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30 Jahre danach: Was aus den Zuger Rechtsextremen wurde
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Posierten 1989 stolz vor dem Löwendenkmal: Marcel Strebel (links), Kurt Meili* und ein weiteres Mitglied der Patriotischen Front. (Bild: Screenshot SRF )

Der lange Schatten der Patriotischen Front 30 Jahre danach: Was aus den Zuger Rechtsextremen wurde

9 min Lesezeit 15.06.2019, 05:11 Uhr

Vor 30 Jahren war Zug ein Zentrum rechtsextremer Gewalt. Dahinter steckte die Patriotische Front. Wir zeigen auf, wie deren Exponenten bis heute in der Szene auftauchen – und wie sie durch ihre Aktionen das politische Klima beeinflussten.

Gross war der Aufschrei, als am Güdelmontag am 4. März dieses Jahres zwölf Personen in Ku-Klux-Klan-Kluft durch Schwyz marschierten. Die Demonstration am 13. April unter dem Motto «Schwyz ist bunt – gegen Rassismus» als Reaktion darauf wurde von Leuten aus rechtsextremen Kreisen gestört.

Die Kantonspolizei Schwyz sprach anschliessend von einer «kleineren Auseinandersetzung zwischen links- und rechtsextremen Personen». Auf rechter Seite zählte sie gut ein Dutzend Personen. Unter ihnen zwei Zuger. Einer davon: Kurt Meili (Name geändert).

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Mitglied von Blood & Honour

Besonders der Name von Letzterem lässt aufhorchen. Verbreitete doch ein Kurt Meili vor 30 Jahren mit der Patriotischen Front in Zug Angst und Schrecken (lesen Sie dazu den ersten Teil: Vor 30 Jahren wurde Zug zum Zentrum rechtsextremer Gewalt).

Tatsächlich handelt es sich bei Kurt Meili um den Mann, der damals bei der gewalttätigen Demonstration rund um das Asylbewerberzentrum in Steinhausen dabei war. Auf den Bildern vom 13. April 2019 ist Meili mit schwarzer Bomberjacke zu sehen. Aufgestickt ist das Logo von Blood & Honour Sektion Zürich. Blood & Honour ist ein weltweit tätiges rechtsextremes Netzwerk.

Meili taucht immer wieder auf

Meili bewegte sich also nicht bloss vor 30 Jahren in rechtsextremen Kreisen, sondern tut dies bis heute. Ab und an taucht er an einschlägigen Veranstaltungen auf wie bei Aufmärschen von Rechtsextremen an der Sempacher Schlachtfeier.

«Die Heimatbewegung umfasst wohl nicht mehr als eine Handvoll Personen.»

Hans Stutz, Experte für Rechtsextremismus

Im Juni 2008 beispielsweise marschierten fast 250 Rechtsextremisten durch Sempach zum Winkelriedstein. Darunter auch Kurt Meili. Auf der Brust prangten Symbole und Schriftzüge ihrer Gruppen. Auf einem Shirt wurde sogar dem Zuger Amokläufer Friedrich Leibacher gehuldigt mit den Worten «Friedrich Leibacher, Nationalheld – warum hast du nicht in Bern gewohnt?».

Verbindungen zu Holocaustleugner

Nach Angaben der Antifa Bern war Meili auch bei der Nationalen Ausserparlamentarischen Opposition, kurz NAPO, aktiv. Kopf der Bewegung war Holocaustleugner, Neonazi und Ex-PNOS-Mitglied Bernhard Schaub. Die NAPO träumte unter anderem von «kinderreichen weissen Familien» und wünschte sich die Rückführung «Kulturfremder und Fremdrassiger».

Kurt Meili ist selbst Vorsitzender einer rechtsextremen Gruppierung – der alemannischen Heimatbewegung. Meili ist die viersprachige «multiethnische» Schweiz ein Dorn im Auge. Dies könne man nicht als Vaterland betrachten, wie es in der Programmschrift heisst.

Stattdessen träumt man bei der Heimatbewegung von einer alemannischen, also einer rein deutschsprachigen, Schweiz. Der romanische Teil soll sich entweder an Frankreich respektive Italien anschliessen oder einen neuen Staat wie Savoyen bilden.

Geht es nach der Heimatbewegung, könnte die Deutschschweiz dafür Zuwachs aus Südbaden, Vorarlberg, Württemberg und dem Elsass bekommen. Denn diese Teile würden zum alemannischen Volksstamm gehören – genau wie die alemannische Schweiz.

Asylrecht soll weg

Abgesehen davon dominiert tiefbraunes Gedankengut die Heimatbewegung. So ist die Rede von Überfremdung als «wohl grösster Plage unserer Zeit». Das Asylrecht soll abgeschafft werden.

So demokratiefeindlich die Forderungen der Heimatbewegung sind – grundlegend staatsfeindlich ist die Gruppierung nicht. Nur soll der Staat eben auf ihren kruden Wertvorstellungen basieren.

So sieht das Logo der Heimatbewegung mit Kurt Meili* aus.

So sieht das Logo der Heimatbewegung mit Kurt Meili* aus.

(Bild: Screenshot Antifa Bern)

Heimatbewegung bleibt verschwiegen

Hans Stutz, Beobachter der rechtsextremen Szene, sagt zur Heimatbewegung: «Sie ist sogar innerhalb der kleinen rechtsextremen Szene noch eine Splittergruppe. Die Gruppierung umfasst wohl nicht mehr als eine Handvoll Personen.»

Eine genaue Einschätzung sei laut Stutz schwierig, denn: «Die Heimatbewegung hat nie Angaben über sich verbreitet. Es deutet jedoch vieles darauf hin, dass Meili der Vorsitzende ist. Es gibt auf jeden Fall ein Foto von ihm, das ihn mit dem Logo der Heimatbewegung zeigt», so der Luzerner weiter.

Durch Leserbriefe präsent

Bei Schlachtfeiern sei die Heimatbewegung in der Vergangenheit schon als Mitorganisatorin aufgetreten. «Mittlerweile ist dies vermehrt die Nationale Aktionsfront», erklärt Stutz. Es sei noch gänzlich unklar, wer dort dahintersteckt und ob es sich nicht um eine Abspaltung der Heimatbewegung handeln könnte.

«Einer meiner Kalauer ist, dass Skinhead die Phase zwischen Stimmbruch und Konkubinat ist.»

Hans Stutz

Kurt Meili zeigte auch immer wieder dadurch Präsenz, dass er politische Leserbriefe erscheinen liess, unter anderem auch in der «NZZ». Dies allerdings als «Kurt Meili jun.». Schon früher trat er unter diesem Namen in Erscheinung, wie Stutz erklärt. Zuletzt publizierte die «Zuger Zeitung» Anfang dieses Jahres einen Leserbrief eines «Kurt Meili jun.» zur Zersiedelungsinitiative. Als Wohnort ist Menzingen angegeben.

Groteske Szenen im Gericht

Ein gänzlich anderes Bild zeigt sich bei Achim Hoffmann (Name geändert), dem zweiten Zuger Gründungsmitglied der Patriotischen Front. Er hatte Ende der 1980er-Jahre dreimal auf Asylbewerberheime geschossen und sich weiterer Attacken auf Ausländer schuldig gemacht. Unter anderem war er bei den gewalttätigen Übergriffen auf die Steinhauser Durchgangsstation am 4. November 1989 beteiligt.

1990 wurde er deswegen vom Zuger Strafgericht zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Gegensatz zu seinen Mittätern und Mitangeklagten legte Hoffmann Berufung gegen das Urteil ein. Er beantragte eine bedingte Gefängnisstrafe.

Am 17. Dezember 1991 ging vor dem Obergericht die Berufungsverhandlung über die Bühne. Im damals brandneuen Gerichtsgebäude kam es zu grotesken Szenen. Dafür verantwortlich zeigte sich Marcel Strebel, der damalige Anführer der Patriotischen Front. Strebel beleidigte die Medien, fasste den Fotografen ins Objektiv und fiel während der Verhandlung immer wieder durch Zwischenrufe auf.

Hoffmanns Spur verliert sich

Geholfen hatte dies wenig. Die Richter folgten dem neuen Antrag des Staatsanwalts, die Strafe von 15 auf 20 Monate zu erhöhen. Seine Aussagen hätten gezeigt, dass Hoffmann seine Gesinnung nicht geändert habe, wie die Richter ausführten.

Achim Hoffmann* wurde 1992 zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt.

Achim Hoffmann wurde 1992 zu 20 Monaten Gefängnis verurteilt.

(Bild: Screenshot SRF)

Hoffmann hätte sich sogar ausdrücklich vorbehalten, seine politischen Ziele weiterhin zu verfolgen und nicht ausgeschlossen, dass er «morgen mit Sprengstoff einen Neger in die Luft jagen» werde. Zu diesem Zeitpunkt war der Rotkreuzer auch immer noch aktives Mitglied der Patriotischen Front.

Nach diesem Prozess verliert sich die Spur des heute 59-Jährigen. Auch Hans Stutz sagt: «Nachdem Hoffmann in den Strafvollzug musste, habe ich nichts mehr von ihm gehört.»

Ideologie gegen Hormone

Wie ist es möglich, dass zuvor in den Medien präsente Figuren wie Achim Hoffmann praktisch von heute auf morgen von der Bildfläche verschwinden und bis heute nicht wieder auftauchen?

«Einer meiner Kalauer in diesem Zusammenhang ist», beginnt Stutz, «dass im Kampf zwischen Ideologie und Hormonen sich die Hormone durchsetzen. Ein anderer ist, dass Skinhead die Phase zwischen Stimmbruch und Konkubinat ist.»

Die Angst vor dem Jobverlust

Es sei eine Tatsache, dass der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene oft im Zusammenhang mit Prozessen oder einer Beziehung stehe, so Stutz weiter. Der 2016 verstorbene Autor und Rechtsextremismus-Experte Jürg Frischknecht habe mehrmals davon berichtet, dass die Partnerin im Rahmen von Prozessen oft zu verstehen gegeben habe, dass nun fertig sei: «Ich will nicht, dass du dich am Wochenende prügelst. Ich will nicht mit jemandem zusammen sein, der ins Gefängnis muss. Nun hast du die Wahl», sei jeweils der Tenor. Dann siegten eben die Hormone.

«Durch die Skandalisierung der Ereignisse fand ein Verhaltenswechsel statt.»

Hans Stutz

Ebenfalls entstehe Druck, auszusteigen, wenn jemand «auffliegt», sprich die rechtsextreme Gesinnung ans Licht kommt. Sei dies am Arbeitspatz oder innerhalb des familiären Umfelds. Vor allem die Gefahr, die Stelle zu verlieren, wirke.

Ex-Mitglied bewegte sich in Richtung Antifa

Stutz erklärt weiter: «Nach dem Ausstieg bleibt die Ideologie zumindest vorerst in den Köpfen. Es dauert eine Weile, bis sie allenfalls verschwindet. Es gibt nur sehr wenige, die klar die Position gewechselt haben.» Als Beispiel nennt er ein ehemaliges Mitglied der Patriotischen Front, welches später Sozialarbeiter geworden sei und auch im Umfeld der Antifa tätig gewesen sei, so der 66-Jährige.

Dies sei jedoch eine absolute Ausnahme. «Die allermeisten sind irgendwo verschwunden. Einige wenige sind auf der Liste der Schweizer Demokraten wieder aufgetaucht. Beruflich Karriere gemacht hat kaum einer», erklärt Stutz.

Strebel kandidierte für den Nationalrat

Achim Hoffmann mag nach dem Prozess von der Bildfläche verschwunden sein. Marcel Strebel hingegen machte immer wieder auf sich aufmerksam – auch unabhängig von der Patriotischen Front. 1991 kandidierte er im Kanton Schwyz mit der «Partei für die Zukunft» für den Nationalrat. Strebel verpasste zwar den Sprung in die grosse Kammer – die Partei kam allerdings auf beachtliche 6,4 Prozent.

«Die starke Reaktion der Bevölkerung und der Politiker mit der Demonstration beeinflusste die Stimmung in Zug.»

Josef Lang, Zuger GGR-Mitglied 1983–1994

1994 schoss Strebel auf einem Parkplatz zwischen Gersau und Brunnen mit einem Sturmgewehr auf eine Polizeipatrouille. Dabei wurde auch Strebel selbst verletzt, als die Polizisten ihn mit einem Schulterschuss stoppen konnten. Das Verdikt: Zwei Jahre Zuchthaus, Strebel hatte sich auch anderer Vergehen schuldig gemacht.

Strebel wird im Streit erschossen

Im Januar 2000 sollte er seine Strafe antreten. Doch Strebel hatte sich zuvor nach Spanien abgesetzt. Im April desselben Jahres reiste er wieder in die Schweiz zurück. Er müsse ins Gefängnis, sagte er am Zoll.

Strebel sass seine Strafe in Lenzburg ab, am Schluss nur noch in Halbgefangenschaft. Am 22. Juli 2001, vier Wochen nach seiner vorzeitigen Entlassung, wurde Strebel in Burgdorf erschossen. Der gebürtige Aargauer war zu Besuch bei einem Bekannten, einem Burgdorfer Unternehmer, und dessen 30-jährigem Sohn. Es kam zum Streit, letzterer schoss schliesslich mit einem Sturmgewehr auf Strebel. Das Gericht entschied auf Notwehr.

Den Regierungsrat bedroht

Im Gegensatz zu Strebels Tod ist das genaue Ende der Patriotischen Front nicht bekannt. Sie existierte nach 1989 jedenfalls noch einige weitere Jahre. Unter anderem drohten Mitglieder der Patriotischen Front 1990 dem damals frisch gewählten Zuger Regierungsrat Hanspeter Uster (Sozialistisch Grüne Alternative) mittels anonymem Telefonanruf.

Marcel Strebel begleitete Hoffmann ans Zuger Obergericht. Dabei gab er vor der Kamera ganz den Selbstdarsteller.

Marcel Strebel begleitete Hoffmann ans Zuger Obergericht. Dabei gab er vor der Kamera ganz den Selbstdarsteller.

(Bild: Screenshot SRF)

Hans Stutz spricht von internen Auseinandersetzungen zwischen Marcel Strebel und einem weiteren Führungsmitglied zu Beginn der 90er-Jahre. «Von da an war sie nie mehr sehr wirkungsmächtig. Sie verkam weitgehend zu einer Einzelveranstaltung von Strebel und ein paar wenigen Adlaten. 50, 60 Leute, wie sie im Mai 1989 mobilisieren konnte, gab es nicht mehr – ausser bei Festen», so der Kantonsrat der Grünen.

Schlüsselereignisse in Zug

Stutz ist überzeugt, dass die Patriotische Front trotz leisem Ende durch ihre Aktionen vor 30 Jahren in Zug ein Signal aussandte: «Die ‹Tamilenjagd› und die Vorfälle im und um das Steinhauser Asylbewerberzentrum waren Schlüsselereignisse, die zur Sensibilisierung beitrugen.»

Dadurch hätten in der Politik auch die bürgerlichen Kreise realisiert, dass es keine Verharmlosung mehr leiden mag. «Durch die Skandalisierung der Ereignisse, auch durch die Medien, fand ein Einstellungswechsel statt. Wenn man so will, war dies eine der positiven Entwicklungen im Zusammenhang mit der Patriotischen Front», so Stutz.

Wo steht Zug heute?

Stutz’ Parteikollege und Zuger Alt-Nationalrat Josef Lang spricht ebenfalls von einer Signalwirkung damals. «Die Fröntler schlugen hart zu. Die starke Reaktion der Bevölkerung und der Politiker mit der Demonstration nach den Vorfällen in Steinhausen beeinflusste die Stimmung in Zug.»

Auch das politische Klima sei dadurch beeinflusst worden. Lang erinnert sich, als sich Uster 1991 als Justiz- und Polizeidirektor weigerte, im Rahmen des Polizeikonkordats Zuger Polizisten zur Ausschaffung von Kurden nach Flüeli-Ranft zu schicken. «Die CVP kritisierte Uster dafür. Dies kam bei einem grossen Teil der Bevölkerung allerdings überhaupt nicht gut an», so Lang.

Die Patriotische Front ist Geschichte. Wo steht Zug heute, wenn es um Rechtsextremisten geht? Stutz dazu: «Von Zug habe ich ehrlich gesagt schon lange nichts mehr gehört. Bezüglich Gruppen ist mir ausser der Heimatbewegung nichts bekannt. Es gab einzig mal ein Signet einer Ägerer Gruppe.» Abgesehen von Kurt Meili seien ihm auch keine Aktivisten aufgefallen. Doch einzelne Personen könne es immer geben. «Das kann man ja selten nachweisen, solange sie nicht öffentlich auftreten.»

*Namen geändert

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