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10 Mal mehr Glace bei hohen Temperaturen
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Das schnellste Glace von Luzern: Gelati-Wagen von Daniele Apruzzese. (Bild: zvg)

Sommerwetter beflügelt Luzerner Gelaterias 10 Mal mehr Glace bei hohen Temperaturen

7 min Lesezeit 06.08.2015, 10:29 Uhr

Sommerzeit ist Glace-Zeit – und die Auswahl an Gelaterias ist in Luzern gross. Doch obwohl an heissen Tagen laut Aussagen von Verkäufern zehn Mal mehr Glace verkauft wird, läuft das Geschäft trotz Traumwetter nicht überall gut.

Die Sonne brennt vom Himmel, Schattenplätze sind rar. Wer kann, gönnt sich eine Erfrischung. Die Schweiz erlebt derzeit Wetterbedingungen, die den Vergleich mit dem Jahrhundertsommer 2003 nicht zu scheuen brauchen. Nicht nur der Wetterdienst vermeldet Höchstwerte. Auch Glace-Verkäufer in Luzern berichten von Rekordumsätzen. Bis zu 1’000 Liter Glace werden je nach Gealtert verkauft – pro Woche. Dabei war selbstgemachtes Speiseeis lange Zeit nur in wenigen Restaurants erhältlich. 

Erfolgreiches Nischenangebot

Seit neun Jahren ist die süsse Erfrischung auch direkt über die Gasse erhältlich. Die Gelateria «Dieci10’» ist die älteste ihrer Art in der Stadt – und so etwas wie der Lokalmatador. «Das war damals noch eine Marktlücke», erinnert sich Betriebsleiter Hans Schaller. Die vielen neuen Mitbewerber seien seinem Geschäft nicht abträglich. «Im Gegenteil, das wachsende Angebot bereichert die Szene und kurbelt das Geschäft an». Die Nachfrage sei nach wie vor ungebrochen hoch.

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Hinzu komme der grandiose Sommer. «Das heisse Wetter beschert uns Traumumsätze», freut sich Schaller. Die Schlange vor der Theke sei am späteren Nachmittag oft so lang, dass auf dem Rathausquai fast kein Durchkommen mehr sei. «Derzeit gehen bei uns pro Woche zwischen 700 und 1’000 Liter Glace über den Tisch.» Das habe man natürlich auch der ausgezeichneten Lage zu verdanken, so Schaller. «Jeder weiss, dass er bei uns das ganze Jahr über selbstgemachte Glace bekommt.» Und nebst der grossen Stammkundschaft habe man vor allem im Sommer extrem viele Touristen. Im Winter sei es dann ruhiger, da setze man mehr auf hausgemachte Suppen (zentral+ berichtete).

«Das heisse Wetter beschert uns Traumumsätze»

Hans Schaller, Gelateria «Dieci10’»

Gut läuft das Geschäft mit dem erfrischenden Eis auch bei der Confiserie Bachmann. «Das Wetter macht viel aus», sagt Inhaber und Geschäftsführer Matthias Bachmann. Genaue Zahlen kann er noch keine nennen. Bachmann macht aber keinen Hehl daraus, dass der Verkauf frequenzabhängig ist. «Besonders gut läuft es dort, wo auch die Passanten sind.» Das treffe vor allem auf die Gelateria am Schweizerhofquai zu. «An dieser Flaniermeile herrscht in diesen Tagen Hochbetrieb», so Bachmann.

Aber auch an allen anderen Standorten in der Stadt würde sich die hausgemachte Glace derzeit oft verkaufen. Weil man jede der 16 verschiedenen Sorten jeden Tag frisch herstelle, könne es bei einzelnen Geschmacksrichtungen schon mal Engpässe geben. Damit wisse man aber umzugehen. «Dann machen wir halt auch mal eine Nachschicht.» 

Produziert wird rund um die Uhr

Fast rund um die Uhr arbeitet man derzeit auch bei der Gelateria «Dolce Amore», die nebst Glacé noch Schokolade herstellt. Das Glace-Geschäft macht hier rund die Hälfte am Jahresumsatz aus. «Momentan produzieren wir in drei Schichten vom Morgen früh bis am Abend spät», sagt Inhaber und Geschäftsführer Peter von Burg. Sonst können man die hohe Nachfrage nicht befriedigen. «Die Leute stehen Schlange für ein Glace.» Und das nicht nur im Hauptgeschäft in der Altstadt, sondern auch bei den Abnehmern in der Gastronomie. «Bei diesem Wetter sind alle verrückt nach Glace.»

Nischenmarkt mit vielen Playern

In der Stadt Luzern gibt es rund einem Dutzend Orte im Zentrum Glace über die Gasse - an manchen Orten das ganze Jahr. Die grossen Player im Geschäft verkaufen ihre Glace gleich an mehreren Orten. Kleinere Anbieter behaupten sich dank Lieferverträgen mit lokalen Restaurants und Wiederverkäufern.

Wegen dem schönen und vor allem heissen Sommer dürfte die Jahresproduktion wohl rund 20 Tonnen betragen, schätzt von Burg. Und dies, nachdem man 2014 im zweiten Jahr des Bestehens schon rund zwölftausend Kilo Glace hergestellt habe. «Das Geschäft hat nicht nur gut angezogen, sondern ist regelrecht explodiert», sagt von Burg. Dabei habe man nicht mal Werbung gemacht. «Wir können uns kaum retten vor der Nachfrage», so von Burg, dessen Angebot nicht nur Klassiker sondern auch spezielle Kreationen wie Ananas-Basilikum umfasst.

Andere Länder, andere Sitten

Von Burg schätzt den Anteil der Gelaterias im Glace-Geschäft auf «wohl weniger als ein Prozent». Anders als zum Beispiel in Deutschland mit seinen zahlreichen Eisdielen sei die Branche bei uns überschaubar. «Da sind wir extrem rückständig in der Schweiz.» Dabei würden bei uns eigentlich ähnliche Voraussetzungen herrschen wie beim nördlichen Nachbar, so von Burg. «Wir haben bei uns auch viele ausgewanderte Italiener, die das nötige Wissen von zuhause mitgebracht haben.» 

«Zum Glück gibt es noch die Touristen.»

Peter von Burg, Gelateria «Dolce Amore»

Allerdings sei das Konsumverhalten in unseren Breitengraden halt schon sehr wetterabhängig, wie von Burg einräumt. «Sobald die Temperaturen unter 20 Grad fallen, verkaufen wir zehn mal weniger Glace.» Die Schweizer würden dann einfach weniger oder gar keine Glace mehr essen. «Zum Glück gibt es noch die Touristen. Die essen auch noch Glace, wenn’s mal ein bisschen kälter ist.» 

Wetter fordert Unternehmergeist heraus 

Trotzdem sind die saisonalen Wetter- und Temperaturunterschiede laut von Burg «schon eine grosse Herausforderung». Man müsse die Wetterprognosen jeweils sehr genau studieren. «Sonst produzieren wir an der Nachfrage vorbei oder werden davon überrascht», so von Burg. Eine gute Planung und ein flexibler Personalpool seien wichtig in diesem Business. So habe man beispielsweise im Winter nur halb soviel Beschäftigte wie im Sommer.

«Sobald die Temperaturen unter 20 Grad fallen, verkaufen wir zehn mal weniger.»

Peter von Burg, Gelateria «Dolce Amore»

«Wir können aber auch vom Sortiment her reagieren», ergänzt der Glace-Hersteller. So wird in den kälteren Jahreszeiten mehr Schokolade hergestellt – und seit kurzem in der neuen Fabrikation in Küssnacht am Rigi neu auch Brot gebacken. «Nach zwei Jahren wurde unser Lokal am Reusssteg dafür zu klein», erklärt der gelernte Bäcker, der das Wissen über die Glace-Herstellung von einem Italiener hat. Zudem könne man die Vitrine für die Auslagen umschalten, «so dass wir darin auch ein anderes Sortiment präsentieren und verkaufen können.» Das Mobiliar im Verkaufsgeschäft stammt denn auch aus Italien – sowie die Originalrezepte. Diese habe man nur leicht abgeändert, so von Burg. «Die Schweizer mögen es nicht so süss wie die Italiener.» 

Auf künstliche Zusatz- und Konservierungsstoffe könne man dennoch gut verzichten. «Bei uns ist alles 100 Prozent natürlich», versichert der «Gelatieri aus Leidenschaft». Viele der Zutaten wie zum Beispiel Zitrusfrüchte und Pistazien würden direkt aus Süditalien kommen. Das habe seinen Preis, mache aber eben geschmacklich den grossen Unterschied, so von Burg.

Erfrischung per Velokurier

Das wohl schnellste Glace der Stadt gibt es von der italienischen Weinbar und Restaurant «Daniele». Auf einem Dreirad fährt der Glace-Verkäufer seine Ware aus – und das bis nach Horw zu den Sonnenhungrigen auf der Badewiese im Winkel. Den mobilen Glace-Stand habe er von Italien hierher bringen lassen, erklärt Daniele Apruzzese. «Aus Trentino, wo das Gelati-Handwerk eine lange Tradition geniesst.» Das spezielle Gefährt fällt hierzulande auf. «Für uns ist das vor allem fahrende Werbung», sagt der gebürtige Italiener. «Mit dem Vorteil, dass diese Art der Werbung nicht nur kostet, sondern den Leuten auch eine Freude bereitet.»

«Für uns ist das vor allem fahrende Werbung.»

Daniele Apruzzese, Weinbar und Lounge «Daniele»

Die verkaufte Glace lässt Apruzzese ebenfalls aus Trentino bringen. «Das ist die Beste», findet er. Geliefert und gelagert werde das süsse Eis bei minus 25 Grad Celsius. «Im Dreirad hält der batteriebetriebene Tiefkühler unsere Gelati dann bei konstant minus 13 Grad.» Das sei die ideale Serviertemperatur. «Und ideal sind diesen Sommer auch die Wetterbedingungen», freut sich auch Apruzzese. «Im Moment verkaufe ich doppelt so viel wie sonst.» 

Kein Fehlentscheid

Wer mit seiner Glace nicht mobil ist oder sein Lokal nicht an den bekannten Flanier- und Touristenmeilen hat, muss umso mehr durch sein Angebot überzeugen. So wie die Gelateria dell’Alpi, die diesen Frühling in der Neustadt eröffnet hat und unter anderem vegane Glace anbietet (zentral+ berichtete).

Auch hier hat man am derzeitigen Sommerwetter Freude, wie Julia Furrer, Kommunikationsverantwortliche des Alpineums, bestätigt. «Auch wenn es an der Moosstrasse jetzt manchmal fast zu heiss war», schiebt Furrer nach. Bei Temperaturen um die 30 Grad würden sich die Leute halt eher am Wasser als mitten in der Neustadt aufhalten. Man verkaufe aber schon deutlich mehr als bei weniger sommerlichem Wetter. Trotzdem fällt die Zwischenbilanz laut Furrer durchzogen aus. «Wir haben uns mehr erhofft.»

Um die hohen Kosten der kleinen Produktion in Kriens zu decken, suche man jetzt vermehrt nach starken Partnern in der Gastronomie. Laut Furrer ist die Alpineum-Glace bereits auch in der Volière-Sommerbar beim Inseli und im italienischen Spezialitäten-Restaurant «Casa Tolone» erhältlich. Zudem soll der mobile Glace-Wagen, der bisher im Alpineum zum Einsatz kam, «mehr an Events wie zum Beispiel einem Street Food-Festival» zum Einsatz kommen.

«Wir glauben an die Entwicklung der Neustadt und an die Bevölkerung dort.»

Julia Furrer, Gelateria «Dell’Alpi»

Als Fehlgriff würde Furrer die Wahl des Standorts in der Neustadt nicht bezeichnen. «Wir glauben an die Entwicklung der Neustadt und an die Bevölkerung dort.» Man hoffe, dass die Leute die Idee nicht nur toll finden, sondern auch tatsächlich unterstützen würden. «Schliesslich sind wir in diesem Teil der Stadt der einzige Anbieter von handgemachter Glace aus rein natürlichen Zutaten», so Furrer. Das werde sich wohl schon noch einpendeln. Für eine abschliessende Bilanz sei es jetzt noch zu früh. «Der Sommer ist noch nicht vorbei.»

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