5G in Luzerner Kirchtürmen: Blasphemie oder prima Symbiose?
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Norbert Schmassmann wehrte sich gegen Handy-Antennen in Kirchtürmen – heute ist seine Haltung pragmatischer. (Bild: Montage zentralplus)

Bekannter Kritiker machte Kehrtwende 5G in Luzerner Kirchtürmen: Blasphemie oder prima Symbiose?

4 min Lesezeit 3 Kommentare 23.06.2021, 05:00 Uhr

5G-Antennen in Kirchtürmen – die Idee polarisiert im Kanton Luzern. Neben der Gesundheitsfrage stellt sich für Kirchgänger die Frage nach der Ethik. Darf sich dagegen nur wehren, wer kein Handy nutzt? Ein Luzerner Kantonsrat und ehemaliger Kritiker findet: Ja.

Das Beispiel 5G zeigt es ziemlich gut; es gibt nichts umsonst im Leben. Zwar ermöglicht die Technologie einen deutlich besseren Handyempfang, gleichzeitig entstehen damit auch höhere Frequenzen. Viele Menschen fürchten sich vor 5G respektive davor, dass die neuen Antennen ungesunde Strahlung verursachen. In einer entsprechenden Studie stellte der Bund fest, dass die aktuell laufende Einführung von 5G in einem Frequenzbereich liege, die bereits für den Mobilfunk und für WLAN verwendet werde. In anderen Worten: Der Status Quo wird als unbedenklich eingestuft. Anders sähe es gemäss Bund jedoch aus, wenn die Intensität der Frequenz erhöht würde, weshalb die Einhaltung der Grenzwerte kontrolliert werden müsse.

Weil die Reichweite von 5G geringer ist als jene von etwa 4G, braucht es zudem künftig mehr Basisstationen. Und was könnte sich da besser eignen als Kirchtürme, die weit in den Himmel ragen? Doch auch diese Idee ruft Kritiker auf den Plan. Hier wiederum geht es eher um moralische Vorstellungen, die verletzt werden.

Eine Art «Prostitution» der Kirchen?

In Luzern sind Antennen auf Kirchtürmen bereits seit einigen Jahren im Gespräch. Einer, der sich 2013 mit einem Vorstoss im reformierten Kirchenparlament dagegen eingesetzt hat, ist Norbert Schmassmann, CVP-Kantonsrat und Mitglied der Synode der reformierten Kirche Luzern. Für seinen damaligen Widerstand nennt er folgende Gründe: «Neben dem Strahlungsrisiko ging es mir damals auch um den Symbolgehalt dieser ‹Prostitution› der Kirchen in Form der Zurverfügungstellung von Kirchtürmen für diesen Zweck. Zumal Kirchtürme für einen anderen Zweck erstellt worden sind, nämlich als christliches oder kirchliches Architektursymbol.»

«Sind wir doch ehrlich: Auch die meisten Kirchgänger verfügen über ein Handy.»

Norbert Schmassmann, CVP-Kantonsrat

Das Wort «Prostitution» sei zwar in diesem Zusammenhang ein unschönes Wort, so Schmassmann. Doch gehe es um den Gedanken, dass Kirchgemeinden über die Miet- oder Pachteinnahmen des jeweiligen Mobilfunkbetreibers Nebenerträge generieren und damit ihre Rechnungen aufbessern könnten. Dies, obwohl in kaum einer Kirchgemeinde alle Kirchgemeindemitglieder hinter der Zurverfügungstellung von Kirchtürmen für Mobilfunkantennen stünden.

Als vergleichbares, hypothetisches Beispiel nennt Schmassmann den Einbau eines Geldautomaten in der Kirchenmauer. «Dafür könnte die Kirche von der Bank eine Gebühr verlangen und nebenbei hoffen, dass durch den Geldautomaten mehr Geld in den Opferstock fliesst.»

Wer im Glashaus sitzt …

Der Grund, warum Schmassmann seit längerer Zeit nicht mehr gegen den Einbau von Antennen in Kirchtürmen weibelt, ist ein simpler: «Damals, als ich mich eingesetzt habe, wurde ich geradewegs ausgelacht. Man sagte mir: Du hast ja selber auch ein Handy und möchtest erreichbar sein. Es ist ein ähnlicher Widerspruch wie bei jemandem, der für nachhaltigen Konsum weibelt, dann aber doch die billigen Eier kauft, die sicher nicht Bio sind.»

Hand aufs Herz, bestehende, hohe Türme und Handyantennen, das könnte man auch als Symbiose sehen, die es zu nutzen gilt. Dazu sagt Schmassmann: «Sobald sich die Leute nicht mehr darüber aufregen und überzeugt sind, dass die Antennen zum modernen Leben gehören, handelt es sich tatsächlich um eine Symbiose. Denn sind wir doch ehrlich: Auch die meisten Kirchgänger verfügen über ein Handy.»

In Doppleschwand entschied man trotz Mehrheit dagegen

Dass diese Kombination von Antenne und Kirche bei vielen ein ungutes Gefühl hervorruft, zeigt eine kürzlich durchgeführte Umfrage aus dem Entlebuch. Konkret ging es um eine 5G-Antenne im Kirchturm Doppleschwand. Zwar befürwortete eine Mehrheit den Einbau dieser Antenne. Dennoch sprachen sich von den 303 Befragten 38 Prozent dagegen aus, woraufhin der Kirchenrat entschied, das Projekt nicht weiterzuverfolgen.

«Manche Menschen fühlen sich vom religiösen Empfinden her gestört von einer solchen Nutzung der Kirchen.»

Dominik Thali, Medienverantwortlicher der römisch-katholischen Landeskirche Luzern

Die römisch-katholische Landeskirche Luzern hat sich diesbezüglich 2014 der Haltung des Bistums angeschlossen, welches sich kritisch zu den Antennen äussert. Dominik Thali, der Medienverantwortliche der Luzerner Landeskirche, sagt auf Anfrage: «Uns ist bewusst, dass der Bedarf an Standorten für Mobilfunkantennen stetig steigt. Die meisten Kirchen liegen zudem sehr zentral, die Antennen darin würde man von aussen gar nicht sehen.» Doch würden solche Antennen Ängste vor Schäden auslösen. «Ausserdem fühlen sich manche Menschen vom religiösen Empfinden her gestört von einer solchen Nutzung.» Der Entscheid über die Zurverfügungstellung der Antennen würde zwar im Kompetenzbereich der jeweiligen Kirchenräte liegen. «Der Syndonalrat mahnt diese jedoch zur Zurückhaltung.»

Es wird sich zeigen, ob das Bedürfnis nach ständiger Erreichbarkeit stärker wiegt als jenes nach religiöser Integrität.

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3 Kommentare
  1. Hans Peter Roth, 23.06.2021, 18:29 Uhr

    Die biblische Antwort: Johannes 2, 13-16

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  2. Gruesse vom Einhorn Schlachthaus, 23.06.2021, 16:12 Uhr

    Direx Schmassmann. Mehr heuchlerische Bigotterie geht nicht!
    Antennen im heiligen Gestühl des Kirchenturmes dürfen nicht sein. Das wäre Häresie!
    Den dummen August-Steuerzahler aber hinterrücks und in betrügerischer Absicht millionenfach nasführen ist nur Dienst am Herrgott, dem Christentum und Nächstenliebe. Halleluja.
    Quasi säkularisierte Prädestinationslehre à la mode de lic.rer.pol HSG.

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  3. Scheidegger, 23.06.2021, 14:50 Uhr

    Er könnte doch auch Antennen auf seinen VBL-Bussen montieren lassen. Vielleicht gibt es dafür Subventionen.

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