Jetzt Community-Mitglied werden und profitieren!
90 Prozent ist Schweiss
  • Kultur
  • Gesellschaft
  • Kultur
Thomas Hürlimann, Schriftsteller aus Zug, arbeitet derzeit an einem Theaterstück für die Freilichtspiele Luzern. (Bild: Jürgen Bauer)

50 Fragen an Thomas Hürlimann 90 Prozent ist Schweiss

9 min Lesezeit 30.11.2014, 05:00 Uhr

Der Zuger Schriftsteller Thomas Hürlimann schreibt derzeit an einem Theaterstück für die Luzerner Freilichtspiele. zentral+ erwischte den Sohn eines Alt-Bundesrats im Palace in Luzern und stellte ihm 50 Fragen. Ein Gespräch über Pannen, Heimaten und darüber, was ihm am Allerwertesten vorbeigeht.

Der Ambassadeur-Saal im Hotel Palace Luzern ist leer. Hier wurde die Luzerner Freilichtproduktion 2015 vorgestellt. Der Autor Thomas Hürlimann zieht einen Stuhl an den kleinen Tisch in der Mitte des Saales und trinkt einen Schluck Wasser. Der 64-jährige Schriftsteller lässt sich spontan auf 50 Fragen ein.

zentral+: 1. Schreibt es sich eigentlich mit einem Glas Wein besser?
Thomas Hürlimann: Nein. Man kann bei einem Glas Wein wunderbar nachdenken, aber am Schreibtisch braucht es einen klaren Kopf.

Unterstütze Zentralplus

2. Wie viel ist effektiv harte Arbeit?
Thomas Mann hat gesagt: «Beim Schreiben ist 10 Prozent Inspiration, 90 Prozent Transpiration.» Er lacht. So ist es.

3. Bier oder Wein?
Früher hätte ich Bier gesagt. In den letzten Jahren bin ich zum Weintrinker geworden.

4. Sie haben bereits über zwanzig Preise für Ihr Schaffen erhalten. Wie kommt das?
Keine Ahnung. Er lacht. Es liegt wohl daran, dass ich in verschiedenen Sparten tätig bin. Theater, Prosa, Essays.

5. Was macht einen guten Schriftsteller aus?
Er muss zwei Dinge erfüllen. Erstens muss er Lust auf Menschen haben, auf Geschichten. Und zweitens muss ihm das Talent gegeben sein, für diese Geschichten die richtige Melodie, den richtigen Ton zu finden.

6. Sind Sie bescheiden?
Würde ich jetzt Ja sagen, wäre ich es nicht.

7. Sind Sie lustig?
Ich habe eine Begabung für Pannen. Und die lassen sich natürlich in Anekdoten und Geschichten verwandeln.

8. Dann erzählen Sie uns doch bitte eine.
Ich hatte mir einen Helm gekauft, für mein Moped. Im Laden zog ich ihn an, fuhr los – und als ich hielt, merkte ich, dass ich mit dem Verschluss nicht zurecht kam. Also fuhr ich in die nächste Beiz und bat den Stammtisch um Hilfe. Zieht mir bitte den Helm ab! Die Reaktion können Sie sich vorstellen.

«Ich habe eine Begabung für Pannen.»

9. Beatles oder Stones?
Er überlegt lange, scheint in einem Dilemma zu stecken. Die Beatles. Doch ein Song der Stones hat eine grosse Bedeutung für mich.

10. Welcher Song wäre das?
«I can’t get no satisfaction.» Ich habe meine Jugend in der Stiftschule des Klosters Einsiedeln verbracht. Dort wurden wir morgens mit Musik geweckt. Mit Vivaldi, um genau zu sein. Doch einer von uns Zöglingen hat dem für die Aufwach-Musik verantwortlichen Präfekten das Album der Stones untergejubelt – in einer Vivaldi-Hülle. So wurden 300 Pubertierende in aller Herrgottsfrühe lautstark mit «I can’t get no satisfaction» geweckt. Seine Augen beginnen zu funkeln, als er weitererzählt. Dieser Song hatte damals eine enorme Sprengkraft. Noch am gleichen Tag haben wir das Rektorat besetzt und entscheidende Veränderungen durchgesetzt.

11. Schreiben Sie Tagebuch?
Tagebuch nicht. Aber ich habe für jedes Projekt ein Notizheft, in das ich Dinge eintrage – Ideen, auch Organisatorisches. Später dient mir dieses Heft als Erinnerungsstütze.

12. Wo arbeiten Sie?
Wichtiger als der Ort ist die Kontinuität. Als ich noch rauchte, habe ich immer meine erste Zigarette am Schreibtisch geraucht. So begann der Tag. Der Ritus hat sich erhalten. Um neun Uhr morgens setze ich mich an den Schreibtisch und lasse mich bis in die Mitte des Nachmittags nicht stören.

13. Gibt es für Sie sowas wie Schreibblockaden?
Niederlagen gibt es. Dass man die eigene Vorstellung nicht erreicht. Aber Blockaden, das Erstarren vor dem weissen Papier, kenne ich nicht. Bei einem Stück zum Beispiel hat die Arbeit viel mit Handwerk zu tun. Man baut eine Szene. Da kommt einem mit der Zeit die Erfahrung zugute.

14. Schauen Sie sich gerne ihre Stücke auf der Bühne an?
Nein.

15. Weshalb nicht?
Es ist kein Vergnügen. Dauernd entdeckt man Fehler oder Dinge, die man anders machen würde. Bei Uraufführungen ist es besonders schlimm. Man merkt sofort, ob ein Stück vom Publikum angenommen oder abgelehnt wird. Ich bin schon schweissnass aus einer Vorstellung gekommen. Allerdings gibt es Ausnahmen: Aufführungen in anderen Sprachen. In Russland habe ich kein Wort verstanden – da merkt man nicht mehr, ob die Sätze stimmen oder nicht.

«Ich bin in Familien zu Besuch.»

16. Wie sieht Ihr Liebesleben aus?
Ich habe eine Partnerin, sie lebt in Berlin und ist Autorin. Die Details behalte ich für mich. Spricht es und lacht.

17. Familie ist oft Thema in Ihren Werken. Sind Sie ein Familienmensch?
Mit der Tochter meiner Freundin habe ich ein vertrautes Verhältnis, doch ich habe nie mit ihr zusammen gewohnt. Ich bin in Familien zu Besuch. Als Götti, als Onkel, als Bruder oder eben als Freund meiner Freundin.

18. Was hat Berlin, was Sie in der Schweiz nicht finden?
Berlin ist eine Metropole. Die Schweiz hat keine Städte. Basel und Genf kommen vielleicht in die Nähe davon.

Thomas Hürlimann

Als Autor debütierte der Zuger Thomas Hürlimann 1981 mit dem Erzählband «Die Tessinerin». Von 1982 bis 1985 war er Regieassistent und Dramaturg am Berliner Schillertheater. Zum Werk des Autors gehören Novellen, Theaterstücke und Romane wie «Das grosse Kater», «Der Gesandte» und «Vierzig Rosen».

Für sein Schaffen erhielt Hürlimann zahlreiche Auszeichnungen. Zuletzt den Alemannischen Literaturpreis 2014. Darunter auch den Joseph-Breitbach-Preis, den höchstdotierten Literaturpreis im deutschsprachigen Raum und im Jahr 2012 den Thomas-Mann-Preis. Sein erster Erzählband «Die Tessinerin» wurde in sechs, die Novelle «Das Gartenhaus» in 13 Sprachen übersetzt.

Ich habe zum Beispiel in Berlin erlebt, wie drei junge Ballettmädchen an den hohen Stangen im Tram trainierten, als ein Punk mit einem ganzen Hunderudel zustieg. Die Hunde machten es sich unter den trainierenden Mädchen gemütlich und sie mussten die ganze Fahrt an der Stange hängen bleiben. So was erlebt man im Tram in Zürich nicht.

19. Woran arbeiten Sie derzeit?
Ich bin an den letzten Anpassungen beim «Luftschiff», dem Stück für die Luzerner Freilichtspiele 2015. Ich nehme Anpassungen an unsere Besetzung vor.

20. Welche Anpassungen sind dabei?
Ich habe die Darsteller kennengelernt. Eine wichtige Figur heisst Sargtoni. Ich habe die Figur eher derb angelegt, doch fanden wir einen älteren Herrn, der eine zärtliche Aura hat. Er wird die Rolle spielen, deshalb mache ich die Figur feiner und leiser. Eine andere Figur schreibe ich neu dazu. Ein junges Mädchen hat Livio Andreina und mich beim Casting derart beeindruckt, dass wir sie unbedingt dabei haben wollten. Solche Entdeckungen sind ein Geschenk.

21. Und was kommt danach?
Ich muss einen Roman beenden.

22. Wofür setzen Sie sich ein?
In Berlin werde ich oft zu Schweizer Themen und Ereignissen befragt. Dann muss ich unsere Demokratie erklären, etwa bei der Einwanderungsinitiative.

23. Wo stehen Sie politisch?
Thomas Mann hat einmal gesagt, der Autor muss seine Positionen wechseln können, wie in einem Ruderboot. Kippt es nach Backbord, rutscht man auf der Bank nach Steuerbord. Und umgekehrt. Das passt gut zu meiner politischen Haltung. In Deutschland bin ich patriotischer als hier, dort verteidige ich die Schweizer Politik, etwa auch die Einwanderungsinitiative. In der Schweiz habe ich «Nein» gestimmt.

24. Was geht Ihnen komplett am Allerwertesten vorbei?
Das Fernsehen. Fernsehen ist verlorene Lebenszeit. Ich besitze keinen Fernseher, informiere mich über Radio und Zeitung.

25. Sie haben eine Krebsoperation hinter sich. Wie hat diese schwere Zeit Sie verändert?
Der Mensch hält sich im Innersten für unsterblich. Eine schwere Krankheit macht einem klar, dass dies ein Irrtum ist. Man wird «ent-täuscht». Das erlebt man als existentielle Verunsicherung.

26. Glauben Sie an Gott?
Ich glaube daran, dass es über dieser Welt eine andere Wirklichkeit gibt.

27. Katze oder Hund?
Katze.

«Fernsehen ist verlorene Lebenszeit.»

28. Frisch oder Dürrenmatt?
Dürrenmatt war der bessere Dramatiker. Aber Frisch ist mir näher. Mit 16 habe ich «Stiller» gelesen und mich unsterblich in die weibliche Hauptfigur verliebt, Stillers Julika. In meinem Lebensbücherregal steht eindeutig mehr Frisch.

29. Was haben sich Ihre Eltern für Ihre berufliche Laufbahn gewünscht?
Der Vater hätte es gern gesehen, wenn ich Anwalt geworden wäre. Ich hätte mich in ein gemachtes Nest setzen, seinen Klientenstamm übernehmen können. Aber das wollte ich nie.

30. Und ihre Mutter?
Meine Mutter hat meine Leidenschaft für das Theater und das Schreiben stets verstanden. Wie ich es im Roman «Vierzig Rosen» erzähle, wollte sie Pianistin werden.

31. Ihr Vater war Bundesrat. Werden Sie noch oft auf ihn angesprochen?
Die Tendenz ist abnehmend. Oft ist es eher die militärische Karriere meines Vaters, auf die mich ältere Männer ansprechen. Er war Regimentskommandant und viele meiner Altersgenossen haben ihn im WK erlebt, ich auch.

32. Was ist für Sie Heimat?
Ich habe mehrere Heimaten. Sicher Zug, wo ich herkomme. Aber ich bin auch beheimatet in der Vertikalen der Geschichte – von Platon über Nietzsche bis heute.

33. Aber wo sind Sie zuhause?
Aktuell in Walchwil. Das ist für die Produktion auch ideal. Und teilweise wohne ich bei meiner Freundin in Berlin.

34. Was ärgert Sie an der Welt?
Es gibt ein lateinisches Sprichwort: Mundus vult decipi. «Die Welt will getäuscht werden.» Tatsächlich lassen sich die Menschen sehr schnell begeistern oder verängstigen, ohne dass sie sich tatsächlich mit der Sache selbst auseinandersetzen.

35. Was mögen Sie an Zug?
Den See und den Nebel. Aber Zug ist nicht mehr die Stadt, in der ich Kind war.

36. Warum leben Sie nicht mehr dort?
Momentan lebe ich ja sehr in der Nähe.

«Zug ist nicht mehr die Stadt, in der ich Kind war.»

37. Gehen Sie manchmal in den Sternen in Walchwil essen?
Ich war auch schon da. Grossartig, aber weit über dem Budget eines Schriftstellers.

38. An welchem Punkt entscheiden Sie, ob eine Novelle oder Theaterstück entsteht?
Eine gute Frage. Manchmal entscheide ich mich erst während der Arbeit. So begann ich den «Gesandten» als Novelle, stellte dann aber fest, dass der Stoff nach der Bühne schreit.

39. Wo beginnen Sie?
Ich muss einen Satz haben, der die Atmosphäre enthält. Daraus entfaltet sich dann alles Weitere. Fliegt mir dieser Satz nicht zu, lege ich den Stoff zur Seite. Vielleicht nur für eine Weile, vielleicht aber auch für immer.

40. Wie gut kennen Sie ihre Figuren zu Beginn des Buches?
In- und auswendig. Man schreibt über das, was man kennt.

41. Was ist ihr Lieblingsfluchwort?
Er überlegt. Sowas wie «Hueresiech» wahrscheinlich. Aber genau sagen kann ich es nicht, Flüche kommen aus dem Affekt heraus.

42. Wie oft schreiben Sie auf Auftrag?
Im Theater fast immer. Da braucht es viel Planung.

43. Wie stark ist Ihre Brille?
Er nimmt die Brille ab. Sie ist im unteren Glasteil stärker – eine Brille, an die sich das Auge erst gewöhnen muss. Er lacht und setzt sie wieder auf.

44. Welches ist Ihre beste Arbeit?
Das kann ich nicht beurteilen. Ich spüre aber, dass die Zeit die Einschätzung verändert.

45. Wer ist Ihr Lieblingsschriftsteller?
Viele.

46.Was lesen Sie denn derzeit?
Ich habe immer ungefähr zehn Bücher neben dem Bett liegen. Darin lese ich jeden Abend. Meistens beginne ich mit komplexeren Inhalten, Philosophie oder Theologie, und je müder ich werde, desto einfacher wird die Literatur. Weit nach Mitternacht gehe ich dann zum Krimi über.

47. In welchen jungen Autoren sehen Sie viel Hoffnung für die Zukunft?
Ich war vor Jahren als Dozent am Literaturinstitut Leipzig und begleite seither die Karriere von fünf meiner Studenten. Ich freue mich über ihre Entwicklung und darüber, dass ich mich nicht getäuscht habe.

48. Wann sind Sie zurück in Berlin?
Demnächst.

49. Sie haben Philosophie studiert. Warum sind Sie kein Philosoph geworden?
Ich hatte den Wunsch, zum Theater zu gehen. Deshalb bewarb ich mich in Berlin immer wieder als Regieassistent. Als ich endlich eine Anstellung bekam, griff ich sofort zu – mitten in den Examen. Daraus wurde eine Stelle als Dramaturg und so habe ich mich im Lauf der Zeit von der Uni entfernt. Aber die Philosophie ist noch immer ein Teil von mir.

50. Raclette oder Currywurst?
In der Schweiz Raclette, in Berlin Currywurst.

War dieser Artikel nützlich für Dich?

Ja

Nein

In diesen Artikel haben wir viel Zeit investiert. Löse ein freiwilliges Abo und hilf uns, Artikel wie diesen auch in Zukunft anzubieten.

CHF

Deine Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, musst Du auf zentralplus eingeloggt sein. Bitte logge dich ein oder registriere dich jetzt und profitiere von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Deine Meinung ist gefragt!

0 Kommentare