dieses grossen Fests sein. Ausser man ist ein Kind. Und davon hat’s in dieser Frühe auch schon recht viele.

Am Weinmarkt angekommen: Vor dem Hotel des Balances steht ein Security-Mann – anscheinend will man da nicht jeden Dahergelaufenen drin haben. Polizisten in Grüppchen sind wachsam, murmeln mit wichtiger Miene Worte in ihre Funkapparate. Das Sicherheitsdispositiv ist spürbar, hält sich aber diskret im Hintergrund, Feuerwehrwagen stünden im Löwengraben bereit.

Bei der Rathaustreppe wird’s das erste Mal richtig eng – Menschen drücken sinnlos andere Menschen hin und her, Kinder kriegen Panik. Die Fasnacht ist noch keine Stunde alt, aber hier im Epizentrum wird schon gefeiert, als gäb’s kein Morgen. Sinnlos, hier zu verweilen.

Ein Platz bedeckt mit Altpapier: der Kapellplatz nach dem Fötzeliregen.

Ein Platz bedeckt mit Altpapier: der Kapellplatz nach dem Fötzeliregen.

(Bild: jwy)

Ein Platz bedeckt mit Altpapier

Auf der anderen Seite der Reuss, auf der Bahnhofstrasse, erwacht die Partymeile erst zögerlich. Die Zeit der Burgers und Chili con Carnes, sie wird erst noch kommen. Die Verpflegungswagen rüsten sich langsam für den bevorstehenden Ansturm, wenn der Durst dem Hunger weicht. Doch dann werde ich nicht mehr hier sein.

Ich überlasse das Feld wieder den anderen 14’000, den echten Fasnächtlern, die an diesem Morgen dem Urknall beiwohnten. Ein letzter Blick von der Brücke auf das Treiben auf der Rathaustreppe. Von Weitem sieht es romantisch aus. Dann zurück auf den Kapellplatz, er sieht hübsch aus, weiss bedeckt mit Altpapier. Wie Schnee. Stumme Zeugen des Fötzeliregens. Ach Fasnacht, vielleicht wird das ja doch noch was mit uns … irgendwann mal.

In unserer Bildergalerie sehen Sie, wie ein Fasnachtsmuffel die Tagwache sieht:

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1 Kommentare
  1. V. Langhagen, 04.02.2016, 12:35 Uhr

    Auch bei mir gibt es eine Ambivalenz zur Fasnacht. Viele Leute sind das ganze Jahr etwas zu prüde und lassen dann die Sau plötzlich an Fasnacht raus. Da ich lange in Genf gelebt habe, kannte ich in der Stadt Calvin’s nur die Escalade. Es gab an der Fasnacht im Parc des Bastions ein Grüppli Fasnächtler von ca. 40 Leuten. Das war etwas Ausserirdisches. Seit 6 Jahren bin ich wieder in der Umgebung von Luzern und ich gehe gern ein paar Stunden ins Getümmel, aber lieber dann, wenn nicht alle Leute dort sind.
    Am Samstag Nachmittag kann ich empfehlen in die Stadt zu gehen. Da sind viele Kleinformationen unterwegs und man kommt gut durch die Gassen. Auf dem Land sind die Umzüge interessanter und politischer als in der Stadt. In den letzten Jahren sind an den Umzügen sehr viele “gfürchige” und gotisch anmutende Wagen in Luzern unterwegs. Manchmal vermisse ich mehr Variationen und Farben. Gewisse Fasnachts-Gross-Familien haben tolle Ideen. Hut ab vor all den Bastlern, die viel Kreativität einsetzen. Wünsche dem Autor, dass er sich anfreunden kann mit einem Teil der Fasnacht die ihm entspricht 🙂