Abenteuerliches Projekt: Luzerner Künstler fährt mit dem Velo bis nach Afrika
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Der Luzerner Künstler hat einen der höchstdotierten Schweizer Kunstpreise erhalten. (Bild: wia)

Achim Schroeteler sahnt dafür 100'000-Franken-Preis ab Abenteuerliches Projekt: Luzerner Künstler fährt mit dem Velo bis nach Afrika

6 min Lesezeit 27.09.2020, 05:00 Uhr

Während die ganze Welt in diesem seltsamen Jahr zuhause hockt, macht der Luzerner Kunstschaffende Achim Schroeteler das Gegenteil: Er reist bald für ein Kunstprojekt mit dem Velo bis nach Afrika. Es ist ein Projekt, das in der Kunstszene auf Anklang stösst. So sehr, dass es von einer namhaften Stiftung mit 100’000 Franken unterstützt wird.

Der Luzerner Künstler Achim Schroeteler steht vor einem Abenteuer. Allen pandemischen Widerständen zum Trotz macht er sich gemeinsam mit seiner Frau Ursula Hildebrand Anfang Oktober auf eine Reise durch Europa bis nach Malaga, von dort aus übers Mittelmeer nach Marokko und von dort gen Süden. Das Ganze mit dem Velo, einem Anhänger, einem Zelt und einer Idee, die dem Künstler einiges an Mut abverlangt.

Es sind jedoch nicht primär die Reise in fremde Gegenden und die tausenden Velokilometer, die Schroeteler besonders herausfordern. Es ist das geplante Kunstprojekt «Malen ohne Geländer», das während den sieben Monaten «en route» und darüber hinaus entstehen soll.

«Jeden Tag zwischen 10 und 13 Uhr werde ich meine ‹Malzeit› haben. Egal wo ich mich gerade befinde, ob mitten im Niemandsland oder auf einem belebten Markt», sagt der 60-Jährige im Gespräch bei ihm im Atelier. «Zuerst skizziere ich für kurze Zeit möglichst genau ein Motiv. Auch wenn es an einem Ort auf den ersten Blick nichts Interessantes geben sollte, werde ich immer etwas finden, wenn ich nur lange genug schaue.»

Nach dem mimetischen Abmalen folgt das Malen auf Leinwänden. «Ich entscheide mich, welcher Aspekt des Motivs mich besonders interessiert. Ist es dessen Form? Seine Schatten oder Farben?» Jeden Reisetag wird Schroeteler dann entweder eine neue Leinwand einspannen oder die vorherige übermalen.

Malen unter Beobachtung

Dieses Malen auf Leinwand wird für Schroeteler zur Mutprobe werden, so viel weiss er bereits jetzt. Zur Veranschaulichung holt der Künstler vier Holzleisten hervor, die er flugs zusammensteckt, sodass sie einen grossen Rahmen bilden. Nach dem Skizzieren spannt er eine Leinwand von 120 auf 112 Zentimeter auf den Rahmen und beginnt zu arbeiten. Die Malerei sei dann eine bewusste Loslösung von der zuvor angefertigten Skizze. «Ich beobachte, wie ich Realität verändere, wenn ich aus der Erinnerung male», sagt der Kunstschaffende.

«Ich will herausfinden, was die Vielfalt der Motive mit mir macht. Mein Projekt ist ein Malen in der Öffentlichkeit, ein Malen, das bei jedem Wetter und in verschiedenen Klimazonen stattfindet: Im urbanen Raum oder in Sandlandschaften. Es ist ein Malen an der Grenze.» Das vergleichsweise langsame Reisen mit dem Fahrrad helfe bei diesem Prozess: «Das Velo ist für mich ein Denkraum, in dem sich intensiv Erlebtes mit der vorbeiziehenden Gegenwart verbindet.»

«Dass ich plötzlich im Mittelpunkt stehe, muss ich lernen auszuhalten.»

Nur: Schroeteler ist es nicht gewohnt, dass ihm die Menschen bei der Arbeit über die Schulter schauen und mit ihm schwatzen. Und das wird – je südlicher die Reise geht – mehr und mehr passieren. «Dass ich plötzlich im Mittelpunkt stehe, muss ich lernen auszuhalten. Die Arbeit zwischen Leinwand und Maler ist ein Gespräch. Dieses erträgt kein Publikum.»

Ob es ihm gelingen wird, sich an diese Exponiertheit zu gewöhnen, weiss er nicht. «Falls nicht, darf auch das sein. Dann ist das meine Grenze und ich muss mich demnach von belebten Plätzen fernhalten, um zu malen.» Der Luzerner Künstler sagt: «Ich habe Respekt vor meinem Mut.»

Die täglichen Bilder werden zu einem Gesamtwerk

Und da ist weiter die Krux mit dem Material: Maximal 25 Kilogramm an Malmaterial will der Kunstschaffende mitführen und Leinwand wiegt vergleichsweise viel. «Daher kann ich beispielsweise nur eine Rolle mitnehmen, was für 16 Bilder reicht. Ist sie aufgebraucht, werde ich auf Stoffe malen, die ich vor Ort finde.» Die entstandenen Bilder möchte Schroeteler gestaffelt in die Schweiz schicken. Zurück im Land will er seiner Afrikareise eine Ausstellung erarbeiten.

Tausende von Kilometer, teils in der sengenden Sonne, durch kühlen Regen, durch Wüste und Gebirge. Dass die Reise anspruchsvoll wird, ist sich Schroeteler durchaus bewusst, hat er doch bereits lange Velotouren bis nach Istanbul und durch Laos sowie Vietnam unternommen. «Das Schöne an dieser Art zu reisen ist, dass die Seele Zeit hat, mitzukommen. Da wir langsam in Richtung Süden fahren, haben wir Zeit, uns an die Hitze und die immer fremder werdenden Kulturen zu gewöhnen. Ausserdem wird man mit jedem Tag fitter.»

Wegen Corona reist Schroeteler in Gesellschaft

Dass Achim Schroetelers Frau Ursula Hildebrand die Reise begleitet, ist Corona geschuldet. Die geplanten Theaterstücke der Regisseurin wurden abgeblasen, entsprechend hat sie nun unverhofft Zeit. Was tut sie während Schroetelers täglicher «Malzeit»? «Meine Frau wird mich mit Fotos und Texten dokumentieren. Das freut mich, hat sie doch einen sehr guten Blick auf die Dinge.» Ausserdem arbeitet Hildebrand während dieser Zeit auch an eigenen Projekten.

Achim Schroeteler in seinem Atelier.

Auch wenn Schroeteler und seine Frau auf sehr kleinem Fuss reisen: Ein solches Abenteuer kostet Geld. Möglich macht die Reise ein Kunstpreis der FEMS-Stiftung, welche die Pharma-Familie Sandoz gegründet hat. Ein Preis, der nicht von schlechten Eltern ist: Mit 100’000 Franken ist er einer der höchstdotierten Auszeichnungen, die in der Schweiz an Einzelpersonen vergeben werden. Alle drei Jahre wird er in der Sparte Malerei verliehen.

«Die Angst in den Köpfen vor allem Möglichen ist sehr gross.»

Es handelt sich dabei um eine projektbezogene Auszeichnung, für die sich Schroeteler im Februar dieses Jahres beworben hatte. «Nie hätte ich gedacht, dass mein Dossier auserkoren würde. Nicht, nachdem das Reisen durch Corona derart kompliziert geworden ist und Länder ihre Grenzen geschlossen haben.» Er sei froh, von der Stiftung so gut betreut zu werden.

Ein – aus finanzieller Sicht – bequemes Jahr

100’000 Franken, das klingt zunächst nach wahnsinnig viel Geld. Doch Schroeteler wiegt ab. Er hat für das Projekt seine 40-Prozent-Stelle als Lehrer gekündigt, womit ihm diese Einnahmequelle fehlt. Zudem gibt es Rechnungen, die trotz Absenz bezahlt werden müssen. Er ergänzt: «Man muss die Summe also relativieren. Trotzdem ist es natürlich sehr viel Geld. Ich kann mir dank dieses Preises aus finanzieller Sicht ein bequemes Jahr erlauben.»

«Es wird eine Reise ins Unbekannte, auch für mich als Mensch und Maler.»

Nicht alle in Schroetelers Umfeld finden die geplante Reise eine gute Idee. Einige äusserten Sicherheitsbedenken und rieten ihm gar von der Reise ab. «Die Angst in den Köpfen vor allem Möglichen ist sehr gross.» Er macht eine kurze Pause und sagt dann: «Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Gefühl der Fremde und die damit verbundene Angst sofort aufhört, wenn man mit den Menschen spricht.»

Am 5. Oktober geht Schroetelers Reise nun los. Von Neuenkirch in Richtung Westschweiz. Von dort aus quer durch Frankreich, über die Pyrenäen, um dann Spanien in südliche Richtung zu durchqueren. «Es wird eine Reise ins Unbekannte, auch für mich als Mensch und Maler.»

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