70 Prozent der Trinkwasserproben enthalten Pestizid-Rückstände
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Wie in fliessenden Gewässern nehmen Mitarbeiter der Dienststelle Umwelt und Energie auch bei Trinkwasser regelmässig Proben und untersuchen diese auf Rückstände. (Bild: Archivbild)

Kanton Luzern macht unschöne Entdeckung 70 Prozent der Trinkwasserproben enthalten Pestizid-Rückstände

3 min Lesezeit 3 Kommentare 12.12.2019, 16:34 Uhr

Das Pestizid Chlorothalonil wird verboten. Höchste Zeit, denn auch im Luzerner Trinkwasser kann das Pestizid nachgewiesen werden. In sechs Gemeinden gar in unerlaubt hoher Konzentration.

Am Anfang war ein Entscheid der EU: Das Pestizid Chlorothalonil sei nicht mehr unbedenklich, sondern vielmehr krebserregend und darum verboten. Das blieb auch in der Schweiz nicht unbemerkt. Das seit den 1970er-Jahren tonnenweise gegen Fäulnis ausgetragene «unbedenkliche» Pflanzenschutzmittel verwandelte sich flugs in einen gesundheitsgefährdenden Stoff. Höchstwerte wurden festgesetzt, gezielte Messungen durchgeführt.

Und siehe da: Auch in der ach so sauberen Schweiz haben Pestizide (und nicht zuletzt Chlorothalonil) ihren Weg ins Trinkwasser gefunden. Wer denkt, der Kanton Luzern sei davon ausgenommen, der täuscht sich; wie etwa die wegen (zu) hoher Chlorothalonil-Messwerte (siehe Box) «vorsorgliche Abschaltung» von acht Wasserwerken des Wasserversorgers Aquaregio Sursee-Mittelland Ende Oktober zeigt. Hinzu kommen die neuesten Messungen der kantonalen Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz.

Behörden sagen nicht, welche Gemeinden betroffen sind

Auf Anfrage ist bekannt geworden, dass die Dienststelle seit dem Herbst gezielt das Luzerner Trinkwasser auf Pestizid-Rückstände untersucht, um «einen Überblick zur Situation im Kanton Luzern zu erhalten». Bis dato sind 150 Trinkwasserproben untersucht worden. Pikant: In nicht weniger als 70 Prozent der Proben ist mindestens ein Pflanzenschutzmittel oder dessen Abbauprodukte nachgewiesen worden. In den allermeisten Fällen liege die Konzentration aber im gesetzlichen Rahmen.

«Pestizide und ihre Abbauprodukte könnten sehr langlebig sein.»

Christian Stamm, Bodenhydrologe am Wasserforschungsinstitut Eawag

In den allermeisten Fällen liege die Pestizid-Konzentration im gesetzlichen Rahmen, versichern die Behörden. Im Trinkwasser von sechs Luzerner Gemeinden allerdings sind die Chlorothalonilwerte überschritten worden. Um welche Gemeinden es sich dabei handelt, gibt die Lebensmittelkontrolle nicht bekannt. Sie unterstehe der Schweigepflicht und dürfe zu konkreten Fällen keine Angaben machen. Zudem sei es Aufgabe der Trinkwasserversorgungen, über die Qualität des Trinkwassers zu informieren.

Klar ist immerhin: Überschreitungen von Höchstwerten anderer Stoffe sind keine gemessen worden. Und generell gelte es festzuhalten, dass das Trinkwasser im Kanton Luzern «von sehr hoher Qualität» sei – und laufend von den Wasserversorgern und den kantonalen Behörden überwacht werde.

Acht Wasserwerke nach wie vor ausser Betrieb

Man habe acht Wasserwerke in den Gemeinden Nottwil, Sempach und Oberkirch «vorsorglich» vom Netz genommen. Das kommunizierte Aquaregio Sursee-Mittelland Ende Oktober. Der Grund: Unabhängige Wasseruntersuchungen haben ergeben, dass die erlaubten Pestizidwerte (namentlich von Chlorothalonil und seinen Abbauprodukten) bei den besagten Werken teilweise deutlich überschritten oder aber fast erreicht worden seien.

Die betroffenen Werke sind nach wie vor geschlossen, wie Sacha Heller, Verwaltungsratspräsident der Aquaregio auf Anfrage bestätigt. Die besagten Werke würden erst wieder in Betrieb genommen, wenn entweder die gesetzlichen Grundlagen von den zuständigen Behörden angepasst würden oder aber die Messwerte eingehalten werden könnten. Aus diesem Grund untersucht die Aquaregio ihr Wasser regelmässig auf über 400 Stoffe und deren Abbauprodukte. So sei man vorbereitet, falls weitere Stoffe wie Chlorothalonil plötzlich nicht mehr als unbedenklich, sondern gesundheitsgefährdend gelten würden.

Pestizide halten sich über Jahre im Wasser

Experten sind vom Befund des Kantons nicht überrascht. «Die Messungen deckten sich mit vielen Untersuchungen im In- und Ausland. Pestizide und ihre Abbauprodukte könnten sehr langlebig sein und selbst Jahrzehnte nach einem Verbot auch im Trinkwasser noch nachgewiesen werden», sagt Christian Stamm, Bodenhydrologe des Wasserforschungsinstituts Eawag, auf Anfrage. Es seien aber nicht alle Nachweise von Pestiziden und ihren Metaboliten als beunruhigend zu beurteilen.

Die aktuelle Pestizid-Untersuchung ist Teil der rund 3’900 Trinkwasseruntersuchungen, welche die Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz jährlich durchführt, und soll längerfristig fortgesetzt werden. So wolle man die Entwicklung beobachten und die Erfüllung der rechtlichen Anforderungen sicherstellen.

Rückschlüsse auf den Zustand des Grundwassers im Kanton Luzern lassen die neuesten Pestizid-Messungen aber keine zu. Das trifft insbesondere auf Chlorothalonil zu. Das Pflanzenschutzmittel sowie seine Abbauprodukte seien bei den bisherigen Messkampagnen «nicht systematisch» erfasst worden. Weil seit dem vergangenen Sommer auch in der Schweiz bedenklich, wird der Kanton Luzern Chlorothalonil ab kommendem Jahr ins Grundwasser-Messprogramm aufnehmen.

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3 Kommentare
  1. J Müller, 10.02.2020, 17:48 Uhr

    Warum sagt der Bund nicht, welche Gemeinde und wie gefährlich, wir haben doch das Recht zu wissen wie es um unsere Gesundheit steht, oder werden wir langsam vergiftet? Und deshalb die ständigen Viren Kranken wo ja so unerklärlich sind… hier in Littau haben wir Pilatus Wasser, sehr gutes Quellwasser, wenn auch Bauernhöfe da sind…

  2. stofe, 12.12.2019, 18:26 Uhr

    Herr Markus Ritter wird sicher überlegen, ob dieses Verbot auch wirklich angemessen ist. Unterdessen wird fleissig noch ein bisschen Glyphosat auf die Felder gespritzt. Wer weiss, ob das nicht endlich auch verboten wird.
    Lassen Sie sich ruhig Zeit Herr Ritter bis Sie endlich mitdenken

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