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«Aber dann ist Feierabend»
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FCL-Cheftrainer Markus Babbel gibt den Medien Auskunft. (Bild: lwo)

Trainer Markus Babbel zur Krise beim FCL «Aber dann ist Feierabend»

7 min Lesezeit 1 Kommentar 04.03.2016, 17:16 Uhr

Ein Baby, das vor schädlichen Gedanken schützt; ein Monsterkopfballspieler, der im Strafraum fehlt; ein Gerücht, das ihn auf die Palme bringt: Der unter enormem Erfolgsdruck stehende Markus Babbel verrät im Interview mit zentral+ so einiges. Derweil sorgen auch die Fans munter für Unterhaltung.

Die Bilanz der bisherigen Rückrunde beim FCL dürfen auch hartgesottene Optimisten langsam als Desaster bezeichnen: Sportchef und Co-Trainer per sofort freigestellt, alle fünf Spiel verloren, 11 Tore kassiert, nur 3 geschossen, in der Tabelle von Rang 4 auf 7 zurückgefallen, aus dem Cup ausgeschieden. Und nun fordern Medien und Fans nicht mehr nur Präsident Ruedi Stägers Kopf, sondern, damits nicht langweilig wird, auch jenen von Trainer Markus Babbel.

Entsprechend mässig gelaunt stellte sich Babbel diesen Freitagmittag den Medien. Anlass war das bevorstehende Auswärtsspiel am Sonntag gegen die Berner Young Boys.

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zentral+: Markus Babbel, die Stimmung unter den Spielern ist sehr angespannt, viele sind verunsichert. Wie und mit welchen Methoden bauen Sie die Mannschaft wieder auf?

Babbel: Nun ja, entweder du zerfliesst in Selbstmitleid, weil alles ungerecht und fies ist, oder du stellst dich der Herausforderung. Das ist auch eine grosse Chance für jeden Einzelnen, wieder einen Step nach vorne zu kommen und sich der Verantwortung zu stellen. Wichtig war, dass wir am Tag nach dem Cup-Out das Spiel aufgearbeitet und intensiv darüber gesprochen haben. Das war sehr fruchtbar und für mich ein Zeichen, dass es in die richtige Richtung geht. Zudem war ich selber ja auch schon in schwierigen Situationen und kann auf diesen Erfahrungen aufbauen.

zentral+: Als Sie im Herbst 2014 nach Luzern kamen, schmorte die Mannschaft auf dem letzten Tabellenplatz. Inwieweit ist die Situation damals mit heute vergleichbar?

Babbel: Vom Prinzip her ist es ähnlich schwierig. Wichtig ist jetzt, dran zu glauben, dass man es wenden und drehen kann. Und dann brauchst du Erfolgserlebnisse, damit du den Glauben an dich wieder bekommst. Das ist jetzt ganz wichtig.

FCL-Cheftrainer Markus Babbel gibt den Journalisten Auskunft.

FCL-Cheftrainer Markus Babbel gibt den Journalisten Auskunft.

(Bild: lwo)

zentral+: Wie sehr zehrt diese Situation an Ihnen persönlich? Am Mittwoch nach dem Spiel sahen Sie ziemlich mitgenommen aus.

Babbel: Natürlich macht man sich viele Gedanken. Aber mein grosser Vorteil ist: Vor zwei Monaten bin ich erneut Vater geworden. Das lenkt doch sehr gut vom Alltag ab. Aber natürlich nervt der sportliche Misserfolg total. Du willst gewinnen, willst erfolgreich arbeiten, willst, dass die Fans und alle Leute drumrum glücklich sind. Wenn nicht, ist es frustrierend und enttäuschend und nervig.

zentral+: Hand aufs Herz: Sind Sie in Gedanken das Szenario Rauswurf als FCL-Trainer auch schon durchgegangen und haben sich überlegt, was das für Sie, privat wie beruflich, bedeuten würde?

Babbel: Warum, ich hab doch jetzt erst um zwei Jahre verlängert? Ich hab das auch gemacht, weil ich grossen Spass an der Arbeit habe. Die Niederlagen ändern an meiner Einstellung zum FCL nichts. Ich arbeite mit allen hier beim FCL unglaublich gern zusammen. Ich kann mich natürlich mit dem Negativen auseinandersetzen, aber das ist ein absoluter Energieräuber. Oder ich versuche, mich mit dem Positiven zu beschäftigen.

zentral+: Das tönt zwar lehrbuchmässig – aber gelingt es Ihnen auch immer?

Babbel: Naja, ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, das gelingt immer. Aber dank vielen tollen Leuten um mich herum, die ins selbe Horn blasen, fühle ich mich bestärkt. Wir alle kämpfen nun dafür, wieder zum Siegen zurückzukehren.

Markus Babbel (links) und Medienchef Max Fischer an der Medienkonferenz diesen Freitag (Bild: Mats Michel).

Markus Babbel (links) und Medienchef Max Fischer an der Medienkonferenz diesen Freitag (Bild: Mats Michel).

zentral+: Sie müssen für die Rückrunde mit Michael Frey, Christian Schneuwly und Markus Neumayr drei neue Spieler ins Team integrieren. Das scheint nach fünf Spielen noch nicht wirklich geglückt zu sein.

Babbel: Es geht halt so lang, wie’s braucht, das kann man nicht erzwingen. Mir tun die Jungs leid, die haben es sich auch anders vorgestellt. Die kommen mit grossen Erwartungen hierher und dann läuft es nicht wie erhofft. Wir müssen uns diesem eisigen Wind, diesem hohen Druck entgegenstellen. In Selbstmitleid zu zerfliessen ist keine Option.

«Für mich zählt es nun, ein Team hinzukriegen, das auf dem Platz 90 Minuten lang alles für den Erfolg gibt.»

zentral+: Zwar fehlen aktuell nur zwei Punkte auf Platz 4. Trotzdem gibt es nun Stimmen, die sagen, der FCL kämpfe nun gegen den Abstieg. Was sagen Sie: Europacupteilnahme oder Abstiegskampf?

Babbel: Also im Moment ist beides für mich völlig uninteressant. Für mich zählt es nun, ein Team hinzukriegen, das auf dem Platz 90 Minuten lang alles für den Erfolg gibt. Wir müssen wieder als Mannschaft funktionieren und dagegen stemmen, den Druck vom Tor weghalten, das zählt für mich und nicht, was die Tabelle zurzeit sagt.

zentral+: FCL-Verwaltungsratspräsident Philipp Studhalter hat sich nach dem Cup-Out am Mittwochabend demonstrativ hinter Sie und Präsident Ruedi Stäger gestellt. Wie haben Sie das aufgenommen?

Babbel: Es hätte mich überrascht, wenn er etwas anderes gesagt hätte. Wir gehen zwar derzeit einen steinigen Weg, sind aber alle überzeugt, dass es der richtige Weg ist.

zentral+: Sie haben nun seit einigen Tagen mit Patrick Rahmen einen neuen Assistenztrainer an Ihrer Seite. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit?

Babbel: Patrick Rahmen ist hochengagiert, loyal und ein grosser Fachmann. Er bringt für mich wichtige, frische Inputs in die Diskussion. Ich bin sehr froh, dass er da ist.

(Bild: lwo)

zentral+: Nun spielen Sie am Sonntag gegen die Berner Young Boys. Sollten Sie auch dieses sechste Spiel in Serie verlieren – wie geht’s mit Ihnen weiter? Gewisse Fans und Medien fordern ja bereits jetzt Ihren Rücktritt.

Babbel: Ich bin die falsche Ansprechperson für diese Frage. Wir wissen alle, dass dieses Spiel eine grosse Herausforderung ist. Und wir haben die Chance, es für uns zu entscheiden. Wir haben nach dem Lugano-Spiel sehr offen und ehrlich miteinander diskutiert. Ich bin total überzeugt von meiner Mannschaft, das sind alles feine Jungs.

«Das Problem aber ist nun mal, dass wir über keine Monsterkopfballspieler verfügen.»

zentral+: Der FCL erkämpfte sich in den letzten Spielen teils unglaublich viele Eckbälle. 11:3 gegen Lugano, 6:2 gegen Sion, 12:3 gegen Zürich. Aber Tore gab’s trotzdem kein einziges. Woran liegt’s?

Babbel: Tja, man trainiert natürlich. Das Problem aber ist nun mal, dass wir über keine Monsterkopfballspieler verfügen. Tomislav Puljic  (1,92 Meter gross) ist am ehesten einer. Dann hast du noch Schachten (1,90 Meter), aber dann ist Feierabend. Da fehlt uns eine gewisse Stärke, ganz klar. Aber immerhin hat es zwei, dreimal gebrannt nach Eckbällen im gegnerischen Strafraum, da musst du aber das Ding dann halt auch einfach reinplatschen. Daran müssen wir weiter arbeiten. Konkret etwa indem wir schauen, dass bei Eckbällen auch der richtige Mitspieler am richtigen Ort steht. Wenn da der Hyka (1,69 Meter) steht und einen Kopfball machen sollte …

Randnotiz: Alles in allem war die Medienkonferenz diesen Freitag eine eher humorlose Angelegenheit. Babbel war die Anspannung der letzten Wochen gut anzumerken. Nur ein einziges Mal zeigte er Emotionen. Dann nämlich, als ein NLZ-Journalist wissen wollte, ob der in Luzern wohnhafte Babbel kürzlich in ein Haus von Präsident Stäger umgezogen sei. Babbel antwortete in einer Mischung aus Belustigung und Verzweiflung: «Alter Schwede! Zuerst mach ich angeblich Ferien mit Stäger, und jetzt zieh ich auch noch in sein Haus. Was ihr alles für Ideen habt», entfährt es Babbel und sagt dann grinsend zu sich selbst: «Leck’s mi am Arsch.» Seinen Humor hat er folglich noch nicht verloren.

Bizarres und Witziges von FCL-Fans

Die FCL-Fans sind ein ungemein kreatives Völklein. Anders lässt sich folgender auf Facebook gemachter Fünf-Punkte-Vorschlag eines Supporters nicht erklären: 1. Präsident Ruedi Stäger muss gehen. 2. Ex-Präsident Walter Stierli wird neuer Präsident. 3. Markus Babbel wird zum Junioren-Abteilungschef und erhält allenfalls U21. 4. Vrabec wird zum Cheftrainer. 5. Fringer wird wieder als Sportchef installiert. «Ich weiss, das Ganze klingt im ersten Augenblick verrückt», schreibt der Fan und beweist damit immerhin noch ein bisschen Realitätsbewusstsein.

Es gibt aber auch solche, die die Sache vorsätzlich mit Humor angehen, wie dieses Foto hier zeigt:

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1 Kommentare
  1. André Töngi, 05.03.2016, 14:02 Uhr

    Manchmal scheint mir Zentral+ nehme die FCL-Führung zu sehr in Schutz, so ganz unter dem Motto: Was von der NLZ angegriffen wird, ist per se gut.

    Ich bin nun seit 45 Jahren FCL-Fan, bin es immer noch, obwohl ich in Basel wohne und hier ein Club existiert, der seinesgleichen sucht. Aber als alter Nostalgiker will ich nicht einfach eine Windfahne sein.
    Es braucht schon eine gewisse Portion Machismus, dem FCL die Treue zu halten. Immer wieder, wenn man glaubt, jetzt seien sie auf dem richtigen Weg, verchacheln sie es wieder. Thun mit einem ähnlichen Budget und viel kleineren Rückhalt in der Region schafft es immer wieder hervorragende Saisons zu spielen. Abstiegskampf? Nada.
    Bei den Luzernern stinkt es meistens vom Kopf her. Mal war ein Bauherr Präsident, der von Fussball wenig Ahnung hatte, dafür seine Baufreunde in wichtige Ämter gehoben hatte, mal hat man gute Spieler entlassen, weil sie etwas zu sagen trauten.
    Sicher, die aktuelle Situation ist auch grossem Pech zuzuschreiben, der Trainer schiesst nicht die Tore, Spieler wurden verkauft. All das kann ich nachvollziehen. Was ich nicht begreife, warum man nach dem ganzen Gschtürm mit Bernegger nochmals den gleichen Fehler macht und Babbel mit einem 2-Jahresvertrag beglückt. Er hat noch nichts gewonnen, man wusste wohl in der Führungsetage um die Gefahr, was nach einer langen Niederlagen-Serie passieren würde. Das ist doch einfach Geld, das dem FCL immer fehlt, zum Fenster hinausgeschossen.
    Ich begreife die Fans, die sauer sind. Und übrigens, wenn man die Tore nicht schiesst, trainiert man das. Ein Elneny hat in der ersten Zeit hier in BS kaum etwas zustande gebracht, dank seinen Extra-Trainings ist er zu einem gefürchteten Torjäger geworden.
    Schade um die Fans. Es ist ja nicht so, dass man jedes Spiel gewinnen muss, aber das Leibchen muss schon nass werden. Die wohl schönste FCL-Zeit hat man, neben dem Meisterjahr in den 70-iger Jahren erlebt, als man wieder einmal aufstieg. Unter Wolfisberg hat man einen Hurra-Fussball gespielt, der heute noch Wehmut weckt. Man hat verloren, aber die Leute gingen trotzdem mit einem Glücksgefühl nach Hause, weil die Mannschaft gekämpft und etwas riskiert hat. In Basel führten sie einmal 3:0 zur Pause und haben dann aber noch 3:7 verloren. Die Fans, die dabei waren, kamen trotzdem auf ihre Kosten.