Bruno Muffs grosse Leidenschaft ist das Destillieren. Besonders gefragt sind sein Gin und der Apfelchampagner, eine Assemblage aus sieben alten Apfelsorten. (Bild: Fabian Duss)
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Bruno Muffs grosse Leidenschaft ist das Destillieren. Besonders gefragt sind sein Gin und der Apfelchampagner, eine Assemblage aus sieben alten Apfelsorten. (Bild: Fabian Duss)

Der Bio-Alchemist vom Haldihof

11min Lesezeit

Was er anfasst, wird zum Erfolg. Früher veredelte Bruno Muff Kartenmaterial, heute Rohstoffe aus der Biolandwirtschaft. In Weggis haben sich der 51-Jährige und seine Frau ein kleines, aber rentables Paradies geschaffen.

Fabian Duss

Überall gackert es. Einige Hühner sonnen sich mitten auf dem Asphalt, andere verstecken sich im Schatten einer Hecke. Nachts schlafen sie im Stall. «Hier in der Nähe ist ein Fuchsbau», sagt Bruno Muff und zeigt in Richtung Greppen. «Der Fuchs hat sich hier auch schon bedient, aber so ist halt die Natur.»

Und vor ihr hat der 51-Jährige grössten Respekt. Seine Mission: Im Einklang mit der Natur einen erfolgreichen Biobetrieb führen. Offensichtlich gelingt ihm das. Sein Bio-Hof, der Haldihof, wurde unlängst mit dem Schweizer Umweltpreis ausgezeichnet. Der Jury imponierte er «durch die konsequent ökologische Ausrichtung».

Der Haldihof setzt auf Biodiversität und versucht, von den natürlichen Kreisläufen zu profitieren.
Der Haldihof setzt auf Biodiversität und versucht, von den natürlichen Kreisläufen zu profitieren. (Bild: Fabian Duss)

Mit zwei Wellen zum Erfolg

Muff ist stolz auf den Preis. «Er honoriert unsere innovative, nachhaltige Produktionsweise und motiviert uns, auf unserem Weg fortzufahren», sagt er bei einem Glas Wasser im Schatten eines Feigenbaums. Muffs Erfolgsrezept? «Wir kombinieren zwei Wellen im Lebensmittelbereich: Bioqualität mit saisonal, lokal und regional.»

Ganz wichtig sei auch, die gesamte Wertschöpfungskette unter Kontrolle zu haben. Der Rohstoff Lebensmittel sei heute austauschbar, die Veredlung und Vermarktung aber nicht, betont er. Wer selber veredle und vermarkte, könne hierzulande noch Geld verdienen, derweil Produzenten im globalisierten Markt untergingen.

 «Auf unserem Hof geht es ab»

Was nicht auf seinem Hof wächst, besorgt sich Muff hauptsächlich bei Biobauern auf der Rigi-Südseite. Enge Stoff- und Energiekreisläufe sind ihm wichtig. Energetisch ist der Haldihof autark. Destillate, Essige, Aufstriche, Kosmetik: Alles wird mit Solarenergie produziert. Die Wiesen mähen 19 Alpakas.

«Ich habe Lebenszeit.»
Bruno Muff

Der Biolandwirt verzichtet im Obstbau komplett auf synthetische Stoffe, Dünge- und Spritzmittel. Sein Instrument heisst Biodiversität. «Auf unserem Hof geht es ab», sagt Muff. «All die Nischen, Hecken und Hochstammbäume helfen uns. Dort leben intakte Populationen von Nützlingen. Sie fressen die Schädlinge.»

Muffs Begeisterung ist ansteckend, sein Engagement inspirierend. Er arbeitet sehr viel – und sehr gerne. Arbeits- und Freizeit trennt er nicht: «Ich habe Lebenszeit.» Seine letzten Ferien? «Schon länger her und eher im kleinen Rahmen.»

Vom Computer zur Mistgabel

Man könnte meinen, der Mann sei sein ganzes Leben lang Biolandwirt gewesen. Doch weit gefehlt. Vor einem Jahrzehnt lag der Haldihof brach – und Muff verbrachte seine letzten Tage vor dem Bildschirm. Hinter ihm lagen 25 Jahre im IT-Geschäft. Mit seinem Bruder hatte er eine erfolgreiche Firma für digitale Kartografie und Geomarketing aufgebaut, deren Internetsparte sie 2005 an Google verkauften. Sie lieferten wichtiges Knowhow für Google Maps und Google Earth.

«Mir wurde klar, dass ich nicht hinter einem Computer alt werden wollte.»
Bruno Muff

Während sein Bruder sich weiterhin mit Landkarten beschäftigte, wechselte Bruno Muff von der Tastatur zur Mistgabel. «Mir wurde klar, dass ich nicht hinter einem Computer alt werden wollte», kommentiert er den Enscheid. Seinen Anteil am Verkaufserlös investierte er in den Haldihof und brachte vor acht Jahren sämtliche Hofgebäude auf Vordermann.

Ein unermüdlicher Pröbler

Es musste Bio sein. Die Begründung offenbart den Umweltbewegten und den Unternehmer, die in Bruno Muff stecken: «Für mich kommt nur eine Landwirtschaft infrage, die nicht auf Kosten unserer Nachkommen und der Erde produziert. Zudem sind hochqualitative, biologisch hergestellte Lebensmittel ein Wachstumsmarkt. Hier will ich investieren.»

Bio-Idylle auf dem Haldihof: Hühner gackern, Vögel zwitschern, Bienen summen und Alpakas schmatzen.
Bio-Idylle auf dem Haldihof: Hühner gackern, Vögel zwitschern, Bienen summen und Alpakas schmatzen. (Bild: Fabian Duss)

Hatte der Umsteiger, der eine landwirtschaftliche Nebenerwerbsausbildung absolviert hatte, nie Angst vor dem Scheitern? «Doch, klar!», sagt Muff und lacht. Aber dazu kam es nicht. Sein Betrieb schreibt schwarze Zahlen, der Ertrag wird reinvestiert, seine Angebotspalette umfasst 300 Produkte.

«Für mich kommt nur eine Landwirtschaft infrage, die nicht auf Kosten unserer Nachkommen und der Erde produziert.»
Bruno Muff

Muff mag weder Halbbatziges noch Pessimismus. Unternehmerisch denken, nach Innovation streben, vermarkten, das sei sein Rucksack. «Wir mussten uns extrem bewegen und immer wieder aufstehen, wenn wir gegen eine Wand rannten», erinnert er sich an seine Zeit in der IT-Branche.

Diese Erfahrung hilft Muff auch bei seiner Lieblingstätigkeit, dem Destillieren. Er hat ein Flair für alte Rezepte und rare Obstsorten. Nie laufe es rund, lacht er. Aber eben: Man dürfe nie resignieren, müsse Probleme sofort anpacken und lösen.

Fair Food statt Ernährungssicherheit

Der Waldstätterweg führt mitten durch den Haldihof. Wanderer sehen sich im Hofladen um und gönnen sich mit Blick auf Vierwaldstättersee und Pilatus ein Glas Süssmost. Derweil verschiebt sich das Gespräch auf die Schweizer Agrarpolitik. Sie begünstigt Landwirte wie Bruno Muff. Der Bund fördert ressourcenschonende Produktionsverfahren und vergütet vermehrt Leistungen, die nicht vom Markt abgegolten werden.

Doch der gelernte Landschaftsökologe wittert Ungemach: die Ernährungssicherheitsinitiative des Bauernverbands. Dieser wolle das Rad zwanzig Jahre zurückdrehen und die ökologische Ausrichtung der Landwirtschaftspolitik torpedieren.

«Die Konsumenten sind bereit für lokale, spezielle Produkte», sagt Bruno Muff und spricht den Landwirten Mut zu, auf hochqualitative Nischen zu setzen.
«Die Konsumenten sind bereit für lokale, spezielle Produkte», sagt Bruno Muff und spricht den Landwirten Mut zu, auf hochqualitative Nischen zu setzen. (Bild: Fabian Duss)

Für den Systemwechsel zu den Direktzahlungen hatte Muff als Vertreter der Umweltverbände in den 90er-Jahren noch gekämpft. «Heute muss der Bauer konkrete Leistungen erbringen und erhält dafür Direktzahlungen», sagt er und macht ein Beispiel: «Wir haben 30 Prozent unserer Landwirtschaftsfläche komplett der Natur zurückgegeben, verzichten zugunsten der Biodiversität auf Erträge, haben aber dennoch Aufwand. Wir pflegen die Fläche, damit diese möglichst vielen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bietet.» Solcherlei greife die Initiative an.

Stehe die Ernährungssicherheit dereinst in der Verfassung und damit auf gleicher Stufe wie der Umweltartikel, drohten heikle Abwägungen, ist sich Bruno Muff sicher. Unter Umständen steige so beispielsweise die Anzahl der Masttiere im Einzugsgebiet eines Mittellandsees massiv an. «Der See würde damit zwar zum Güllenloch, doch der Verfassungsartikel wäre erfüllt», erklärt Muff.

Einst erfolgreicher IT-Unternehmer, ist Bruno Muff heute Vollblut-Biolandwirt.
Einst erfolgreicher IT-Unternehmer, ist Bruno Muff heute Vollblut-Biolandwirt. (Bild: Fabian Duss)

Gefahr für seine Branche sieht Muff auch auf internationaler Ebene, und zwar in Form des Freihandels- und Investitionsschutzabkommens TTIP, das die USA und die EU zurzeit hinter den Kulissen aushandeln. Anstelle offener Grenzen fordert Muff für Agrarimporte, dass sie hinsichtlich Tierschutz, Umwelt und Arbeitsbedingungen die gleichen Richtlinien erfüllen müssen wie einheimische Produkte, wie das die Fair-Food-Initiative der Grünen Schweiz verlangt. Nur das könne die heimische Landwirtschaft vor immer tieferen Lebensmittelpreisen schützen.

Biodiversität als Erfolgsmassstab

Der Haldihof-Bauer ist froh, dass bald über mehrere landwirtschaftliche Volksinitiativen abgestimmt und die Branche endlich wieder breit diskutiert wird. Er will die Menschen von der heimischen Lebensmittelqualität überzeugen – nicht mit Worten, sondern mit seinen Produkten. Nötig ist in seinen Augen aber auch eine Wertediskussion in der Gesellschaft. Ernährung habe einen viel zu tiefen Stellenwert, was sich auch daran zeige, dass Schweizer Haushalte heute bloss noch etwa sechs Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben.

«Nach unserem dritten Jahr kam ein Gartenrotschwanz, um hier zu brüten.»
Bruno Muff

Der Marktanteil der Bioprodukte liegt in der Schweiz bei 7,7 Prozent und steigt stetig. «Bio muss raus aus der Nische», findet Muff. Solange die Nachhaltigkeit nicht gefährdet wird, sollen Hightech und Mechanisierung die Biolandwirtschaft produktiver machen.

Man könnte auf dem Haldihof stundenlang über Biolandwirtschaft und Agrarpolitik debattieren. So komplex die Thematik, so schlicht ist Bruno Muffs Massstab, um Erfolg zu messen: «Nach unserem dritten Jahr kam ein Gartenrotschwanz, um hier zu brüten. Diese Vogelart war hier in der Region zuvor verschwunden.» Auch Ringelnattern, Schachbrettfalter und weitere Tier- und Pflanzenarten seien zurückgekehrt. Das freue nicht nur Spezialisten, sagt Muff, «denn je grösser die Biodiversität, desto stabiler ist unser Ökosystem».

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