Grosse Menschenmassen, viel Alkohol und Grapscher: Die Luzerner Regierung sieht mögliche Parallelen zur skandalösen Silvesternacht. (Bild: Montage bra)
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Grosse Menschenmassen, viel Alkohol und Grapscher: Die Luzerner Regierung sieht mögliche Parallelen zur skandalösen Silvesternacht. (Bild: Montage bra)

Regierung will Anti-Grapsch-Kampagne für Flüchtlinge

8min Lesezeit

Viele Menschen auf einem Haufen: Der Luzerner Regierungsrat will vor der Fasnacht Flüchtlinge mit einer Aktion informieren, wie man hier mit Frauen umgeht, was erlaubt ist und was nicht. Nach den Vorfällen von Silvester herrsche eine gewisse Verunsicherung, sagt Gesundheits- und Sozialdirektor Guido Graf. 

Sexuelle Übergriffe sind seit Tagen in aller Munde. Angefangen hat es in der Silvesternacht in Köln, wo «Nordafrikaner» offenbar Gassen aus bis zu hundert Personen bildeten, die Frauen durchschreiten mussten, während sie an Brüsten, Haaren, Armen und im Intimbereich begrapscht wurden. 

Dann folgten Meldungen aus anderen Orten in Deutschland, schliesslich aus Zürich, wo in der Silvesternacht ebenfalls gedemütigt und beklaut wurde. Laut verschiedenen Medien sollen nordafrikanische und arabische Asylsuchende dafür verantwortlich sein. Bis jetzt deutet alles darauf hin. Darüber hinaus ist die Rede von einem Phänomen namens «taharrush gamea». 

«Wir wollen unser Möglichstes getan haben, um sexuelle Übergriffe zu vermeiden.»

Guido Graf, Regierungsrat

Guido Graf will Pflicht erfüllen

Andere Kultur, anderes Frauenbild? Aufgrund dieser Vorfälle in der Silvesternacht soll nun in Luzern ein Infoblatt an die Asylsuchenden verteilt werden. Dies speziell vor der Fasnacht, wie Regierungsrat Guido Graf gegenüber zentral+ bekannt gibt. Die Fasnacht beginnt am 4. Februar. «Es herrscht eine gewisse Verunsicherung», begründet der Gesundheits- und Sozialdirektor.

Regierungsrat Guido Graf (CVP)

Regierungsrat Guido Graf (CVP)
Die Verbindung ist nachvollziehbar. Grosse Menschenmengen, aufreizende Kostüme, viel Alkohol und jede Menge Grapscher: Wie die Silvesternacht birgt auch die Luzerner Fasnacht ein gewisses Risiko für sexuelle Belästigung und Diebstahl. Der Auftrag des Regierungsrates, ein Infoblatt zu drucken und in den kantonalen Zentren für Aufklärung zu sorgen, kam kurzfristig. Es dauert nur noch gut drei Wochen bis zum Beginn der Fasnacht. 

Guido Graf verspricht sich von der Aktion, dass Asylbewerber – vor allem Männer – zu einem frühen Zeitpunkt darüber informiert werden, wie man bei uns mit Frauen umgeht. Was erlaubt ist und was nicht. «Wir wollen keine Angst schüren, aber wir wollen unser Möglichstes getan haben, um sexuelle Übergriffe zu vermeiden. Das ist unsere Pflicht.»

Keine Gender-Kurse

Dass das heikle Thema in dieser Form angegangen wird, ist neu. «Wir werden in unseren Zentren eine zusätzliche Aufklärungskampagne starten», sagt Graf. Allen Asylsuchenden müsse klar sein, dass es «bezüglich sexueller Belästigung beziehungsweise sexueller Übergriffe in unserer Gesellschaft eine Null-Toleranz gibt». 

Dabei handle es sich nicht um spezielle Gender-Kurse, sondern um Flyer, welche den Asylsuchenden in den Zentren in die Hände gedrückt werden. Die Unterlagen für diese Aktion würden zurzeit produziert. Die Kosten sollen möglichst klein gehalten werden, so Graf. 

«Der Umgang zwischen Frau und Mann ist ein fester Bestandteil unserer Kurse.» 

 Guido Graf, Regierungsrat

Die Aufklärung über unsere Gesetze, Sitten und Gebräuche in den Asylzentren ist eigentlich Standard. «Der Umgang zwischen Frau und Mann ist ein fester Bestandteil unserer Kurse, an welchen alle Asylsuchenden teilnehmen müssen», sagt Graf. Der respektvolle Umgang mit dem anderen Geschlecht wird anhand von guten und schlechten Beispielen thematisiert. «Die Asylbewerber werden darauf hingewiesen, dass jegliche Verstösse gegen die Schweizer Rechtsordnung der Polizei gemeldet werden.»

Diese Aufklärung wird im Auftrag des Kantons von interkulturellen Vermittlern erbracht, so Graf. Dabei werde auch die Rolle der Frau und das Rollenverständnis zwischen den Geschlechtern beigebracht. Die interkulturellen Vermittler seien auch in der Lage, die Unterschiede zu den Herkunftsländern der Asylsuchenden darzustellen. Vor der Luzerner Fasnacht wolle man nun noch zusätzlich auf das Thema aufmerksam machen.

«Man sollte nicht einer Hysterie verfallen.»

Stefan Frey, Schweizerische Flüchtlingshilfe

«Hypersexualisierung» wird zum Problem 

Gender-Aufklärung für Asylsuchende? Wie kommt die Aktion bei Experten an? Stefan Frey von der schweizerischen Flüchtlingshilfe findet den Vorschlag von Guido Graf grundsätzlich in Ordnung. «Jedoch sollte man nicht einer Hysterie verfallen», sagt er. In der Schweiz werden nicht nur die Asylbewerber mit dem Thema sexuelle Belästigung konfrontiert. Sondern alle. Die «Hypersexualisierung» sei zu einem allgemeinen gesellschaftlichen Problem geworden. 

Das Thema sexuelle Belästigung durch Asylsuchende soll dauerhaft in eine Gesamtstrategie zur Integration eingebettet werden, so Frey weiter. «Asylsuchende zu informieren, ist nötig. Die Aufklärung über die Gleichstellung und Behandlung von Frauen und über die ‹Spielregeln› unserer Gesellschaft müssen bereits bei der Ankunft der Asylsuchenden in einem Bundeszentrum beginnen.» 

«Die grosse Mehrheit der Asylsuchenden verhält sich gegenüber Frauen korrekt und respektvoll.»

Léa Wertheimer, Mediensprecherin beim Staatssekretariat für Migration

Info-Gespräche in Bundeszentren

Léa Wertheimer, Mediensprecherin beim Staatssekretariat für Migration (SEM), erklärt, dass Asylsuchende nach ihrer Ankunft 20 bis 30 Tage in Bundeszentren verbringen. Dort finden neben den allgemeinen Informationen auch Gespräche für Asylsuchende statt. «Die Asylsuchenden werden über allgemeine oder ortsspezifische Verhaltensregeln informiert, zum Beispiel, dass sie nicht betteln dürfen oder wie sie sich etwa in einem nahe gelegenen Shoppingzentrum benehmen müssen.»

Generell sei dort auch das Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen ein Thema. «Die grosse Mehrheit der Asylsuchenden verhält sich gegenüber Frauen korrekt und respektvoll», sagt Wertheimer. Der Umgang der Asylsuchenden mit den Angestellten sei grundsätzlich höflich – unabhängig vom Geschlecht der Mitarbeiter.

Kurse in Genf und Wallis

Für viele Beobachter ist klar: Die sexuellen Übergriffe sind Ausdruck eines Weltbilds, das jeglichen Respekt gegenüber Frauen vermissen lässt – und von einer Erziehung, bei der Sex Tabu ist. 

Flüchtlinge werden unterschiedlich auf die Schweizer Kultur vorbereitet. In den Kanton Wallis und Genf gibt es bereits Kurse, wie die «NZZ» schreibt. Im Wallis müssen minderjährige Asylbewerber in den Sexualkunde-Unterricht, für erwachsene Migranten ist er freiwillig. «Die jugendlichen Männer sind unsicher, wie sie die legere Kleidung der Frauen hier deuten sollen», sagt Kursleiterin Jacqueline Fellay-Jordan. Sie bringt den Männer bei, dass die Kleidung nichts mit den Moralvorstellungen der Frau zu tun habe.

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Hinweis: Saïda Keller-Messahli, Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, findet die Idee gut. Und sie erklärt im Interview mit zentral+, was das Ganze mit der islamischen Kultur, Sex und falschen Frauenbildern zu tun hat. 

 

 

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