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21st Century Orchestra: Musiker sind konsterniert
  • Kultur
Das 21st Century Orchestra unter der Leitung von Ludwig Wicki im KKL. (Bild: eli)

Verhandlungs-Knatsch führt zu Unsicherheit 21st Century Orchestra: Musiker sind konsterniert

4 min Lesezeit 3 Kommentare 20.09.2017, 17:11 Uhr

Nachdem der Streit um das 21st Century Orchestra bekannt wurde, wehren sich nun die Musiker. Es fehle die Wertschätzung und man betrachte sie als austauschbar, so der Tenor. Zum Teil sind die Luzerner Profis seit 20 Jahren dabei. Sie fordern mehr Anerkennung – auch vom KKL.

Musik ist aus Filmen nicht wegzudenken. Sie kann das Gemüt heben, Spannung erzielen oder auf die Tränendrüse drücken. Der Soundtrack vermag den Charakter eines Films perfekt einzufangen oder gar umgekehrt den Charakter eines ganzen Films zu prägen. Und spätestens seit Hans Zimmer («Pirates of the Caribbean») sind Hinz und Kunz auch wieder für klassische Musik zu begeistern.

Ein Umstand, den Ludwig Wicki und sein 21st Century Orchestra für sich erkannt haben. Zu Blockbustern wie «Titanic», «Fluch der Karibik» oder «Herr der Ringe» spielt das Orchester live die Musik. Doch die Zukunft der Veranstaltungen ist ungewiss, der Organisator Pirmin Zängerle und das Orchester unter Präsident Andy Weymann können sich seit Anfang Jahr nicht auf eine künftige Zusammenarbeit einigen, der Vertrag läuft im April aus (zentralplus berichtete).

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Vertrauen ist erschüttert

Bei den langwierigen juristischen Streitereien gehen oft die Leidtragenden vergessen: die Musiker. Die Mitglieder des Orchesters sind Profis, sie verdienen den Lebensunterhalt mit ihrem Instrument. Für sie ist die Zukunft des Orchesters essentiell. Viele von ihnen leben und arbeiten in der Zentralschweiz – gewisse spielen seit Beginn Ende der 90er-Jahre im Orchester.

«Viele von uns haben Familie, da gehört das Engagement zum Budget.»

Kaspar Wirz, Kontrabass

Kaspar Wirz, Kontrabassspieler und Stimmführer des Registers, sagt zum Streit mit Zängerle: «Es ist eine schmerzhafte Situation, von jemandem abhängig zu sein, dem wir nicht vertrauen können.» Dabei wünscht er sich: «Das Orchester sollte die Verhandlungen mitgestalten können.»

Insgesamt spielen im Orchester 120 Stammmusiker. Hinzu kommen 300 Zuzüger, die in unregelmässigen Abständen eingesetzt werden. Wirz beschreibt die Stimmung im Orchester als «bedrückt». «Es geht hier um einen Teil unseres Berufslebens», sagt er.

Situation führt zu grosser Unsicherheit

Kern der Auseinandersetzung ist, dass Veranstalter Pirmin Zängerle mit seinem Unternehmen «21st Century Concerts» Live-Filmmusik-Events organisiert, dafür aber nicht mehr immer mit dem 21st Century Orchestra zusammenarbeiten will. Ein wütender Orchester-Präsident Andy Weymann fasste gegenüber zentralplus zusammen: «Herr Zängerle wirbt mit dem bekannten Namen des Orchesters beispielsweise für Konzerte, bei denen wir nicht auftreten.» So hat Zängerle bereits Filmmusik-Anlässe geplant, bei denen er die Orchester aus Lausanne oder Mailand importiert.

«Ich fände es wunderbar, wenn wir ein klares Bekenntnis des KKL zum Orchester haben würden.»

Kaspar Wirz, Kontrabass

Die verfahrene Situation führt bei den Musikern zu einer grossen Ungewissheit. «Wir stehen im luftleeren Raum», so der Orchester-Musiker Wirz. Die Informationen bekomme man in unregelmässigen Häppchen – da sei eine langfristige Planung eine Herausforderung. «Viele von uns haben Familie, da gehört das Engagement zum Budget», so Wirz.

«Solches Engagement ist selten»

Doch das 21st Century Orchestra ist mehr als ein berufliches Engagement: «Gewisse Musiker und Musikerinnen von uns sind seit 20 Jahren dabei, wir sind emotional sehr verbunden mit dem Orchester. Es steckt enorm viel Zeit und Leidenschaft in diesen Konzerten.» So wurden beispielsweise Instrumente extra gelernt, weil sie in Film-Musikstücken vorkamen. Wirz ist überzeugt: «So ein Engangement findet man selten in so einem Kollektiv, das ist sehr aussergewöhnlich.»

Auch Deborah Morat vom Orchester sagt: «Ich habe vor zwölf Jahren angefangen, im Orchester zu spielen, mit viel Herzblut und Begeisterung.» Die Bratschistin hat ihre Ausbildung in Luzern absolviert. Sie gehört zu den Innerschweizerinnen im Luzerner Orchester.

Musiker fordern Anerkennung

Dirigent Ludwig Wick bezeichnet das KKL als «Heimstadion» des 21st Century Orchestra. Dort möchte er noch öfter spielen. Das KKL nimmt im Konflikt aber eine neutrale Haltung ein: Sowohl Zängerles Veranstaltungen wie auch das Orchester seien für das Luzerner Kulturhaus wichtige Partner, heisst es dort.

«Viele von uns haben sich auch unter finanziell weniger guten Bedingungen engagiert und den Events zu Erfolg verholfen. Das sollte man wertschätzen.»

Deborah Morat, Bratsche

Musiker Wirz wünscht sich aber vom KKL mehr Mut: «Ich fände es wunderbar, wenn wir ein klares Bekenntnis des KKL zum Orchester haben würden.» Denn: Ohne Orchester wäre der Erfolg der Kombination Spielfilm mit Live-Musik nie möglich gewesen, sagt Wirz. «Ich finde, das würde bei der Aushandlung eines neuen Vertrages Anerkennung verdienen.»

Die Musiker selber sind nur eine «stumme Partei» in den Verhandlungen, so Wirz. Dennoch wird auch über ihre Zukunft bestimmt. Das ist unbefriedigend, wie Wirz sagt: «Ich komme mir vor wie ein Spielball im System.»

Musiker werden als austauschbar wahrgenommen

Orchesterkollegin Deborah Morat wünscht sich vor allem Wertschätzung von den Verantwortlichen. «Man hört, das Orchester sei austauschbar. Dabei haben die Musiker einen grossen Anteil daran, dass diese Konzertform einen so grossen Erfolg feiert.» Ausserdem habe man durch Spezialisierungen und Fokussierungen auf Filmmusik ein Know-How in der Aufführung von Filmmusik erarbeitet.

Die Musiker fühlten sich auch durch die Aussagen von KKL-CEO Philipp Keller gegenüber zentralplus nicht besonders wertgeschätzt. Dass es für Zuschauer keine Rolle spiele, wer die Musik spielt, empfinde sie als «zu schnell formuliert». «Viele von uns haben sich unter finanziell weniger guten Bedingungen engagiert und den Konzertformaten zu Erfolg verholfen. Das sollte man wertschätzen.» Viele der Musiker im Orchester würden die Events gerne weiterspielen, so Morat.

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3 Kommentare
  1. S Helbig, 21.09.2017, 13:59 Uhr

    Freunde, die durch Konzerte des 21st Century Orchestras zu Fans der integralen Film + Livemusik-Konzerten wurden, haben mir nach Konzerten anderer Orchester, die teilweise die gleichen Produktionen ins Programm genommen hatten, entsetzt erzählt, dass diese anderen Orchester unmotiviert und energielos die Musik heruntergespielt hätten. Es habe kaum ein Filmschnitt mit der Musik exakt übereingestimmt.
    Was ich als Musikerin des 21st Orchestras immer wieder erlebe ist, dass Verantwortliche für die internationale Qualitätssicherung der Produktionen regelmässig über die Masse überrascht sind, wenn sie das Orchester ohne Klick spielen sehen. Dies ist äusserst ungewöhnlich bei solchen Produktionen, gibt aber erst die Möglichkeit die einzelnen Musiker des Orchesters wirklich 100% zu einem Klangkörper zu verschmelzen und trotz des tighten Timings musikalisch starken Ausdruck zu erlangen. Dies ist nur möglich, wenn das Orchester anders als in einer Sinfonie um noch sehr vieles genauer auf den Dirigenten reagiert, als ohnehin schon üblich. Diese Qualität kann nur ein Orchester leisten, das regelmässig in diesem Metier unterwegs ist und sich darauf spezialisiert hat.
    Dies beweisen auch die Rückmeldungen der Gastdirigenten des 21st Century Orchestras, die regelmässig zu Beginn mit grossem Stress vor dem Orchester stehen und nach einer Weile realisieren, dass sie sich anders als an anderen Orten auf die Reaktionsfähigkeit jedes einzelnen Musikers verlassen können.
    Aus all diesen Reaktionen schliesse ich, dass es durch die jahrelangen Erfahrungen einen deutlichen qualitativen Unterschied vom 21st Century Orchestra zu anderen Orchestern im Zusammenhang mit den besonderen Ansprüchen der Filmmusik-Konzerte gibt.

  2. Herbert Bürki, 21.09.2017, 01:44 Uhr

    Ich denke nicht, dass das 21st Century Orchestra oder die live-Musik zu Filmen im KKL einen wesentlichen Beitrag geleistet haben das Interesse an klassischer Musik zu fördern. Warum gerade Hans Zimmer in diesem Zusammenhang mit klassischer Musik in Verbindung gebracht wird ist mir auch nicht verständlich. Ausserdem dürfte das Know-How und die Spezialisierungen und Fokussierungen auf Filmmusik relativ überschaubar sein, wenn das andere Orchester auch bewältigen können.

    1. Noemi Glenck, 24.09.2017, 10:09 Uhr

      Musikwerke für Sinfonieorchester zu “bewältigen” – klassisch oder Filmmusik – ist sehr relativ. Auch Liebhaberorchester können Beethoven-Sinfonien oder die Musik aus Star Wars aufführen. Der Klang und die Präzision können doch sehr unterschiedlich sein – nicht zu vergessen die Energie, die entsteht, wenn ein über 20 Jahre gewachsener Klangkörper mit viel Leidenschaft genau die Musik spielt, auf die er spezialisiert ist.