Maria Monteiro stand insgesamt 13 Jahre hinter dem Tresen des «Liberty» in Reussbühl. (Bild: azi)
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Maria Monteiro stand insgesamt 13 Jahre hinter dem Tresen des «Liberty» in Reussbühl. (Bild: azi)

Vom zwielichtigen Schuppen zur Quartierbeiz – und nun?

7min Lesezeit

Illegale Glücksspiele, Schlägereien und Partyexzesse – die Liberty-Bar in Reussbühl hat wilde Zeiten hinter sich. Doch die Wirtin Maria Monteiro (50) hat es geschafft, den Laden als beliebten Treffpunkt zu etablieren. Jetzt aber zieht sie sich zurück. Dass nun alles aus und vorbei ist, trifft viele im Quartier hart – und wie es weitergeht, ist ungewiss.

Immer wieder drohte der Bar die Schliessung – und nun nach 27 Jahren ist es so weit: Das «Liberty» an der Ruopigenstrasse 15, gleich vis-à-vis der Bücher-Brocky, geht zu. Am 21. Mai ist die Bar mit der «Uustrinkete» zum letzten Mal geöffnet. Die Nachricht traf viele der älteren Stammgäste hart, aber auch die jüngeren unter ihnen bedauern den Entscheid der Wirtin, die Bar aufzugeben. 

«Ich kann es kaum glauben, dass diese Ära nun zu Ende geht», sagt Pascal Janutin, während er an der Bar ein Bier zum Feierabend geniesst. «Mit 13 Jahren war ich zum ersten Mal hier, viele Erinnerungen aus meiner Jugend sind mit dieser Bar verbunden», meint er wehmütig. Ähnlich geht es seinem Kollegen Jan Graf. «Ich frage mich, wo wir in Zukunft hin sollen. In der näheren Umgebung gibt es ja nichts Vergleichbares.»

Unvergessen bleiben die Zeiten, in denen zum Takt der Musik Gläser zerschlagen wurden, auf dem Vorplatz grilliert und Fussballspiele auf die Leinwand übertragen wurden. Es wurde gefeiert, getanzt und getrunken. «Ja, hier gab es so manchen Absturz», lacht die stets gut gelaunte Wirtin Maria Monteiro. In Zukunft will es die 50-Jährige ruhiger angehen. «Deshalb habe ich mich entschieden, aufzuhören, auch wenn es irgendwie wehtut.»

«Die Stammgäste sind im Laufe der Jahre zur Familie geworden.»
Maria Monteiro, Wirtin 

Bar hielt Polizei immer wieder auf Trab

Mit einem Unterbruch hat Monteiro die Bar insgesamt 13 Jahre lang geführt, hauptsächlich alleine. «Die Stammgäste sind im Laufe der Jahre zur Familie geworden», so die gelernte Köchin, die mit 18 Jahren mit dem Rucksack aus Portugal in die Schweiz kam und nun seit gut 30 Jahren hier zu Hause ist. Ein Stück weit seien die Gäste sogar zum Familienersatz geworden – denn für ihre eigene Familie und ihren Mann hatte sie in den vergangenen Jahren kaum noch Zeit.

Militärmuseum-Betreiber will Restaurant eröffnen

Nachdem Charles Wüest mit seinem Militärmuseum die Gemeinde Kriens verlassen musste (zentralplus berichtete), ist er mit diesem an die Hauptstrasse nach Reussbühl gezogen, wo er derzeit im ehemaligen Möbelgeschäft sein Museum neu einrichtet. Im Juli will er an der Ruopigenstrasse im ehemaligen «Liberty-Lokal» ein Restaurant eröffnen. Nicht nur der Name der Beiz soll sich ändern, auch das Innere soll nach der Eröffnung kaum wiederzuerkennen sein.

Maria Monteiro war Gastgeberin aus Leidenschaft, beliebt bei den Stammgästen wie auch den Anwohnern. Denn während all den Jahren, die sie hinter der Bartheke verbrachte, ging in der Bar stets alles mit rechten Dingen zu und her. Das kannte man auch anders: Illegale Glücksspiele, Schlägereien und ausschweifende Partys bis in die frühen Morgenstunden hinein beschäftigten die Polizei in den Jahren vor Monteiro immer wieder.

Mit den Pächtern wechselte auch das Klientel immer wieder. Und mit Maria Monteiro hin zum Guten – das Liberty wurde zum Treffpunkt für Jung und Alt, die hier gemeinsam an der u-förmigen Bar hockten und in Frieden ihr Bier tranken. Um zu verstehen, warum diesen die Schliessung einer Bar, wie sie ansonsten überall zu finden ist, so nahe geht, muss man verstehen, was es bedeutet, im Stadtteil Reussbühl zu leben.

Jan Graf und Pascal Janutin verbinden viele Erinnerungen mit dem «Liberty».
Jan Graf und Pascal Janutin verbinden viele Erinnerungen mit dem «Liberty». (Bild: azi)

Weder Dorf noch Stadt

Reussbühl hat ein Identitätsproblem: Der Ort ist zu anonym, um als Dorf durchzugehen, und gleichzeitig zu verloren, um wirklich ein Teil der Stadt Luzern zu sein. Politisch gehörte das Agglo-Gebiet bis vor der Fusion mit Luzern 2010 zwar zur Gemeinde Littau, doch wirklich dazugehört hatte es bereits damals nicht. Und doch ist das Örtchen da, irgendwo zwischen der Riesenbaustelle am Seetalplatz und dem Grenzhof, dem Tor zur Stadt.

Spricht man in der Stadt über Reussbühl, dann meist in Verbindung mit dem hohen Ausländeranteil oder der tiefen Beteiligung an Wahlen und Abstimmungen. «Ich lebe an einem Örtchen, das sich aufgegeben hat, das Geschichte nicht kennt und keine will, mit 5000 mehr wäre es eine Stadt, my good, I live in Reussbühl Hill», besang der Entertainer Thomas Hösli Reussbühl bereits vor Jahren (siehe Video).

Und so trist der Song daherkommt, so ist das Leben in Reussbühl irgendwie auch. Das von Hösli besungene «billigste Bier weit und breit», das war für viele im alten Dorfteil lebende Menschen so gut wie alternativlos nur in der Liberty-Bar zu finden. Dort traf man sich nach Feierabend, um sich auszutauschen und ein paar bekannte Gesichter zu treffen. Und das eben 27 Jahre lang – und wenn man die Geschichte der Vorgänger-Beiz «Helgenhöfli» auch mit einbezieht, sogar schon länger.

Es soll ein Restaurant werden

Dass dies in Zukunft auch mit dem neuen Pächter so bleiben wird, darauf hoffen die Gäste – auch wenn sie diesbezüglich nicht gerade optimistisch sind. Denn: Charles Wüest, Betreiber des Krienser Militärmuseums, der von der Gemeinde Kriens trotz Unterstützung durch den Restauranttester Bumann aus seinem ehemaligen Lokal geschmissen wurde (zentralplus berichtete), will im «Liberty» im Juli ein Restaurant eröffnen. Wüests jahrelanger Knatsch mit seinem Vater und der Gemeinde Kriens haben an seinem Ruf gekratzt.

Nicht nur einen neuen Namen soll die Beiz dann bekommen, sondern auch das Innere soll sich gehörig verändern. «Wie der das bezahlen will, ist mir ja ein Rätsel», hallt es vom anderen Ende der Bar. Maria Monteiro schlichtet: «Veränderungen sind nicht immer schlecht», sagt sie. «Ich hoffe einfach, dass ich auch in Zukunft noch hierher kommen kann – und zwar zur Abwechslung mal als Gast.»

Das «Liberty» an der Ruopigenstrasse 15 in Reussbühl.
Das «Liberty» an der Ruopigenstrasse 15 in Reussbühl. (Bild: azi)

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