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5G, o weh? So sieht es im Kanton Luzern aus
  • Gesellschaft
Die 5G Testphase läuft in Luzern. Bis Ende 2019 sollen 60 weitere Städte und Gemeinden in der Schweiz folgen. (Bild: Pixabay)

Widerstand gegen neue Mobilfunk-Technologie 5G, o weh? So sieht es im Kanton Luzern aus

6 min Lesezeit 3 Kommentare 23.04.2019, 05:00 Uhr

Das Wort der Stunde heisst: 5G. Was bei Mobilfunkanbietern grosse Euphorie auslöst, verunsichert Teile der Bevölkerung. In der Stadt Kriens ist ein Moratorium, wie es einzelne Kantone ins Auge fassten, bereits ein Thema. Der Kanton Luzern hingegen will davon nichts wissen. Auch wenn die Schraube ein wenig angezogen wird.

Sie fallen kaum auf und die wenigsten Luzerner dürften von ihnen wissen: die 5G-Antennen beim Universitätsgebäude am Luzerner Bahnhof und beim EWL-Areal an der Industriestrasse. Es sind die einzigen zwei auf Stadtluzerner Boden – noch.

Denn die neue Technologie steht in den Startlöchern, bald sollen auch 5G-fähige Geräte auf den Markt kommen. Swisscom hat am letzten Mittwoch als erste Anbieterin ihr 5G-Netz in Betrieb genommen, zu dem auch die Stadt Luzern gehört. Bis Ende Jahr soll die gesamte Schweiz versorgt werden. Auch Konkurrent Sunrise hat bereits über 150 Orte in der gesamten Schweiz auf dem 5G-Radar. Im Kanton Luzern stehen entsprechende Antennen unter anderem bereits in Emmen, Sursee, Werthenstein oder Ruswil (siehe Karte).

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Gleichzeitig mit dem rasanten Fortschreiten entwickelt sich aber auch Widerstand. Mit Genf, Waadt und Jura prüfen erste Kantone ein Moratorium oder haben ein solches bereits verhängt. Die gesundheitlichen Folgen seien noch zu wenig klar, lautet die Kritik. Bis das Bundesamt für Umwelt (Bafu) seinen für den Sommer angekündigten Bericht zum Thema vorlege, wollen sie keine weiteren Antennen bewilligen. Im Mai haben Gegner gar eine nationale Kundgebung in Bern angekündigt.

Gesellschaftliche Fragen

Strahlen lösen auch in Luzern Ängste und Widerstand aus. Ein Moratorium ist zum Beispiel in Kriens ein Thema geworden. Einwohnerrat Peter Stofer von den Grünen hat ein solches in einer kürzlich eingereichten Interpellation angeregt. Nebst den gesundheitlichen Bedenken in der Bevölkerung kritisiert er die «überstürzte Einführung» der «noch unerprobten Funktechnologie».  Der Stadtrat soll nun erklären, ob er bereit ist, vorerst keine Baubewilligungen mehr zu erteilen, bis das Bafu für Klarheit gesorgt hat.

Auf kantonaler Ebene sowie in der Stadt Luzern gab es bislang indes keine vergleichbaren Vorstösse auf politischer Ebene. Die Grünen im Kantons- und Stadtparlament sind zuletzt vielmehr durch ihren expliziten Einsatz für die Chancen der Digitalisierung aufgefallen (zentralplus berichtete).

«Wenn die Behörden das Problem negieren, ist man als Bürger auf verlorenem Posten.»

Markus Christen

Wie schwierig es ist, mit Kritik an Strahlung politische Amtsträger zu überzeugen, zeigte sich vor drei Jahren in der Stadt Luzern. Eine Initiative verlangte, dass der Bau von Mobilfunkantennen in Wohnquartieren eingeschränkt wird. Das Ansinnen scheiterte an der Urne, auch weil keine Partei sich dafür engagieren wollte. Trotzdem wehrte sich immerhin ein Drittel der Stimmbürger gegen die Strahlen.

Keimt nun der Widerstand wieder auf?

In den Kreisen des damaligen Komitees hat sich die Skepsis keineswegs gelegt, doch sie ist einer gewissen Resignation gewichen. Ein Moratorium würden die Initianten zwar auch in Luzern begrüssen, aber sich selber dafür zu engagieren, dafür kann sich nach der Niederlage von 2016 niemand aufraffen. «Wenn die Behörden das Problem negieren, ist man als Bürger auf verlorenem Posten», sagt Markus Christen, einer der Köpfe hinter der damaligen Initiative.

«Aber wer weiss, vielleicht dreht mit dem aufkeimenden Widerstand nun der Wind.» Zumal er spürt, dass die gesellschaftlichen Fragen, die mit dem Ausbau des 5G-Netzes einhergehen, viele beschäftigen. «Brauchen wir noch schnelleres Internet, noch mehr Daten? Und wollen wir überhaupt einen vollautomatischen Kühlschrank, der uns sagt, was wir essen sollen?», sagt er und spricht damit das Internet der Dinge an, das auf 5G angewiesen ist. 

Marschhalt in Luzern kein Thema

Die negativen Stimmen in der Bevölkerung zumindest sind nicht verstummt. So äussert sich zum Beispiel Vital Burger aus Emmenbrücke in der «Luzerner Rundschau» besorgt. Er spricht von einem Zusammenhang zwischen Mobilfunkstrahlung und Krebs, kritisiert aber vor allem, dass die Antennen bereits in Betrieb genommen werden, bevor die Risiken abgeklärt worden seien.

Hier stehen die 5G-Antennen (zoomen durch scrollen möglich):

 

Einzelne Reklamationen aus der Bevölkerung und Forderungen nach einer Sistierung sind beim Kanton Luzern zwar eingegangen, wie es auf Anfrage heisst. Trotzdem ist bei den Behörden ein vorsorglicher Marschhalt wie in Genf oder im Jura kein Thema. «Aus fachlicher Sicht gibt es keinen Grund zur Annahme, dass das gesundheitliche Risiko durch 5G ansteigt», sagt Peter Bucher von der kantonalen Dienststelle Umwelt und Energie. 

«Es ist ein Fehlschluss anzunehmen, eine schnellere Datenübertragung verursache zwangsläufig eine höhere Strahlenbelastung.» Mehr noch: Dank den sogenannt adaptiven Antennen sei die Strahlung bei 5G viel gezielter auf die Geräte ausgerichtet, die das Netz nutzen, wodurch die flächendeckende Belastung sinke. Die bisherigen Antennen strahlen hingegen gleichmässig. 

«Es ist für viele schwierig abzuschätzen, wem sie glauben können.»

Peter Bucher, Kanton Luzern

Peter Bucher weist darauf hin, dass die Risiken durch Strahlenbelastung, im Vergleich zu anderen Umweltrisiken wie etwa Lärm, verschwindend klein seien. Dass die Debatte aktuell trotzdem aufflammt, führt er auf Verunsicherung zurück. «Es ist für viele schwierig abzuschätzen, wem sie glauben können. Zudem ist die Diskussion um die Belastung durch Handystrahlen massiv überbewertet und emotional aufgeladen.» Die Argumente der Gegner bezeichnet er als «teilweise absurde Fake-News», mit denen Ängste geschürt würden. Diese können laut Bucher – und das entbehrt nicht einer gewissen Ironie – schädlicher sein als jede Strahlung. Es seien Fälle bekannt, wo sich diese Ängste zu Psychosen entwickelt haben.

Politische Entscheide

Dass nun trotzdem erste Kantone vor weiteren Antennen zurückschrecken, führt Bucher auf politische Interessen zurück. «Es ist legitim, die Ängste der Bevölkerung ernstzunehmen statt sie unter den Teppich zu kehren. Aber das ist eindeutig ein politischer und nicht ein fachtechnischer Entscheid.» Zudem hält Bucher fest, dass die Kommunikation durch Funk letztlich Sache des Bundes sei. «Die Kantone haben nicht die Kompetenz, diese auszusetzen, auch wenn sie für deren Vollzug einen gewissen Spielraum haben.»

«Der Bundesrat würde die Einführung von 5G nicht vorantreiben, wenn es nachweislich gesundheitliche Risiken gäbe.»

Rolf Ziebold, Sunrise

Der Ausbau des 5G-Netzes dürfte in Luzern also zügig voranschreiten. Derzeit sind laut Auskunft der städtischen Behörden drei weitere Baugesuche hängig, am Bundesplatz, an der Kellerstrasse und bei der Grossmatte-Ost. Und selbst wenn es Gegenwehr geben sollte: Auch die Mobilfunkbetreiber fahren die juristische Schiene. «Sind alle Vorschriften eingehalten, haben wir ein Recht auf die Baubewilligung», hält Rolf Ziebold, Mediensprecher von Sunrise, klipp und klar fest. «Wo uns Baubewilligungen willkürlich verweigern werden, werden wir dies rechtlich prüfen.»

Man nehme die Bedenken ernst, sagt Ziebold zwar. Er relativiert aber gleichzeitig: «Es ist eine Tatsache, dass der Bundesrat die Einführung von 5G vorantreibt. Das täte er nicht, wenn es nachweislich gesundheitliche Risiken gäbe.»

Schraube angezogen

Trotz allem hat der Kanton Luzern die Schraube ein wenig angezogen. Denn eigentlich braucht es keine Baubewilligung, wenn ein Anbieter seine Antenne aufrüsten will, ohne die Belastung zu erhöhen. «Da sind wir nun aber strenger: Beim 5G-Standard wickeln wir alle Änderungen an Antennen nach dem Baugesuchsverfahren ab, sodass sich Betroffene einbringen können», sagt Peter Bucher. Zudem nehme der Kanton auch bei jeder 5G-Antenne zwingend eine Abnahmemessung vor, um zu prüfen, ob die Grenzwerte eingehalten werden.

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3 Kommentare
  1. Peter Bucher, 23.04.2019, 17:51 Uhr

    Das verstehe ich jetzt nicht: wie soll jemand Geld verdienen, wenn 5G angeblich niemand braucht?
    @idL: Wäre es möglich, dass Hightech-firmen auf 5G angewiesen sind, auch wenn Sie persönlich noch mit 2G zufrieden wären? Für Schweinzucht braucht es aber vermutlich tatsächlich kein 5G. Kommt halt drauf an, wie man sich die wirtschaftliche Zukunft des Kantons vorstellt.
    P.S. Die im Artikel dargestellte Karte zeigt nur wo Swisscom bereits Lizenzrechte hat, nicht wo bereits Antennen stehen.

  2. Franz Peter Dinter, 23.04.2019, 14:00 Uhr

    Also zumindest die, die sich ein goldenes Näschen damit verdienen werden…..

  3. David Lehner, 23.04.2019, 12:57 Uhr

    Man könnte sich natürlich auch die Frage stellen, ob irgend jemand in diesem Kanton (oder diesem Land) 5G braucht oder gar darauf gewartet hat…

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