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24 Stunden ohne Internet: Easy oder die grosse Katastrophe?
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Auf den Spuren des Internets: der Berliner Journalist Moritz Metz. (Bild: zvg/Simon Detel)

Zweites «Aha»-Festival im Luzerner Südpol 24 Stunden ohne Internet: Easy oder die grosse Katastrophe?

6 min Lesezeit 22.01.2020, 11:25 Uhr

Am Freitag und Samstag gibt es im Südpol wieder geballtes Wissen in Form von Vorträgen. Unter den Experten tritt am «Aha»-Festival» auch der Netzjournalist Moritz Metz auf. Er recherchiert zum grossen Internetausfall und sagt, wieso wir die Finger von Whatsapp lassen sollten.

Das zweite «Aha»-Festival geht über die Bühne: 16 Referentinnen und Referenten werden im Südpol jeweils 50 Minuten über aktuelle und relevante Themen aus Wissenschaft, Bildung und Gesellschaft sprechen.

Das Festival will durchaus unterhaltsam sein und die eingeladenen Experten, Autorinnen, Journalisten und Forscherinnen setzen einen Akzent gegen das Postfaktische und die herrschende Wissenschaftsfeindlichkeit.

Im Programm sind wir über den Namen Moritz Metz gestolpert, der sich fragt: «Was geschieht, wenn es 24 Stunden lang kein Internet gibt?» Eine Horrorvorstellung für uns als Online-Medium und Social-Media-Junkies. Oder hätte so ein Netz-Ausfall auch seine Vorzüge?

Darüber haben wir uns mit dem Autor, Radioreporter und Podcast-Produzenten aus Berlin unterhalten, als er mitten in den Recherchen für seinen Vortrag steckte.

zentralplus: 24 Stunden kein Internet: Hört sich je nach Standpunkt nach einem Alptraum oder einem Traum an. Was wäre es für Sie? Und was würden Sie in diesen 24 Stunden endlich nachholen?

Moritz Metz: Ich persönlich fände es erstmal interessant. Andere zahlen viel Geld für Digital-Detox-Seminare. Mal 24 Stunden ohne Internet-Zugang zu sein ist sicherlich nicht verkehrt. Gerne würde ich mit Freunden und Familie spazieren gehen, ganz analog. Aber wahrscheinlich wäre ich als Reporter unterwegs, um die Folgen eines 24-stündigen Internetausfalls zu dokumentieren.

zentralplus: Was könnten mögliche Gründe für einen Internet-Ausfall sein? Und wie realistisch ist das überhaupt?

Metz: Das Internet ist im Prinzip ein Netz aus Netzen – seine Erfinder sprachen vor über 50 Jahren von «Distributed Networking». Wegen dieser dezentralen und recht engmaschigen Struktur kann das Internet schwerlich komplett ausfallen, zumindest nicht in unserer westlichen Welt. Zwar gibt es mit Transatlantik-Tiefseekabeln gewisse Achillessehnen, aber auch diese Kabel sind redundant ausgelegt.

«Nur ein langfristiger Strom- oder Wasserausfall wäre gravierender.»

zentralplus: Was, wenn ein solches Kabel reisst?

Metz: Fiele ein Kabel aus, gäbe es wahrscheinlich Datenstau auf den Umgehungsstrassen und manches ginge etwas langsamer. In weniger dicht versorgten Entwicklungsländern oder auf entlegenen Inseln ist das Risiko schon höher, dass die einzige Kabelstrippe abreisst, so wie 2019 beim Inselstaat Tonga im Südpazifik oder zuletzt nach einem Erdbeben auf Puerto Rico. 

Keinesfalls zu vergessen: Netzblockaden wie im Iran, in China und vielen anderen Ländern. Und Russland arbeitet derzeit an einem rein russischen «Internet», dem Rusnet. Diese weltweiten politischen Zensur- und Abschottungs-Tendenzen sehe ich viel kritischer als rein technisch bedingte und meistens schnell behebbare Internetausfälle.

«Man kann sich quasi Tag und Nacht weiterbilden»: Der Journalist Moritz Metz über das Internet. (Bild: zvg/Georg Werner)

zentralplus: Wäre ein 24-stündiger Internetausfall einfach lästig und langweilig – oder drohten reelle Gefahren?

Metz: Wenn das «gesamte Internet» ausfiele, was sich Experten wegen seines Aufbaus ja kaum vorstellen können, würden wir knallhart lernen, wie sehr unsere Zivilisation auf dem Internet aufbaut. Telekommunikation, Verkehr, Logistikketten, Medizinversorgung, Handel und Wirtschaft könnten langfristig zusammenbrechen. Das würde möglicherweise zu Unruhen führen. Nur ein langfristiger Strom- oder Wasserausfall wäre gravierender.

Aber all diese Schreckensszenarien geschähen nicht nach einem kleinen Netz-Schluckauf von 24 Stunden, der wohl nicht mehr als eine Lektion wäre, die Omnipräsenz des Netzes wieder schätzen zu lernen, – und ein knappes Jahr später die Geburtenrate ansteigen liesse. 

Festival für Wissen

«Aha» – Festival für Wissen: Freitag, 24. und Samstag 25. Januar, Südpol Luzern. Moritz Metz spricht am Freitag als Letzter um 22:15 Uhr in der Grossen Halle.

zentralplus: Sie haben für eine Reportage-Reihe das physische Internet gesucht. Wo haben Sie es überall gefunden?

Metz: Für die mehrstündige Radioreportage «Wo das Internet lebt» habe ich meinen heimischen DSL-Anschluss ins Netz verfolgt, von den Kabelverteilern am Strassenrand bis zum weltgrössten Internetknoten in Frankfurt/Main. An einem kalifornischen Strand habe ich Spuren von Tiefseekabeln gefunden, die die USA mit Asien verbinden. An der Universität von Los Angeles den Ort der ersten Internetverbindung der Welt. Ausserdem habe ich mit meinem Reporterkollegen Henrik Moltke ein Hochsicherheits-Glückspiel-Rechenzentrum besucht, tief im Felsen von Gibraltar, in den ehemaligen Räumen eines Weltkriegsbunkers von Eisenhower und Churchill.

Aber wir haben auch das Internet-Archiv in San Francisco besucht, das mit der «Wayback Machine» ein offen zugängliches Archiv von Milliarden abgeschalteter Websites betreibt – ehrenamtlich. Es ist wichtig zu verstehen, dass das Netz nicht nur aus seiner Infrastruktur besteht, sondern aus den Menschen, die es für die Kommunikation benutzen und es mit Wissen und Kultur befüllen. Die freiheitlichen Ideale der frühen Netz-Generation, das Open-Source-Prinzip und der Wissensaustausch halten für mich das Internet am Leben.

«Es müssen nicht immer Bands oder Schauspieler auf der Bühne stehen.»

zentralplus: Welche Netzthemen treiben Sie derzeit um?

Metz: In «Erste Hilfe Freundeskreis» bei «Pluseins» im Deutschlandfunk Kultur begleite ich wöchentlich Freundesnetzwerke, die einander bei Dingen helfen – und helfe manchmal selber. Man sollte immer eine Automechanikerin, einen Arzt, Anwälte, Computerexperten, Elektriker, Schreiner und Zahnmediziner im Bekanntenkreis haben. Einfach Leute, die sich mit den gängigen Spezialgebieten des Lebens auskennen und sich nicht zu schade sind, ihren Freunden mit ihrer Kompetenz zu helfen. Diese sozialen Dynamiken sind, was mich bei dieser Reportage-Serie interessiert.

zentralplus: Gehören Sie auch zu den Menschen, denen das Internet die Zeit wegfrisst?

Metz: Einerseits schon. Andererseits kommt es darauf an, womit man die Zeit verbringt. Man kann sich quasi Tag und Nacht weiterbilden und das liebe ich daran.

Volles Haus: Vortrag von Journalist Kai Strittmatter am letztjährigen «Aha»-Festival. (Bild: Franca Pedrazzetti)

zentralplus: Sie sprechen im Südpol am späten Freitagabend 50 Minuten zum Thema: Was darf man erwarten?

Metz: Ich spreche über meine Suche nach dem Internet, über Ausfall-Risiken und Szenarien. Ich hoffe, es wird unterhaltsam und interessant zugleich.

«Ich empfehle, das Facebook-Imperium so wenig wie möglich zu nutzen.»

zentralplus: Wieso haben Sie die Einladung ans «Aha»-Festival angenommen?

Metz: Weil das Festival ein sehr spannendes Programm bietet und mir die Wissensvermittlung Freude bereitet. Es müssen nicht immer Bands oder Schauspieler auf der Bühne stehen. Dass das «Aha»-Festival Wissenschaftler und Experten dorthin holt, ist der richtige Gedanke im Jahr 2020, in Zeiten der umfassenden Digitalisierung, des Populismus und der Klimakrise. Ich bin stolz, unter den Referenten zu sein und freue mich sehr auf Freitag!

zentralplus: Was reizt Sie am Format der Wissensvermittlung im Festival-Rahmen?

Metz: Als Journalist bekommt man im Normalfall nicht mit, wie die Leserinnen, Zuschauer oder Hörerinnen an den Endgeräten reagieren – weil ja das Medium dazwischen steht. Ganz analog auf einer Bühne kann man als Radiomensch nicht nur mit Tönen, Bildern und Gesten arbeiten, sondern auch auf die Stimmung im Saal eingehen. Vor allem bekommt man aber unmittelbares Feedback aus dem Publikum und kann danach noch gute Gespräche führen. Diese Interaktion macht grossen Spass. Und solcher Bühnen-Journalismus funktioniert im Übrigen auch ohne Internet 🙂

zentralplus: In Ihrer Sendung «Netzbasteln» liefern Sie Lifehacks und basteln an Dingen. Bitte zum Schluss ein Tipp!

Metz: In «Netzbasteln 137» haben wir RFID-gesteuerte (mithilfe Radiowellen, Anm. d. Red.) Kinder-Hörspielplayer nach Open-Source-Anleitung gebastelt. Man kann sich wie gesagt alles übers Netz beibringen und Gleichgesinnte finden, die ihr Wissen teilen, deshalb heisst die Sendung so.

In der vorherigen «Netzbasteln»-Ausgabe 136 ging es um das Verlassen des Facebook-Imperiums. Bei den milliardenschweren Übernahmen von Instagram und Whatsapp hat Facebook stets versprochen, niemals die User-Daten seiner Benutzer zu synchronisieren, brach diese Zusagen aber regelmässig, um mit unseren Daten noch mehr Geld zu verdienen. Das ist nur einer von vielen Gründen, weshalb ich empfehle, das Facebook-Imperium so wenig wie möglich zu nutzen – und beispielsweise statt Whatsapp auf sicherere Messenger wie Signal oder Threema umzusteigen. Die Freunde werden folgen!

Hinweis: Das Interview wurde per Mail geführt.

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