40 Jahre Sedel: Corona vermiest das Jubiläum – vorerst
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Das Tor zum Tempel: Der Sedel ist seit Jahren der wichtigste Treffpunkt für Luzerner Bands. (Bild: zvg)

Neue Formate sind gefragt 40 Jahre Sedel: Corona vermiest das Jubiläum – vorerst

4 min Lesezeit 1 Kommentar 03.04.2021, 17:47 Uhr

Das Musikzentrum auf dem Sedel ist eine Institution in der Kulturszene in Luzern. Heuer wird es 40 Jahre alt. Corona droht dem Jubiläum nun die Show zu stehlen – aber die Sedel-Betreiber haben bereits vorgesorgt.

So wie wir den Sedel an einem kalten Frühlingsabend antreffen, hat man ihn selten erlebt: ruhig und menschenleer. Die Coronapause hat für kahle Bühnen und stille Flure gesorgt. Trotzdem wird backstage geplant, denn dem Musikzentrum steht sein 40-Jahr-Jubiläum bevor. Und das soll gebührend gefeiert werden – sobald Corona die Bühne wieder freigibt.

Wir treffen Barchef Boris Rossi und Silvan Weibel, Präsident der Interessengemeinschaft Luzerner Musikerinnen und Musiker (ILM), zum Gespräch im Konzertsaal. Boris Rossi gehört mit seinen 18 Dienstjahren quasi zum Inventar des Sedels. «Ich war schon als junger Punk hier», sagt er lachend. Weibel, bei der Gründung des Sedels noch nicht einmal auf der Welt, leitet als ILM-Präsident die Geschicke des Musikzentrums und probt mit seiner Band selbst häufig vor Ort – den Bandnamen nennt er nicht. «Ich will keine Schleichwerbung machen», frotzelt er.

«Das System Sedel hat sich bewährt.»

Boris Rossi, Barchef

Gemein ist beiden die Liebe zur Kultur, zur Musik und zum kulturellen Freiraum. Auf die Frage, wie sie das vergangene Coronajahr in einem Wort zusammenfassen würden, kommt die Antwort ohne Zögern: «Langweilig», findet Rossi, «mühsam», sagt Weibel.

Auch wenn die letzten Monate eine grosse Herausforderung gewesen sind, ist von Resignation nichts zu spüren. Es ist nicht die erste Krise in der Geschichte des Lokals, wenn auch vermutlich die grösste bisher. «Das System Sedel hat sich bewährt», sagt Boris Rossi, darum sehen beide der Zukunft optimistisch entgegen. Im Video erzählen sie, was ihnen der Sedel persönlich und für die Kulturszene in Luzern bedeutet und was den Reiz des geschichtsträchtigen Gebäudes mit Blick auf das Friedental ausmacht.

Lang, lang ist’s her

Anfang der 1980er-Jahre gleicht die Schweiz einem subkulturell ausgetrockneten Brachland. Jugendbewegungen fristen ihr Dasein in Kellern, Gassen und Wohnzimmern – auch in Luzern. Als es in Zürich zu Jugendprotesten kommt, scheint die Stadt Luzern vorsorglich einzulenken, denn auch in der Leuchtenstadt sind bereits Demonstrationen für mehr kulturelle Freiräume angekündigt.

Die Stadtregierung spricht den Jugendlichen nach mehreren Absagen und gescheiterten Verhandlungen schliesslich die Räumlichkeiten des Sedel zu, der bis zur Schliessung 1971 als Gefängnis genutzt wurde. Am 15. April 1981 findet die Schlüsselübergabe statt. Seither lenkt der Verein ILM die Geschicke des Musikzentrums.

Heute umfasst der Verein rund 400 Mitglieder, die in den 55 Proberäumen und Ateliers – also in den ehemaligen Gefängniszellen – an rund 100 Musik- und Kunstprojekten arbeiten oder sich dem Sedel sonst verbunden fühlen. «Eine solche Infrastruktur ist europaweit einzigartig», sagt Silvan Weibel. Der Sedel sieht sich als Gegenpol zum «Mainstream», namentlich zum KKL und zum Luzerner Theater und fördert alternatives Musik- und Kunstschaffen. «Wir holen auch ausländischen Bands hierher, die sonst keine Bühne finden würden», sagt Boris Rossi.

Corona vermiest den Feiertag

40 Jahre nach der Schlüsselübergabe steht nun der nächste runde Geburtstag vor der Türe. Doch so wie die allseits verhasste Coronapandemie dem Kulturbetrieb einen massiven Stock zwischen die Speichen rammt, muss auch der Sedel umplanen.

Geplant wäre einiges gewesen, verrät Silvan Weibel, aber nach monatelangen Vorbereitungen habe man sich schweren Herzens entschieden, die geplanten Publikumsveranstaltungen um ein Jahr zu verschieben. «Alles andere wäre ein vom Zwangsoptimismus gekröntes Trauerspiel gewesen.»

Alles neu zum 40sten

Vor zehn Jahren – zum 30. Geburtstag – haben die Sedel-Betreiber einen umfangreichen Dokumentarfilm herstellen lassen. Eine solche Aktion ist heuer nicht geplant, aus gutem Grund: «Wir sitzen immer noch auf über 500 DVDs», erklärt Weibel. «Das Timing war etwas ungünstig: Als der Film rauskam, war die DVD-Zeit eigentlich vorbei.» Schade, denn der Film von Thomas Horat und Luzius Wespe ist für Sedel-Fans einen Blick wert. Seit Kurzem kann der Film gratis via Sedel-Website gestreamt werden. 

Zum 40. Geburtstag haben sich Weibel und Rossi für ein «klassisches» Jubiläum entschieden, bei dem die Musik im Vordergrund stehen wird. Zum einen ist ein Podcast in der Mache, der über ein Jahr hinaus monatlich Sedel-Prominenz aus 40 Jahren Betrieb mit Hintergrundinfos und Anekdoten zu Wort kommen lässt. Zum anderen sind Livestream-Konzerte und – sofern es die Bestimmungen zulassen – kleinere Auftritte und Veranstaltungen vor Ort vorgesehen.

Eines von Silvan Weibels persönlichen Highlights: Das Sedel-Open-Air im Jahr 2016. (Bild: Jakob Ineichen).

Der grosse Knall soll im 2022 erfolgen, wenn Corona hoffentlich grösstenteils Geschichte ist. Dann nämlich stockt der Sedel das Veranstaltungsbudget auf, damit das Jubiläum nachträglich mit einer ganzen Reihe von Konzerten und Veranstaltungen gefeiert werden kann – auch ausserhalb der Räumlichkeiten der ehemaligen Strafanstalt. So steht beispielsweise eine schweizweite Tournee mit Sedelbands auf dem Programm, ebenso wie eine Jubiläumsfotoausstellung und eine Jailhouse-Parade durch die Stadt.

Oder, um es in den Worten der Betreiber zu sagen: «Sedel goes crazy.»

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1 Kommentare
  1. lui casutt, 04.04.2021, 06:52 Uhr

    Inizialzündung vom Sedel in der heutigen Form, war der Brand in der ‹Krieger Schüür› auf der Luzerner Allmend, wo mehrere erfolgreiche Bands unter einem Dach probten.
    OM, Apaches, Carmen&Thompson, BM-Smith… um nur einige der Formationen zu nennen, die damals in der Krieger-Schüür untergebracht waren.

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